Wilhelmsburg - Lebendige Geschichte, hoffnungsvolle Zukunft

Hamburg-Wilhelmsburg
HA

 

Bauausstellung, Gartenschau, Dockville: Die Insel ist reif für die Zukunft.

 

Fläche in Quadratkilometer: 35,4
Einwohner: 55.074
Wohngebäude: 4637
Wohnungen: 22.573
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 184
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2593
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Vergleiche zwischen New York und Hamburg hört man eher selten. Dabei gibt es eine erstaunliche Parallele zwischen Big Apple und der Hansestadt: Hamburgs Stadtteil Wilhelmsburg erinnert nicht nur wegen seines Namens an den New Yorker Stadtteil Williamsburg. Lange ein vergessenes Arbeiterquartier am Stadtrand, geprägt von Hafenindustrie und Einwanderung, hat sich Wilhelmsburg wie Williamsburg zum Stadtteil im Aufbruch entwickelt.


Das heutige Wilhelmsburg, Europas größte Flussinsel, verdankt seine faszinierende geografische Struktur der letzten globalen Eiszeit vor Tausenden Jahren und der Kulturlandgewinnung von 1333. Seine Grenzen entstanden aber erst 1672, als der Herzog Georg-Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg-Celle die Insel kaufte und sie eindeichte.


Spielwiese für Stadtplaner


Rund 300 Jahre später hielten die Deiche nicht stand, und Wilhelmsburg erlebte die größte Naturkatastrophe seiner Geschichte. Bei der schweren Sturmflut 1962 kamen auf der Elbinsel 222 Menschen ums Leben. Mit den Folgen der Katastrophe hatten die Wilhelmsburger jahrelang zu kämpfen. Hohe Arbeitslosigkeit und geringe Freizeitangebote machten den Bürgern schwer zu schaffen. Doch der Stadtteil hat sich aus seiner Lethargie befreit.


Heute gilt die Insel zwischen der Ober- und der Süderelbe als Quartier, dem Stadtplaner ein enormes Potenzial zusprechen. Mithilfe der Internationalen Bauausstellung Hamburg (IBA) investierte die Stadt Millionen, um Wilhelmsburg aufzuwerten. Ein Beispiel: Den Flakbunker aus dem Zweiten Weltkrieg, nach einem misslungenen Sprengungsversuch jahrelang ungenutzt, baute die IBA zu einem Energiebunker um.


Die Aufwertungsprojekte wurden von den Wilhelmsburgern aber auch kritisch betrachtet. Denn es war der Stadtteil selbst, der sich dank engagierter Bürger und Kulturschaffender ohne Förderprogramme zu einem der interessantesten Orte Hamburgs entwickelte. Es sind die unglaubliche Vielfalt und die Kontraste, die Wilhelmsburg auszeichnen.


Am einen Ende der Insel grasen die Schafe der Bauern von Moorwerder, am anderen Ende malochen die Arbeiter im Freihafen. Auf der einen Seite ragen die Hochhäuser der Siedlung Kirchdorf-Süd empor, auf der anderen Seite erinnert die alte Peter-Beenck-Straße mit ihren kleinen Häusern an die Arbeiterviertel von Nordengland. Und im Zentrum werden die idyllischen Seitenarme der Elbe von der mehrspurigen und viel befahrenen Wilhelmsburger Reichsstraße getrennt.


Früher Honig, heute Kunst


Als Symbol für die Veränderung in Wilhelmsburg gilt die Honigfabrik im Reiherstiegviertel. 1906 erbaut und als Produktionsstätte für Margarine und später für Honig genutzt, bildet sie seit 1979 das Kulturzentrum für den Stadtteil. Handwerk, Kunst, Kino, Literatur und Musik für alle Generationen finden hier statt.

"Selbstbestimmung und eigenverantwortliches Handeln" sind die Leitmotive der Honigfabrik. Wenige Meter weiter an der Industriestraße liegt die Halle Soulkitchen, in der Regisseur Fatih Akin den gleichnamigen Film drehte. Mit seinen schönen Altbauhäusern und kleinen Cafés mauserte sich das Viertel zum beliebten Einzugsgebiet für Studenten.


Hinter dem Reiherstiegdeich hat sich seit 2007 ein weiteres Symbol des Wilhelmsburger Wandels entwickelt: das Dockville, eines der angesagtesten Open-Air-Festivals Deutschlands. Internationale, nationale, aber vor allem auch viele lokale Bands und Musiker spielen vor bis zu 20.000 Besuchern, die ein einmaliges Hafenpanorama erleben und sich selbst von Schlammwetter nicht den Spaß nehmen lassen. Das Festival definiert sich aber nicht nur über sein musikalisches Line-up. Die sogenannte Freihandelszone können Künstler aller Art als Ausstellungsfläche nutzen. Das Kunstcamp schafft zusammen mit dem Rockfestival die ganz besondere Dockville-Stimmung.


Der Stadtteil mit den meisten Brücken


Als Kontrast zum modernen Reiherstiegviertel gilt Kirchdorf-Süd. Die Hochhaussiedlung mit 5700 Einwohnern entstand 1974 an der Autobahnabfahrt Hamburg-Stillhorn. Abseits vom Wilhelmsburger Ortskern wirkt Kirchdorf-Süd wie ein eigener Stadtteil. Mithilfe der Stadt gelang es den Bewohnern des Quartiers, ein eigenes kulturelles und soziales Leben zu etablieren. Schulen, Kitas, Jugendzentrum, ein Sportverein und der benachbarte Kinderbauernhof füllen den Hochhausblock mit einer Seele.


Immer wieder stand Wilhelmsburg in der Vergangenheit in den Schlagzeilen: sozialer Brennpunkt, in dem es zu schwerwiegenden Vorfällen kam. Gleichzeitig setzen sich engagierte Bürger aller Nationalitäten tatkräftig mit vielfältigen Projekten für ihren Stadtteil ein.


Wer sich auf eine kleine Reise durch Hamburgs flächenmäßig größten Stadtteil begibt, stößt immer wieder auf lebendige Geschichte und historische Wahrzeichen. Die Windmühle Johanna, die Wilhelmsburger Wasserburg, die Kirchdorfer Sanddüne, die Harburger Elbbrücke von 1899, der Veringkanal - Historiker können sich in "Klein-Venedig" (kein Hamburger Stadtteil hat mehr Brücken) auf eine lange Spurensuche begeben.


Mehr Vielfalt geht nicht


Will man Wilhelmsburg in all seien Facetten erfassen, muss man die Insel entlang der Deiche und der unzähligen Grünanlagen und Kleingärten umrunden und durchqueren. An kaum einem Ort in Hamburg lassen sich die Blicke derart weiten. Das Naturschutzgebiet Heuckenlock in Moorwerder im Südosten des Stadtteils ist die grüne Lunge von Wilhelmsburg. Hier finden Hamburger einen der letzten Tideauenwälder Europas. Das Süßwasserwatt wird regelmäßig überflutet und ist auch deswegen das artenreichste Naturschutzgebiet Hamburgs. Bekannt ist Wilhelmsburg auch für die Bunthäuser Spitze. Hier teilt sich die Elbe in Norder- und Süderelbe.
Ob Wilhelmsburg für Hamburg in Zukunft eine ähnliche Bedeutung bekommt wie Williamsburg für New York, bleibt abzuwarten. Sein historisches Herz sollte sich Wilhelmsburg auf jeden Fall bewahren.

 

Wilhelmsburg historisch

Jahrzehntelang war Wilhelmsburg vor allem als trauriger Schauplatz der Sturmflut von 1962 bekannt. Dabei hat dieser Stadtteil historisch gesehen viel mehr zu bieten. 1859 war Wilhelmsburg mit dem Amt Harburg vereinigt worden, 1866 kamen beide als Teil der Provinz Hannover zu Preußen. Ursprünglich war Wilhelmsburg ein stark landwirtschaftlich geprägtes Gebiet, das lange, wie zum Beispiel auch das benachbarte Moorburg, eine wichtige Rolle bei der Versorgung Hamburgs mit frischer Milch spielte. Die Bauern verkauften Milch, Fleisch und Gemüse auf Hamburgs Märkten oder boten ihre Waren direkt an den Haustüren feil.


Reste dieser Zeit findet man neben der Windmühle an der Schönefelder Straße beispielsweise auch noch auf der Höhe Siedenfelder Weg/Einlagedeich, wo mit Reet gedeckte Häuser erhalten sind, die zum Teil noch aus dem 19. Jahrhundert stammen. Auch die Schiffszimmerer spielten auf der großen Flussinsel in unmittelbarer Nähe der vielen Wasserstraßen eine wichtige Rolle. Nach dem Zollanschluss (1888) wandelte sich Wilhelmsburg schnell zu einem Industriestandort.


Kanäle, Baugrundstücke und Hafenbecken wurden von sogenannten Terraingesellschaften angelegt. Mietskasernen entstanden, und Industriebetriebe siedelten sich an, die mit der Hafenwirtschaft in Zusammenhang standen, darunter Chemieunternehmen und die Ölindustrie. Die Shell, um nur ein Beispiel zu nennen, ist schon seit 1926 vor Ort. Aus diesen Jahren stammt auch die ehemalige Margarinefabrik (das jetzige Kulturzentrum Honigfabrik) am Veringkanal.


Der „rote“ Stadtteil


Wilhelmsburg entwickelte sich zum „roten“ Stadtteil, in dem früh Fremdarbeiter eingesetzt wurden. In Stüben’s Volksgarten am Vogelhüttendeich trat auch die Linkssozialistin Rosa Luxemburg auf, um Stimmen zu erringen. Fast zehn Jahre hielt sie in Hamburg Agitationsreden, zeitweise erwog sie sogar die Übersiedelung in die Stadt. Schließlich verwarf sie die Idee aber wieder und schrieb etwas desillusioniert über Hamburg: „Was gibt es dort schon – eine flache Meeresküste und raues, nördliches Klima.“


1925 wurde Wilhelmsburg zur Stadt erklärt, dann mit Harburg zusammengelegt und schließlich (im Zuge des Groß- Hamburg-Gesetzes) Teil des Hamburger Stadtgebiets. Damals wurde auch Moorwerder, das wie Moorburg schon seit Jahrhunderten eine hamburgische Exklave war, Wilhelmsburg zugeschlagen. Die heutige, nach Wilhelmsburgs Namenspatron Georg Wilhelm von Braunschweig-Lüneburg benannte Georg- Wilhelm-Straße (ehemals Chaussee) war einst die wichtigste Handelsachse zwischen Harburg und Hamburg. An ihrem nördlichen und südlichen Ende lagen die Fährstellen zur Überquerung von Norder- und Süderelbe, die sukzessive durch Eisenbahn- und Straßenbrücke abgelöst wurden.


Schon zu Beginn der Franzosenzeit hatte Napoleon auf derselben Achse in nur hundert Tagen eine Holzbrücke quer durch Wilhelmsburg über das sumpfige Elbe-Niederungsgebiet bauen lassen – als erste „Straßenverbindung“, auf der auch Wagen fahren konnten. 1817, nach dem Abzug der Franzosen, riss man die Brücke wieder ab, obwohl sie eine technische Meisterleistung war. Doch nichts sollte an die verhassten Besatzer erinnern.


Massiv bombardiert


Im Zweiten Weltkrieg wurde Wilhelmsburg wegen seiner vielen Industrieanlagen und der Nähe zum Hafen massiv bombardiert. Die Sturmflut von 1962 wird für immer mit dem Namen des Stadtteils verbunden sein – mehr als 200 Wilhelmsburger fanden in der Nacht zum 17. Februar 1962 den Tod. Krieg, Überflutung – Wilhelmsburg hatte in seiner Geschichte einige Krisen zu meistern.


Städtebaulich ging man mit diesem eigentlich so schön gelegenen Stadtteil auch nicht gerade zimperlich um. Georg-Wilhelm-Straße und Wilhelmsburger Reichsstraße haben ihn zwar erschlossen, aber auch zerschnitten. 1963 beschloss der Senat, das westliche Wilhelmsburg künftig zur Hafenerweiterung, zumindest aber als reines Gewerbegebiet nutzen zu wollen. Etliche Einwohner verließen ihre Häuser, zum Beispiel am Vogelhüttendeich und der Fährstraße, die dann immer stärker verfielen.

Die politische Entscheidung wurde rückgängig gemacht, aber es dauerte Jahrzehnte, bevor der Schaden, den ganze Straßenzüge genommen hatten, einigermaßen geheilt war.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018