Fuhlsbüttel - Gemütlich, familienfreundlich und grün

Landende Flugzeuge Hamburg Fuhlsbüttel
Andreas Laible/ HA

 

Wer weit weg will, kommt hierher. Doch es lohnt sich, auch mal zu verweilen zwischen Alsterlauf und Airport.

 

Fläche in Quadratkilometer: 6,6
Einwohner: 12.590
Wohngebäude: 2066
Wohnungen: 6745
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 548
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2920
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 


Jeder Hamburger weiß, wo der Flughafen ist. Wer bei Fuhlsbüttel aber nur an Jets, Terminals und Landebahnen denkt, unterschätzt die Vielfalt in dem weitläufigen Stadtteil zwischen Langenhorn, Ohlsdorf, Niendorf und Groß Borstel. Sie zu entdecken lohnt sich -- was auch viele jüngere Zuzügler, die sich in den vergangenen Jahren niedergelassen haben, bestätigen können.


Auftakt in der Bücherstube


Nach Aussage des Gewerbebundes Alstertal ist Fuhlsbüttel ein funktionierender Stadtteil, der jedoch wie jeder andere auf Bewohner sowie Kunden aus der Nachbarschaft angewiesen ist, damit das Quartier seine Attraktivität behält oder sogar noch steigert. Soll heißen: Wenn jeder zum Shoppen und Bummeln gleich ins nahe AEZ oder in die City fährt, haben ortsansässige Geschäfte kaum eine Zukunft. Und ohne diese Läden würde die Lebensqualität rund um Erdkampsweg, Ratsmühlendamm, Kleekamp und Alsterkrugchaussee ein Stück weit sinken.


Verliebt ins Café Luise


Noch sieht es zum Glück gut aus mit der Vielfalt, nicht nur wegen des großen Wochenmarktes mittwochs und freitags. Neben den Discounterfilialen, Budni, Hansebäcker und Edeka-Schlemmermarkt finden sich auch viele inhabergeführte Geschäfte, die seit Jahren ihre Stammkunden haben. Ob Teppichböden, Elektrogeräte, Brillen, Fotos, Bettwaren oder einen Schuster -- all das und noch mehr muss man nicht woanders suchen.


Vieles, was Baumärkte nur im Paket anbieten, gibt es einzeln und mit fachkundiger Beratung bei Behnke in der Hummelsbütteler Landstraße. Raritäten aus Haushaltsauflösungen versilbert Margrits Stöberlädchen, die neuesten Filme verleiht Susanne Böhm in ihrer Videothek. Auch Reformhaus, Reinigung, Fisch-Fachgeschäft und Fahrradladen fehlen nicht. Läden wie Markenliebe (Mode) und Wollvik (Garne und Wolle) beweisen, dass man mit speziellen Sortimenten erfolgreich neu starten kann.


Und sollte jemand klagen, es gebe in ganz Hamburg nur noch Ketten-Bäckereien mit Standardsortiment, wird er hier eines Besseren belehrt: Das Café Luise, 2008 von Heiko Fehrs mit seiner Frau Caroline eröffnet und nach der Tochter benannt, ist eine Bäckerei, wie man sie sich besser kaum vorstellen kann. Brotspezialitäten und Kuchen aller Art werden liebevoll von Hand gemacht, statt industrieller Vorprodukte kommen selbst gemischte Teige in den Ofen. Die sahnigen Torten, die perfekten Franzbrötchen und die mit Himbeerschicht bedeckten Cheesecakes sind so gut, dass viele sie gleich vor Ort oder nebenan in der gemütlichen "Guten Stube" verdrücken, am besten zusammen mit einem Kaffee.


Manfred Sengelmann kennt die Geschichte Fuhlsbüttels wie kaum ein Zweiter und hat darüber sogar ein Buch verfasst (Reihe Zeitsprünge aus dem Sutton Verlag). Zudem ist er Schriftführer des Bürgervereins sowie fleißiger Autor und Fotograf der Vereinszeitschrift. Er kann vieles erklären, was auf den ersten Blick auf eine offizielle Fuhlsbüttel-Karte Verwunderung auslöst.


Denn manches, was man im Stadtteil wähnt, gar nicht zu ihm gehört, sondern zu Ohlsdorf. Die Stadt hat die Grenzen mehrfach neu gezogen, zuletzt 1980. Deshalb zählen weder die Schleuse noch das Gefängnis heute zu Fuhlsbüttel, obwohl bei beiden der Stadtteil im Namen vorkommt. Und auch der Ratsmühlendamm ist ab dem Kreisel eigentlich zweigeteilt: Eine Seite gehört zu Ohlsdorf, die andere zu Fuhlsbüttel. Doch das wissen selbst die meisten Anwohner nicht. Oder es ist ihnen schlicht egal, dass das von Amts wegen so geregelt wird.


Das Dorf und seine Mühle


Ein offizieller Stadtteil Hamburgs ist Fuhlsbüttel erst seit 1913. Bis dahin stand der Vorort unter Verwaltung der Landherrenschaft der Geestlande. Siedler an diesem Teil des Alsterlaufs gab es wohl schon in der Steinzeit, erstmals urkundlich erwähnt wurde "Fulesbotle" im Jahr 1283. Damals existierten schon ein kleines Dorf und eine Mühle, an die noch heute der Straßenname Ratsmühlendamm erinnert. Im 15. Jahrhundert baute man die Schleuse.


Vor 200 Jahren lebten in Fuhlsbüttel hauptsächlich Bauern in ihren typischen reetgedeckten Fachwerkhäusern, von denen es in der Umgebung leider fast keines mehr gibt. Die Landwirte setzten damals auf Viehhaltung und lieferten Milch sowie Butter in die Stadt. Die wiederum schickte ab 1865 Strafgefangene nach "Santa Fu", was auch Arbeitsplätze im Justizwesen mit sich brachte.


Ein neues Kapitel begann mit dem Flughafen, der 2012 schon seinen 100. Geburtstag feiern konnte. Zunächst war er als Start- und Landepunkt der mächtigen Zeppelin-Luftschiffe angelegt und als solcher für viele Hamburger ein interessantes Ausflugsziel, erst später kamen die Flugzeuge hinzu.
Wirklich bedeutend wurde Hamburgs Airport allerdings erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Lufthansa nahm von hier aus im April 1955 den innerdeutschen Flugbetrieb und im Juni den internationalen Verkehr nach New York wieder auf. Was nicht nur Reisende, sondern auch Anwohner schätzen: In der Plaza zwischen den zwei modernen Terminals gibt es einen großen Supermarkt, der auch sonntags geöffnet hat.


Die Bebauung im Stadtteil ist bunt gemischt, man findet große schöne Altbau-Wohnungen in dunklem Rotklinker ebenso wie Doppel- und Einzelhäuser aus der Fritz-Höger-Ära, Hamburger Kaffeemühlen und schmucke Jugendstil-Villen. Das Gymnasium Alstertal wurde nach Plänen von Fritz Schumacher errichtet.


Migge-Park und Magischer Zirkel


Zu den grünen Oasen Fuhlsbüttels gehört neben dem Alstertal der Wacholderpark, um 1910 angelegt vom Gartenarchitekten Lebrecht Migge. Das zur Erholung bestimmte Areal sollte zugleich auf vielfältige Weise für Sport und Spiel nutzbar sein. Obwohl die Parkanlage im 20. Jahrhundert mehrfach verändert wurde und unter anderem ihren Haupteingang verlor, ist das ursprüngliche Konzept noch gut zu erkennen. Besonders eindrucksvoll ist ein Spaziergang in den tunnelartig angeordneten Linden-Bögen entlang der Südwest- und Südostseite.


Aber es gibt noch ganz andere zauberhafte Ecken in Fuhlsbüttel -- zum Beispiel das Magiculum. Das kleine Theater an der Röntgenstraße hat 55 Plätze und ist Sitz des Magischen Zirkels. Der 4,50 Meter hohe Raum mit goldenem Stuck und einer Deckenmalerei aus Himmel, Sternen und Kometen dient der Hamburger Zauberer-Gilde seit 2010 als Vereinsheim und Bühne.


Fuhlsbüttel historisch

Es muss schon etwas enervierend sein, wenn man als Bewohner eines Stadtteils immer wieder sofort mit einem Gefängnis oder einem Flughafen in Verbindung gebracht wird. Aber beide sind nun einmal feste Bestandteile der Geschichte Fuhlsbüttels – das auch sonst einiges zu bieten hat. Weit abgelegen vor der Stadt hatte das kleine, 1283 erstmals urkundlich erwähnte Bauerndorf lange geschlummert.


Zwischen den heutigen Straßen Bergkoppelweg und Fuhlsbütteler Damm lagen einst ein paar Höfe und zwei Mühlen, es gab vier Gastwirte, einen Brenner, zwei Krämer, Schmied, Bäcker und Alsterschiffer – das war’s schon mit Fuhlsbüttel, das um 1850 rund 500 Einwohner hatte. Die Zeitung kam einmal pro Woche aus Hamburg, und wer zur Kirche wollte, musste sich auf den Weg nach Eppendorf machen.


Eine „Correctionsanstalt“ in der Wildnis


Ein Chronist beschrieb das Fuhlsbüttel des ausgehenden 19. Jahrhunderts so: „Die meist ungepflasterten Straßen, Wege und Redder, beschattet von hohen Bäumen und malerischen Knicks, in denen sämtliche Busch- und Straucharten vertreten waren, führten in die nachbarlichen Orte, auf die Felder oder auch in das große Moor zwischen Groß-BorstelNiendorf und Langenhorn.“ Einerder beiden größten Höfe vor Ort, an der Ecke Maienweg/Ratsmühlendamm, gehörte dem Bauern Hein Krohn, der auch die meisten Felder und Wiesen besaß. Stattlich auch der Hof von Jan Kiehnan der Alsterkrugchaussee.


Heutige Straßen waren damals einfache Hohlwege, und vom Brombeerweg bis Klein Borstel erstreckten sich große Wiesenflächen. Auf dem heutigen Flughafengelände wurde Torf gestochen und für den Verkauf in die Stadt transportiert. Über die schon lange bestehende Alsterkrugchausseerumpelten tagaus, tagein die von Pferden gezogenen Milchwagen in Richtung Stadt und wieder zurück – sie kamen unter anderem aus Ulzburg, Kayhude und Wilstedt.


Im Sommer 1879 war auf einem rund 80.000 Quadratmeter großen Gelände am Suhrenkamp das „Hamburgische Central-Gefängnis“ fertiggestellt worden. Die auch „Correctionsanstalt“ genannte Anlage bestand unter anderem aus dem Männergefängnis, einer Haftanstalt für jugendliche männliche Gefangene, dem Lazarett und dem „Weibergefängnis“ mit einem Wohnhaus für Aufseherinnen.


Das Männergefängnis hatte einen T-förmigen Grundriss und bot zunächst Platz für 240 Gefangene. In den oberen Stockwerken befanden sich die Schlafsäle, darunter – in Erdgeschoss und Keller – die Arbeitsräume. In den Seitenflügeln lagen unter anderem Einzelzellen und Räume für die Wärter, außerhalb der fünf Meter hohen Ringmauern standen die Beamtenwohnhäuser. Gesamtkosten der Anlage, die von 1901 (im Bereich Am Hasenberge) an erweitert werden musste: 2,45 Millionen Mark. Seit 1945 gehört „Santa Fu“ nominell zu Ohlsdorf.


„Hansa“ und „Victoria Luise“ im Anflug


Unterdessen ging das Leben „draußen“ weiter. Nach Aufhebung der Torsperre, Zollanschluss und Hafenerweiterung wurde Fuhlsbüttel – wie so viele andere spätere Stadtteile auch – als Wohnquartier attraktiv. Laut Quellenberichten sollen sich Neu-Fuhlsbüttler aber immer wieder als Ohlsdorfer bezeichnet haben, weil ihnen die Assoziation mit dem benachbarten Gefängnis so unangenehm war.


Mehrfamilienhäuser und schmucke Villen entstanden in rascher Folge. 1898 erhielt die selbstständige Landgemeinde die ersten offiziellen Straßennamen. Im Jahr 1900 lebten dort schon 3500 Menschen, die seit 1893 ihre eigene Kirche (St. Lukas) hatten.


Von 1914 an gab es eine eigene U-Bahn-Station, ein Jahr zuvor war Fuhlsbüttel Stadtteil geworden. Imageprägend bis heute: der Flughafen. 1912 hatte man als ersten Baustein die Luftschiffhallefertiggestellt. Der 160 Meter lange Hangar mit den zwei Toren wurde abwechselnd von den Luftschiffen „Hansa“ und „Victoria Luise“ genutzt.


Mit dem Namen Fuhlsbüttel ist auch das gleichnamige Konzentrationslager verbunden, das 1933 in der Strafanstalt eingerichtet wurde. Das im zeitgenössischen Sprachgebrauch als „Kola-Fu“ bezeichnete KZ galt als Inbegriff von Willkür und Gewalt. Insgesamt kamen während der NS-Zeit in Fuhlsbüttel mehr als 450 Frauen und Männer ums Leben.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018