Billbrook - Ein Quartier der harten Kontraste

Idylischer Ausblick über die gelbe Brücke
Marcelo Hernandez

 

Müllverbrennungsanlage auf der einen Seite, Sumpfgebiete an der Bille auf der anderen und die fünf Kanäle, die einst das Land trockenlegten.

 

Fläche in Quadratkilometer: 6,3
Einwohner: 2198
Wohngebäude: 83
Wohnungen: 284
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 203
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Es war einmal ein Dorf, in dem lebten einfache Menschen, Bauern zumeist, die Landwirtschaft trieben, wovon sie ihren Lebensunterhalt bestritten. Das Dorf hieß Billbrook, es gehörte zu dem größeren Dorf Billwärder, das sich damals - im 14./15. Jahrhundert - noch nicht mit "e" schrieb.

Die eingedeichten Marschflächen an der Bille waren nicht nur für Bauern, sondern auch für reiche Hamburger attraktiv. Diese errichteten dort im 17. und 18. Jahrhundert ihre Landhäuser - auch Senator Joachim Caspar Voigt war unter ihnen -, um dem Gestank der Stadt zu entfliehen.

"Totes nur. Zerstörtes, Zerfallenes, Zerborstenes, Zerwühltes, Zerkrümeltes. Totes nur. Totes. Kilometerweit, kilometerbreit Totes. Er stand in einer toten Stadt, und er schmeckte es fade und übel auf der Zunge." So beschreibt Wolfgang Borchert in seiner Erzählung "Billbrook" die gewaltigen Zerstörungen, die die Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs im Stadtteil angerichtet hatten. Es ist nicht mehr viel übrig von Billbrook, als der kanadische Feldwebel Bill Brook sich in Borcherts Geschichte aufmacht, jenen Ort zu erkunden, der so heißt wie er selbst.

Statussymbole zählen hier nicht

Und heute? Billbrook hat durchaus einiges zu bieten: Das viele Wasser, die Bille, die (meistens) gute Luft hier im Osten des Reviers. Das wenige, das geblieben ist von der einst ländlichen Idylle, die nahen Boberger Dünen, das dörfliche Billwerder. Und die Ruhe, die spätestens in den frühen Abendstunden in diesen Teil Billbrooks einzieht und die das Getöse der Großstadt vergessen lässt. Hier gebe es keinen Kampf um Statussymbole, es sei eine tolle Nachbarschaft, heißt es.

Wenngleich eine den Billbrookdeich weiter hinauf auch nicht unproblematische Nachbarschaft. Dort in der Wohnunterkunft am Billstieg leben gut 500 Menschen, Roma und Kosovo-Albaner zumeist, zwei Drittel von ihnen sind Kinder und Jugendliche. In fünf, sechs eher unansehnlichen mehrstöckigen Wohnblöcken sind sie untergebracht. Eine Siedlung, die über Jahre hin für viele Negativschlagzeilen sorgte, ähnlich wie die einstigen Unterkünfte an der Berzeliusstraße, die vor zwölf Jahren abgerissen wurden.

Der Schulkinderklub am Billbrookdeich hat das ganze Jahr über geöffnet, es wird gemeinsam gekocht, Fußball gespielt, mit dem Kanu auf der Bille gefahren. Etwa 75 Kinder werden hier betreut, zwei Drittel von ihnen kommen aus der Wohnunterkunft, die anderen aus Billstedt, Hamm oder Horn.

Kein Bäcker, kein Supermarkt, kein Arzt

Billbrook ist ein Stadtteil der harten Kontraste. Das Heizkraftwerk Tiefstack, die Müllverbrennungsanlage an der Borsigstraße auf der einen Seite, die Wiesen und Sumpfgebiete an der Bille auf der anderen, die fünf Kanäle, die einst das Land trockenlegten. Kein Bäcker, kein Supermarkt (außer dem italienischen Großhändler Andronaco an der Halskestraße), kein Arzt, kein Restaurant (lediglich im Vier-Sterne-Hotel Böttcherhof gibt es zwei - doch wer kann sich das schon leisten, dort zu essen?). Imbisse? Ja, das schon.

Die Wohnunterkünfte, die Bao-Quang-Pagode, ein vietnamesisch-buddhistisches Kulturzentrum am Billbrookdeich, errichtet in einer einstigen Lagerhalle, mit Pagodendach gekrönt. Billbrooker Facetten, widersprüchlich. So ist es, das Leben in Billbrook.


Billbrook historisch

In vielen Stadtteilen lassen sich dörfliche Strukturen zumindest noch erahnen – von Billbrook kann man das aber nicht behaupten, auch wenn sich noch ein paar hübsche Häuser entdecken lassen. Naturbelassen ist diese Gegend schon seit ewigen Zeiten nicht mehr. Die Marschflächen an der Bille waren bereits im 13. und 14. Jahrhundert eingedeicht worden, und schon seit dem späten 14. Jahrhundert hatte die Fläche des heutigen Stadtteils zum Dorf Billwärder und damit zum Hamburger Landgebiet gehört.

In Billbrooks Geschichte finden sich zwar Bauernhöfe und, wie zum Beispiel auch bei Hamm, die Phase, in der wohlhabende Hamburger sich hier ihre Landsitze erbauen ließen. Aber klar ist auch, dass Billbrooks Status als Industriestandort schon früh unwiderruflich vorgezeichnet war. Ähnlich wie nebenan den Hammerbrook, hatte man auch das niedriger gelegene Sumpfgebiet (den Billbrook) im späten 19. Jahrhundert aufgeschüttet, um es baureif zu machen.

Die hohen Schornsteine an der norddeutschen Wupper

1912 wurde der westliche Teil des damals offiziell sogenannten Billwärder an der Bille abgetrennt und unter dem Namen Billbrook zum Vorort gemacht. Schon zu Beginn desselben Jahres war ein Bebauungsplan festgelegt worden, dessen Umsetzung sofort begann und Billbrooks Ausgestaltung zum Industriegebiet auf den Weg brachte. Dazu wurden jede Menge breite, schnurgerade Straßen angelegt und das Gelände mit Kanälen durchzogen, die einerseits den Boden entwässerten, andererseits als Transportwege zum Teil schiffbar waren.

Schon nach wenigen Jahren wurde die Bille hier auch „norddeutsche Wupper“ genannt – in Anlehnung an den Fluss im Ruhrgebiet. Nach Angaben der Geschichtswerkstatt Billstedt wurde Billbrooks Silhouette von mehreren chemischen Fabriken, einer Zinkhütte am Billbrookkanal und einem Metallwalzwerk mit einem mehr als 100 Meter hohen Zentralschornstein dominiert.

Weithin sichtbar war die Zinkhütte, da sie ursprünglich sieben je 40 Meter hohe Schornsteine hatte. Ende der 1920er-Jahre mussten wegen ständiger Klagen aus der Nachbarschaft noch drei weitere gebaut werden, von denen jeder sogar 80 Meter hoch aufragte. Während die vielen Industrieanlagen laufend modernisiert wurden, blieben manche der Billbrooker Wohngebiete weit hinter dem Entwicklungsniveau der restlichen Stadt zurück. 1929 wandte sich der örtliche Bürgerverein über das „Hamburger Fremdenblatt“ direkt an die Bürgerschaft, die Baubehörde und die Parteien und kritisierte die „unbefriedigenden und unzeitgemäßen Verhältnisse“ vor Ort.

Nach den enormen Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs war Billbrook eine Anlaufstelle für Flüchtlinge und ausgebombte Hamburger. 1952 lieferte die „Hamburger Freie Presse“ eine bittere Bestandsaufnahme der verwüsteten Gegend. Auszug: „Von 2000 auf 12.000 Personen hat die Bevölkerungszahl zugenommen. In diesen Tagen hat das Aufräumungsamt endlich begonnen, die Fußwege von den Trümmern zu befreien.“

Das „Kistendorf“ – und ein literarisches Denkmal

Die Behelfsheime, in denen die Menschen damals leben mussten, waren zum Teil so einfach gebaut, dass die Gegend auch „Kistendorf“ genannt wurde. Eine Zeitung schrieb dazu: „Die Bewohner von Kistendorf leben alle ,unten‘ in der Marsch, zwischen Bille und Elbe. Sie leben (…) an Industriekanälen und Eisenbahngeleisen, Feuchtigkeit kriecht ihnen von unten her in die Häuser.“ Ab Ende der 1950er-Jahre erhielten die rund 6000 „Gartenkolonisten“ der Behelfssiedlungen dann Räumungsaufforderungen und Vorschläge für Ausweichquartiere. In Hamburg ging es wieder bergauf – und die Industrieanlagen brauchten auch in Billbrook mehr Platz.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018