Veddel - Etwas rau, aber auch ganz schön bunt

Veddel
HA

 

Die Veddel ist das unbeliebte Stiefkind der Stadt. Rau, schwierig, trotzig. Und dennoch: Nirgendwo ist Hamburg so international wie hier.

 

Fläche in Quadratkilometer: 4,4
Einwohner: 4632
Wohngebäude: 210
Wohnungen: 2040
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 196
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Hamburgs Schönheit liegt nur teilweise in den strahlend weißen Villen von Harvestehude, im glänzenden Licht der Alster. Hamburgs Schönheit liegt in der Nähe der absoluten Gegensätze. Nur 15 Autominuten entfernt vom altehrwürdigen Hotel Atlantic, von den noblen Innenstadtquartieren und poppig-bunten Einkaufsmeilen beginnt eine andere Welt.


Hier erstreckt sich die Veddel im wenig glamourösen Hamburger Süden über drei Inseln der Elbe. Ein Rest Hafenromantik weht dem Besucher um die Ohren. Die wildesten Geräusche tönen von den Ufern herüber: Stahlspinnen heulen, Kräne kreischen über die Schienen, Lastwagen rangieren, die S-Bahn rattert. Von weit her ertönt das zänkische Geschrei der Möwen.


Mehr Nationen sind nirgendwo


Lange Zeit hat der Stadtteil völlig unbeobachtet und abgeschottet mitten im Hafen gelegen. Ein wenig vergessen wirkt er heute immer noch. Die Veddel ist das ungeliebte Stiefkind der Stadt: rau, schwierig, trotzig. Der denkbar größte Gegensatz zu Perlenkette und Barbourjacke. Ein Dorf mitten in der Großstadt, das nach eigenen Regeln funktioniert. Doch wer sich auf den leicht schrottigen Industrieanlagen-Charme des Viertels einlässt, zu dem auch der Müggenburger Zollhafen und die Binneninsel Peute zählen, entdeckt seine lebendige Vielfalt und bekommt eine Ahnung, wie das Heimatgefühl zustande kommt, das viele der 5000 Bewohner empfinden.


Viele "alte" Veddeler leben hier, die sich noch an die frühen Jahre der Großsiedlung erinnern. Zu Hause fühlen sich auch die vielen Migranten - teilweise schon seit Jahrzehnten: Schwarzafrikaner, türkische, albanische, mazedonische Familien, Portugiesen. Nirgendwo ist Hamburg so international wie auf der Veddel.
Das Zusammenleben ist geprägt von stark ausdifferenzierten Haltungen. Geschmack, Lebensentwürfe, Herkunft und Meinungen, soziale und persönliche Belange gehen weit auseinander. Die Veddel auf einen Begriff zu bringen, will man nicht das viel bemühte Klischee des sozialen Brennpunktes bemühen, ist deshalb beinahe unmöglich.


Inselgefühl, das Fernweh stillt


Vor ein paar Jahren hat der Trend begonnen, dass Studenten und Kreative sich zunehmend der Veddel zuwandten - auch weil die Stadt sich mit einem Förderprogramm finanziell beteiligte. Die Hoffnung, dass hier zukunftsträchtige Künstler-Enklaven entstehen, Galeristen sich an die Fersen von Jungmalern heften, gefolgt von Boutiquen, Bars und schließlich zahlungskräftiger Klientel, hat sich allerdings bislang nicht erfüllt. Aber doch die Zuwendung einiger junger Gegen-den-Strom-Schwimmer.


"Ich habe mich gleich bei der Wohnungsbesichtigung in die Veddel verliebt", sagt eine Studentin der Hochschule für bildende Künste, die drei Jahre im Stadtteil gelebt hat. "Das Inselgefühl hat mein Fernweh gestillt, alles war angenehm unhip. Ich mochte die Ruhe, die Straßenfeste mit lauter Autoradiomusik, die Mischung verschiedenster Nationalitäten, Studenten und alter Hafenarbeiter." Nun lebt sie bei ihrem Freund im Grindelviertel, vermisst "Elbe, Bahngeratter und supergünstiges Gemüse vom Türken um die Ecke". Manch einer mag beim Betreten der Veddel einen Kulturschock erleiden, für andere macht genau das den Reiz des Viertels aus.


Geschütztes Milieu


Vom baulichen Standpunkt aus betrachtet, gehört die Veddel zu den schöneren Ecken der Stadt. Viele Gebäude sind denkmalgeschützt, weshalb der gesamte Stadtteil als milieugeschützt gilt. Wer hier bauen will, muss die Erlaubnis der Denkmalschutzbehörde einholen. Vor allem auf der Veddeler Brückenstraße, der Zufahrt zu den neuen Elbbrücken, findet man sie in großer Zahl, die Rotklinker-Schumacher-Bauten aus den 1920er-Jahren.


Morgens, wenn die Kinder in der Schule sind, die Hausfrauen kochen und die Beschäftigten ausgerückt sind, ist es still hier. Erst am späten Nachmittag kommt Leben in die Straße, was bei sommerlichen Temperaturen durchaus an die Flanierboulevards in südlichen Ländern erinnert: Hier ein Getränk, dort ein Schnack, Musik weht durch die Luft.


Eines der kinderreichsten Viertel


Die Veddel war schon vor mehr als 100 Jahren ein Ort, der Geschichten erzählt; ein Ort des Aufbruchs für Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen. Kein passenderer Ort ließe sich finden für das Auswanderermuseum BallinStadt - gelegen genau dort, wo sich rund fünf Millionen Menschen zwischen 1850 und 1939 über Hamburg aufmachten in eine verheißungsvollere Zukunft.


Hier können die Besucher sämtliche Phasen der Emigration nacherleben. Wohn- und Schlafpavillons auf den Auswandererschiffen sind originalgetreu nachgebaut, historische Exponate wie alte Passagierbriefe neben interaktiven Audio- und Videoelementen ausgestellt. Wer mag, kann hier sogar Familienforschung betreiben und im weltweit größten Bestand an Passagierlisten stöbern. 90.000 Besucher pro Jahr strömen in das Museum, darunter 2000 Schüler. Die Veddel ist einer der kinderreichsten Stadtteile Hamburgs. Und nicht nur deshalb ein Viertel, das eine spannende Zukunft vor sich hat.

 

Veddel historisch

Historisch betrachtet ist es schon etwas skurril, dass die Veddel heute auf dem Weg sein soll, ein szeniger Stadtteil zu werden. Vor 100 Jahren trank dort niemand Milchkaffee im Straßencafé, aber als Wohnort war sie schon damals „in“. Die Inseln Veddel (der Name bedeutet vermutlich Weideland) und Peute waren 1768 zu Hamburg gekommen. Um 1814 lebten auf der Veddel 267 Menschen, Haupteinnahmequelle war der Milchhandel.


Nach dem Zollanschluss wurde sie Hafen- und Industriegebiet. Den westlichen Teil, die Insel Große Veddel, machte man zur geräumten Freihafenfläche, die Kleine Veddel wurde erhöht und zum Wohngebiet ausgestaltet. Und diese Gegend war dann auch tatsächlich schon damals ein Magnet für diejenigen, die im eigenen Häuschen hafen- und stadtnah wohnen wollten.


Von 1879 an wurde nämlich von einer gemeinnützigen Baugesellschaft auf Initiative und unter Vorsitz des Reeders Robert Miles Sloman vor Ort eine gartenstadtähnliche Siedlung (Slomansiedlung) errichtet. Als Käufer für die günstigen Häuser kamen Hafenarbeiter infrage, die in der Nähe arbeiteten. Schließlich wurden 192 Gartenhäuser am Sieldeich fertiggestellt und relativ schnell verkauft. Die Häuser waren maximal 6,60 Meter breit, das Wohnzimmer hatte – als größter Raum – ungefähr 12,3 Quadratmeter zu bieten.


Straßenbahn, Badeanstalt und Auswandererhalle


Unterdessen gingen der Ausbau des Hafens und die Umgestaltung der Hamburger Innenstadt zügig weiter. Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Veddel durch die neue Elbbrücke mit der Stadt verbunden, zugleich aber auch von ihr abgeschnitten. Man fuhr dort sozusagen nur noch vorbei. Die Dampffähre war nach Fertigstellung der Brücke im Sommer 1887 eingestellt worden, von 1890 an pendelte die Pferdebahn zwischen Landungsbrücken und der Veddel, 1894 kam die Ausweitung der elektrifizierten Strecke bis Schlump.


Im selben Jahr wurde die Veddel Stadtteil Hamburgs – mit 3929 Einwohnern. Wie Chronistin Iris Groschek schreibt, stieg die Einwohnerzahl zwischen 1895 und 1920 von 4300 auf 5300. 1901 wurden die Auswandererhallen am Veddeler Bogen in Betrieb genommen, an die heute das Museum BallinStadt erinnert. Seit 1887 gab es vor Ort auch eine Badeanstalt – unterteilt in Männer- und Frauenbad. Sie war dorthin verlegt worden, nachdem die vorherige Badestelle am Grasbrook wegen des ständig zunehmenden Schiffsverkehrs schließen musste.


Zu den vielen Menschen, die als Neubewohner auf die Veddel strömten, gehörten auch diejenigen, die im Zuge der Sanierung der Gängeviertel in Alt- und Neustadt ihre Wohnungen verloren – zum Beispiel durch den Bau des Kontorhausviertels. Die Slomanschen Häuser genügten inzwischen nicht mehr den Anforderungen, auch brauchten sie nach Ansicht der Stadtväter in der Relation zur Bewohnerzahl zu viel Raum. 1914 kündigte man den Grundbesitzern, und Pläne für die völlige Umgestaltung der Gegend wurden auf den Weg gebracht.


Wegen des Beginns des Ersten Weltkriegs musste das Bauprojekt zunächst verschoben werden. Erst 1928 – die Gartenstadt war inzwischen bis auf ein paar Häuschen abgerissen – wurden unter der Regie von Oberbaudirektor Fritz Schumacher Wohnblöcke für 2000 Menschen errichtet. Die zum Teil straßenlangen Häuser waren einheitlich gestaltet, die Wohnungen relativ klein. Von Schumachers Visionen, die er parallel bei der Bebauung des Dulsbergs und der Jarrestadt umsetzte, war und ist hier weniger zu spüren, was möglicherweise den schwierigen Zeitumständen geschuldet war.


Die Explosion an der Hovestraße


Die Veddel war mittlerweile zu einem der bedeutendsten Industriestandorte Hamburgs geworden. Neben unzähligen Gewerbebetrieben hatten namhafte Unternehmen immer mehr Fabriken errichtet. Zum wichtigsten Arbeitgeber entwickelte sich dabei von 1910 an die Norddeutsche Affinierie. Im Mai 1928 ereignete sich ein schweres Unglück: Eine Explosion in der chemischen Fabrik Dr. Stoltzenberg an der Hovestraße forderte zwölf Todesopfer und mindestens 325 Verletzte.


Nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, denen im Norden der Veddel auch schöne Gründerzeithäuser zum Opfer fielen, ging es mit dem Stadtteil zügig bergab. Seit Jahren als Industriestandort geradezu ausgequetscht und wohnungsbaupolitisch vernachlässigt, wurde die alte Elbinsel als Wohnort immer unattraktiver. Auch der ständig zunehmende Verkehr trug dazu bei – über den Veddeler Marktplatz führt heute die Autobahn. In den vergangenen Jahren wurde Etliches getan, um die Veddel wieder stärker ins Bewusstsein der Hamburger zu rücken und sie insgesamt aufzuwerten.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018