Ochsenwerder - Spargel, Blumen, Camper – und viel Wasser

Hamburgs erstes Fasshotel Wein- und Friesenstube, Ochsenwerder Kirchendeich
Marcelo Hernandez

 

Den gesamten Südosten des Stadtteils bildet der Hohendeicher See. Kein Wunder, dass sich hier mehr Enten als Menschen tummeln.

 

Fläche in Quadratkilometer: 14,1
Einwohner: 2540
Wohngebäude: 702
Wohnungen: 1080
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 212
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Wer in Ochsenwerder wohnt, hat viel Platz. In St. Pauli drängen sich auf jedem Quadratkilometer 9824 Menschen - in Ochsenwerder sind es nur 180. Die insgesamt 2540 Einwohner sind umgeben von Wiesen, Deichen, Gemüsefeldern und Gewächshäusern -- vor allem aber von Wasser.

Die nördliche Grenze der früheren Elbinsel bildet die Gose Elbe, im Süden fließt die Elbe, überall sind Gräben und Teiche, und den gesamten Südosten des Stadtteils bildet der Hohendeicher See. Kein Wunder, dass sich hier mehr Enten, Blässhühner und Haubentaucher als Menschen tummeln. Mit denen kommen die Einwohner offenbar gut klar: Auf fast jedem Teich steht ein kleines Schutzhaus mit Einliegerwohnungen für Wasservögel.

Eine der schönsten Vierländer Kirchen

Im Frühjahr ist es noch beschaulich. Der Ochsenwerder Elbdeich kringelt sich durch den Ort zwischen Spargel, Salat und Balkonpflanzen. Die Türen der großen Gewächshäuser stehen offen, drinnen reift in Tausenden Anzuchtgefäßen das grüne Kapital der Vierlande. Vieles wird ab Hof verkauft, beim Klönschnack und mit Gärtnerstolz.

Der Polizeiposten befindet sich in einem gemütlichen Einfamilienhaus, in dem man eher ein Nagelstudio vermuten würde. Über alte Bäume im Ortskern ragt der Turm von St. Pankratius. Die erste Ochsenwerder Kirche wurde schon 1254 urkundlich erwähnt, fiel aber einer Flut zum Opfer. Deshalb baute man die nächsten Gotteshäuser auf einem kleinen, flutfreien Hügel, dem Avenberg.

Die heutige Kirche St. Pankratius, 1674 eingeweiht, ist eine der sehenswertesten Vierländer Kirchen und ein Wahrzeichen der gesamten Gemeinde, zu der auch Tatenberg und Spadenland gehören. Den schönen Altar hat der Hamburger Bildschnitzer Hein Baxmann der Jüngere 1633 geschaffen, und die Orgel baute der berühmte Arp Schnitger 1708. Nebenan steht Hamburgs schönstes Pfarrhaus -- das Fachwerkgebäude ist sogar noch 40 Jahre älter als die Kirche und stammt von 1634.

Damals gehörte Ochsenwerder schon zu Hamburg. Noch bevor Albrecht II. Graf von Holstein den Werder 1395 an die Hamburger verkaufte, hatten sich einzelne Hamburger Ratsherren Nutzungsrechte in den Vierlanden gesichert, weil die Stadt das Getreide der Marsch brauchte. Aber die Elbinsel war in ständiger Gefahr durch Hochwasser. Allein in den Jahren zwischen 1660 und 1861 trafen Ochsenwerder elf schwere Überschwemmungen. Deiche brachen, Menschen und Vieh ertranken, Ernten wurden vernichtet, Hunderte Bewohner verloren ihre Existenz und mussten abwandern.

Badesee mit Marina und Surfschule

In den Ochsenwerder Marschen hat man gelernt, was Wassermanagement ist. Sie liegen unter dem Elbwasserspiegel, und wasserführende Schichten im Boden stehen mit der Elbe in Verbindung. Steigt der Pegel im Strom, treten auch die vielen Bracks in den Wiesen über die Ufer. Deshalb standen noch vor 150 Jahren mehr als 20 Bockwindmühlen an den Gräben, um das Wasser über Vorfluter in die Gose Elbe oder Dove Elbe zu pumpen. Erst seit 1924 besorgt das ein Pumpwerk am Ochsenwerder Norderdeich.

Heute ist die Flutgefahr zumindest auf der Nordseite von Ochsenwerder gebannt: Nach dem Bau der Reitschleuse 1924 und der Tatenberger Schleuse 1952 wurden Gose Elbe und Dove Elbe tidefrei. Aber selbst im 20. Jahrhundert, bei der großen Flut 1962, konnte eine Katastrophe -- der Deichbruch -- nur knapp vermieden werden. Danach wollte man sichergehen und die Deiche zur Elbe um 1,10 Meter erhöhen. Nur: Die alten waren bebaut. Deshalb ist der neue Elbdeich auf dem früheren Vorland errichtet worden.

Wo das Erdreich entnommen wurde, entstand einer der beliebtesten Hamburger Badeseen: der Hohendeicher See, auch Oortkatensee genannt, mit einer Fläche von 62 Hektar. Zur Elbseite wurde damals auch der Hafen Oortkaten gebaut, der heute eine kleine Marina, eine Schiffswerft und eine Surfschule beherbergt.

Radweg auf der alten Bahntrasse

Überhaupt haben erst die vergangenen 130 Jahre Ochsenwerder verändert wie nie. Noch nach dem Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 gab es im Ort keine Bäckerei, das Backen erledigten die Bäuerinnen selber. Kultur machten die Dorfbewohner damals von Hand beziehungsweise mit der Stimme: 1872 gründete sich der Gesangverein Germania, der älteste in den Vierlanden, und ein Jahr später die Liedertafel Harmonia, die beide noch immer aktiv sind.

Die Elektrifizierung brachte erst 1920 Strom nach Ochsenwerder. Allmählich wurden die Verkehrsverbindungen zu umliegenden Städten besser. 1923 gab es in Ochsenwerder den ersten Bahnhof, als die neu erbaute Marschbahn nach und nach auch die Dörfer der Vierlande mit Bergedorf und Geesthacht verband -- bis 1954 das Auto siegte und der Bahnverkehr eingestellt wurde.

Aus der Trasse ist inzwischen ein empfehlenswerter Radwanderweg geworden, auf dem man bis Altengamme durch die Wiesenlandschaft radeln kann. Im Ort hat erst der Oortkatensee eine regelrechte Touristensaison geschaffen. Nördlich des Sees ist jetzt Campingland: Vom Ochsenwerder Elbdeich aus guckt man auf ein Meer von Campingwagendächern mit Satellitenschüsseln, Antennen, HSV- und Deutschlandfahnen.

Kampf gegen Windmühlen

Wenn die Einheimischen nicht gerade mit ihren Booten beschäftigt sind oder in einem ihrer Chöre singen, entspannen sie sich im Schützenverein, Heimatverein, Angelklub, beim Tauchen oder Surfen. Relativ neu in Ochsenwerder ist der Windpark, der Ökostrom für Hamburg liefert. Klar, dass die Anlagen das Landschaftsbild, diese dörfliche Mischung aus Wiesen, Gräben und Gewächshäusern, verändern.

Aber im Hafen Oortkaten ist von Aufregung nichts zu spüren. In dem kleinen Wassersportzentrum an der Elbe genießen Segler und Wohnmobil-Camper an Sommerabenden Wasserglucksen und Nachtigallengesang. Auf dem Hohendeicher See piepsen dann nur noch die Blässhühner. Egal wo man in Ochsenwerder ist -- das Wasser ist immer in der Nähe.

 

Ochsenwerder historisch

Ein besonders wichtiger Tag in der Geschichte Ochsenwerders ist der 23. April 1395. Kurz zuvor hatten die Schauenburger Grafen Otto und Bernd der Stadt Hamburg das im Jahr 1231 eingedeichte Gebiet zusammen mit Moorwerder zum Kauf angeboten – für „dusent mark hamborgher penninghe“. Mit dem Vertrag vom 23. April wurde Ochsenwerder Teil Hamburgs. Die strategische Bedeutung dürfte bei der Kaufentscheidung eine wichtige Rolle gespielt haben. Denn hier trennen sich Ober- und Unterelbe, und Hamburg konnte sich mit dem Kauf die Kontrolle über die Schifffahrt auf der Elbe sichern.

In alten Quellen bezog sich die Bezeichnung der Ochsenwerder (oder auch -wärder) übrigens nicht nur auf den Ort und heutigen Stadtteil, sondern auf die ganze Gegend. Im Zusammenhang mit Ereignissen oder Verordnungen waren dann Tatenberg oder Spadenland gleich mit gemeint. Heute ist die Sache aber klar: Es gibt nur noch ein Ochsenwerder, und das wird seit 1946 ganz offiziell auch so geschrieben und nicht -wärder.

Wasser – Fluch und Segen zugleich

Das Wasser war für Ochsenwerder über Jahrhunderte Fluch und Segen gleichermaßen. Es verdankt ihm die fruchtbaren Böden, welche die Vier- und Marschlande zum größten Gemüseanbaugebiet Deutschlands machten. Gleichzeitig bedrohte das Wasser aber das Leben der Einwohner und zerstörte etliche Ernten. Für das Jahr 1786 sind in Ochsenwerder 1454 Einwohner verzeichnet, 1867 waren es 2246.

Die Bauern lebten über Jahrhunderte vom Gemüseverkauf auf Hamburgs Märkten. Anlaufpunkt war zunächst der Hopfenmarkt, bevor dann ab 1910/11 der Deichtorplatz zum Gemüsemarkt hergerichtet wurde (siehe Altengamme). Die Anfahrt war beschwerlich. Zunächst musste die Ware, darunter Kartoffeln, Bohnen, Tomaten und Suppengemüse, mit der Schubkarre zur Elbe gebracht werden, dann ging es weiter mit dem Ewer in Richtung Stadt.

Da die wenigen Straßen und Deiche erst in den 1920er-Jahren gepflastert wurden, entwickelte sich der Transport bei schlechtem Wetter zur anstrengenden Zumutung. Ein anderer Wirtschaftszweig war der Milchhandel. Für das Jahr 1880 sind in Ochsenwerder sechs Milchhändler nachgewiesen – kein Vergleich zu Wilhelmsburg, wo es im selben Jahr 120 gab.

Leichenwagen, Kirchenschule und ein berittener „Konstabler“

Die St.-Pankratius-Kirche wurde 1673/74 erbaut und 1910 umgestaltet. Dabei entfernte man die Fachwerkanbauten an der Nord- und Südseite, was selbst manchen Ortsansässigen noch nicht aufgefallen sein dürfte. Kurios: In einer Chronik ist nachzulesen, dass die Mitarbeiter der Kirche im Jahr 1866 zwei Leichenwagen kauften – zuvor waren die Toten in Tragekörben transportiert worden.

Im Wohnhaus des Küsters, der in der „guten alten Zeit“ auch als Lehrer eingesetzt wurde, befand sich die örtliche Schulstube. Nachdem das Häuschen abgebrannt war, baute man nacheinander noch zwei neue „Kirchenschulen“, dann musste die traditionsreiche Lernstätte 1908 der Friedhofserweiterung weichen.

Neben St. Pankratius steht das älteste erhaltene Pastorat in den Vier- und Marschlanden aus dem Jahr 1634, der Wirtschaftsteil wurde allerdings 1945 zerstört und 1946 abgerissen. 1832 erhielt Ochsenwerder seinen ersten Polizeiposten – einen berittenen „Konstabler“, der am Norddeich stationiert war.

1880 kam eine Postagentur mit einem Beamten hinzu. Ein Chronist beschrieb 1929 im „Hamburger Fremdenblatt“ die Überfahrt von Ochsenwerder nach Moorwerder: „Vorbei am Gedenkstein der 500jährigen Zugehörigkeit Ochsenwärders zur Stadt Hamburg (1395 bis 1895) wird bei Neudorf die Elbe erreicht. Eine Motorfähre (man muss die Glocke läuten) setzt uns über … Hier teilen sich die Wasser in Norder- und Süder-Elbe. Eine Brücke führt über die Schleuse. Die Landesgrenze ist durch preußische und hamburgische Wappenschilder markiert.“

22 Luftangriffe musste das idyllische Ochsenwerder während des Zweiten Weltkriegs überstehen, 13 Menschen starben. Viele Hamburger, die bei den Luftangriffen auf die Stadtteile nördlich der Elbe alles verloren hatten, wurden unter anderem provisorisch in den Ochsenwerder Gaststätten Eddelbüttel, Bauersachs und Riege untergebracht. Man sieht: Ochsenwerder ist schon ewig mit Hamburg verbunden – in guten wie in schlechten Zeiten.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018