Waltershof - Heimat für bunte Stahlboxen

Nautische Zentrale des Hafens
HA

 

Eine Heimat nur noch für Seefahrer aus aller Welt im Seefahrerheim Duckdalben. Wo einst Kinder badeten, türmen sich heute die Container.

 

Fläche in Quadratkilometer: 29,4 (alle Angaben Waltershof und Finkenwerder)
Einwohner: 11.729
Wohngebäude: 2298
Wohnungen: 5775
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 271
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

"O du mein liebes Waltershof, du Insel des Friedens, bist jetzt in Not. Wo sonst man gesät, geerntet, gehofft, da kam die Flut und mit ihr der Tod. Der Sturm brach die Deiche mit wilder Gewalt und fragt' nicht nach Leben, ob jung oder alt, sie fegte sie weg, ob Mensch, Tier oder Haus, die Hilferufe verklangen im Sturmgebraus. Der Tod hielt reiche Ernte, was sonst geschafft, die Flut hatte alles hinweggerafft."

Von der Verfasserin dieses Gedichts ist nur bekannt, dass sie Frau Retke hieß. Aber in diesen wenigen Zeilen liegt das Schicksal von Waltershof: Nach der Sturmflut in der Nacht vom 16. auf den 17. Februar 1962, bei der 42 Waltershofer umkamen, gab es für die meisten der 4096 Einwohner keine Zukunft mehr. Am 3. Januar 1976 zerstörte ein weiteres schweres Hochwasser einen Großteil der Häuser von 800 Bewohnern der Kleingartensiedlung Dradenau.

Erinnerung an die Flutopfer

Waltershof war immer dünn besiedelt. Schon 1911 wurde westlich des Köhlbrands mit dem Bau von Hafenanlagen begonnen. Trotzdem kamen vor dem Ersten Weltkrieg noch Tausende Hamburger Kinder zum Baden an den feinen Sandstrand des Maakendamms am Köhlbrand, damals organisiert von der Arbeiterwohlfahrt.

Einen starken Zuzug an Einwohnern gab es erst während des Zweiten Weltkriegs, als ausgebombte Hamburger und aus dem Osten vertriebene Menschen Zuflucht in den Lauben und Hütten fanden. Im Beisein von Wirtschaftssenator Frank Horch wurde das Flutdenkmal Waltershof feierlich enthüllt, ein drei Tonnen schwerer Findling mit den Namen der 1962 ums Leben gekommenen Menschen auf einer Bronzeplatte. Der traurige Anlass geriet zur Wiedersehensfeier für 150 ehemalige Waltershofer.

Ja, früher gab es noch den Fußball-Club Waltershof. Einen ehemaligen Garagenraum als Kirche, in der die Musik anfangs vom Plattenspieler kam, weil es keine Orgel gab. Später entstand die Matthiaskirche, die dann abgebaut und in Langenhorn, schließlich in Winterhude wieder errichtet wurde, bevor sie ausbrannte.

Weltweit bester "seamen's club"

Für viele Seefahrer ist der Duckdalben - Träger ist die Deutsche Seemannsmission Hamburg-Harburg - längst eine zweite Heimat geworden. Seit seiner Eröffnung kamen 743.000 Gäste (davon 622.000 Seeleute) aus 165 Ländern, den größten Besucheranteil haben mit 49 Prozent die Filipinos.

Zwischen 10 und 22.30 Uhr können die Seeleute an 365 Tagen im Jahr hier im Schatten der Eurogate-Containertürme entspannen, Fußball spielen, im Raum der Stille beten, im Internet surfen. 2011 belegte der "international seamen's club" bei einer Wahl als bestes Seeleute-Center der Welt Platz eins.

Nicht der einzige Superlativ, den Waltershof zu bieten hat. Schließlich beherbergt der Stadtteil auch die längste Straßenbrücke Deutschlands. Nein, nicht die 3618 Meter lange Köhlbrandbrücke, sondern die zwischen den Jahren 1971 und 1974 gebaute Hochstraße Elbmarsch, der 4258 Meter lange Teil der Autobahn A 7, der vor dem südlichen Neuen Elbtunnel Stützweiten bis zu 35 Metern hat.

Diese "Brücke" führt direkt zum neben der Köhlbrandbrücke wohl bekanntesten und in jedem Fall am meisten genutzten Ort des Stadtteils: dem 1975 eröffneten Neuen Elbtunnel, der Waltershof und Othmarschen verbindet. Das Bauwerk wird von rund 115.000 Fahrzeugen pro Tag durchquert und gehört mit 3325 Metern (davon 1056 Meter unter dem Flussbett) zu den längsten Unterwassertunneln weltweit. Während der Tunnel modernsten Sicherheitsstandards genügt, ist die Köhlbrandbrücke dem Untergang geweiht. Es gibt Planungen für einen Ersatzneubau, da die Stahlbetonkonstruktion nur noch wenige Jahre ihren Dienst verrichten kann.

Pro Jahr 5000 Schiffe

Heimat ist Waltershof heute vor allem für bunte Stahlboxen. Zwei große Containerterminals finden sich in Waltershof. Die Anlage der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA) am Burchardkai ist die größte und älteste Anlage für den Containerumschlag im Hamburger Hafen. Hier, wo man 1968 die ersten Boxen abfertigte, wird heute etwa jeder dritte Container des gesamten Hafens umgeschlagen. An zehn Liegeplätzen mit 25 Containerbrücken löschen Hafenarbeiter jährlich 5000 Schiffsladungen; täglich werden mehrere Hundert Eisenbahnwaggons be- und entladen.

Kaum noch Spuren der Vergangenheit

Aber Waltershof hat noch mehr zu bieten: Auf dem Boden der ehemaligen Elbinsel Große Dradenau, die heute vor allem als Lager- und Logistikstandort dient und auf der zwei Windenergieanlagen errichtet wurden, dominiert das Klärwerk der Hamburg Wasser. Schon 1958 wurde damit begonnen, über das Pumpwerk Hafenstraße das innerstädtische Abwasser über einen Elbdüker nach Köhlbrandhöft zu leiten. Im Jahr 1988 wurde das Klärwerk Dradenau eröffnet, das durch einen 90 Meter tiefen Abwasserkanal mit Köhlbrandhöft verbunden ist.

Historische Bauten jedoch sucht man heute bei einem Rundgang durch Waltershof fast vergebens. Lediglich vier Gebäude erinnern noch an vergangene Zeiten dieses Stadtteils, nämlich das Lotsenhaus Seemannshöft, früher eine Seemannsschule, die im Jahr 1913 erbaute Rugenberger Schleuse, die heute für Festivitäten buchbare Elbvilla Am Jachthafen sowie das Fabrikgebäude der Firma Brennicke ("Senfmühle"). Bald, so ist zu befürchten, bleiben nur noch die Erinnerungen.


Waltershof historisch

Was für eine Ehre: Nach Senator Walter Beckhoffs Gutshof wurde gleich ein ganzer Stadtteil benannt: der Waltershof. Klingt ziemlich informell. Einst hatte dieses Anwesen abgeschieden auf den Elbinseln Rugenbergen und Griesenwerder gelegen. Das stattliche Gutshaus war 1775 errichtet worden und befand sich bis 1858 (nach anderen Quellen: 1838) im Besitz der Familie Berens. Danach erwarb es die Stadt als Staatsdomäne – die Fläche als Ausbaureserve für den Hafen logischerweise stets im Auge behaltend. Schon vor dem Ersten Weltkrieg entstanden aus Teilen des Gebiets neue Hafenanlagen, unter anderem der Petroleumhafen (1911), der Parkhafen (1913) und der Maakenwerder Hafen (1924).

Die Häuser auf Zuwachs berechnet

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen in Waltershof zahlreiche Heimatvertriebene und ausgebombte Hamburger unter. Man sagte, dass am Waltershofer Anleger ständig Passanten mit Dachpappe oder Ziegelsteinen im Handwagen zu sehen waren und dass das Material für jedes Häuschen stückweise aus der Stadt geholt werden musste. In einem Zeitungsbericht von 1951 heißt es lakonisch: „Die Häuser – vom Laubenstil bis zum Steinbau, sind meistens auf Zuwachs berechnet. Bevor das nächste Kind kommt, mauert man noch eine kleine Stube dran.“ Damals lebten rund 8000 Menschen auf Waltershof – aber nur noch auf Zeit.

Schon Anfang der 1960er-Jahre war die Zahl der Einwohner auf rund 4000 gesunken. Einen makaberen Schub bekamen alle Umsiedelungspläne für die Waltershofer durch die Sturmflut 1962, die im Stadtteil fast 42 Menschenleben forderte. Die tief liegenden Gebiete Mühlenwerder Grund und Teile Griesenwerders waren stark in Mitleidenschaft gezogen und wurden kurzerhand für unbewohnbar erklärt. Den Einwohnern wurde unmissverständlich klargemacht, dass sie dort wegzuziehen hätten, und anders als wenige Jahrzehnte später beim benachbarten Altenwerder regte sich kein Widerstand. In einer plattdeutschen Kolumne des Hamburger Abendblatts stand damals: „De Floot hett dat Paradies wegwischt un veele von de Minschen, de dor an mitboot’ hefft, in den natten Dood reten. De annern seukt nu wedder ’n nee’e Heimot.“

Kurze Zeit später erfolgte das, was die Zeitungen „Amtliche Brandstiftung auf Waltershof“ nannten: Gartenhäuschen wurden unter Aufsicht niedergebrannt, der Boden planiert. An dem seit 1925 denkmalgeschützten Herrenhaus hatte der Zahn der Zeit zwar genagt, aber es stand immer noch stattlich dort. „Cum Deo aedificatum MDCCLXXV“– „Mit Gott im Jahre 1775 errichtet“ war über dem Portal zu lesen. Das Hamburger Abendblatt beschrieb das Haus 1961 so: „Ein verlorenes Paradies versucht vergeblich, sich gegen die unromantische Umgebung abzuschirmen.“

Das Herrenhaus wurde für den Elbtunnel abgebrochen

1969 musste das Anwesen dem Bau des neuen Elbtunnels weichen. Dahinter stehen heute – wie riesige Dinosaurierbeine – die Pylone der Köhlbrandbrücke auf Waltershofer Boden. Die Brücke verbindet Waltershof seit 1974 mit Steinwerder und ersetzt die zwei Trajekte, die zuvor zwischen den beiden Stadtteilen gependelt hatten. Manchen Hamburgern sind noch die beiden älteren dieser Fähren in Erinnerung, die wegen ihres merkwürdigen Aussehens auch Mississippi-Dampfer genannt wurden.

Der Maakenwerder Hafen, einst eine beliebte Badestelle, wurde inzwischen zugeschüttet, dort befindet sich jetzt das Containerterminal Burchardkai. Teil dieses Kais ist wiederum der Athabaskakai, der ziemlich genau zwischen Waltershof und Finkenwerder liegt. Der merkwürdige Name hat mit dem Schraubendampfer „Athabasca“ zu tun, der 1891 auf Höhe Övelgönne havariert war und dann von dem Dampfer „Procida“ gerammt wurde. Die „Athabasca“ sank und wurde schließlich an Land gezogen. Mehr als 20 Jahre lang soll ihr Vorschiff samt Beleuchtungsanlage als Gerippe dort liegen geblieben sein – lange genug, um für den Athabaska-Höft beziehungsweise für den Kai namensgebend zu werden, wenn auch in anderer Schreibweise. Ein Stadtteil ist Waltershof heute immer noch, aber Spuren aus der Zeit, als hier noch viele Menschen lebten, sind kaum noch zu finden.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018