Moorburg - Aschenputtel mit spannender Zukunftsgaranten

Kraftwerk Moorburg vom Moorburger Elbdeich ausgesehen
HA

 

Zeit des Erwachens in einem fast schon totgesagten Dorf. Moorburg hat Tiefpunkte erlebt, doch die Bewohner lassen sich nicht unterkriegen.

 

Fläche in Quadratkilometer: 10
Einwohner: 742
Wohngebäude: 226
Wohnungen: 328
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 206
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)


Sollte jemals ein Märchenbuch über Hamburgs Stadtteile geschrieben werden, wäre klar, wem die Rolle des Aschenputtels zufiele: Moorburg. Kaum ein anderer Stadtteil musste bis heute so viel einstecken wie das kleine Dorf südlich der Elbe. Dabei fing alles verheißungsvoll an. Als Hamburg den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg das strategisch ideal gelegene Örtchen im Jahr 1375 abkaufte, war die Idee klar: Konnte die Stadt bis dahin nur die Schiffe auf der Norderelbe mit Zöllen belegen, war das ab sofort auch für die Süderelbe möglich, die damals viele Kapitäne als billigen Schleichweg nutzten. So umgingen schon vor mehr als 600 Jahren Spediteure die Mautstrecken. Nichts hat sich geändert.


Eine Burg wurde gebaut, die Moorburg, von der aus Hamburg die Einhaltung der Vorschriften kontrollierte. Moorburg wuchs und wurde wichtig für Hamburg als militärischer Vorposten, riesiges Gemüsebeet, Milchlieferant und immer mehr als Ausflugsziel. Die Fähre von Hamburg legte in Moorburg an, und die Passagiere begaben sich auf die Wanderung in die grüne Lunge am Rande der Stadt, die Haake.


Sprung über die Elbe


Das ging viele Jahrzehnte gut, bis der Moloch Hafen sich von Norden über die Elbe ausbreitete. Um weltweit konkurrenzfähig zu bleiben, so hieß es, müsse er wachsen, und Politiker wie Hafenwirtschaft hatten schnell ein Auge auf Moorburg geworfen, denn nur der Süden bot ausreichend Flächen für weitere Containerterminals. So bekam der Spruch vom "Sprung über die Elbe" für die Moorburger eine völlig andere Bedeutung als für Resthamburg. Das große Ganze hatte mehr Gewicht als das kleine Dorf, und so wurde 1981 dessen Räumung beschlossen.


Moorburg verfiel in Agonie. Fast 80 Prozent der Bewohner verließen ihren Heimatort und verkauften Haus und Grund an die Stadt Hamburg. Die hatte ab sofort den Daumen drauf und vermietete die Häuser vor allem an sozial Schwache. Die Post, der Friseur machten zu, die alte Schule wurde mangels Schülern überflüssig. Das einst größte Straßendorf Europas schrumpfte gefährlich. Bei den verbliebenen Moorburgern wuchs die Angst. Alle hatten das Beispiel Altenwerder, das bis auf die Kirche dem Hafen weichen musste, täglich vor Augen.


Hier hätte diese Geschichte zu Ende sein können. Aber die verbliebenen Moorburger nahmen den Kampf auf, und wirtschaftliche Einbrüche im Hafengeschäft spielten ihnen in die Karten. Die angekündigte explosionsartige Entwicklung des Containergeschäfts blieb aus. Der Ausbau des Hafens rückte in weite Ferne, und die Stadt begann, ihre marode werdenden Moorburger Häuser zu sanieren. Sie sollten Geld einbringen und nicht kosten.


Die Moorburger nahmen das als Zeichen und erstritten mit ihrem als Bürgerinitiative gegründeten runden Tisch in zähen, stets sachlichen Verhandlungen mit der Politik eine Bestandsgarantie für ihr Dorf bis 2035. Ein Hoffnungsschimmer. Mancher nimmt heute wieder Geld in die Hand, renoviert oder saniert sein Eigentum, Banken geben wieder Kredite -- das Dorf erwacht aus seinem Dornröschenschlaf.


Die Künstler und das Kraftwerk


Menschen zog es wieder nach Moorburg, andere Menschen. Viele Künstler haben dort ihre Ateliers eingerichtet, Kunsthandwerker, Maler, Musiker wie Ulrich Kodjo Wendt, aus dessen Feder die Filmmusik für Fatih Akins Kurzfilm "Getürkt" stammt. Sogar eine Märchenpuppenbühne, "Die Sterntaler" genannt, ließ sich nieder. Sie alle sind geübt im Umgang mit Damoklesschwertern.


Die Hafenquerspange droht, die den Ort nicht attraktiver machen würde. Die Elbvertiefung, wenn sie denn kommt, würde viel belasteten Schlick bedeuten, der am Rande Moorburgs aufgespült würde. Auch der Neubau des Vattenfall-Kohlekraftwerks macht den Ort nicht zum Tourismuszentrum. Aber die ein oder andere Stimme im Ort wird laut, die das Kraftwerk für das kleinere Übel hält. Immerhin schränke es mit seinen Ausmaßen die Hafenerweiterungsfläche so weit ein, dass für ein Containerterminal nicht mehr genug Platz sei. Das Kraftwerk sei die Bestandsgarantie für den Ort. Andere hätten die Emissionen gern vermieden gesehen.


Der Kampf der Dorfgemeinschaft für den Ort geht weiter. Lohnt er sich? Allemal! Selbst wenn es im Winter etwas trist daherkommt, im Sommer überrascht das dann quirlige Dorf mit seinen Angeboten. Ein Besuch der 1597 am Moorburger Elbdeich erbauten St.-Maria-Magdalena-Kirche, mitten im Hafenerweiterungsgebiet, lohnt immer. Außen neugotisch, innen barock schlägt das Gebäude einen Bogen über die Jahrhunderte.


Das Fenster zum Hafen


Nur an schönen Tagen gut besucht ist der Moorburger Berg der Hamburg Port Authority, ein künstlich aufgeschütteter Hügel von gut 20 Meter Höhe. Am einfachsten gelangt dorthin, wer den HVV-Bus Linie 157 (ab Bahnhof Harburg) nimmt. Der hält am "Kinderland Moorburg", in dem auch der rege Verein Elbdeich sitzt, und von dort ist es nur ein kleiner Fußmarsch. Oben warten Parkbänke auf Magerrasenflächen, vier große Streuobstwiesen grenzen an, und wertvolle Biotope haben sich dazugesellt. Der Blick fällt auf das Containerterminal Altenwerder, wo das Leben tobt, und auf ein Hafenbecken, in dem auch schon mal ein Riesenpott von Schleppern gedreht wird.


Mit dem Wasserturm Moorburg hat sich ein Restaurant angesiedelt, das man vorzeigen kann. Zwar ist der Namensgeber des Lokals, der 40 Meter hohe Wasserturm, 1952 wegen Baufälligkeit abgerissen worden, doch der Name blieb. Neben Speisen der Extraklasse und Schnäpsen wie Moorburger Lümmel Kümmel und Eau de vie de Moorbourg sind auch wechselnde Bilderausstellungen im Angebot.


Wer sich nach dem Essen bewegen möchte, kann das tun. Moorburg ist mit seinem Deich ein Paradies für Fahrradfahrer, Skater und Fußgänger. Naturfreunde sollten das Fernglas nicht vergessen, denn auf den verlassenen Obstplantagen hat sich eine vielfältige Vogelwelt niedergelassen. Übrigens: Das Obst besagter Plantagen darf gegessen werden. Also zugreifen!

 

Moorburg historisch

Entschlossen kämpfen die Moorburger seit Jahrzehnten um den Erhalt ihres Stadtteils, der als Hafenerweiterungsgebiet keine gute Perspektive hat. Nicht zuletzt berufen sie sich dabei auf Moorburgs Geschichte – und die verdient in der Tat den genaueren Blick. Als strategisch wichtiger Militärstützpunkt war Moorburg jahrhundertelang zwischen Hamburg und Harburg umstritten. Erstum 1820 wurden die Burg und die Befestigungsanlagen, durch die sich die Herzöge von Braunschweig-Lüneburg ständig provoziert fühlten, abgebaut.


Napoleon und das „Drecksnest“ Moorburg


Eine Begebenheit aus der Franzosenzeit, die Moorburgs Nachwuchs quasi mit der Muttermilch aufnahm: Napoleon soll über die ehemalige Festung gesagt haben: „Dieses Drecksnest Moorburgbekomme ich auch noch.“ An der Moorburger Schanze sollen sich dann Freiwilligenverbände der französischen Militärmacht entgegengeworfen haben – und die Truppen des Kaisers zogen weiter. Ein Pastor namens Stüven schrieb ein Stück über diese Heldentat und ließ es landesweit aufführen. Von den Einnahmen wurde ein Findling gekauft und am Moorburger Friedhof aufgestellt. Die Inschrift lautet: „nunquam retorsum“ – niemals zurück.


Statt als Militärstützpunkt machte sich Moorburg schließlich als Gemüsegarten Hamburgs einen Namen – ähnlich wie die Vier- und Marschlande. Ältere Hamburger erinnern sich noch, dass die fliegenden Händler früher frisches Gemüse, aber auch in Kannen abgefüllte Milch in der Stadt feilboten, indem sie von Haustür zu Haustür zogen oder in den Innenhöfen der Mietskasernenlautstark ihre Waren anboten. Diese Art des Verkaufs wurde 1937 verboten, und entsprechend mussten die Hamburger zum Einkaufen nun per Schiff zu den Moorburgern fahren.


Einst hatte man den beim Torfabbau entstandenen Torfmull in Moorburg auf der Erde verteilt, später war der Boden dadurch dann so fruchtbar geworden, dass die unterschiedlichen Gemüsesorten nur so ins Kraut schossen. Bis zum Inkrafttreten des Groß-Hamburg-Gesetzes war Moorburg übrigens eines der ganz wenigen Herrschaftsgebiete Hamburgs südlich der Elbe – eine Exklave im Raum Harburg mit einer direkten Fährverbindung. Als die Nachbargemeinden an Hamburg fielen, hatte Moorburg schon lange vorher dazugehört.


Eine erste Moorburger Kirche wurde schon im 13. Jahrhundert erwähnt. Sie galt wegen eines angeblich wundertätigen Maria-Magdalenen-Bildes als Pilgerstätte, wurde aber 1597 durch einneues Gotteshaus ersetzt. Diese neue Maria-Magdalena-Kirche steht heute noch, auch wenn sie ihr Aussehen vor allem einer Umgestaltung aus dem späten 17. Jahrhundert verdankt.


Hafenerweiterung schon vor 90 Jahren


Schon in den 1920er-Jahren war die Hafenerweiterung bedrohlich nahe an Moorburg herangekommen – damals wurde das Dörfchen Lauenbruch eingeebnet. Moorburg blieb lange verschont. Das sogenannte Straßendorf, das sich zu beiden Seiten der Moorburger Straße erstreckte, war ein sehr beliebtes Ausflugsziel. Im Hamburger Abendblatt erinnerten sich Zeitzeugen, wie die Fähren, darunter die „Primus“, die „Moorburg“und die „Delphin“, aus Hamburg kommend jahrzehntelang am Landungsponton anlegten und Hunderte von Ausflüglern an Land gingen.


Neben der wenig zersiedelten Natur genossen die Besucher auch den phänomenalen Blick in Richtung Hamburg, dessen Kirchtürme damals natürlich noch nicht von Hochhausklötzen verbaut waren. Zu den beliebten Ausflugslokalen gehörten das Moorburger Fährhaus, die MoorburgerSchanze und Bauers Gastwirtschaft. Vor der Abbruchwerft Ritscher (Moorburger Trecker Werke) lagen alte Segler und andere Schiffe, die abgewrackt wurden – auch das ein besonderer Anziehungspunkt für die Besucher aus Hamburg.


Bei der verheerenden Sturmflut 1962 wurde Moorburg schwer in Mitleidenschaft gezogen. Zwölf Einwohner und rund 1000 Stück Vieh starben, 16 Häuser wurden von den Wassermassen zerstört.Die Moorbuger bauten alles wieder auf, bevor dann Ende der 1970er-Jahre klar wurde: Der Stadtteil sollte der Hafenerweiterung geopfert werden, für rund 1000 Einwohner stand die Räumung scheinbar unwiderruflich bevor. Ende 1981 schuf das Hafenerweiterungsgesetz Tatsachen, im August 1986 wurde das erste Haus abgebrochen – unter Polizeischutz. 90 Prozent der Häuser sindinzwischen in städtischem Besitz, das Ende der Geschichte: offen. Die Moorburger kämpfen weiter.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018