Altengamme - Der östlichste Stadtteil Hamburgs liegt am Nordufer der Elbe

Architekt Volkmar H. Wulff, der für sich und seine Familie das alte Bauernhaus seiner Eltern umgebaut hat.
Mark Sandten

 

Das Dorf in den Vierlanden wuchert mit seinen historischen Pfunden.

 

Fläche in Quadratkilometer: 15,6
Einwohner: 2229
Wohngebäude: 642
Wohnungen: 908
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 209
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Uralte Fachwerkhäuser mit tief heruntergezogenen Strohdächern empfangen den Besucher, der sich über den Elbdeich Altengamme nähert. Der Blick Richtung Westen fällt auf riesige Wiesen, schmucke neue Einfamilienhäuser und moderne Windräder. In Altengamme, dem östlichsten Stadtteil Hamburgs, liegen Tradition und Moderne eng beieinander. Die lange Geschichte des kleinen Dorfes ist hier allgegenwärtig und prägt bis heute das Leben der Einwohner. Der Überlieferung nach ist der Ort entstanden, als erste Siedler die Region zwischen Bergedorf und der Elbe urbar machten.

Tradition wird gepflegt

Das Vereinsleben wird groß geschrieben in dem kleinen Dorf an der Elbe. Neben dem Kultur- und Heimatverein de Latücht, den Gesangsvereinen gibt es noch mehrere Kirchenchöre und die Theatergruppe Speeldeel Fründschaft, die regelmäßig plattdeutsche Theaterstücke aufführt. Altengamme hat eine eigene freiwillige Feuerwehr, einen Sportverein mit mehr als 1000 Mitgliedern und einen Landfrauenverein mit 100 Mitgliedern. Im Häkelbüdelclub Altengamme stellen Frauen des Ortes feine Handarbeiten her, die sie auf dem traditionellen Weihnachtsbasar verkaufen. Den Erlös spenden sie für einen guten Zweck. Auch fertigen sie kunstvoll Puppen in den alten Vierländer Trachten an.

Mühle als Wahrzeichen

Ein weithin sichtbarer Zeuge vergangener Zeiten und ein Wahrzeichen des kleinen Stadtteils ist die Altengammer Mühle. Sie wurde 1876 erbaut und bis 2007 betrieben. Einst wurde in der Windmühle Schrot gemahlen. Doch 1927 zerstörte ein Sturm ihre Flügel, sodass ihre Arbeit fortan von Maschinen übernommen wurde. In der Feinmühle nebenan, im Jahre 1938 erbaut, wurden mit elektrisch betriebenen Maschinen feine Mehlsorten hergestellt.

Vor allem im Krieg wurde Tag und Nacht gemahlen, weil viele andere Mühlen in Hamburg zerstört waren. Heute steht die Mühle unter Denkmalschutz und wurde 2007 verkauft. Der neue Besitzer Martin Villinger hat in dem Gebäudekomplex fünf Wohnungen eingerichtet und vermietet. Gelegentlich werden in der Mühle auch Arbeiten lokaler Künstler ausgestellt. Die ehemalige Feinmühle blieb komplett als Museum erhalten.

Schmuckstück der Handwerkskunst

Die alten Fachwerkhäuser nahe der Mühle wurden früher auch Hornkaten genannt. Das bedeutet, wenn jemand von Altengamme mit der Fähre auf die andere Elbseite gebracht werden wollte, wurde in der Kate in ein Horn geblasen. So verständigte man den Fährmann, wenn der sich gerade am jenseitigen Flussufer befand. Bis die Fähre eintraf, warteten die Fahrgäste in der Gaststube im Haus.

Ein weiteres Wahrzeichen des Ortes ist die Kirche St. Nicolai. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahre 1247. Im Laufe der Jahrhunderte hat man das Innere dieser Barockkirche immer wieder ergänzt. So entstand um 1380 der Taufkessel. Männerbankreihen mit Hutständern für die hohen zylindrischen Hüte, die damals zur Tracht gehörten, wurden ab 1708 errichtet. Heute gilt die Kirche mit ihrer prachtvollen Innengestaltung als ein Schmuckstück bäuerlicher Handwerkskunst.

Maiblumen und Pfingstrosen

Eine ganz besondere Geschichte hat die größte der drei Kirchenglocken, die von den Altengammern die Celsa genannt wird. Sie wurde im 15. Jahrhundert für den Hamburger Mariendom gegossen. Traditionsbewusste Altengammer hatten sie 300 Jahre später beim Abriss des Doms für ihre Kirche gekauft und damit gerettet – als einzige der einst sechs Domglocken. Mit Trümmern des Doms besserte man übrigens geschmackvollerweise ein paar Kilometer weiter einen Ochsenwerder Deich aus.

Der wichtigste Wirtschaftszweig in Altengamme war früher der Gartenbau. Etwa 500 Gärtneien gab es in den Vierlanden noch vor wenigen Jahrzehnten. Doch die Zahl der Betriebe, die noch hauptberuflich Gartenbau betreiben und hautsächlich Blumen anbauen, geht seit Jahren zurück. Besonders häufig werden in Altengamme Maiglöckchen, von den Vierländern Maiblumen genannt, und Pfingstrosen, aber auch Rosen, Tulpen, Stiefmütterchen und Sommerblumen angebaut. Sie werden als Schnittblumen auf den Wochenmärkten verkauft. Maiglöckchen werden auch als Pflanzkeime ins Ausland exportiert, insbesondere nach Frankreich.

 

Altengamme historisch

Das älteste der Vier- und Marschländer Kirchspiele wurde als Gamma schon 1188 urkundlich erwähnt. Am später sogenannten Gammerort hatte um 1361 eine braunschweig-lüneburgische Burg gestanden, auf der sich die Lüneburger mit den Hamburger Ratsherren zur Beratung getroffen haben sollen. Ältestes Gebäude ist der 1562 errichtete Turmspeicher am Horster Damm. Bis 1863 mussten die Bauern ihr Getreide gegen hohe Abgaben in den Mühlen von Bergedorf oder Riepenburg mahlen lassen. Der Bau der eigenen Windmühle im Jahr 1876 brachte eine entscheidende Verbesserung.

Die „Hopfenmarkt-Löwen“ im Einsatz

Die Altengammer Bauern bauten, wie alle Vierländer, verschiedene Gemüsesorten an, später kamen Maiglöckchen hinzu. Die Waren wurden übers Wasser hauptsächlich zum Hopfenmarkt transportiert, wo man von 1897 an ausschließlich Gemüse feilbot. Im Jahr 1907 wurden 900 Marktstände auf dem Hopfenmarkt gezählt – ein unglaublicher Andrang. Beim Schleppen der Waren und der Sicherung der einzelnen Plätze kamen die „Hopfenmarkt-Löwen“ zum Einsatz – trinkfeste, raubeinige Hilfsarbeiter, die sich im Gedränge durchzusetzen wussten.

1911 erfolgte die Verlegung des Marktbetriebs zum Deichtorplatz, auf das Gelände des ehemaligen Berliner Bahnhofs. Seitdem wurden Anlandung und Verteilung auch für die Altengammer Händler leichter. Denn der neue Markt verfügte über einen Zugang zu den Kaianlagen am Oberhafen und einen direkten Bahnanschluss.

Zwischen 1911 und 1914 wurden hier außerdem zwei große Markthallen für den Gemüsehandel und eine kleinere für den Blumengroßmarkt errichtet, die heute – dank der Initiative des Mäzens Kurt A. Körber – immer noch erhalten sind. Ein zeitgenössischer Reiseführer empfahl den Besuch auf dem Markt – auch „wegen der Verschiedenheit der fesselnden Volkstrachten aus der Umgegend Hamburgs“.

Steigende Nachfrage – dank hochwertiger Waren

Die Trachten waren aber nicht nur schön anzusehen, sondern sie signalisierten den Kunden, dass hier hochwertige Waren angeboten wurden. Altengamme profitierte von der großen Nachfrage, und,die Einwohnerzahl des Dorfes stieg von 1120 im Jahr 1811 auf 1364 im Jahr 1885. 1905 lebten 1448 Menschen in Altengamme, und 1925 hatte der Ort 1627 Einwohner. Die Zahl der kleinen bis mittelgroßen landwirtschaftlichen Betriebe (bis circa 20 Hektar) stieg von 96 im Jahr 1800 auf 203 anno 1895.

Der Altengammer Ortskern ist der kleinste der Vierlande – bis 1908 standen dort nur die Kirche, das Pastorat, die Schulkate und eine Gaststätte. Im Altengammer Schulhaus wurde 1895 Hertha Borchert, die Mutter von Wolfgang Borchert, als Hertha Salchow geboren. In vielen Texten hat sie ,ihre Vierländer Heimat verewigt, unter anderem schrieb die 1985 verstorbene Borchert in dem Gedicht „Freujohr an’n Diek“: „Nun bleuht in mien Heimat de Fleeder so scheun,/Und die Wischen
sind all so bunt un so greun …“ Und noch ein Stück Erinnerung: Der Bahndamm der stillgelegten Marschbahn (siehe Kirchwerder) ist vor Ort immer noch erhalten. 

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018