Neustadt - Ein Viertel, das Geschichte schrieb

Peterstraße
Christian Ohde

 

Die Neustadt ist Hamburgs bekanntester und zugleich unbekanntester Stadtteil. An der Historie kommt man in der Neustadt nicht vorbei.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,3
Einwohner: 12.657
Wohngebäude: 638
Wohnungen: 7329
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: keine Daten
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 4265
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Städte sind Gesamtkunstwerke, und sie lassen sich nur für die Kollegen von der Vereinfachungs-Fraktion auf einen Nenner bringen. Es ist doch klar, dass eine Stadt gerade interessant ist, wenn sie in bunten Farben schillert: Sie setzt sich wie ein Mosaik zusammen. Bricht man ein Stück heraus, klafft da eine Lücke. Hamburg ohne St. Georg, Harburg, Ottensen oder Wandsbek? Schwer vorstellbar. Und doch gibt es Stadtteile, die prominenter sind als andere oder wichtiger, natürlich nur gefühlt. Oder wie soll man das formulieren, wenn zu einem Stadtteil der Michel, die Binnenalster, der Gänsemarkt und Planten un Blomen gehören?

In der Sprache des Tourismus nennt man Orte mit herausragender geschichtlicher oder optischer Bedeutung Sehenswürdigkeiten: Den Michel und den Jungfernstieg kennt jeder. Es soll aber selbst in Hamburg Menschen geben, die nicht wissen, wie der Stadtteil heißt, in dem sich die genannten Hotspots befinden. Innenstadt? City? Altstadt? Nicht ganz: Hamburgs bekanntester-unbekanntester Stadtteil ist die Neustadt.

Sie liegt im Herzen Hamburgs: zwischen Stephansplatz und Landungsbrücken, den Wallanlagen und dem Neuen Wall. Sagen wir mal so: Ohne die Neustadt wäre Hamburg arm dran. Zwar gingen der Stadt mit gut 12.000 Einwohnern verhältnismäßig wenige Einwohner verloren - und auch die 2,3 Quadratkilometer Fläche wären zu verschmerzen. Was würde der Hansestadt aber nicht alles fehlen: das Gängeviertel, der Großneumarkt, die Laeiszhalle, das Portugiesenviertel, die Hamburgische Staatsoper und das Museum für Hamburgische Geschichte.

Hamburgs Herz unter Bismarcks Blick

An der Historie kommt man in der Neustadt nicht vorbei. Das Gängeviertel ist ein Überbleibsel der alten, engen Wohnquartiere und heute fest in Künstler-Hand, der Michel, 1648 erstmals erbaut, ist Hamburgs bekannteste Kirche. Heute ist die Gemeinde verhältnismäßig klein. Früher war das anders: In der Neustadt lebten im Jahr 1885 noch fast 100.000 Menschen.

Die "große" Geschichte ist hier übrigens im Alten Elbpark zu besichtigen, das Bismarck-Denkmal zu Ehren des Reichsgründers ist weithin sichtbar. Über 33 Meter hoch, gebaut auf einem Hügel: ein steinernes Monument. Der olle Bismarck kann zwar nicht bis in seinen Sachsenwald schauen, aber das Herz von Hamburg sieht er genau vor sich.

Überhaupt ist die Neustadt die Heimat eindrucksvoller Erscheinungen. Der Neue Wall erinnert insbesondere mit dem Görtz-Palais, einem riesigen Stadthaus, an die Anfänge des mondänen Hamburgs. Anfang des 18. Jahrhunderts lebte in den Protzvillen der Geldadel. Vielleicht sollte man hier seinen Rundgang durch den Stadtteil beginnen.

Heute befinden sich am Neuen Wall Geschäfte und Kontore. Gleiches gilt für die Großen Bleichen, Hamburg Shopping-City. Jenseits der Fuhlentwiete, in der charmanten Wexstraße, kann man auch einkaufen - freilich verändert sich der Charakter der Neustadt, je weiter man in den Südwesten geht, grundsätzlich.

"Hummelbummel" auf dem Strich

Im Nordteil, zu dem Stephansplatz, Esplanade und Jungfernstieg gehören, wird (außer im Vier Jahreszeiten) eher nicht gewohnt, sondern Handel getrieben, in Büros gearbeitet, flaniert und konsumiert. Gelebt wird vornehmlich weiter Richtung Elbe - obwohl auch der Großneumarkt und das Hafenviertel zu ausgedehnten Spaziergängen einladen. Ganz früher, bis um die vorletzte Jahrhundertwende, befand sich in der Neustadt das Judenviertel, in der Poolstraße stand einst der reformjüdische Tempel. Später wanderte die Gemeinde ins Grindelviertel ab, heute erinnert nichts mehr an die jüdische Vergangenheit der Neustadt.

Über den Großneumarkt verläuft eine rote Linie. Und nicht nur da; es lohnt sich in der Neustadt, ab und an die Nase auf den Boden zu richten. Entlang des roten Fadens kann hier jeder den "Hummelbummel" machen und von einem Relikt des alten, historischen Hamburgs zum andern wandern. Und dabei sehen, wie sich das Gesicht des Quartiers verändert hat: Wo früher der Jüdische Friedhof war, sind jetzt Gebäude. Das Geburtshaus Carl von Ossietzkys in der Michaelisstraße steht noch. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch das Geburtshaus Felix Mendelssohn Bartholdys anschauen. Es liegt quasi direkt nebenan.

Die größte Restaurantdichte der Stadt

Die wahrscheinlich größte Restaurant- und Cafédichte hat Hamburg im Portugiesenviertel: Bei 40 hört man dann mal auf zu zählen. Das Portugiesenviertel heißt so, weil sich hier einst portugiesische Zuwanderer ansiedelten - und spanische. Ein paar der früheren maritimen Läden sind immer noch da, dort kann man Modellschiffe kaufen und andere Hamburgensien. Interessant ist das Portugiesenviertel mittlerweile aber vor allem für die Latte-macchiato-Fraktion, die hier gerne ihren Kaffee trinkt. In Klein-Portugal heißt der übrigens Galão.

Wer mal einen Tag in der Neustadt verbringt, der sollte diesen auf jeden Fall im Portugiesenviertel ausklingen lassen: Hier strömen alle Hafenbesucher hinein, und weil Touristen nicht immer nur nerven, fühlt man sich selbst so, als hätte man Urlaub. Hier kann man es aushalten. Man kann auch weg, natürlich, gerade hier: Die Landungsbrücken sind nicht weit entfernt, da fährt ja schon wieder ein großer Kreuzer dem Meer entgegen. Und der Michel blickt ihm verlässlich nach.


Neustadt historisch

Das gibt es auch in anderen Städten: Die Neustadt ist gar kein neuer Stadtteil, sondern sogar ein ziemlich alter – in Hamburg genau genommen der zweitälteste. Etwas verwirrend ist dabei nur, dass Hamburgs Altstadt ursprünglich zum Teil auch aus einer (gräflichen) Neustadt bestanden hatte, die historisch betrachtet nichts mit dem heutigen Stadtteil zu tun hat.

Der wurde erst im Zuge von Stadterweiterungen im 17. Jahrhundert Teil der inneren Stadt, wobei neben dem Anwachsen der Bevölkerungszahlen auch militärisches Kalkül mit im Spiel gewesen sein dürfte. Denn von diesem deutlich höher liegenden Teil der Stadt schien die Festung Hamburg weniger angreifbar. Die Neustadt entsprach im Wesentlichen dem Kirchspiel St. Michaelis, das heißt, sie bestand – vereinfacht dargestellt – aus der Gegend rund um die erste (1648 – 61 erbaute) Michaeliskirche.

Der Gänsemarkt war gar kein Markt

Zahlreiche Ecken, die wir heute beim Ausflug in „die Stadt“ aufsuchen, wurden damals angelegt und aufgebaut. Der aus der Zeit um 1625 stammende Gänsemarkt war ursprünglich gar kein Markt, sondern ein Platz, auf dem Gänse gesammelt wurden, um durch das Dammtor auf die nördlich der Stadt gelegenen Weiden getrieben zu werden.

Nach dem Abbruch des Doms (1804 – 1807) wurde der Weihnachtsmarkt zum Gänsemarkt verlegt, an dem 1678 die erste bürgerliche Oper Europas eröffnet worden war. Ein anderes Beispiel: Als der geniale Festungsbaumeister Johan van Valckenburgh die heutige Neustadt aufteilte, sparte er neben den Flächen von Gänse- und Schaarmarkt unter anderem auch den „großen Neumarkt“ (es gab auch einen kleinen) als Freifläche aus. Dieser Großneumarkt wurde zum Sammelplatz der Bürgerwache, später entstand hier die Hauptwache von Nachtwache beziehungsweise Polizei.

1750 – 1762 war die St.-Michaelis-Kirche, Hamburgs beliebter Michel, neu erbaut worden. Obwohl er noch genauso aussieht wie damals, ist der heutige Bau nicht mit dem alten identisch. 1906 brannte der Michel bei einem Großfeuer nieder und wurde in den Jahren 1907 – 1912 im selben Stil völlig neu aufgebaut. Alte Fotos, auf denen der Brand eingefangen ist, zeigen deutlich, wie dicht und eng die Gegend um die Kirche damals bereits bebaut war. Die aus dem 17. Jahrhundert stammenden Krameramtswohnungen am Krayenkamp vermitteln noch heute einen Eindruck davon.

Zwischen Gängevierteln und schicken Ladengeschäften

Die Neustadt wurde schon zum Ende des 18. Jahrhunderts immer stärker mit einfachsten Wohnquartieren zugepflastert, vor allem zwischen Michel und Hafen. Hier, in der Neustadt-Süd, entstand ein großes Gängeviertel, in dem gering Verdienende lebten und Hafen- und Hilfsarbeiter günstige Quartiere fanden. 1867 war mit der Wexstraße eine erste große Schneise durch das Gängeviertel der nördlichen Neustadt geschlagen worden, 1893 entstand, beinahe parallel dazu, die Kaiser-Wilhelm-Straße.

In Richtung Binnenalster wurde die Gegend immer großbürgerlicher, und hier entstanden früh namhafte Ladengeschäfte. Am Jungfernstieg war nach dem Großen Brand mit Sillem’s Bazar sogar Hamburgs erste Einkaufspassage errichtet worden. Die noch übrig gebliebenen, zusammenhängenden Reste der neustädtischen Gängeviertel (vereinzelte Ecken gibt es heute noch bei der Caffamacherreihe) in der Nähe des Großneumarktes wurden zwischen 1933 und 38 abgerissen, auch weil sie als KPD-Hochburg galten.

Die massiven Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, auch und vor allem rund um den Michel, veränderten die Struktur der Gegend stark. Die Neustadt wurde weit weniger zu einem Wohngebiet als vor dem Krieg aufgebaut. Stattdessen entstanden hier jede Menge Firmenzentralen und sonstige Bürobauten, was zu einem starken Einwohnerrückgang führte. Der Bau der 2,5 Kilometer langen Ost-West-Straße (heute Willy-Brandt-Straße beziehungsweise Ludwig-Erhard-Straße) teilte die Neustadt sehr stark und schnitt einige Bereiche regelrecht vom Hafengebiet ab.

 

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018