Groß Borstel - Ein grüner Klecks im Stadtgebiet

Kirche St. Peter
Andreas Laible/ HA

 

Ein unaufgeregter Stadtteil mit liebevoll bepflanzten Vorgärten. Und wunderschön heiraten kann man hier auch.

 

Fläche in Quadratkilometer: 4,5
Einwohner: 8459
Wohngebäude: 1749
Wohnungen: 4440
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 529
Ein- und Zweifamilienhäuser: 4159
Eigentumswohnungen: 3828
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Das Schönste sei, dass man morgens zum Bäcker gehen könne, ohne sich vorher aufzubrezeln, sagt man in Groß Borstel. Genauso unaufgeregt gibt sich der Stadtteil, der eingerahmt wird von Güterumgehungsbahn, dem Hamburger Flughafen und der Alsterkrugchaussee. Eppendorf ist gleich nebenan, und dort geht kaum jemand ungeschminkt Brötchen holen, aber in Groß Borstel liebt man es eine Spur bescheidener. Man trägt nicht unbedingt nach außen, was man hat. Dabei könnte beim Gang durch viele der wunderschönen Straßen durchaus Neid aufkommen. Bei jedem zweiten Haus ist man versucht zu sagen, "das nehme ich, da will ich einziehen".

Wenn das mal so einfach wäre. Wer erst einmal hier wohnt, zieht nicht gern wieder weg. Denn eingerahmt von Kleingartenkolonien in allen Himmelsrichtungen lebt es sich hier ausgesprochen angenehm. Die Vorgärten sind liebevoll bepflanzt. Mit Ausnahme der Borsteler Chaussee, durch die unaufhörlich der Verkehr braust, hat man in vielen Straßen das Gefühl, dass das Leben hier etwas gemächlicher verläuft als in den umliegenden Stadtteilen.

Hierher kamen Hamburger zum Tanzen

Auch aus der Luft betrachtet sieht man fast nur Grün, wirkt Groß Borstel wie ein grüner Klecks auf dem Stadtplan. Dabei ist von den vier alten Parks, den sogenannten Lustgärten, heute nur mehr wenig übrig. Erst bei genauem Hinschauen sind sie noch erkennbar. Weil die Hamburger Stadtbevölkerung um das Jahr 1900 in den Randgemeinden Erholung suchte, zog es damals viele Ausflügler nach Groß Borstel. Hier fanden sie Gartenlokale mit Tanzsälen.

Eine dieser angesagten Adressen war der Borsteler Jäger mit dem umliegenden Wald. Die Gaststätte profitierte von der Nachbarschaft zur damaligen Borsteler Rennbahn. 1906 fiel der "Jäger" durch ein Vermächtnis an die Stadt Hamburg, die bis heute Eigentümerin ist. Nach sieben Jahren Leerstand ist Anfang 2012 wieder Leben eingezogen. Der Verein Kinderkreisel e. V., der mehrere Kindertagesstätten betreibt, hat das Haus in eine bilinguale Kita (englisch und deutsch) umgebaut. Sie hat den Namen "Kinderpropeller".

Ein Traum von einem Barockhaus

So intakt wie das Grüngebiet Borsteler Jäger sind die vier Lustgärten - Pehmöllers Garten, Brödermanns Kohlgarten, Petersenpark und Frustbergpark - längst nicht mehr. Letzterer ist noch am unversehrtesten - auf dem heute nur noch 2500 Quadratmeter großen Parkgelände steht das Stavenhagenhaus. Dieses barocke Gebäude, das 1703 errichtet wurde und heute das kulturelle Zentrum des Stadtteils darstellt, ist von überwältigender Schönheit. Im Obergeschoss, der Außenstelle des Standesamtes Nord, heiraten pro Jahr bis zu 125 Paare.

Arabische Abende an der Tarpenbek

Auch wenn viele Hamburger noch nie hier waren, der Name Frustbergstraße, in der das Stavenhagenhaus steht, dürfte noch einigen ein Begriff sein. Dort wohnt nämlich ein früherer Bürgerschaftspräsident, der im wahrsten Wortsinn auf Glatteis ausgerutscht ist. Er hatte im Eiswinter 2010/2011 bei der Stadtreinigung interveniert, damit diese die breite, kopfsteingepflasterte Allee von Eis und Schnee räumt, während in den umliegenden Straßen teilweise nicht einmal mehr die Müllabfuhr durchkam. Er musste daraufhin zurücktreten.

Dass die Gastronomie überschaubar ist, mag auch daran liegen, dass die meisten Bewohner selbst über schöne Gärten und Terrassen verfügen. Es gibt die üblichen Angebote wie griechische und chinesische Restaurants, einen passablen Italiener, aber auch Außergewöhnliches wie das Le Marrakech, ein orientalisches Möbelhaus und Restaurant im Gewerbegebiet an der Tarpenbek, dessen arabische Abende an den Wochenenden Gäste aus ganz Hamburg anlocken.
Ebenfalls in einem Gewerbegebiet an der Papenreye entstand mit der Spielstadt Hamburg , , L vor etlichen Jahren einer der ersten Indoor-Spielplätze der Stadt.

 

Groß Borstel historisch

Ist dieser Stadtteil ein Geheimtipp? Obwohl Groß Borstel direkt an Eppendorf anschließt, kennen es viele Hamburger gar nicht. Erstaunlicherweise war das vor mehr als 100 Jahren auch schon so. Trotz seiner relativ stadtnahen Lage konnte sich Groß Borstel noch lange eine gewisse Ländlichkeit bewahren, und die Einwohnerzahl stieg nur sehr langsam. 1880 hatte der Ort 1179 Einwohner, vierzig Jahre später waren es erst 2872.

Im selben Zeitraum waren die Stadtteile in der Nähe viel stärker gewachsen. In Eppendorf war die Zahl der Bewohner von 4289 auf 84.486 gestiegen, in Winterhude von 2889 auf 44.722. Sogar im benachbarten Fuhlsbüttel war der Anstieg deutlich: von 1563 (1880) auf 7538 (1920). Jahrelang war die 1891 vom Hamburger Sportclub nordöstlich des beliebten Lokals Borsteler Jäger angelegte Rennbahn Groß Borstels wichtigstes Aushängeschild gewesen.

Aber immer nur Ausflugsziel bleiben – das wollte man auf Dauer auch nicht. In einer Denkschrift des Kommunalvereins von 1889, dessen Stadtteilchronik eine der besten der Stadt ist, wurde die Lage „im toten Winkel“ frühzeitig kritisiert: Die angrenzenden preußischen Gemeinden verhinderten den Durchgangsverkehr, die Alsterdampfer endeten in Winterhude, die Straßenbahn in Eppendorf: „So war es gekommen, dass unser Ort in seiner Entwicklung so kläglich abgeschnitten hatte.“ Dabei waren mittlerweile in Groß Borstel durchaus moderne Zeiten eingekehrt: In einem Schreiben an die „Kaiserliche Oberpostdirection zu Hamburg“ heißt es unter anderem: „Im Jahr 1881 ist in der Hamb. Landgemeinde Groß Borstel, in nächster Nähe von Eppendorf gelegen, eine Postagentur errichtet.“

Ende Mai 1903 hatte auch die elektrische Straßenbahn (Linie 24) – von Horn über den Rathaus-markt, die Kaiser-Wilhelm-Straße und Eppendorf – bis nach Groß Borstel verlängert. Ab Rosenbrook fuhr die Bahn in der Alsterkrüger Kehre (heute Salomon-Heine-Weg) sogar zweigleisig. Und von 1927 an fuhren die Alsterdampfer auch den Anleger Borsteler Chaussee (heute Deelbögenbrücke) regelmäßig an.

„Flughafen Groß Borstel“

Als 1912 der Bau für den neuen Flughafen nördlich der Borsteler Rennbahn begann, waren die Groß Borsteler begeistert. Da sich der Kommunalverein energisch für den Standort eingesetzt hatte, ging man davon aus, dass der künftige Verkehrsknotenpunkt auch nach Groß Borstel benannt werden würde. Tatsächlich war die Bezeichnung „Flugplatz Groß Borstel“ zunächst auch üblich, aber dann intervenierte der Kommunalverein von Fuhlsbüttel. Das Ende dieses Namensstreits ist bekannt, und als die Rennbahn und einige Straßenzüge vom Flughafen geschluckt wurden, kühlte die anfängliche Freude deutlich ab. Das alles war natürlich lange bevor man sich den kaum erträglichen Fluglärm unserer Tage vorstellen konnte.

Eine Autobahn durch Groß Borstel?


Groß Borstels verkehrsgünstige Lage machte den Stadtteil in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zu einer beliebten Wohngegend, bescherte ihm aber auch Autoverkehr in nie gekanntem Maße. Die alte Schule und die Insthäuser am Schrödersweg fielen Anfang der 1960er-Jahre der Abrissbirne zum Opfer. Das Gelände der Reitschule Tomfort am Moorweg wurde neu bebaut, und auf dem Grundstück der ehemaligen Gärtnerei Burmester entstand der Georgiweg mit Bungalows und Reihenhäusern.

Jahrelang kämpften die Groß Borsteler für den Ausbau der Borsteler Chaussee, aber immer wieder wurde das Projekt verschoben. Mal musste das dafür eingeplante Geld für die Opfer der Sturmflut 1962 bereitgehalten werden, dann wieder sollte erst die Umstellung der Straßenbahnlinie 18 auf den Bus abgewartet werden.

Nach dem endlich erfolgten Ausbau Ende 1968 war die Freude noch groß, auch wenn die alte Lindenallee (der „Baumtunnel“ der Straßenbahn) verschwunden war. Aber dann hatte die Stadt plötzlich viel weiter reichende Pläne. Erst sollte der Autobahnverkehr Richtung Kiel durch die Borsteler Chaussee geleitet werden, dann war sogar davon die Rede, den Tarpenbek-Wanderweg für eine Stadtautobahn zwischen Rosenbrook und Eidelstedt zu opfern. Die Groß Borsteler kämpften dagegen an – mit Erfolg.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018