Othmarschen - Viel mehr als ein gediegener Elbvorort

Blick in die Walderseestraße in Othmarschen. Hier der Straßenteil zwischen Autobahn A7 und Reventlowstraße.
Klaus Bodig

 

Himmel und Hölle, steinreich und neureich, Herkunft und Zukunft liegen hier nahe beieinander.

 

Fläche in Quadratkilometer: 6
Einwohner: 14.893
Wohngebäude: 2737
Wohnungen: 6965
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1431
Ein- und Zweifamilienhäuser: 2351
Eigentumswohnungen: 5880
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Der größte Publikumsliebling in Othmarschen ist steinalt, übergewichtig und hat einen "Migrationshintergrund". Seit 2000 steht er am Elbstrand und dient als Schattenspender, Wegmarke, Fototapete. Die Rede ist vom "Alten Schweden", einem 217 Tonnen schweren Findling aus Småland, den die Eiszeit nach Hamburg transportierte und die vorletzte Elbvertiefung wieder freigab. Heute steht er am Hans-Leip-Ufer und wertet Hamburgs schönsten Strand zusätzlich auf.

Othmarschen mögen viele für einen gediegenen Elbvorort halten, doch im Sommer gibt es keinen jüngeren Ort an der Elbe. Zwischen Neumühlen und Teufelsbrück ist alles im Fluss. Hier verbinden sich Traumstrand und Wasserstraße, hier vermischen sich großbürgerliche Gärten und Fischeridyll, hier liegen Himmel und Hölle einträchtig beieinander. Von Teufelsbrück bis zur Himmelsleiter sind es nicht einmal drei Kilometer. Die Welt der Othmarscher ist weit.

Achtspurige Autobahn als Trennlinie

Selbst die Schneise namens A 7 hat den Stadtteil nur verwunden, nicht zerstören können. Im Norden teilt die hier achtspurige Autobahn Othmarschen, im Süden hat sie dem Stadtteil einen kleinen Park beschert. Das Besondere daran ist nicht sein Bewuchs, sondern das letzte verbliebene Bauernhaus. Der reetgedeckte Röperhof aus dem Jahre 1759 beherbergt heute ein renommiertes Restaurant, das exquisite heimische Küche bietet und unterschiedliche Räumlichkeiten für Privatfeiern bereithält.

Im Kaffeegarten vom Röperhof entsteht das alte Bauerndorf vor dem inneren Auge, eine Landgemeinde mit historischer Bausubstanz, vielen Teichen und noch mehr Grün. Der Architekt Gustav Oelsner schrieb 1924 in der "Vossischen Zeitung", einem führenden Blatt der Weimarer Republik: "Parks mit stillen Häusern hinter mächtigen Büschen von Rhododendren und Azaleen, Kuhweiden, Alleen, Besitzungen von fürstlichem Ausmaß. Im Kern das alte Othmarschen mit Bauernhöfen in der stolzen Form, wie wir sie von Friesland und Sylt her kennen."

Das wollten Stadtplaner schleunigst ändern. Die Nationalsozialisten beabsichtigten, Othmarschen in eine einzige Autobahnauffahrt zu verwandeln - eine gigantische Hängebrücke mit Pfeilern von 150 Meter Höhe sollte die Elbe überspannen und hier wieder Boden berühren. Nach dem Krieg wurden die hochfliegenden Pläne geerdet: Die Autobahn 7 wurde unter die Elbe gelegt; an der Abfahrt Othmarschen entstand ganz im Geist der 60er-Jahre das AK Altona, ein 20-stöckiger Koloss mit 741 Betten. Mit dem Architekten Werner Kallmorgen, auch Erbauer des Kaispeichers A, überwarf sich die Stadt übrigens dann wegen der Kostenexplosion beim Krankenhaus.

Renommierte Schulen im Stadtteil

Die Klinik mit ihren 60 Metern überragt den Stadtteil und gibt ihm ein modernes Gepräge, zumal autobahnnah weitere Klötze wie das UCI-Kino, ein Supermarkt sowie ein Fitnesscenter entstanden. Bäuerliches Leben im alten Othmarschen ist längst Vergangenheit. Lange trieben die Bauern ihr Vieh nach Övelgönne; der Boom verwandelte das Weideland am Elbhang später in teures Bauland.

Ein Trend, der sich bis heute fortsetzt. Nun fallen selbst Villen dem Abrissbagger anheim; an ihre Stelle treten raumfüllende Mehrfamilienhäuser mit hochpreisigen Eigentumswohnungen. Eine Entwicklung, die viele Othmarscher mit wachsendem Unbehagen sehen. Der Bürgerverein mit seinen 600 Mitgliedern kämpft für das Gewachsene, ist Forum für das Gewünschte und verbindet die Menschen im Stadtteil - Zugewanderte wie Alteingesessene.

Bekannt und beliebt ist der Stadtteil auch wegen seiner renommierten Schulen. Neben den Gymnasien Othmarschen und Hochrad zählt das Christianeum zu den bekanntesten Schulen der Stadt. Das beeindruckende alte Gebäude an der Behringstraße musste der A 7 weichen - seit 1971 ist das Christianeum an der Otto-Ernst-Straße in einem Arne-Jacobsen-Bau untergebracht.

Spektakuläres Elbpanorama

Die Parklandschaft macht den Elbvorort aus - ruhige Straßen führen vorbei an großbürgerlichen Villen und alten Bäumen. Und alle Wege nach Westen führen zum wohl schönsten Hamburg-Grün - zum Jenischpark. Im Urstromtal der Flottbek eröffnen sich spektakuläre Blicke auf den Fluss. Im Herzen des Parks lockt das Jenisch-Haus; das klassizistische Landhaus ist heute eine Außenstelle des Museums Altona und beherbergt eine Schau zur hanseatischen Wohnkultur.

Nur wenige Schritte entfernt liegt das Ernst-Barlach-Haus. Neben einer Werkschau des expressionistischen Künstlers gibt es wechselnde Ausstellungen. 2017 kam ein weiteres Museum hinzu. Im Gebäude des ehemaligen Gartenbauamtes am nordwestlichen Eingang zum Jenischpark entstand das Eduard-Bargheer-Museum zu Ehren des Finkenwerder Künstlers.

Ganz andere Kunst bietet ein altes reetgedecktes Bauernhaus am Hochrad: Die Gaststätte To'n Peerstall, in achter Generation im Besitz der Familie Biesterfeldt, ist eine urige Kneipe, wie sie im Stadtteil selten geworden sind. Die Gastronomen umsorgen nicht nur die Nachbarn, sondern auch die zahlreichen Gäste, die an Wochenenden in den Stadtteil drängen. Vor allem im alten Fischer- und Lotsendorf Övelgönne reihen sich Cafés und Restaurants wie Perlen an einer Kette.

Während die älteren Semester durch die pittoreske Gasse schlendern, tummeln sich die jüngeren am Elbstrand unterhalb von Övelgönne. Övelgönne ist ein Stadtteil in der Stadt - hier haben sich Künstler wie Ali Schindehütte oder der inzwischen verstorbene Peter Rühmkorf niedergelassen. Othmarschen ist ein Gesamtkunstwerk, vielschichtig und abwechslungsreich, grün und bunt, ruhig und doch zentral.


Othmarschen historisch

Wie einige andere heutige Stadtteile in den Elbvororten ist auch Othmarschen durch das Wirken Caspar Voghts vorgeprägt. Der 1752 geborene Spross einer reichen Unternehmersippe hatte sich auf einer Studienreise durch England 1785 über Ackerbau und die Gestaltung von Parkanlagen informiert, um danach ein rund 260 Hektar großes Gelände zu kaufen, das in ein Mustergut
umgestaltet wurde.

Heute besteht die ursprüngliche Fläche immer noch aus Grünanlagen, die das südwestliche Othmarschen bestimmen, darunter sind der Jenischpark und der daneben liegende Golfclub. Voght, der 1839 starb, prägte maßgeblich die britisch angehauchte Lebensweise mit intensiver Gartenliebe, die in Othmarschen über Jahrzehnte als schick galt.

Das Christianeum musste weichen, der Röperhof blieb

Die Autobahnachse für den 1975 fertiggestellten Elbtunnel hat auch in Othmarschen Spuren hinterlassen. Der alte Dorfkern ist weitgehend verschwunden, nur der um 1759 erbaute Röperhof trotzt unverdrossen dem Verkehr. Gegenüber an der Ansorgestraße (der früheren Ziethenstraße) findet man auch noch die Reste des alten Dorfteichs, der aber nur noch ein Tümpel ist.

In verschiedenen Bauabschnitten (1930/31 und 1934/36) war hier der zweite Bau des traditionsreichen Gymnasiums Christianeum errichtet worden. Die Schule lag nördlich der Behringstraße, zwischen den Einmündungen von Baurstraße und Bosselkamp, und musste für den Autobahnbau abgerissen werden. 1971 wurde das Richtfest für das heutige Christianeum gefeiert, das an der Otto-Ernst-Straße seinen mittlerweile dritten Standort hat.

Der Bau von Mehrfamilienhäusern und dem Altonaer Krankenhaus (von 1971) hat den einst idyllischen Othmarscher Kirchenweg total verändert. Jahrzehntelang waren die Othmarscher auf diesem Weg zur Kirche nach Ottensen gegangen, bevor sie ihr eigenes Gotteshaus, die Christuskirche, erhielten. Die wurde von dem Bankier Conrad Hinrich Donner gestiftet und im Jahr 1900 geweiht.

1890 zählte Othmarschen 718 Einwohner, im Jahr 1900 waren es bereits 1100. Einst war die Straßenbahn von Ottensen kommend durch den Kirchenweg gerumpelt. Dort hatte es noch lange so ausgesehen, wie eine Quelle von 1927 die Eindrücke beschrieb: „Der Weg von Ottensen hierher führt durch eine der reizendsten Gegenden, die man sehen kann. Rechts blühen Saatfelder mit Lusthainen und Gartenanlagen, mit grünenden Hügeln, Villen und freundlichen Dörfern abwechselnd.“ In der Chronik des Bürgervereins wird ein Spaziergang aus Richtung Ottensen „durch wogende Kornfelder“ beschrieben, der in der Milchwirtschaft Arpe gegenüber dem Röperhof endete.

30.000 Bäume und Sträucher für die Villenkolonie

Neben diesem alten Othmarschen, das einst den Dorfkern gebildet hatte, und der aufgelockerten Bebauung in der Nähe des Jenischparks gibt es sozusagen noch ein drittes Othmarschen – nämlich das Villenviertel südlich der Bahnlinie.

Die auf Initiative des Unternehmers Ferdinand Ancker gegründete „Villenanlage Neu-Othmarschen“ (siehe Groß Flottbek) nahm rasch Gestalt an, unter anderem auch deshalb, weil das Terrain-Consortium das Grundstück für die neue Bahnstation (zunächst nur eine Bretterbude auf ebenerdigem Bahnsteig) inklusive Baukostenzuschuss bereitstellte. Mit dabei war auch Unternehmer Johann B. Burchard, der rechtzeitig viel Land gekauft hatte.

Wie die Chronik des Bürgervereins Flottbek- Othmarschen nachweist, entstanden die ersten neuen Landhäuser („in anständigem Villenstil“) an der Hammerichstraße (damals noch Eichenstraße) – zwischen Bahn und Jungmannstraße. Um den Ansprüchen potenzieller Neu-Othmarschener gerecht zu werden, hatte Johann Burchard – kaum zu glauben – 30.000 Bäume und Sträucher für die neuen „Alleen“ und „Promenaden“ gekauft. Auch die Straßennamen, darunter Parkstraße, Eichenallee und Grottenstraße, waren mit Bedacht gewählt. Nichts wurde beim Bau der Villenkolonie dem Zufall überlassen – sehr zum Nutzen Othmarschens bis in die heutige Zeit.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018