Bahrenfeld - Ein Stadtteil auf dem Sprung

Visualisierung Bahrenfeld
HA

 

Großes Grün, große Auftritte und ein großes Verkehrsprojekt.

 

Fläche in Quadratkilometer: 10,9
Einwohner: 31.047
Wohngebäude: 3524
Wohnungen: 14.432
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 674
Ein- und Zweifamilienhäuser: 4367
Eigentumswohnungen: 3739
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Wenn ein Stadtteil im Radio genannt wird, ist es oft Bahrenfeld. Denn meist geht es bei den Rundfunkmeldungen wieder mal um einen Stau auf der A 7 vor dem Elbtunnel. Oder um die Sperrung der Auffahrt. Und damit ist man eigentlich auch schon mitten drin in Bahrenfeld. Denn da, wo früher der Bahrenfelder Marktplatz war, ist heute die mehrspurige Autobahnauffahrt Bahrenfeld. Geblieben sind nur einige Stadtvillen und ein Straßenschild. Ein Zentrum, wo das Herz des Stadtteils schlägt, ist das nicht. Und das gibt es auch sonst nirgendwo zwischen dem Volkspark im Norden und der S-Bahn-Trasse im Süden. Bahrenfeld tickt anders.

Irgendwie landet man immer wieder bei der Autobahn, die den Stadtteil -- unüberhörbar -- zerschneidet. 40 Jahre ist der Bau inzwischen her, und viele Bewohner kennen es gar nicht anders. Es gibt keine Bahrenfeld-Identität, sondern viele kleine Kieze.

Von einem Ritter, den es nicht gab 

Immer wieder ist zu lesen, dass Bahrenfeld seinen Namen einem Ritter Otto von Bahren zu verdanken habe, der im 13. Jahrhundert in Ottensen gelebt und in Bahrenfeld landwirtschaftliche Flächen besessen haben soll. Hört sich gut an - immerhin nennt auch der Gewerbepark am alten Gaswerk sich seit einiger Zeit Otto von Bahrenpark -, ist aber wohl leider nur ein netter PR-Gag. Belegt ist nur, dass die Keimzelle Bahrenfelds ein Gut in kirchlichem Besitz war samt einigen Hofstellen, und zwar unweit des Straßendreiecks zwischen Von-Sauer-Straße und Bahrenfelder Chaussee.

Vielleicht ein Fingerzeig und auch ein Spot auf die wechselvolle Geschichte des einstigen Bauerndorfs, das 1640 dänisch wurde und auch mal von den Schweden belagert war. Anfang des 19. Jahrhunderts zog es die reichen Hamburger in den Nordwesten, wo es sich in großzügigen Landhäusern noch entspannt residieren ließ. 50 Jahre später kam das Volk, die ersten Garten- und Ausflugslokale entstanden. Ein Zeugnis ist das Gebäude Von-Sauer-Straße 22. Wo einst die Bahrenfelder Eiche zur Sommerlust lud, firmiert jetzt als "Erlebnis-Location" die Gecko-Bar. Eine Zäsur brachte das Jahr 1876: Bahrenfeld wurde preußisch. Die Eisenbahnlinie Altona-Blankenese wurde eröffnet, und die vorstädtische Besiedlung begann.

Muster sozialen Wohnens 

Noch heute lassen sich die Entwicklungsphasen im Bild des Stadtteils wiederfinden, der 1890 zu Altona kam. Im Grenzgebiet zu Ottensen und Othmarschen entstanden große Fabriken, etwa die Sternwoll-Spinnerei (Baujahr 1891). Parallel wurden Wohnungen für Arbeiter und Angestellte gebaut, und zwar musterhaft sozial. Die Siedlung Bahrenfelder Kirchenweg/Woyrschweg des Altonaer Bau- und Sparvereins ist so ein Beispiel. Und bis heute sehr begehrt. Ähnlich wie die 1914 gebaute Gartenstadtsiedlung am Steenkamp, wo es sich zwischen kleinen Häuschen und Gärten fast anfühlt wie auf dem Dorf. Drum herum wuchs Bahrenfeld rasant, vor allem, als in der Wilhelminischen Zeit das Militär einzog mit Proviantamt, Bekleidungsamt, Artilleriedepot, Kasernen.

Bahrenfeld, da war eben immer auch viel Platz für Neues, der Stadtteil als Ort der Moderne. Der Volkspark, mit 205 Hektar Fläche Hamburgs größter Park, beispielsweise ist entstanden als Gegengewicht zum verdichteten Wohnen - und macht den Stadtteil bis heute zu einem der grünsten Hamburgs. Mit dem Volksparkstadion, schon lange Heimstatt des HSV, wurde der Grundstein dafür gelegt, dass Bahrenfeld mit der Barclaycard-Arena, der Eis- und Ballsporthalle Volksbank-Arena und natürlich mit der Bahrenfelder Trabrennbahn Hamburgs Sport- und Event-Stadtteil Nummer eins ist. Inzwischen ist auch die Wissenschaft mit dem Deutschen Elektronen-Synchrotron (Desy) und dem europäischen Forschungsprojekt , FEL fest verankert und größter Arbeitgeber.

Unterschiedliche Lebenswelten

Stolz sind sie darauf, die Bahrenfelder. Und dabei unaufgeregt. Sie treffen sich im Bahrenfelder Sportverein, im Bahrenfelder Turnverein oder im Bahrenfelder Bürgerverein. Die Lebenswelten sind unterschiedlich, da ist einerseits der bürgerliche Norden mit seinen grünen Wohnstraßen und andererseits der Süden mit seiner Mischnutzung aus Industrie, Gewerbe und großen Mietshäusern. Aber es gibt gelebte Nachbarschaft. So hat die Lutherkirche in der Hochhaussiedlung an Lyser- und Sibeliusstraße mit 1400 Einwohnern mit dem LutherCampus ein offenes Gemeindezentrum, um Familien zu unterstützen. Auch die Paul-Gerhardt-Gemeinde setzt stark auf Stadtteilarbeit.

Die jungen Familien kommen

"Bahrenfeld wird verkannt", sagen viele. Es ist ein Stadtteil auf dem Sprung. In den vergangenen Jahren sind alte Industrieanlagen und Kasernen in schicke Wohn- und Gewerbeparks umgewandelt worden, der Phoenixhof zwischen Schützen- und Ruhrstraße (ehemals Ottenser Eisenwerke) zum Beispiel, das Westend Village an der Theodorstraße (früher Bekleidungsamt und BAT-Zigarettenfabrik) oder auch das Gelände der Altonaer Gasanstalt, heute besagter Otto von Bahrenpark. Innovative Unternehmen haben sich angesiedelt. Steinway & Sons baut in Bahrenfeld Klaviere. Kreative zieht es in die Quartiere nördlich der S-Bahn - und immer mehr junge Familien. Der demografische Wandel ist voll im Gange, Grundstückspreise steigen.

Bahrenfeld erfindet sich - mal wieder - neu. Derzeit wird der 2300 Meter lange Deckel über die Autobahn 7 gebaut, 2020 soll er fertig sein. Die Autobahn verschwindet dann in einem Tunnel. Ein 25 Hektar großer Kleingartenpark soll dann Raum für den Umzug von Kleingärten schaffen, deren Flächen in den benachbarten Stadtteilen für etwa 3000 neue Wohnungen genutzt werden sollen. Bahrenfelder hoffen, dass dann wieder ein echtes Zentrum entsteht.

 

Bahrenfeld historisch

Dieser Stadtteil ist weitläufig, sehr grün und liegt relativ nah am Stadtzentrum. Aber so richtig profitieren konnten die Bahrenfelder in den vergangenen Jahrzehnten (noch) nicht davon. Beim Bau der Autobahn 7 wurde der alte Ortskern ruiniert – einen Teil begrub die Betonschneise selbst, einen anderen – auf Höhe der Von-Sauer-Straße – die Autobahnzufahrt. Die Verbindung zu den benachbarten Elbvororten ist seitdem gestört. Bahrenfelder Chaussee und Von-Sauer-Straße sind zudem viel befahrene Ausfallstraßen, in denen sich die Autos oft stundenlang stauen. Wer sich aber in den Seitenstraßen umblickt, kann viel von der Wohn- und Lebensqualität dieser Gegend spüren, die durch den Autobahndeckel hoffentlich neu belebt werden kann.

Karger Böden - und ein Rekord

1262 nennen Quellen einen Henricus von Bahrenfeld als Gutsbesitzer vor Ort, aber der Name des Dorfes wird auch gern auf den legendären Ritter Otto von Bahren zurückgeführt, den es nicht gab.

1575 bestand Bahrenfeld schon aus neun Höfen und zählte insgesamt 110 Einwohner. Während des Dreißigjährigen und des Nordischen Krieges hatte das Dorf einiges auszustehen, und die Einwohnerzahl schwankte entsprechend stark.

1736 wurde am Marktplatz eine Schule gebaut, und für 1774 lassen sich immerhin schon vier Gastwirtschaften nachweisen. Bahrenfelds Böden waren so karg, dass die Bauern über Jahrhunderte fruchtbares Land in Elbnähe hinzupachten mussten, um über die Runden zu kommen. Unglaublicherweise blieb eine Hofstelle mehr als 450 Jahre ununterbrochen im Besitz derselben Familie, die oft auch den Dorfvogt stellte. Immer wieder war in dieser langen Zeit die Übergabe vom Vater auf den Sohn geglückt. Die im Dorf gelegentlich auch als „königlich“ bezeichnete Sippe hieß Evers, und zu Recht steht in der Chronik, die der Bahrenfelder Bürgerverein 1956 zur 700-Jahr-Feier veröffentlichte, dass dieser Rekord „wie ein Wunder anmutet“.

Schließlich verkauften die Bauern dann doch allesamt, und Bauland wurde in der Gegend gleich im großen Stil bereitgestellt. 1840 lebten hier bereits 400 Menschen. Nach der Vollendung der Bahnlinie von Altona nach Blankenese im Jahr 1867 siedelte sich zunehmend Industrie an, was die Einwohnerzahl weiter steigen ließ. Zwei Jahre später wurden Bahrenfelder und Luruper Chaussee ausgebaut.

 Familie Gayen prägt Bahrenfeld

Einer, der Bahrenfelds Potenzial früh erkannt hatte, war der Reeder und Konsul Theodor Alexander Gayen (1824– 1900), der ab 1867 in großem Stil Land in der Gegend erwarb. Der lebensfrohe, großzügige und sozial engagierte Gayen war in Bahrenfeld besonders beliebt. An ihn und seine Frau Julie erinnern der Gayens Weg, Theodorstraße, Theodorstieg und Julienstraße.

1874 lebten bereits 1000 Menschen im Ort, Zeit für eine eigene Poststelle, die 1876 eröffnet wurde. 1882 erhielten die Straßen Namen, auch Hausnummern wurden eingeführt. Kurze Zeit später schüttete man die Straßengräben zu und stellte Straßenlaternen auf. 1890 wurde Bahrenfeld nach Altona eingemeindet, sechs Jahre später war der eigene Bahnhof fertiggestellt. Und als die Einwohnerzahl zur Jahrhundertwende die Marke 3400 erreichte, fuhr bereits die Straßenbahn mit zwei Linien zum Marktplatz.

In Bahrenfeld wurden schon frühzeitig auffallend viele Grünflächen angelegt, und die Aufteilung in Wohnbebauung, Industrieflächen und Parks wirkt klug durchdacht und geradezu modern. Am bekanntesten ist natürlich der Volkspark, der ab 1914 auf dem Gelände von „Gayens Tannen“ aus dem Besitz der namhaften Familie entstand. Zu weiteren Parks gehören Luther- und Bonnepark. Neben dem Altonaer Hauptfriedhof gibt es noch sechs weitere Friedhöfe in Bahrenfeld, darunter den Bornkamp- und den Holstenkamp-Friedhof (beide von 1888).

1939 lag die Einwohnerzahl Bahrenfelds bei 26.000. 1956 lebten dort bereits 43.000 Menschen, was auch ein Beleg dafür ist, dass Bahrenfeld für viele ausgebombte Hamburger nach dem Zweiten Weltkrieg zur neuen Heimat wurde. Das Geburtshaus von Max Brauer am Bahrenfelder Kirchenweg wurde übrigens für den Bau des Hermes-Hochhauses abgerissen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018