Billwerder - Einst das längste Dorf Europas

Ein ehemaliges Wasserwerk auf der Billwerder Insel
Roland Magunia/HA

 

Idylle direkt an der Boberger Niederung mit Wanderwegen und Wasserläufen, dem nahen Segelflugplatz -- und dem größten Gefängnis Hamburgs.

 

Fläche in Quadratkilometer: 9,5
Einwohner: 1584
Wohngebäude: 382
Wohnungen: 559
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 207
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Die Straße schlängelt sich über den Deich der Bille. Gesäumt von Grünflächen mit Villen, von denen viele noch aus der Zeit vor dem Ersten und zwischen den beiden Weltkriegen stammen. Alle gelegen an dieser einen nicht endenden Hauptstraße, dem Billwerder Billdeich. Noch vor dem Zweiten Weltkrieg war Billwerder Europas längstes Straßendorf. 17 Kilometer maß der Billdeich innerorts, bevor immer neue Abschnitte an angrenzende Stadtteile abgegeben werden mussten: für Wohnungen, Gewerbe- oder Industrieansiedlungen. Acht Kilometer sind geblieben. Ein verschlafenes Dörfchen mit seinen Reetdachhäusern und ein paar Stichstraßen, könnte man meinen. Doch der erste Eindruck täuscht.

Ein Badesee dank der Autobahn

Die Idylle direkt an der Boberger Niederung mit ihren Wanderwegen, Wasserläufen, dem nahen Segelflugplatz und zahllosen Weiden genießen heute nicht nur die Anwohner. Ausflügler kommen an den Sommerwochenenden zu Tausenden. Sie lockt seit 1959 auch der Badesee, der für den Bau der nahen Autobahn 1 ausgebaggert wurde. Die Zahl der Besucher nahm so überhand, dass das Bezirksamt Bergedorf ein Faltblatt mit Hinweisen für Parkplätze abseits der Straße und der schmalen Gehwege herausgab, die sonst hoffnungslos verstopft würden.

In der Tat gibt es viel zu sehen in Billwerder, was sonst in der Großstadt selten ist. Zahlreiche Vogelarten wie die vom Aussterben bedrohte Sumpfohreule, die Haubenlerche oder der Weißstorch nisten hier. Aber auch Rehe, Füchse, Hasen und manchmal ein Waschbär sagen einander gute Nacht. Renoviert wurde das 360 Jahre alte Wohnstallhaus mit Nummer 256 am Billdeich, in dem noch bis ins frühe 18. Jahrhundert der Michel-Pastor den Sommer verbrachte. Insgesamt 400.000 Euro hat der Vorstand des Boberger Reitvereins für das Gebäude gesammelt. Das 35 Meter lange Reetdachhaus beherbergt Stallungen und Nebengebäude für den Verein.

Hilfsbereit und bodenständig

"Bodenständig und tolerant" seien die Menschen in Billwerder. Außerdem helfe man sich gegenseitig. Solcher Einsatz gilt auch der Kirche, die nach einem Brand 1913 neu aufgebaut wurde. Für die in den kommenden Jahren wieder anstehende Renovierung des Mauerwerks und des Daches sammelten die knapp 1000 Gemeindemitglieder binnen zwei Jahren 27.000 Euro. Ein Zeichen dafür, dass es den meisten Einwohnern gut geht. Straftaten sind Ausnahmen. Abends ist es fast überflüssig, die Haustür abzuschließen.

Tagsüber jedoch müssen viele Billwerder ihr Zuhause verlassen. Jobs gibt es nur wenige im Ort, die Arbeitswege führen nach Hamburg. Mit dem Auto ist das Zentrum in 15 Minuten zu erreichen. Daneben stoppt die S-Bahn an den Haltestellen Allermöhe, Mittlerer Landweg und Billwerder-Moorfleet neben dem Containerbahnhof, wo Kräne Stahlboxen auf Waggons hieven.

Die Mitgift angehender Schwiegersöhne

Von Kunden aus der Stadt leben die drei Reiterhöfe, auf denen mehr als 160 Reit-, Dressur- und Springpferde stehen. Zur Heimat gehört auch der Billwerder Turnverein mit 260 aktiven Mitgliedern, das kleine, zum Haus der Dorfgemeinschaft "Billwärder an der Bille" umfunktionierte Feuerwehrgerätehaus und nicht zuletzt das einzige Malermuseum Deutschlands. Das hat die Hamburger Malerinnung im 400 Jahre alten Glockenhaus und einer angrenzenden Scheune eingerichtet. Die Exponate aus 800 Jahren Handwerksgeschichte werden von Februar bis November an jedem Wochenende gezeigt.

Auch die freiwillige Feuerwehr fehlt nicht. Die knapp 20 Aktiven sind vor allem eine Sicherheit für die Besitzer der Reetdachhäuser. Und so mancher Vater soll den Eintritt bei den Freiwilligen schon zur Bedingung für eine Heirat gemacht haben. "Sonst kriegst du meine Tochter nicht", wurde den Schwiegersöhnen in spe augenzwinkernd beschieden.

Herberge mit 800 Einzelzimmern

Nicht ganz. Denn noch in Sichtweite der Häuser überragen dicke Mauern die Felder und Wiesen. Sie gehören zum größten Gefängnis Hamburgs mit 803 Einzelzellen. Die Justizvollzugsanstalt (JVA) Billwerder wurde Mitte 2003 für 91 Millionen Euro fertiggestellt. Nur ein einziges Schild weist bisher auf die Einrichtung hin, obwohl die JVA am Dweerlandweg mit 380 Mitarbeitern der größte Arbeitgeber vor Ort ist. Zwar sind die sechs Meter hohen Betonmauern mit ihrem Stacheldraht keine Zierde. Doch sie erfüllen ihren Zweck und bieten Sicherheit. Nur zwei Steinwürfe entfernt in dem Dorf, das einmal das längste in Europa war.

 

Billwerder historisch

In alten Quellen steht die Bezeichnung Billwerder (oft auch Billwärder geschrieben) für die gesamte Elbinsel zwischen Dove Elbe und Bille, auf der die heutigen Stadtteile Allermöhe, Billbrook, Billwerder und Moorfleet liegen. „Werder“, das ja zum Beispiel auch in Kirchwerder oder Ochsenwerder steckt, geht zurück auf das altdeutsche Wort „werid“ (mittelhochdeutsch: wert), das Insel bedeutet.

Zunächst hatten sächsische Siedler die Insel bewohnbar gemacht und einfache Deiche errichtet. Nach einigen Quellen war die Eindeichung 1257 abgeschlossen, nach anderen erst rund 75 Jahre später. Zur Finanzierung der Deiche sollen 1331 die Glocken der damals drei bestehenden örtlichen Kirchen verkauft worden sein.

Ende des 14. Jahrhunderts kaufte Hamburg die Nutzungsrechte am Billwerder von dem Grafen Otto von Schauenburg, vor allem um die Elbschifffahrt abzusichern. Zu dem Paket scheinbar wertloser Flächen gehörte auch der Ochsenwerder nebenan mit den heutigen Stadtteilen Ochsenwerder, Tatenberg und Spadenland. Die schon vorhandenen Deiche wurden gesichert und erhöht, die Verwaltung übernahm die Landherrenschaft Bill- und Ochsenwerder.

Industrie verdrängte die Landhäuser

Die Gegend blieb über Jahrhunderte wenig bebaut und landschaftlich ungeheuer reizvoll. Kein Wunder, dass wohlhabende Hamburger den Ort Billwerder für sich entdeckten und sich, aus der immer enger werdenden Stadt flüchtend, dort ihre Lust- und Sommerhäuser im holländischen
Barockstil bauen ließen. Man muss sich das wie heute vorstellen: Der Blick übers Wasser und die kaum mehr vorstellbare Stille taten Augen und Ohren gut, und wer es sich leisten konnte, fuhr per Schiff über die Bille hinaus aufs Land.

Das Glockenhaus mit dem Museum des Maler- und Lackiererhandwerks ist einer der ganz wenigen Bauten aus der Zeit des „Lustwandelns“ in der Sommerfrische. Schon 1563 als Bauernhaus nachweisbar, wurde es 1600 von einem Jacob Trocke gekauft und zum Landhaus umgestaltet. 1779 erwarb es der Kaufmann Paridom Daniel Kern, „dass es zum ewigen Andenken erhalten bleibe“. Ende der 1960er-Jahre war das kostbare Gebäude ziemlich heruntergekommen, und man erwog bereits den Abriss. Zwischen 1971 und 1980 wurde es zum Glück sehr aufwendig instand gesetzt und dauerhaft gesichert.

Ende des 18. Jahrhunderts war ganz Billwerder von dieser Landhauskultur geprägt – aber nicht mehr lange. Danach kamen die Elbvororte in Mode, außerdem machte sich die aus Billbrook nachrückende Industrie immer stärker bemerkbar. Als Folge ebbte die Landhauskultur ab, Billwerder wurde schrittweise wieder zu einem Bauerndorf. Die Menschen bauten dort vor allem Hopfen an, der an Hamburger Brauereien verkauft wurde, später sattelten sie auf Gemüseanbau um.

Billwerder an der Elbe – und an der Bille

Der heutige Stadtteil Billwerder ist erst durch relativ komplizierte Neuzuschnitte entstanden: 1871 teilte man den mittlerweile dicht besiedelten, nicht eingedeichten Nordwesten ab und machte daraus den Vorort Billwerder Ausschlag (inklusive Billhorn), der später teilweise mit dem benachbarten Rodenburgs Ort zu Rothenburgsort zusammengelegt wurde. Der nordwestliche Teil bestand von 1872 an aus drei Gemeinden: Billwerder an der Elbe (im Süden), Billwerder an der Bille (im Norden) und Moorfleet.

Billbrook, ein großes Gewerbe- und Industriegebiet im Nordosten, das sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte, wurde 1913 aus Billwerder herausgelöst und ein eigener Stadtteil. Bereits im Mai 1842 war im Zuge des Baus der Hamburg-Bergedorfer Eisenbahn die „Bedarfshaltestelle“ Billwerder-Moorfleet eingerichtet worden, ab 1928 kam hier auch die Marschbahn vorbei. 1913 wurde die St.-Nikolai-Kirche neu errichtet, nachdem der Vorgängerbau von 1737 im Jahr 1911 abgebrannt war. Von der alten Ausstattung ist nur die Taufschale erhalten.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018