Kleiner Grasbrook - Wo eigentlich nicht gewohnt wird

Schafe am Potsdammer Ufer
HA

 

Zwischen Massen von jungen Bananen und alten Autos trifft man hier mit etwas Glück auf Robinson.

 

Fläche in Quadratkilometer: 11,9 (alle Angaben Kleiner Grasbrook und Steinwerder)
Einwohner: 1256
Wohngebäude: 70
Wohnungen: 735
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: keine Daten
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Wenn man sich nur den Namen dieses Stadtteils anschaut, ließe sich ein Ort voller ländlicher Idylle vermuten: Kleiner Grasbrook - das klingt nach Weiden und glücklichen Kühen. Und die frühere Insel in der Elbe war ja tatsächlich einmal landwirtschaftlich geprägt. Einige Bauern siedelten dort einst in sumpfiger Umgebung.

Aber das ist lange her. Bereits seit Ende des 19. Jahrhunderts steht der Kleine Grasbrook in Hamburg vor allem für eines: den Hafen! Schiffe, Kräne, schwere Güterzüge, Lkw sind hier zu Hause. Aber Menschen? Wer wohnt schon mitten im Hafen, fragt man sich, wenn mal wieder Stadtteilstatistiken verglichen werden. Etwa 1200 Bewohner sollen hier leben. Aber wo? Ein Anruf bei der Hafenverwaltung Hamburg Port Authority hilft da nicht weiter. "Wohnen im Hafen ist verboten" - so die lapidare Antwort.


Das Rätsel der 1200 Kleinen Grasbrooker löst sich erst, wenn man mit Menschen wie dem SPD-Kommunalpolitiker Klaus Lübke spricht. Stadtteilkümmerer nennt er sich, und er kümmert sich vor allem um den Hafenrand-Stadtteil Veddel. Aber auch um den Kleinen Grasbrook. Eben weil ein gefühlter Teil der Veddel laut amtlicher Statistik zum Kleinen Grasbrook gehört. Genau genommen ein einziger langer, dunkler Backsteinriegel an der Harburger Chaussee.


Die "Kleine Alster" vor der Tür


Um 1920 wurde er gebaut und galt seinerzeit als architektonisch vorbildlich für neue Arbeiterwohnungen. Heute ist die Straße eine der Haupt-Lkw-Routen im Hafen, sie sei die "lauteste Wohnstraße Hamburgs", kritisiert Lübke. Und nicht nur das: Verstaubte Gardinen hängen vor den Fenstern im Erdgeschoss, Schilder warnen vor Videoüberwachung an den Mülleimern, und im Internet schildern Bewohner Schimmelbefall und anderen Reparaturbedarf. Eine erschreckend große Fluktuation herrsche unter den Mietern, kritisiert Lübke. Obwohl es da wohl viel Potenzial gäbe, wie der Stadtteilkümmerer glaubt: "Die Wohnungen in der obersten Etage haben einen traumhaften Blick."


Direkt davor liegt der Spreehafen, ein seeartiges Hafenbecken, das schon mal als Kleine Alster bezeichnet wird. Dahinter sieht man die Hafenanlagen, den Fernsehturm und die glitzernde Elbphilharmonie als Wahrzeichen einer völlig anderen Stadtwelt.


Hausbootszene in der Grauzone


Die Suche nach den wahren Kleinen Grasbrookern führt einen von der Harburger Chaussee fast zwangsläufig zum Spreehafen. Bunte Hausboote, umgebaute Schuten und ein schwimmendes Blockhaus prägen dort ein Bild, das nach liberal-lässiger Wasserwohnwelt wie in Holland aussieht. Doch die Hamburger Hausbootszene hat es hier schwer, sich zu entfalten- weil eben die Hafenplaner das Wohnen dort nicht zulassen wollen. Entsprechend zugeknöpft sind die Hausbootleute. Offiziell haben sie alle ein hafenbezogenes Gewerbe angemeldet - obwohl einige inoffiziell auch wohnen dürften. Doch ein Leben in juristischer Grauzone ist nur etwas für Lebenskünstler. Statistisch korrekt erfasste Bewohner sind das wohl nicht. Künftig soll hier ein Wohnquartier für 6000 Menschen enstehen.


Also geht die Suche weiter. Vom Spreehafen führt die Straße mitten hinein in den Hafen. Die modernen Hallen der Quartiersleute stehen dort: Längst lagern Gewürze, Kaffee, Kakao nicht mehr in der Speicherstadt, sondern hier in den Logistikzentren. Am Fruchtterminal werden vor allem Bananen umgeschlagen. Grün und gekühlt kommen sie mit den schnellen, schlanken Kühlschiffen am O'Swaldkai an.


Gleich nebenan am Unikai liegen die klobigen Autofrachter - fast schon gegenüber der HafenCity. "Grande Nigeria" oder "Grande Congo" heißen die Schiffe, die gebrauchte Fahrzeuge nach Afrika schippern. Oft sieht man hier klapprige Lkw, die noch klapprigere Lkw Huckepack tragen: bereit für ein weiteres Leben auf dem südlichen Kontinent. Aber auch schicke BMWs, Audis und Mercedes verschwinden am Unikai im Bauch von Frachtern - teure Ware für den Nahen Osten meist. Gearbeitet wird hier viel - aber nicht gewohnt.


Pläne für eine Hafen-Museumswelt


Vielleicht ist das anders an den historischen 50er-Schuppen aus der Kaiserzeit. Auf der letzten noch erhaltenen historischen Hafenanlage Hamburgs restauriert die Stiftung Hamburg Maritim die prächtigen Backsteinbauten, aber auch alte Hafenkräne, Hafenloks und den historischen Frachter "Bleichen".


Es gab Pläne für ein Olympiastadion. Als es dann nichts wurde mit der Hamburg-Bewerbung, kursierten in den Amtsstuben Zeichnungen für eine gewaltige bewohnte Brücke, die Living Bridge. Dann diskutierten Politiker eine Verlagerung der Universität auf den Kleinen Grasbrook. Alles nichts geworden. Der Hafen blieb Hafen - wo offiziell nicht gewohnt wird. Mit wenigen Ausnahmen eben.

 

Kleiner Grasbrook historisch

Der französische Journalist Jean Huret besichtigte 1906 den Hafen. Huret hielt fest: „Der Hamburger Hafen, das sind, konkret gesprochen, etwa zwanzig weiträumige Becken auf beiden Seiten der Elbe. Von oben gesehen erinnert die Lage der Becken an eine Ähre mit den Körnern an beiden Seiten des Stils.“ Von den Eindrücken vor Ort ist Huret nach mehreren Rundgängen geradezu erschlagen. Ratlos schrieb der Korrespondent der Zeitung „Le Figaro“ damals: „Wie soll ich diese riesige Größe in ihrer Bewegtheit und Komplexität schildern?“ Eine wichtige Rolle in diesem schier unbeschreiblichen Gefüge spielte schon damals der Kleine Grasbrook.


Waren aus aller Welt


Während nebenan auf dem durch den Reiherstieg abgetrennten Steinwerder Schiffe gebaut und überholt wurden, entluden unzählige Hafenarbeiter hier die Waren aus aller Welt. Namen wie Indiahafen, Windhuk- oder Amerikakai (damals noch -quai geschrieben) unterstrichen diese kosmopolitische Bedeutung. Hier kamen die Salpeterladungen aus Chile an, Zedernholz aus Mexiko, Reis aus Indien, Kaffee und Tabak aus Kolumbien und vieles, vieles mehr. Alte Luftaufnahmen vermitteln einiges von der unendlichen Betriebsamkeit dieser Anlagen.


Ein paar Eindrücke: An die Wohnbebauung der Kleinen Veddel Hafenbecken an, darunter der Segelschiffhafen mit seinen zwei Dalbenreihen. Dann folgte die gemeinsame Zufahrt von Hansa- und Indiahafen. Direkt hinter dem Amerikahöft, am O’Swaldkai, hatten die Schiffe der Hamburg-Süd ihre Stammliegeplätze. Gleisanlagen für Güterzüge am Veddeler Damm gewährleisteten die rasche Verteilung.


Die verkehrstechnische Erschließung, heute ein Dauerthema, funktionierte nach einem (für damalige Verhältnisse) ausgeklügelten System schnell und effizient. Kleinere Lagerhäuser und Steganlagen standen zum Beispiel am Lübecker Ufer, am gegenüberliegenden O’Swaldkai die Lagerschuppen 43 bis 47. Am anderen Elbufer war das Gaswerk auf dem Großen Grasbrook zu sehen, östlich davon lag die Einfahrt zum Magdeburger- und zum Baakenhafen.

Von der Weide zum Industriestandort


Bescheiden hatte hier alles angefangen. Der Grasbrook war 1594 durch Strombaumaßnahmen vom Neuen Graben durchschnitten worden, aus dem 1605 mithilfe eines Durchstichs die Norderelbe wurde. Dadurch geriet die eine Hälfte des niedrigen, ehemaligen Weidelandes, das bis an die alte Stadtmauer gereicht hatte, als Kleiner Grasbrook auf die Südseite der Elbe. Im Laufe der Zeit war die einstige Insellandschaft relativ schnell zum Industriestandort ausgebaut worden, 1871 wurde der Kleine Grasbrook Vorort, 1894 Stadtteil. Im Zentrum der Anlagen befand sich der Segelschiffhafen. Ende des 19. Jahrhunderts waren die Anlegestellen der Segler vom Binnenhafen hierher verlegt worden. Ab Ende der 1880er-Jahre hatte man Kaimauern angelegt: nordöstlich den Asiakai, südwestlich den Amerikakai.


1929 folgte der Bau des Fruchtschuppens 29 (Bananenschuppen). Das ist lange her, und im Zweiten Weltkrieg ging vieles davon unter. Das Becken des Segelschiffhafens wurde 1976 bis auf einen kleinen Rest zugeschüttet, um Platz für den Container- und RoRo- Umschlag des Hansahafens zu schaffen. Auch den Indiahafen gibt es heute nicht mehr. Er war ein Hafenbecken für Freiladeverkehr, also direkten Umschlag zwischen Seeschiff und Bahnwaggon, und wurde 1999 zugeschüttet.


Daneben lag seit 1869 der Petroleumhafen, der erst um 1910 nach Waltershof verlegt wurde. Journalist Huret hat ihn noch am alten Platz erlebt: „Da, der Petroleumhafen, in den man nicht hineinfahren darf; Schiebetore schließen ihn, damit (…) bei einem Unfall nicht das brennende Petroleum (…) den ganzen Hafen in Brand setzen kann.“ Jahrelang undenkbar, heute angesichts besserer Wasserqualität nicht mehr völlig absurd: Am nordwestlichsten Ende des Kleinen Grasbrook, an der Grenze zur Veddel, lag mitten in der Elbe die Badeanstalt Schumacherwerder.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018