Ottensen - Kleinod mit wehrhaftem Geist

Rewe in den Zeisehallen. Sasa Surdanovic in seinem neuen Rewe Markt in den Zeisehallen.
Klaus Bodig

 

Lesenächte bei Käse und Wein, Kultur in alten Fabriken - und wehe dem, der Hand an dieses Viertel legt: In Ottensen setzt Hamburg sich in Szene.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,8
Einwohner: 35.370
Wohngebäude: 2381
Wohnungen: 19.477
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1483
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 5083
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Zwischen bäuerlichem Idyll und industriellem Aufstieg, zwischen Fischgestank und Zigarrenduft, zwischen Nazi-Tyrannei und Hausbesetzerszene liegen nur ein paar Meter. Die Zeitreise durch die Geschichte Ottensens beginnt und endet im ersten Stock eines roten Backsteinbaus an der Zeißstraße. Für ein Stadtteilarchiv kann es keinen besseren Platz geben als dieses Hinterhaus, wo in der Drahtstiftefabrik Feldtmann noch bis in die 80er-Jahre des vergangenen Jahrhunderts Nägel produziert wurden.

Draußen müssen sich die Augen erst einmal an die Sonne gewöhnen. Der Weg führt über die Zeißstraße Richtung Zentrum, vorbei an der Osterkirche, inzwischen eine reformpädagogische Schule. Eine Schautafel erinnert dort an den Altonaer Blutsonntag vom 17. Juli 1932, als Nazis mit einem Propagandamarsch durch die Arbeiterviertel von Altona und Ottensen zogen und auf kommunistische Gegendemonstranten stießen. Es kam zu wilden Schießereien, die 18 Menschen das Leben kosteten.

Manche Proteste blieben vergeblich

Der Widerstand, er gehört zur DNA Ottensens. Schon früh protestierten Arbeiter oder Bewohner gegen unerträgliche Arbeitsbedingungen und Elendsquartiere, gegen Nazi-Schergen, gegen den Abriss historischer Bauten. Nicht immer war der Protest erfolgreich. Der alte preußische Bahnhof war 1973 Baggern zum Fraß vorgeworfen worden. Auch die Proteste gegen den Abriss des Bismarckbades blieben vergebens. Das "Schwimm- und Kurhaus" mit Moor- und Schwitzbädern - hier verlangte der Barbier zehn Pfennig Hitzezuschlag - musste 2007 einem Geschäftshaus weichen.

Ottensens wehrhafter Geist verhinderte indes einen noch dramatischeren Kahlschlag. In der Wahnvorstellung einer autogerechten Stadt hätten Hamburgs Planer in den 70er-Jahren mit dem Abschied der Industrie fast erreicht, was der Krieg nicht schaffte: die weitgehende Zerstörung des Zentrums, um eine seelenlose City West zu erschaffen.

Wunderbare Läden

Schon ein kurzer Einkaufsbummel durch das Herz von Ottensen rund um den Spritzenplatz reicht für ein großes Gefühl der Dankbarkeit für die Bürgerinitiativen, die sich damals mit Erfolg gegen diese Pläne stemmten. In einer Welt uniformierter Innenstädte mit den immer gleichen Filialen internationaler Ketten wirkt Ottensen wie ein Kleinod. Hier dominieren noch die Läden, die von Inhabern geführt werden.

Allen voran die Buchhandlung Christiansen, eine der ältesten Buchhandlungen Hamburgs. Schon 1878 gründete Hinrich Friedrich Theodor Christiansen an der Bahrenfelder Straße 79 seine "Lehrmittelagentur". Neben Büchern, Heften und Karten verkaufte er auch in Spiritus eingelegte Reptilien für die Sammlungen der Schulen.

Sönke Christiansen führt das Geschäft nunmehr in vierter Generation - und kämpft mit neuen Ideen um seine Kunden. Er organisiert Lesenächte bei Käse und Wein, bittet sogar zu speziellen Nur-für-Jungs-Literaturkreisen. Ganz in der Nähe lädt Christine Bruhn - bereits in der fünften Generation - in ihre wundersame Papeterie. Wo einst Geschäftsbücher gedruckt und verkauft wurden, finden sich jetzt auf zwei Etagen kostbare Füller, edles Briefpapier und originelle Karten. Wer Spielzeugabteilungen mit Plastik-Massenware hasst, wird das Cle'o für Kinder an der Reitbahn als Oase für gutes Spielzeug lieben.

Und abends? Niemand muss sich in andere Viertel Hamburgs bemühen. Szenekneipen, Kinos, Theater und Konzerthallen - alles ist fußläufig zu erreichen. Gäbe es Preise für gelungene Umwandlung von Fabriken in Kulturzentren, Ottensen hätte ein Abo. In der Fabrik an der Barnerstraße, wo einst Maschinen gebaut wurden, rocken seit Jahrzehnten Stars und Newcomer. Der Backsteinbau mit Galerie überlebte sowohl den verheerenden Brand von 1977 als auch mehrere Beinahe-Pleiten.

Fest zum Stadtbild gehören auch das Stadtteilzentrum Motte für offene Jugendarbeit, gegründet 1976 in den Räumen einer ehemaligen Schokoladenfabrik, sowie die Zeise-Hallen mit einem erstklassigen Programmkino. Filme gucken, wo einst Schrauben gegossen wurden. Der Balanceakt zwischen Aufbruch und Tradition birgt natürlich Absturzgefahr. Viele Inhaber klagen über steigende Mieten, Traditionsgeschäfte wie der Plattenladen Zardoz, die Altonaer Blume oder das Wäschestübchen sind Geschichte.

Manche Blogger sehen Ottensen bereits auf dem Weg zum neuen Eppendorf oder befürchten für andere innerstädtische Viertel ähnliche Entwicklungen. Der Widerstand gegen die angebliche Yuppisierung des einstigen Arme-Leute-Viertels lässt sich an den unfreundlichen Graffiti an manchen Eigentumswohnungen ablesen.

Wohin führt der Weg Ottensens? Keine Frage, das Wortungetüm Gentrifizierung macht sich überall breit, alteingesessene Mieter, die Spitzen-Quadratmeterpreise nicht mehr zahlen können, haben inzwischen ein echtes Problem. Andererseits gehört das Heraufbeschwören von Horrorvisionen irgendwie zur Ottensener Protesttradition.

Anfang der 90er hatten Bürgerinitiativen vor dem Bau des Mercados, des Einkaufszentrums an der Ottensener Hauptstraße, gewarnt. Es sei der Einstieg in eine seelenlose Shoppingwelt. Heute sitzen manche Protestler von einst entspannt bei Biowein oder fair gehandeltem Kaffee an einer der Bars im Erdgeschoss. Nein, Ottensen wird nicht sterben. Sondern ein Kleinod bleiben. Bunt, spannend. Und wehrhaft.

 

Ottensen historisch

Es gibt Stadtteile mit einer Unglücksgeschichte – und solche, mit denen es das Schicksal gut meinte. Ottensen hat sich im Laufe der Jahre vom Schmuddelkind zu einem Szenestadtteil entwickelt, ohne dabei seine Identität zu verlieren – was kann man sich als Einwohner mehr wünschen?

Ottensen, das von 1640 an zu Dänemark gehört hatte, war nach dem deutsch-dänischen Krieg 1866 preußisch geworden. Der zentral liegende Spritzenplatz ist seit Jahrzehnten beliebter Marktstandort und Treffpunkt in einem. Sein altmodischer Name, der an idyllische Zeiten zu erinnern scheint, erklärt sich so: Am östlichen Rand des Dörfchens Ottensen hatte einst „die Brink“ gelegen – eine Weide, auf der das Vieh abends zusammengetrieben wurde. Der angrenzende Teich wurde als Feuerlöschteich mitgenutzt. Als dort das erste Haus für eine Feuerlöschspritze erbaut wurde, sprach man zunächst vom „Platz beim Sprützenhause“, schließlich nur noch vom Spritzenplatz.

Der Name Mottenburg wurde offiziell

Von 1867 an gehörte Ottensen zum deutschen Zollverein und entwickelte sich binnen weniger Jahre zum Industriestandort und Arbeiterquartier par excellence. Die Einwohnerzahl stieg von 2771 im Jahr 1845 über 6643 (1864) auf rund 37.700 im Jahr 1900.

Ottensen ist einer der ganz wenigen Stadtteile mit einem weit verbreiteten Spitznamen. Über die Herkunft dieses Mottenburg sind beim Stadtteilarchiv mehrere unterschiedliche Variationen zu erfahren. Am wahrscheinlichsten ist ein Zusammenhang mit den ungesunden Lebensverhältnissen während der Industrialisierung. „Die Motten“ war eine umgangssprachliche Bezeichnung für Tuberkulose, eine Krankheit, an der viele Arbeiter litten – auch in Ottensen. 1950 wurde der Spitzname sozusagen offiziell, als man die Hörmannstraße in Mottenburger Straße umtaufte. 1976 kam dann noch die Mottenburger Twiete hinzu.

Ottensen war aber nicht immer ausschließlich proletarisch geprägt, was man an den vielerorts erhaltenen schicken Bürgerhäusern – zum Beispiel zwischen Elbchaussee und Holländischer Reihe – immer noch ablesen kann. Mitte des 19. Jahrhunderts war das schöne Dorf auf dem Geestrücken ein beliebtes Ausflugsziel, und die Rainvilleterrassen boten bis zu ihrer Schließung im Jahr 1867 vielen Gästen Spitzengastronomie.

Nachdem Altona seinen Kaiserplatz erhalten hatte, wollten die Ottenser einigermaßen gleichziehen. 1904 wurde der Spritzenplatz in Kronprinzenplatz umbenannt, und 1906 forderte der Ottenser Bürgerverein, den Platz für die „Hebung der Geschäftslage im Mittelpunkt der Stadt“ zu verschönen. Die „Rücktaufe“ erfolgte 1922, als nebenan in Altona auch der Name Kaiserplatz Vergangenheit wurde.

Die Fabriken schlossen – und wurden neu belebt

Den Krieg überstand Mottenburg einigermaßen unbeschadet. Doch ab den 1960er-Jahren mussten immer mehr Fabriken schließen, was mit einer starken Vernachlässigung des Stadtteils einherging. Zwischen den Straßen Bei der Reitbahn und Große Brunnenstraße verschwand die Maschinenfabrik und Eisengießerei Menck & Hambrock, die Schiffsschraubenfabrik Zeise (Theodor Zeise AG) meldete 1979 Konkurs an. Stillgelegt wurden auch die Fischräucherei Hennings an der Straße Hohenesch (einem ehemaligen Zentrum der Fischindustrie im gesamten Raum Altona), diverse Zigarrenfabriken, zum Beispiel am heutigen Alma-Wartenberg- Platz, und die Baufirma Sternberg am nicht mehr existierenden Tresckowplatz.

Anders als in vielen Hamburger Stadtteilen wurden die Fabriken aber nicht allesamt abgerissen, sondern rechtzeitig für neue Nutzungen gerettet: vom Kulturzentrum Fabrik an der Barnerstraße, über die Zeise-Hallen bis zum Stadtteilarchiv, das samt Geschichtswerkstatt in der ehemaligen Drahtstifte Fabrik Feldtmann residiert. Der Kran an der 1889 erbauten Fabrik stammt übrigens aus der Abbruchmasse des Menck & Hambrock-Firmengeländes.

Den Ottensern war die in der NS-Zeit geplante, gigantomanische Elbufer-Neugestaltung samt „Sanierung“ erspart geblieben, in den 1970er-Jahren protestierten sie dann erfolgreich gegen den Abriss ihres Quartieres und den geplanten Bau einer City West samt Autobahnzubringer Walderseestraße.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018