Spadenland - Wiese, Deich und Strom

Spadenland, Reetdachhaus, Dorferbopen 78
Piel

 

Schafe im öffentlichen Dienst, ein Tresen mit Erinnerungen. Und zum Trubel der Stadt ist es nur ein Katzensprung. Das ist das Spadenland.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,4
Einwohner: 506
Wohngebäude: 114
Wohnungen: 208
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 223
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Spadenland. Am Himmel, der sich weit über Wiese, Deich und Strom spannt, schweben Schäfchenwolken bis zum Horizont, hingetupft in zartem Weiß auf lichthellem Blau. Und unten auf dem Deich weidet eine bodenständige Schafherde im Auftrag der Freien und Hansestadt Hamburg. Rapps, rapps, rapps: Es ist ein merkwürdiges, aber sehr beruhigendes Geräusch, wenn mehr als 100 Schafe nichts anderes tun, als einträchtig Gras zu zupfen und es gleich darauf schmatzend zu verzehren.

Aber so idyllisch es auch anmutet, die Schafe sind im Dienst. Sie betreiben unter Aufsicht des Landesbetriebes Straßen, Brücken und Gewässer aktiven Deichschutz, indem sie den Spadenländer Hauptdeich beweiden, das Gras kurz halten und den Boden durch ihr Getrappel festtreten.

Stadt und Land, die Begriffe scheinen hier zu verschwimmen, und wer es nicht weiß, wird kaum auf die Idee kommen, dass es sich bei der ländlichen Idylle von Spadenland keineswegs um ein Dorf, sondern um einen Hamburger Stadtteil handelt. Und das im Prinzip schon seit dem Jahr 1395, als die Hansestadt das Gebiet zur Sicherung von Handel und Schifffahrt erworben hat.

Tomaten und Gurken vom Erzeuger

Gewächshäuser bestimmen heute das Bild, denn auf dem fruchtbaren Marschland wird seit Generationen vor allem Gemüse angebaut. Kaufen kann man Tomaten, Gurken oder Kohlrabi in einem der Hofläden, etwa bei der alteingesessenen Familie Rolffs am Spadenländer Hauptdeich 55.

Geprägt wird das Ortsbild von ein paar schmucklosen Gebäuden aus den 60er- und 70er-Jahren, aber man findet auch alte Bauernhäuser mit Reetdach, die von ansprechenden Gärten umgeben sind und manchmal von knorrigen Kopfweiden vor dem Wind geschützt werden. Der weht hier oft heftig und kriecht jenen, die auf dem Deich unterwegs sind, im Winterhalbjahr unbarmherzig unter die Kleider.

Simone Vollstädt hat aber lange über die Geschichte von Orten wie Spadenland, Ochsenwerder, Tatenberg und Moorwerder geforscht und mehrere heimatkundliche Bücher geschrieben, in denen sie Geschichte erzählt und manchmal auch Geschichten. Zum Beispiel Geschichten über Häuser, die hier am Deich stehen, wie das Haus, in dem ein Gerber im 19. Jahrhundert die weit über Hamburg hinaus bekannte Firma Leder-Schüler gegründet hat.

"Spadenland ist von Ochsenwerder aus bedeicht und besiedelt worden", erklärt die Autorin: "Aber zunächst durften dort keine Häuser erbaut werden. Die Äcker und Wiesen wurden von Bauern aus Ochsenwerder bewirtschaftet, die das Land den Gezeiten entzogen hatten." Auch später, als es in Spadenland längst Bauernhöfe gab, blieb die Verbindung zu Ochsenwerder eng, denn hier gingen die Kinder zur Schule, und jeden Sonntag machten sich die Familien auf den Weg zum Kirchgang in die schmucke Ochsenwerder St.-Pankratius-Kirche.

Bricht der Deich, ist alles dahin

Tatsache bleibt, dass die Menschen hier seit Generationen im Bewusstsein einer latenten Gefahr leben: Der Deich darf nicht brechen, sonst ist alles dahin. Im Februar 1962, als Hamburg von einer verheerenden Sturmflut heimgesucht wurde, haben die Deiche zumindest hier gehalten. Aber es war sehr knapp, wie sich viele ältere Bewohner erinnern, und anschließend musste gehandelt werden. Um weitere Katastrophen zu verhindern, wurde die Deichlinie Mitte der 1960er-Jahre nach hinten verlegt und auch später immer wieder ausgebaut. Dadurch entstand an der Spadenländer Spitze eine Auenlandschaft, die sich zu einem Biotop für bedrohte Pflanzen und Tiere entwickelte.

Die Wiege der Liedertafel Melodia

Jeder im Ort weiß, dass man sich im Ernstfall zum Beispiel an der Bushaltestelle Spadenländer Elbdeich trifft, die als "Sammelstelle bei Sturmflut" ausgewiesen ist. Die Mitglieder der freiwilligen Feuerwehr, die schon seit 1893 besteht, werden ein paar Hundert Meter weiter zur Feuerwache und zum "Depot Deichverteidigung" eilen, denn dort stehen Tausende gefüllte Sandsäcke bereit, mit denen sich ein gefährdeter Deichabschnitt verstärken lässt.

Bei der Deichverlegung mussten viele alte Häuser abgerissen werden, darunter auch Stimmann's Gasthof, eine Institution, die als Ausflugsgaststätte einen guten Ruf besaß. Hier hatten sich am 1. Oktober 1887 einige sangesfreudige Männer getroffen und die Liedertafel Melodia gegründet, die sich 1991 mit dem Ochsenwerder Gesangsverein Frohsinn von 1890 zusammenschloss.

Einheimische und Ausflügler treffen sich gern im Restaurant Zum goldenen Kringel, dessen Name an eine früher an der gegenüberliegenden Straßenseite bestehende Bäckerei erinnert. Die Architektur der 1976 errichteten Gaststätte ist zwar nicht preisverdächtig, hat aber einen großen Vorteil: Von der verglasten Fensterfront bietet sich ein vorzüglicher Blick über die Deiche hinweg auf die träge dahinfließende Norderelbe und die Auenlandschaft.

Fußball gucken im Manneletti

Aber es gibt noch einen anderen, eher privaten Treffpunkt im Stadtteil, der besonders bei Fußballfans beliebt ist: Die verabreden sich im Manneletti bei Manfred Witthöft. Der Besitzer der Firma Witthöfts Küchentechnik hat dem letzten Tresen der legendären Disco Capeletti aus Kirchwerder eine neue Heimat gegeben.

Das 1955 am Elbdeich eröffnete Tanzlokal, das in den 70er-Jahren zu einer sehr beliebten Diskothek mutierte, wurde 2002 geschlossen und abgerissen. Bis auf den zünftigen Schanktisch, den sich Manfred Witthöft schenken ließ und in seine Lagerhalle an der Ochsenwerder Landstraße versetzt hat. Dort ist der Tresen im Manneletti inzwischen Kult, sowohl bei manchen älteren Spadenländern, die sich wehmütig an durchtanzte Nächte im einstigen Capeletti erinnern, vor allem aber bei jungen Leuten. Die sitzen hier gern, um bei einem Bier gemeinsam Fußball zu gucken. Oder sie klönen bis tief in die Nacht, schmieden Pläne und zeigen, dass man in Spadenland mehr machen kann, als die Schäfchen auf dem Deich zu zählen.

 

Spadenland historisch

Die heutigen Stadtteile der Marschlande waren bis ins 12. Jahrhundert hinein zerklüftete, dünn besiedelte Inseln zwischen der Geest und der Elbe. Zwar hatte es dort schon früh kleine Ortschaften gegeben, aber eine richtige Nutzung war erst durch die Landgewinnungsmaßnahmen um 1200 möglich geworden.

Wenn man sich heute die massiven Deiche dieser Gegend ansieht, wird klar, wie hart die ersten Versuche mit Deichbau und Landentwässerung gewesen sein müssen und wie viele Rückschläge und Enttäuschungen es damals gegeben haben dürfte. Deichbau und -schutz gehörten zu den Pflichten jedes Bewohners dieser Gegend.

Das galt auch für die Bekämpfung von Feuersbrünsten und die Abwehr von Feinden. Wer hier nicht seinen Mann stand, musste mit harten Strafen rechnen. Und wer viel Land hatte, musste auch entsprechend große Deichstücke kontrollieren, pflegen und gegebenenfalls erneuern.

Wer nich diken wull, mut wiken

„Kein Land ohne Deich, kein Deich ohne Land“ hieß es damals und auch, dass jeder „im Lande seinem Nachbar gleich“ sei. Wer nicht „diken“ wollte oder konnte, musste damit rechnen, dass irgendwann das Spatenrecht (jus spadonis) angewendet wurde – eine rigorose Zwangsmaßnahme.

Wenn die Deichgeschworenen ihre Entscheidung gefällt hatten, wurde als Symbol der Enteignung ein Spaten in das Land des Betroffenen gesteckt, und der Deichbeamte machte dem Schuldigen klar, dass er Land und Deich verwirkt habe. Man sprach auch davon, dass dieses Land „abgespadet“ sei.

Das Urteil wurde öffentlich am Deich verkündet, es galt die Devise: „Wer nich diken wull, mut wiken.“ Raue Sitten an der Elbe. Derjenige, der dann den Spaten herauszog, erhielt das volle Besitzrecht des Vorgängers – natürlich mit den entsprechenden Pflichten. Und wenn sich niemand fand, musste der Hamburger Rat die entsprechende Deichpflicht übernehmen. Es ist gut vorstellbar, dass sich der Name Spadenland von diesem uralten Brauch ableitet.

In einer Ochsenwerder-Chronik heißt es, das Spatenrecht sei im Billwerder Landrecht von 1603 zwar noch erwähnt, allerdings wurde es wohl schon zu dieser Zeit kaum noch angewendet. Im Jahr 1371 erhielten Ochsenwerder Bauern Spadenland als Ausgleichsfläche für die durch Fluten verursachten Landverluste. In der entsprechenden Quelle ist die Rede von „Inwerder de by
deme Thatenberghe is geleghen“. Der Name Inwerder war damals für das heutige Spadenland gebräuchlich, während man den Namen Tatenberg schon benutzte.

Der endgültige Name Spadenland wird erstmals 1465 urkundlich erwähnt. Nach dem Verkauf an Hamburg im Jahr 1395 (siehe Ochsenwerder) wurde vor Ort die Landherrenschaft Bill- und Ochsenwerder eingerichtet, die sich um die Verwaltung kümmerte. Zwar waren große Teile des heutigen Spadenlands damals zusammen mit Tatenberg und Ochsenwerder an Hamburg veräußert worden, aber eben noch nicht das ganze Stück.

Erst 1427 verkaufte Graf Otto II. von Holstein eine Weide beim Ochsenwerder Ausschlag (Uthslag) an den Hamburger Ratsherrn Erich von Zeven, die 1470 (nach anderen Quellen 1450) Hamburger Landgebiet wurde. Auch auf der Lorichsschen Elbkarte kann man „groten“ und „lütken“ Uthslag erkennen, vom übrigen Werder durch kleinere Priele abgeteilt.

Fähre, Schule, Feuerwehr und Stromanschluss

1830 folgte ein weiterer Entwicklungsschritt: Hamburg richtete zu Verwaltungszwecken nun die Landherrenschaft der Marschlande ein, und der Ochsenwerder Vogt war für Spadenland zuständig. Seit ewigen Zeiten gab es eine Wagenfähre zwischen Spadenland und Götjensort im Südosten Stillhorns, die 1906 eingestellt wurde. Außerdem fuhr eine 1817 konzessionierte Personenfähre nach Moorwerder, die erst 1962 den Betrieb einstellte.

1838 wurde den Spadenländern ein Grundstück am Elbdeich überlassen, auf dem das erste Schulhaus der Gemeinde errichtet wurde. Die 1884 erneuerte Schule ging 1944 im Bombenhagel unter, konnte aber wiederaufgebaut werden.

Und nach einem schweren Brand im April 1893 gründeten engagierte Spadenländer die örtliche Freiwillige Feuerwehr. Sie wurde im Oktober desselben Jahres aufgestellt – mit damals neun Mitgliedern. 1920 erfolgte der Anschluss an das Stromnetz, 1935/36 bekam Spadenland Wasseranschluss.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018