Bergedorf - Die Heimat selbstbewusster Individualisten

Bergedorfer Schloss. Hitzerekord auf der Schlosswiese. 37,8 Grad im Schatten, Vollanschlag in der prallen Sonne.
Carsten Neff / NEWS & ART

 

Hier steht Hamburgs einziges Schloss und setzten kluge Köpfe weltpolitische Akzente. Bergedorf ist beliebtes Ausflugsziel der Hamburger.

 

Fläche in Quadratkilometer: 10,3
Einwohner: 35.105
Wohngebäude: 5131
Wohnungen: 16.811
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 442
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2744
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

Eines haben Bergedorf und der Sonnenaufgang gemeinsam: Sie sind für die meisten Hamburger im Osten zu finden. Bergedorf ist das Ortszentrum und die historische Keimzelle des gleichnamigen Bezirks. Und mit Bergedorf hat Hamburg eine Stadt in der Stadt. Rathaus, Bahnhof, Schloss, Kirche, Hafen, Amtsgericht, Gefängnis, Schwimmbad, Minigolf, Bootsvermietung, Windmühle, Theater, Wasserturm, Krankenhaus, Sternwarte und die bunte Vielfalt von Läden und Gastronomie liegen nah beieinander.


"Wir gehen in die Stadt", sagen Bewohner des Bezirks Bergedorf, wenn sie zwischen Bahnhof und Mohnhof zum Einkaufen durch die Geschäfte bummeln wollen. "Wir fahren nach Hamburg", heißt es hingegen, wenn es zum Einkaufen in Richtung Mönckebergstraße geht. Der feine Unterschied lässt den geheimen Wunsch der Bewohner nach Eigenständigkeit und Unabhängigkeit erkennen. Altbundeskanzler Helmut Schmidt, früher wegen seines Bundestagswahlkreises auch als Schmidt-Bergedorf bezeichnet, sah die Bergedorfer stets als heimatverbunden, traditionsbewusst und auch etwas schrullig an.


Ein besonders auffälliges Verhalten ist das völlig unorganisierte Zusammentreffen von Jung und Alt jeden Heiligabend kurz vor Geschäftsschluss, von 12 bis 14 Uhr, auf dem Bergedorfer Markt. Glühwein wird getrunken und viel erzählt. Die Zahl der Besucher und der Begegnungen wächst kontinuierlich von Jahr zu Jahr.


Bier für China und Afrika


Der Stadtteil Bergedorf hat sich mit seinem Namen auf vielerlei Art weltweit bekannt gemacht. Sei es durch eigene Briefmarken, die von 1861 bis 1867 auf Postsendungen geklebt wurden und inzwischen hohen Sammlerwert haben, oder auch durch das "Bergedorf Beer" das noch heute als Exportbier zumeist in China und Afrika verkauft wird, oder auch durch den vom Unternehmer Kurt A. Körber (1909-1992) vor 57 Jahren gegründeten "Bergedorfer Gesprächskreis". Anlässlich der hochkarätig besetzten politischen Diskussionsrunden gab es schon Zusammenkünfte unter anderem in Peking und in Kairo.


Spezialitäten aus erster Hand


Bergedorfer Eierlikör aus der Weinkellerei von Have, Bergedorfer Marzipan aus der Konditorei Erdmann (Dat Backhus), Bergedorfer Schlosskugeln aus der Kaffeerösterei Timm haben ihre Anhänger weit über die Stadtgrenzen hinaus. Der Einzelhandel an den Hauptstraßen der Bergedorfer Innenstadt, an Sachsentor und Alter Holstenstraße, besteht neben den üblichen Filialisten auch noch aus zahlreichen inhabergeführten Geschäften -- neben der Weinkellerei und der Kaffeerösterei sind im Stadtzentrum auch der Herrenausstatter Willhoeft, das Schuhgeschäft Schüttfort, das Schreibwarengeschäft Papyrus, das Hi-Fi-Studio oder auch die Juweliere Koch und Moriz zu finden. Eine Nummer größer ist die Firma Optiker Bode. Sie expandierte von ihrem Hauptsitz Bergedorf und zählt in Deutschland mehr als 70 Filialen.


Bergedorf ist schon seit frühen Zeiten Ausflugsziel vieler Hamburger. Der ursprüngliche Verbindungsweg verlief über den Geesthang. Heute rollt auf selber Strecke der Verkehr vierspurig über die Bundesstraße 5. Die Marschenautobahn A 25 schafft seit Anfang der 1980er-Jahre eine weitere Straßenverbindung. Als erste Eisenbahnen in Norddeutschland dampften von 1842 an die Lokomotiven "Hansa" und "Berlin" in 25 Minuten zwischen Hamburg-Deichtorplatz und Bergedorf. Der alte Bahnhof kann am Neuen Weg 54 immer noch bewundert werden.


Per Schiff zum Jungfernstieg


Die heutige S-Bahn-Linie S 2/21 hält im neu ausgebauten Bahnhof, zu dem jetzt auch ein ZOB gehört und ebenso ein bewachtes Fahrrad-Parkhaus mit mehr als 600 Stellplätzen. Die gediegenste Art, von Hamburg nach Bergedorf zu kommen, ist von April bis Oktober, mittwochs bis sonntags, die dreistündige Fahrt per Alsterschiff ab Jungfernstieg zum Bergedorfer Hafen. Der Hafen heißt Serrahn, eine frühere Bezeichnung für Wasserstau und Aalfang. Die Bille war bereits 1208 für den Betrieb der Kornwassermühle gestaut worden. Durch den Stau entstand der Mühlenteich -- auch Schlossteich genannt.


Wer durch die Alte Holstenstraße und das Sachsentor geht, kommt am Geburtshaus von Johann Adolf Hasse (1699-1783) vorbei, der zu seiner Zeit ein gefeierter Opernkomponist war und dessen Andenken von der Bergedorfer Hasse-Gesellschaft gepflegt wird. Gleich neben Hasses Geburtshaus zieht die um 1500 gebaute St.-Petri-und-Pauli-Kirche die Blicke auf sich. Kaum 100 Meter weiter steht das vor 800 Jahren ursprünglich als Wasserburg angelegte Bergedorfer Schloss -- Hamburgs einziges. In ihm sind das Heimatmuseum, das Standesamt und das Museumscafé zu finden.


Aus der Zeit um 1550 stammt Hamburgs ältestes Gasthaus Stadt Hamburg am Eck von Sachsentor und Vierlandenstraße. Ein schmuckes Bauwerk. Anfang der 1970er-Jahre richtete Eugen Block darin eines seiner ersten und erfolgreichsten Steakhäuser ein. In knapp zwei Kilometer Entfernung befindet sich die seit 1912 bestehende Sternwarte auf dem Gojenberg. Der Optiker Bernhard Schmidt (1879-1935) konstruierte hier Teleskope, deren Fotoaufnahmen viel beachtete Erkenntnisse in die Astrophysik brachten.


Die Landschaft ist von abfließendem Schmelzwasser der letzten Eiszeiten geformt. Es entstanden das Billtal und das Elbtal. Menschen siedelten sich zuerst in höheren Lagen, am Geesthang, an und nutzten flache Stellen, Furten, um das Wasser zu überqueren. Erstmals urkundlich erwähnt wurde "Bergerdorp" 1162. Am Anfang seiner dokumentierten 850-jährigen Siedlungsgeschichte stand der Ort unter dänischer Herrschaft, hat seit 1275 Stadtrechte, wurde von 1420 bis 1867 gemeinsam von Hamburg und Lübeck verwaltet. Hamburg kaufte 1868 den Lübecker Anteil für 200.000 preußische Taler.


Heimatgeschichte im Netz


Seinen dörflichen Charakter verlor Bergedorf unter Dr. Ernst Mantius, der von 1882 bis 1897 Bürgermeister war und sich für den Bau des Villengebietes, eines Wasserwerks am Möörkenweg, eines Elektrizitätswerks, einer Kanalisation sowie der Gründung einer Müllabfuhr eingesetzt hatte.


Mehr zur Geschichte ist im Internet nachzulesen. Die Mitglieder des Bergedorfer Bürgerverein und im Grundeigentümerverband haben unter www.bergedorf-chronik.de bereits einen Großteil aller heimatgeschichtlichen Arbeiten öffentlich zugänglich gemacht. Die 1838 gegründete Bergedorfer Liedertafel ist Bergedorfs ältester Verein und einer der ersten Gesangvereine Deutschlands. Städtebaulich wird sich Bergedorf entlang des Schleusengrabens weiterentwickeln. Im Stuhlrohr-Quartier sollen einmal knapp 2000 Menschen in 1279 Wohneinheiten ein neues Zuhause finden.   


Bergedorf historisch


Genau wie AltonaHarburg und Wandsbek bildet diese ehemalige Stadt heute den Mittelpunkt eines Bezirks. Allerdings unterscheidet sich Bergedorf historisch betrachtet von den anderen dadurch, dass es schon seit 1420 eine Sonderstellung als selbstständigem Stadtgemeinde unter hansestädtischer Landesherrschaft innehatte. Damals besiegten Hamburg und Lübeck den sächsischen Herzog Erich V. und eroberten das Städtchen nach schweren Kämpfen.


Bergedorfs Zentrum mit Kornwassermühle, Wasserburg und Kirche stammt zum Teil schon aus der Zeit, als der Ort unter Herrschaft der dänischen Krone gestanden hatte (1202–1227). Lübeck und Hamburg verwalteten das „beiderstädtische“ Amt Bergedorf also von 1420 an gemeinsam, aber durchgehend geruhsam blieb es vor Ort nicht. 1554 und 1572 wurde Bergedorf gewaltsamdurch Braunschweig-Wolfenbüttel besetzt, 1686 folgte die Besetzung durch Truppen des Herzogs Georg Wilhelm von Lüneburg-Celle. Und 1621 war das halbe Städtchen auch noch einem Großbrand zum Opfer gefallen.


Großer Brand – statt großer Feier


Nach dem Ende der Franzosenzeit brachen vor Ort endlich friedlichere Zeiten an, die von wachsendem Wohlstand geprägt waren. 1831 wurde der neue Begräbnisplatz eingerichtet – der heutige Alte Friedhof bei St. Michael. Im selben Jahr drehten sich erstmals die Flügel der Windmühle, die den Betrieb erst in den 1960er-Jahren einstellte. 1838 erhielt Bergedorf seine ersten Straßenlampen – große Ölleuchten, die zum Teil an Ketten an den Häusern hingen.


Die Eröffnung der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn sollte am 7. Mai 1842 eigentlich mit großem Brimborium gefeiert werden – dann machte der Hamburger Brand sämtlichen Beteiligten einen Strich durch die Rechnung. „Die Bahn wurde sogleich eingesetzt, um Spritzen und freiwillige Helfer nach Hamburg hinein- und Flüchtlinge aus der Stadt herauszuschaffen“, heißt es in einer Quelle, „und als sie am 17. Mai dem öffentlichen Verkehr übergeben wurde, geschah dies ohne viel Aufhebens.“


Viereinhalb Jahre später, am 15. 12. 1846, stoppte der erste Zug auf der Strecke von Hamburg nach Berlin auch in Bergedorf. Die Fahrt von Hamburg in die Hauptstadt dauerte damals übrigens neun Stunden und 15 Minuten. 1847 öffnete das Lübeck-Hamburgische Postamt, dem ein Postmeister vorstand. 1867 wurde Bergedorf ganz hamburgisch: Damals kaufte Hamburg Lübeck die Besitzrechte ab und ersetzte die Amtsverwaltung durch eine neue Gemeindeordnung.


Bergedorf behielt (unter Hamburger Aufsicht) seine kommunale Selbstständigkeit für die kommenden 70 Jahre. Die Gewerbefreiheit (1867) und die Gewerbeordnung von 1878 sorgten für die rasche Industrialisierung des Ortes. Eine Glashütte war 1869 der erste Großbetrieb, weitere folgten. 1874 erschien erstmals die „Bergedorfer Zeitung und Anzeiger“. Die heutige „BergedorferZeitung“ ist damit nach den „Harburger Anzeigen und Nachrichten“ die zweitälteste Hamburger Tageszeitung.


Einige weitere Eckdaten aus Bergedorfs Geschichte – zusammengestellt vom Bürgerverein und dem Archiv Ludwig Uphoff für die exzellente Homepage www.bergedorf-chronik.de

 

Müllabfuhr, Kraftwerk, Kläranlage

 

Während der 1882 beginnenden Amtszeit des Bürgermeisters Ernst Mantius (1838–1897) entwickelte sich Bergedorf zum modernen Vorort. 1887 wurde eine organisierte Müllabfuhr eingerichtet, das erste Kraftwerk samt elektrischer Straßenbeleuchtung war 1897 fertiggestellt, 1910 kam die Kläranlage hinzu. Um 1900 entstand das Bergedorfer Villenviertel, während im Süden Arbeiterquartiere gebaut wurden. 1912 war die Ansiedelung der Hamburger Sternwarte auf dem Gojenberg abgeschlossen. Sie hatte sich zuvor am Millerntor befunden, dort, wo heute das Hamburg Museum steht. In den 1920er-Jahren folgte der weitere Ausbau. Das neue Bergedorfer Rathaus entstand 1927.


Bergedorf erhielt das Bille-Bad, Amtsgericht, Gefängnis und bedeutende Schulen. Der Bau der „DurchbruchstraßeI“ (heute: Vierlandenstraße) sorgte für eine Verbesserung der Infrastruktur,veränderte aber auch das Erscheinungsbild der Bergedorfer Umgebung radikal und machte den Stadtteil langfristig zu einem Verkehrsknotenpunkt. Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz endete dann Bergedorfs Selbstständigkeit offiziell, aber wer die Bergedorfer kennt, weiß, dass sie Individualisten geblieben sind.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018