Steinwerder - Mittendrin und dennoch weit weg

Aida PERLA
HA

 

Steinwerder bietet den anderen Blick auf Hamburg. Vor allem Touristen bestaunen von dieser Elbinsel aus das Panorama des Hafenrandes.

 

Fläche in Quadratkilometer: 11,9 (alle Angaben Steinwerder und Kleiner Grasbrook)
Einwohner: 1256
Wohngebäude: 70
Wohnungen: 735
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: -
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: -
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Steinwerder bietet den anderen Blick auf Hamburg, die Draufsicht, vis-à-vis der Hansestadt. Leider kann das im Alltag kaum ein Städter genießen, denn auf Steinwerder leben nur eine Handvoll Hamburger. Vor allem Touristen bestaunen Jahr für Jahr das Panorama des Hafenrandes, von gegenüber, beim Musicaltheater des "Königs der Löwen", am steinernen Strand der Elbinsel Steinwerder.

In diesem Stadtteil wird viel gearbeitet. Er ist die Herzkammer des Hafens, und damit im Grunde der ganzen Stadt. Doch kaum ein Hamburger dürfte Steinwerder kennen, und ein Auswärtiger schon gar nicht. Jährlich fahren viele Tausend Menschen von außerhalb durch Steinwerder. Aber die sitzen zumeist am Steuer eines Sattelschleppers und steuern mit ihrer Ladung ein Terminal im Hafen an. Steinwerder fasziniert in seiner industriellen Pracht und Hässlichkeit. Kaum einer jedoch, der hier unterwegs ist, hält freiwillig an. Denn der Hafen ist eine Maschine, die immer in Bewegung sein muss.

Weltmeister im Schiffbau

Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Hamburger Wirtschaft liegen auf Steinwerder so eng zusammen wie nirgends sonst. Im 19. Jahrhundert wurde hier der Aufstieg der Hansestadt zu einem Welthafen organisiert. Kern dessen war nicht nur der Handel, sondern auch der Schiffbau. Blohm + Voss, gegründet im Jahr 1877, wuchs während der stürmischen - und marinelastigen - Jugendjahre des Deutschen Reiches zur größten Werft der Welt, und es war nicht die einzige in Hamburg. Große Teile von Steinwerder dienten damals dem Schiffbau. Die Hansestadt war dessen wichtigster Standort weltweit, zumindest von der Jahrhundertwende bis zum Ende des Ersten Weltkriegs 1918.

Blohm + Voss gibt es noch heute, doch viel bescheidener als früher und auf Steinwerder mittlerweile fast allein. Die anderen großen Werften Stülcken, Schlieker und Howaldtswerke verschwanden. Einige kleinere blieben, die Norderwerft am Reiherstieg, die Frachtschiffe repariert, oder die Flint-Werft gleich daneben, eine Werkstatt für Hafenbarkassen. Auf beiden Werften dreht das Fernsehen gern Filme, denn die Zeit blieb hier schon vor Jahrzehnten scheinbar stehen.

Dabei ist im Hafen immer Wandel. An der Nordspitze von Steinwerder hat sich die Unterhaltungsbranche den Platz genommen, den Industrie und Logistik nicht mehr brauchen. Und das Musicalgewerbe besitzt hier einen der begehrtesten Spielorte Deutschlands. Der "König der Löwen" ist mittlerweile der Klassiker der Hamburger Musicals, seit 2001 wird er gespielt. Nebenan entstand ein Musicaltheater des Konzern Stage Entertainments, das unter anderem "Das Wunder von Bern" und "Mary Poppins" zeigte. Transport und Lagerei aber bleiben das bestimmende Geschäft in diesem zentralen Teil der Stadt. Container und Schwergut werden auf den Terminals bewegt, Massengut, Schrott und gebrauchte Automobile. Eine Vielzahl von Waren und Rohstoffen steht in den Lagerhallen drum herum.

Da ist noch viel Musik drin

Die Gestalt der Elbinsel wurde immer wieder verändert, angepasst an die Bedürfnisse von Hafen und Schifffahrt. Zerklüftet und zerrissen wirkt Steinwerder beim Blick auf die Karte und auch vor Ort, mit seinen Brücken und Schleusen, Terminals und Kais, Straßen, Schienen und düsteren Unterführungen. Geht es nach den Plänen der Stadt, wächst dort allerdings bald zusammen, was zusammengehört.

Steinwerder erscheint abgekämpft und müde an vielen seiner Ecken: das Kopfsteinpflaster des Reiherdamms, die Köhlbrandbrücke, die nur noch beim Blick aus der Ferne elegant wirkt, die alten Werften, denen die neuen Schiffe fehlen. Steinwerder aber bleibt ein Kraftzentrum des Hamburger Hafens. Auf den Terminals soll der Umschlag vor allem von Containern weiter kräftig wachsen.

Blohm + Voss hat den Zenit seiner Historie zwar längst überschritten. Den Anspruch, Höhepunkte des Schiffbaus zu schaffen, gibt die Werft trotzdem nicht auf. Die bisher größte Privatyacht wurde hier gebaut, die "Eclipse" mit 162 Meter Länge, abgeliefert Ende 2010 an den russischen Milliardär Roman Abramowitsch. Die "Queen Mary 2" wird im Trockendock Elbe 17 regelmäßig überholt, und viele andere Kreuzfahrtschiffe auch. Vor allem dann ist Blohm + Voss der größte Schönheitssalon Hamburgs.

Eine Sensation der Ingenieurskunst

Für die meisten Hamburger bleibt Steinwerder weit weg, die Insel bildet den Horizont für Flaneure auf den Landungsbrücken. Dabei gibt es eine prominente Verbindung, den Alten Elbtunnel. Er war eine Sensation der Ingenieurskunst, als er im Jahr 1911 den Betrieb aufnahm. Heute ist er vor allem Denkmal, liebevoll restauriert zum 100. Jubiläum. Mancher, der im Hafen arbeitet, nimmt noch immer den Weg unter der Elbe entlang, von den Landungsbrücken nach Steinwerder und zurück, in den rumpelnden Fahrgastkörben hinunter und wieder hinauf. Doch die meisten fahren heutzutage außen herum.

Steinwerder wird wohl noch lange bleiben, was es heute ist, ein Motor des Hamburger Hafens, riechend und schwitzend, kraftvoll und mürbe zugleich. Die Schläge der Niethämmer, die früher bei Tag und bei Nacht von den Werften durch die Stadt dröhnten, sind längst verstummt. Wenn auch das Konzert von Steinwerder verklingen würde, das Brummen und Rauschen, das Saugen, Ziehen und Stöhnen eines immer laufenden Hafens, dann müsste sich Hamburg Sorgen machen.


Steinwerder historisch

Diesen Stadtteil kann man – heute wie auch im historischen Rückblick – als das Herzstück des Hafens bezeichnen. Hier wurden die Schiffe gebaut und überholt, die von Hamburg aus in die ganze Welt fuhren. Hier war „Waterkant pur“. Namen wie Steinwerder, Kuhwerder, Roß oder Ellerholz gehen auf Elbinseln zurück – oder auf die darauf liegenden Pachthöfe alter Zeit. Später waren sie dann fast nur noch als Namen der Hafenbecken oder -anlagen erhalten. Nach 1840 war Steinwerder einigermaßen hochwassersicher aufgehöht. Früh entstanden hier die ersten Hafenanlagen, aus denen sich die Schiffswerften entwickelten, die Hamburgs Namen bald in der ganzen Welt bekannt machen würden. 1846 war die Stülcken- Werft gegründet worden, deren weithin sichtbare Helgen heute noch vielen Hamburgern in Erinnerung sind. 1877 pachteten Hermann Blohm und Ernst Voss von der Stadt ein 15 000 Quadratmeter großes Gelände auf Kuhwerder, das heute schon lange Teil Steinwerders ist. Sie mussten das Land erst einmal mühsam trockenlegen, hatten zunächst keine Aufträge, und die Arbeitskräfte standen auch nicht gerade Schlange.

1878 wurde erstmals im Werk die neue Dampfmaschine angeworfen – über ihr prangt in großen Buchstaben der Firmenname Blohm + Voss.

Der Elbtunnel verbindet, der Kaiser weiht ein

Der groß angelegte Ausbau der Hafenanlagen auf Steinwerder erfolgte dann vor allem zwischen 1888 und 1913. Die Arbeitskräfte kamen aus der Neustadt und St. Pauli nach Steinwerder, das seit 1911 über den (Alten) Elbtunnel erreicht werden kann. Wenn man sich den Blick über Steinwerder anno 1910 aus der Luft vorstellt,sah es dort ungefähr so aus: Das Werftgelände von Blohm + Voss lag schon damals zwischen der Norderelbe und dem Kuhwerder Hafen. Dahinter (in Richtung Süden im Uhrzeigersinn) folgten Kaiser-Wilhelm-Hafen, Ellerholzhafen und abschließend Rosshafen, das Gelände der Vulkanwerft (zunächst Vulcan- geschrieben) und der Kohlenschiffhafen. Östlich von Blohm + Voss, den Landungsbrücken gegenüber, lag eine Badeanstalt, dann folgten in östlicher Richtung der Fährkanal, das Gelände der Stülcken-Werft (heute steht hier das Theater im Hafen mit dem Musical „Der König der Löwen“) und anschließend der Reiherstieg. Welche ungeheure Größe allein die Anlagen der HAPAG hatten, ist heute nur noch wenig bekannt. Hier ein paar erstaunliche Fakten: 1898 war die 1847 gegründete „Hamburg-Amerikanische Packetfahrt- Actien-Gesellschaft“ (HAPAG) mit der Stadt übereingekommen, auf dem Kuhwerder neue Hafenanlagen zu bauen.

Nach der Einweihung durch Kaiser Wilhelm II. im Jahr 1903 verfügte das Weltunternehmen dort über zwei große Hafenbecken mit je zehn Meter Wasser- tiefe, den Kaiser Wilhelm- und den Ellerholzhafen, die zusammen über drei Kilometer Kailänge aufboten. Diese beiden Häfen umfassten zusammen mehr als 530 000 Quadratmeter Wasserfläche – ein Viertel des Hamburger Hafenraums. Am Kopfende des Kaiser-Wilhelm-Hafens stand ein imposantes Inspektionsgebäude, 22 Kilometer Eisenbahngleise und 140 Mobilkräne waren im Dauereinsatz. Für die Lagerung der Güter hatte man sieben Doppelhallen gebaut, jede fast 500 Meter lang. Die Hallen boten eine Lagerfläche von 137 500 Quadratmetern – ein Drittel der überdachten Fläche des Hafens. Die HAPAG, damals die größte Reederei der Welt, beschäftigte im Hafen rund 6000 Menschen. So steht es in der Chronik, die zum 150-jährigen Bestehen Hapag-Lloyds erschien.

Hamburgs erste Seemannsschule

Die erste Hamburger Seemannsschule war bereits im Dezember 1862 auf Steinwerder eröffnet worden. Initiatoren waren eine Reihe namhafter Hamburger Kaufleute und Reeder, unter ihnen Robert Miles Sloman und Ferdinand Laeisz. Ziel war eine lebensnahe Schulung für den harten Alltag auf See. Auf dem Plan standen unter anderem körperliche Ertüchtigung wie Rudern, Klettern, Schwimmen, aber auch Erziehung zu Ordnung und Pünktlichkeit. 1889 zog die Schule nach Waltershof, später dann nach Finkenwerder

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018