Kirchwerder - Wo die Elbe einen Knick macht

Auf dem Gänsehof Eggers in Kirchwerder
Marcelo Hernandez

 

Trachten, Tulpen und Trauerseeschwalben: An Hamburgs Südspitze ist der Großstadttrubel fern.

 

Fläche in Quadratkilometer: 32,3
Einwohner: 9804
Wohngebäude: 2771
Wohnungen: 4098
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 221
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Mit dem Wagen dauert die Fahrt von der Hamburger Innenstadt eine gute halbe Stunde bis zur südöstlichen Spitze der Landesgrenze, bis nach Kirchwerder. Aber schon bei Mümmelmannsberg, wo die B 5 auf dem Geestrücken entlang des Elburstromtals verläuft, bekommt man einen Eindruck von der Weite des Landes mit seinen fruchtbaren Böden, den Wiesen und Feldern und den vielen Treibhäusern für die Blumenzucht. An den Wochenenden und besonders in den Sommermonaten ist der entlegene Stadtteil ein beliebtes Ausflugsziel.

Das Fährhaus geht mit der Zeit

Kirchwerder wird meistens in einem Satz mit dem Zollenspieker Fährhaus genannt. Der denkmalgeschützte Fachwerkbau diente Jahrhunderte als Zollstelle für Waren aller Art. 742 Jahre war das Fährhaus ein staatliches Gebäude. 1991 war das Fährhaus vom Abbruch bedroht, weil das Restaurant als unrentabel galt. 1991 feierte man einen traurigen „Ruinenball“, und das Haus schloss für vier Jahre.

1995 kaufte es der Kirchwerder Ingenieur Bodo Sellhorn für eine symbolische Mark und ließ es aufwendig restaurieren. 2002 feierte der Bau sein 750-jähriges Bestehen und wurde wieder zu einem beliebten Naherholungsort an der Elbe -- eine Institution von Kirchwerder. Eine Investition in die Zukunft ist der moderne Vier-Sterne-Hotelanbau mit 53 Zimmern und Wellnessbereich, der den Gästen einen zeitgemäßen Service bietet. Gleichzeitig stehen für Familienfeiern und Firmenveranstaltungen zwei Säle zur Verfügung, die durch ein flexibles Raumkonzept von 30 bis auf 200 Quadratmeter wachsen können.

Treffpunkt für Motorradfahrer

Ein gefragtes Ziel war das Zollenspieker Fährhaus immer, denn schon vor mehr als 100 Jahren machten sich Gäste mit der Kutsche in einer Tagestour vom Hamburger Bahnhof Dammtor auf den Weg an die Elbe. Direkt in Sichtweite des Fährhauses befindet sich die Zollenspieker Fähre, der älteste deutsche Elb-Fährbetrieb, der Kirchwerder mit dem gegenüberliegenden Hoopte in Niedersachsen verbindet. Für viele Bewohner der Vier- und Marschlande ist es eine wichtige Verbindung zur anderen Elbseite, die allerdings nur zwischen dem 1. März und 30. November angeboten wird. Eine Alternative, aber ein Umweg, ist die Fahrt über das Wehr bei Geesthacht. Der Anleger ist an sonnigen Tagen ein beliebtes Ausflugsziel für Motorradfahrer. Direkt am Wasser glänzen dann die schweren Maschinen und die Biker machen nach einer Fahrt am Deich entlang Pause an Käpt'n Kuddls legendärem Fähr-Imbiss.

Prachtvolle Gebäude

Auf 800 Jahre Geschichte kann die besonders schöne St.-Severini-Kirche am Kirchenheerweg 2012 verweisen. Schon von Weitem ist der weiße Glockenturm aus Holz sichtbar. Ihr heutiger Bau mit dem gemauerten, vom Turm getrennten Kirchengebäude geht auf das Jahr 1785/91 zurück. Im Inneren bietet der Bau eine unerwartete, dekorative Pracht.

Schwere Messingleuchter, deren Kerzen zum Gottesdienst angezündet werden, hängen an dicken Holzträgern, und zierliche Hutständer aus Eisen schmücken mit ihren stilisierten Blüten in allen Farben die harten Holzbänke, die nur durch kleine geschnitzte Türchen zu betreten sind. Kanzel, Empore und Taufbecken sind in klassizistischer Holzbauart gearbeitet und bemalt, und zu jeder Viertelstunde ertönt eine antike Wanduhr -- für Pastor und Gemeinde unüberhörbar.

Auch der Friedhof ist sehenswert, zeugen doch die teilweise bis zu 2,30 Meter hohen Grabplatten aus dem 16. bis 19. Jahrhundert vom damaligen Reichtum mancher Höfe. Einige der Platten schmücken den Eingang zur Kirche, das Brauthaus, wo heute vor der kirchlichen Trauung standesamtliche Vermählungen stattfinden. Eine Besichtigung der Kirche (www.st-severini.de, Tel. 723 02 02) ist nach vorheriger Anmeldung möglich. Die Gemeinde ist heute, was ihre Fläche angeht, die größte im Hamburger Stadtgebiet.

Schon von Weitem ist die Riepenburger Mühle zu sehen, ein heimliches Wahrzeichen von Kirchwerder. Seit 1999 kümmert sich der Verein Riepenburger Mühle (www.riepenburger-muehle.com, Tel. 720 89 50) um das seit 1939 unter Denkmalschutz stehende Gebäude und hat seit 2001 mehr als 1,3 Millionen Euro in die Restaurierung investiert. Jeden ersten und dritten Sonntag im Monat finden Führungen in der funktionstüchtigen Mühle statt, zwischen April und Oktober auch am Dienstag und Donnerstag zwischen 11 und 17 Uhr. Außerdem werden in der Ölmanufaktur noch nach alter Herstellungsart Öle produziert. Im angeschlossenen Mühlenladen werden unter anderem Schokoladen, Konfitüren sowie Essig und Öle verkauft. Und im Café gibt es frischen Kuchen.

Gefragter Trachtenverein

Einen Einblick in das traditionelle Leben von Kirchwerder bekommt man auch bei den Auftritten des Vierländer Speeldeel Trachtenvereins (www.vierlaender-speeldeel.de). Die 1964 gegründete Tanzgruppe hat circa 80 Mitglieder aller Altersgruppen und zeigt bundes- und europaweit bei Feierlichkeiten Trachtentänze und singt Volkslieder aus dem norddeutschen Raum. Zur größten Veranstaltung mit Auftritten der Tanzgruppe zählen immer die Feiertage mit Umzug zum Erntedankfest jeweils Anfang Oktober.

Gartentipps für Laien und Experten

Kirchwerder ist bekannt für seine Blumenzüchter. Besonders im Frühjahr werden in den vielen bis zu 150 Meter langen Treibhäusern der Betriebe Stiefmütterchen, Primeln, Tulpen und dann Geranien gezüchtet. Eine Institution in Sachen Gartenbau ist auch das BIG Bildungs- und Informationszentrum des Gartenbaus Hamburg, früher unter dem Begriff Gartenbau-Versuchsanstalt Fünfhausen bekannt. Eine Anlage, die sowohl Fachleuten, Hobbygärtnern und Gartenfreunden offen steht. Natur pur finden Besucher aber auch im Naturschutzgebiet Kirchwerder Wiesen, mit 860 Hektar Gesamtfläche das größte der Hansestadt und der einzige Brutplatz der Trauerseeschwalbe auf Hamburger Grund.

 

Kirchwerder historisch

Die heutigen Vier- und Marschlande waren im Laufe ihrer Geschichte ständigen Überschwemmungen ausgesetzt. In Kirchwerder, das von Deichbrüchen besonders stark betroffen war, hat man aus dieser Not irgendwann eine Tugend gemacht. Denn der viele Sand, der mit dem Elbwasser herangeführt wurde, hatte die Bodenbeschaffenheit mit der Zeit so stark verändert, dass Kirchwerders Bauern den Getreideanbau aufgaben und auf Gemüse umsattelten.

Schon ab dem 17. Jahrhundert belieferten sie die Hamburger Märkte, was anfangs ein mühsames Unterfangen war. Zunächst mussten die Waren mit Schubkarren über die Deiche transportiert werden, gelegentlich kamen Pferdefuhrwerke zum Einsatz. Neben Gemüse gehörten beispielsweise auch Weintrauben und Melonen zum Angebot. Als Delikatesse galten die Vierländer Erdbeeren, 1840 wurde Rhabarber erstmals in Kirchwerder angebaut – angeblich eine europaweite Premiere.

Eine lange Tradition hat der Transport auf dem Wasserweg. Ursprünglich wurden dazu Ewer mit Segeln genutzt, später zogen Motorkähne oder Schlepper die beladenen Schuten zum Markt. Das Gemüse war früher in selbst gefertigten, runden Weidenkörben verpackt, Kisten kamen erst in den 1920er-Jahren auf. Beschickt wurden die Märkte Meßberg, Hopfenmarkt und Fischmarkt, 1911 eröffnete dann der Gemüsemarkt am Deichtor.

Der Bahnhof wurde einfach abgerissen

Um 1908 entstanden die ersten Treibhäuser, Kunstdünger kam ab den späten 1920er-Jahren zum Einsatz. Vereinfacht wurde der Warentransport nach Errichtung von Vierländer Bahn und Marsch bahn. Allerdings gab es ab Tiefstack keine direkte Verbindung zu den Hamburger Markthallen, sodass ein Verladen und Umsteigen auf die Reichsbahn nötig wurde.

Nach dem 1912 erbauten Bahnhof Kirchwerder Nord endete die Strecke am Kopfbahnhof Zollenspieker am Sülzbrack, wo sich auch die Auftankstation für Dampflokomotiven und ein schöner Bahnhof befanden. Nicht zuletzt durch den Ausbau der Straßen verloren die beiden Bahnverbindungen immer stärker an Bedeutung. Schon 1953 wurde der Personenverkehr eingestellt, der Güterverkehr folgte 1961. 1971 riss man das stolze Bahnhofsgebäude ab – zum Entsetzen der meisten Menschen in Kirchwerder.

Der Ortsteil Zollenspieker ist zugleich Synonym für die Fährverbindung, die an dieser Stelle schon im 13. Jahrhundert nachgewiesen werden kann. Der Name bedeutet übersetzt „Zollspeicher“, andere Quellen berichten, man habe vom turmartigen Bau nach zollpflichtiger Ware „gespiekt“ – also Ausschau gehalten. Denkbar ist auch das, denn die Elbe macht hier einen Knick und ist gut einsehbar.

Treffpunkt Zollenspieker Fährhaus

Ab den 1870er-Jahren wurde der Zollenspieker, Hamburgs südlichster Punkt, zunehmend zum Ausflugsziel. Das beliebte Fährhaus, Original-Baujahr 1621, lockte mit Kaffeegarten, Tanzsaal und der unbezahlbaren Aussicht. Am 22. Juni 1823 war Heinrich Heine (1797 – 1856) zu Gast im Fährhaus, um an der Hochzeit seiner Schwester Charlotte mit dem Kaufmann Barthold Embden teilzunehmen. Heine schrieb dazu später: „Es war ein schöner Tag der Festlichkeit und Eintracht … Wer mein klein Lottchen liebt, den liebe ich auch.“ Über die Unterkunft befand er lakonisch: „Das Essen war gut, die Betten waren schlecht.“ 1831 überquerte Hans Christian Andersen die Elbe von Zollenspieker nach Hoopte – „nach ungeheurer Fahrt“, wie er schrieb.

1868 kam Kirchwerder ganz nach Hamburg – und zwar in die Zuständigkeit der Landherrenschaft der Marschlande. 1937 folgte die endgültige Eingliederung nach Bergedorf. Nach der verheerenden Sturmflut 1962 wurde der alten, von vielen Bracks geprägten Deichlinie im Süden ein neuer Hauptdeich vorgelegt. Kirchwerder wurde dadurch sicherer, aber auch stärker abgeschottet.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018