Eppendorf - Viel mehr als Latte macchiato

Blick von der Brücke vom Winterhuder Kai in Richtung Hayns Park
Andreas Laible/ HA

 

Heilen und teilen, angeben und ausgeben, sich trauen und sich treiben lassen – hier liegt alles nahe beieinander.

 


Fläche in Quadratkilometer: 2,7
Einwohner: 24.387
Wohngebäude: 1627
Wohnungen: 14.070
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 2348
Ein- und Zweifamilienhäuser: 5926
Eigentumswohnungen: 4999
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Wer Eppendorf verstehen will, sollte hier einmal gelebt haben. Es wäre ungerecht, Eppendorf nur oberflächlich zu betrachten. Klar gibt es sie hier: die Yuppies im Polo-Sport-Sylt-Look und mittelgescheitelte Kinder, die auf Namen wie Lara-Louisa oder Franz-Friedrich hören. Das Schöne aber ist: Hier wohnen nicht nur Neureiche, sondern auch Alteingesessene. Menschen, die Eppendorf noch aus der Zeit kennen, als Begriffe wie Latte macchiato und Mietwucher unbekannt waren. In Eppendorf muss man manchmal etwas tiefer graben, um das vollständige Bild sehen zu können.

Viel Park, wenig Parkplatz

Vermutlich gibt es nicht viele Stadtteile, die gefühlt so voller Bäume und zugleich so voller Autos sind wie Eppendorf. Ersteres bezogen auf die vielen Grünanlagen. Zu nennen sind der Seelemannpark zur Alster hin aus der Zeit, als vom 17. bis zum frühen 19. Jahrhundert Eppendorf einer der hamburgischen Landhausvororte war. Oder der Hayns Park, der Kellinghusenpark und der Eppendorfer Park vor dem UKE. Das Missverhältnis zwischen Autos und Parkplätzen rührt daher, dass viele Eppendorfer sich zwei Autos leisten. Den Strafzettel fürs Falschparken obendrauf. Jugendstilambiente hat seinen Preis. Wer hier wohnt, gehört in der Regel zu den Besserverdienern, hat geerbt oder Glück gehabt.

In dem seit 1895 zu Hamburg zählenden Stadtteil lebten von jeher allerdings nicht nur jene, die gerne zeigen, was sie haben. Sondern auch jene, die geben, was sie haben. Nur so konnte bis in die 20er-Jahre eines der größten Stiftungsquartiere der Stadt entstehen. Für Menschen, die kein Geld für Unterkunft hatten und sozial benachteiligt waren.

Die sogenannten Gotteswohnungen an der Frickestraße gehen auf den wohlhabenden Hamburger Kaufmann und Stifter Johann Koop zurück, der vor seinem Tod 1611 in seinem Testament verfügte, dass "arme, unbescholtene Frauenzimmer" dort eine bescheidene, indes sichere Unterkunft finden sollen. Weitere Stifte sind die Daniel-Schutte-Stiftung an der Tarpenbekstraße, das Kloster St. Johannis an der Heilwigstraße und das Stift Anscharhöhe im Park zwischen Tarpenbekstraße und Nedderfeld. Mit dem St.-Joseph-Stift endet das Viertel zur Martinistraße beim Diakonissen-Krankenhaus Bethanien.

Standesamt in der Badeanstalt

Wer bei der Martinistraße an Spirituosen denkt, ist auf dem falschen Weg. Denn die 1887 angelegte Straße wurde nicht nach James Bonds Lieblingsgetränk benannt, sondern nach dem einstigen Oberarzt am Krankenhaus St. Georg, Erich Martini. An der Straße befindet sich heute das Universitätskrankenhaus Eppendorf, das 1889 eröffnet wurde, um das Krankenhaus St. Georg zu entlasten. Mittlerweile zählt das UKE circa 10.400 Beschäftigte. Rund 2600 davon sind Ärzte.

Als weitere architektonische Prachtbauten gelten das Holthusenbad von Fritz Schumacher an der Goernestraße und die Pfarrkirche St. Johannis. Im Obergeschoss der 1912-14 errichteten Badeanstalt war lange das Standesamt untergebracht. Ein paar Meter weiter geben sich Paare aus der ganzen Stadt das Jawort auch vor Gott: in der im 12. Jahrhundert gegründeten, sogenannten Hochzeitskirche St. Johannis. Auch Uwe und Ilka Seeler heirateten dort.

Politisches Wirken und Gedenken

Nicht so geistlich, aber oft sehr geistreich ging es im 1927 erbauten Theater an der Ludolfstraße zu. Hier traten Wolfgang Borchert, Inge Meysel und Georg Thomalla auf. Seit 1994 zeigen Jan-Peter Petersen und Nils Loenicker in dem Lustspielhaus politisch-satirisches Kabarett unter dem Namen Alma Hoppe. Ganz in der Nähe, an der Tarpenbekstraße 66, ist die Gedenkstätte Ernst Thälmann. Im ehemaligen Wohnhaus des 1944 im KZ Buchenwald ermordeten KPD-Vorsitzenden und Widerstandskämpfers zeigt ein Museum die Geschichte der Arbeiterbewegung und des Hamburger Widerstands.

Nachts gehen die Lichter früher aus

Eppendorf als Kultkiez prägte vor allem die legendäre Musikkneipe Onkel Pö. Und das, obwohl die Räume am Lehmweg, die heute das Restaurant Schweinske beherbergen, streng genommen zu Hoheluft-Ost gehören. Trotzdem: Das Pö hat Eppendorf beeinflusst. Im Pö spielten Jazz-Größen wie Al Jarreau, Chet Baker oder Dizzy Gillespie. Udo Lindenberg verewigte das Lokal in seinem Album "Alles klar auf der Andrea Doria".

Viele Künstler zog es damals nach Eppendorf. Heute wohnen hier vor allem Familien, es ist nicht mehr so wild wie vor 30, 40 Jahren. Kein Wunder, dass Restaurants und auch Eppendorfs 1906 entstandenes Kultlokal Borchers an der Geschwister-Scholl-Straße meist um 23 Uhr schließen. Borchers-Chef Jan Kleinert: "Eppendorf ist ruhiger geworden. Paare und Familien bleiben am späten Abend zu Hause."

Essen, einkaufen, gucken

Tagsüber ist das anders. Da trifft man sich auf der Eppendorfer Landstraße. Morgens wird beim Hansebäcker Junge gefrühstückt. Nach dem Wochenend-Einkauf im Schlemmermarkt gibt es wahlweise Kaffee von Starbucks oder Kuchen in der Konditorei Lindtner. Anschließend Schaufenstergucken bei Anita Hass oder Spielzeugkaufen bei Koch.

Wenn die Sonne scheint, schmeckt es entweder bei Cornelia Poletto am Stehtisch oder am Ende der Straße bei ihrem Ex-Mann, in Remigio Polettos Winebar. Nachtisch: ein großes Eis im Eiszeit. Mit Blick auf die prächtigen Fassaden der Etagenhäuser an der Eppendorfer Landstraße. Diese setzten sich mit ihren Vorgärten 1880 als neuer Maßstab durch. Das backsteinige Postamt von 1929 wirkt dazwischen wie ein liebevoll gestapelter Kontrast.

Es ist die Vielfalt, die das Stück Straße zwischen Eppendorfer Markt und Eppendorfer Baum so reizvoll macht. Trotz hoher Fluktuation und neuer Geschäfte verliert Eppendorf eines schon seit Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten nicht: den Charme, ein besonderes Dorf innerhalb einer Metropole zu sein.


Eppendorf historisch

Die Gegend nordwestlich der Alster im Jahr 1817: Das Dörfchen Eppendorf ist nach langer Belagerung und erbitterten Kämpfen ziemlich in Mitleidenschaft gezogen worden, die Eppendorfer sind ausgelaugt. Ein „Kram- und Viehmarkt“ wird eingeführt, um das am Boden liegende Wirtschaftsleben wieder in Schwung zu bringen. Daraus entwickelt sich ein großes Sommervergnügen, das man erst 1894 einstellte. Es hieß übrigens Eppendorfer Markt. Man sieht: Shopping und gepflegtes Amüsement haben in Eppendorf eine lange Tradition.

Gasanschluss, Briefkästen und eine Pferdebahn

Obwohl Eppendorf nach der Franzosenzeit angeschlagen war, erholte es sich dank seiner stadtnahen Lage recht schnell. Dazu trug entscheidend bei, dass die hamburgische Verwaltung 1832 den Landbesitz des Klosters St. Johannis übernahm, dem Eppendorf seit 1530 unterstanden hatte. Schon drei Jahre später zuckelte die erste Landkutsche einigermaßen regelmäßig zwischen dem Jungfernstieg und Eppendorf hin und her, 1840 wurde eine Pferdeomnibuslinie eingerichtet. 1859 war schon der Verkehrsweg zu Wasser erschlossen: Der erste Alsterdampfer fuhr zum Winterhuder Fährhaus. Die Aufhebung der Torsperre wurde zur Geburtsstunde des Wohnviertels Eppendorf – so wie auch andere Dörfer außerhalb der Stadt schlagartig wachgeküsst wurden.

Schon 1864 erhielt Eppendorf Gasanschluss. Ein Jahr später wurden die ersten Briefkästen aufgestellt, 1868 folgte dann die Eröffnung einer „Postexpedition“ am Mühlenteich. 1871 wurde Eppendorf Vorort von Hamburg, und ab 1880 konnte man regelmäßig mit der Pferdebahn in Richtung Stadt fahren.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert begann die großflächige Bebauung der Gegend, und es entstanden die vielen Gründerzeithäuser, die auch heute noch das Erscheinungsbild prägen. 1890 wurde das alte Schulhaus am Mühlenteich abgebrochen, 1901 der Gasthof „Zur alten Eppendorfer Mühle“, 1904 verschwand dann die letzte Windmühle vor Ort. „Die alten, zum Teil achtzig und hundert Jahre alten Gebäude werden samt und sonders niedergerissen, um modernen Neubauten Platz zu machen“, schrieben die „Hamburger Nachrichten“ im November 1905, „so wird Eppendorf innerhalb weniger Jahre einen vollkommen städtischen Charakter erhalten.“ Noch um 1900 hatten an der Eppendorfer Landstraße auf Höhe des Loogestiegs große Landhäuser mit ausgedehnten Gärten gestanden, die quasi im Handumdrehen durch Etagenhäuser ersetzt wurden.

Die Gartenhäuschen verschwanden

„Eppendorf hat seine Einwohnerzahl seit 1880 mehr als vervierfacht; es gibt jedoch namentlich im Norden dieses Stadttheils noch ausgedehnte Bauterrains“, schrieb Wilhelm Melhop 1895 in seiner Hamburg-Topografie. Doch auch dieses Land lag nicht mehr lange brach. Überall verschwanden Gartenhäuschen und die letzten Zeugnisse der bäuerlichen Vergangenheit, die man durch typische Großstadtbauten ersetzte.

1889 wurde das Allgemeine Krankenhaus (seit 1934 Universitätskrankenhaus) fertiggestellt, die Volksschulen Martinistraße, Breitenfelder Straße und das Gymnasium Eppendorf eröffneten innerhalb von nur knapp zehn Jahren – drei von etlichen Schulen in Eppendorf, das seit 1894 Hamburger Stadtteil war. 1914 kamen zwei weitere Landmarken hinzu: Das Holthusenbad und die U-Bahn-Strecke Kellinghusenstraße–Ohlsdorf gingen in Betrieb.

Seit 1929 fuhr die Bahn dann auch von der Kellinghusenstraße zum Stephansplatz, später folgte die Verlängerung bis zum Jungfernstieg. Die Looge, die ehemalige Gemeindeweide zwischen Alster, Isebekkanal und altem Dorfkern, wurde erst nach dem Ersten Weltkrieg bebaut. Den Zweiten Weltkrieg überstand Eppendorf weitgehend unzerstört. 1970 wurden an der Ludolfstraße die letzten Bauernhäuser abgerissen, 1977 verschwand die Straßenbahn.

Die meisten Studenten-Wohngemeinschaften machten schließlich gut verdienenden Mietern und Eigentümern Platz, Eppendorf wurde immer schicker. Schon seit dem 13. Jahrhundert steht die Johanniskirche an ihrem Platz, die 1267 erstmals erwähnt wurde. Inzwischen wird sie von unendlichen Blechlawinen umtost.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018