Wellingsbüttel - Mehr Wohlfühlen geht nicht

Tor- und Herrenhaus, erbaut 1757
Andreas Laible

 

Ein schmucker Ort für grünes Wohnen in zentraler Randlage.

 

Fläche in Quadratkilometer: 4,1
Einwohner: 10.506
Wohngebäude: 2845
Wohnungen: 5072
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 772
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3551
(Quelle: Statistisches Amt für hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Wer bei Ria einkauft, muss die Tasche vor der Ladentür lassen, sonst wird es eng. Im kleinsten Laden von Wellingsbüttel warten auf bummeligen sechs Quadratmetern Puppenstuben und daumengroße Strickliesel, Stadtpläne, Würfelpuzzle auf neue Besitzer. Nichts von der Stange, darauf ist Ria Jünke stolz: "Ich baue die meisten Stücke unter der Lupe, sie sind einfach zu klein." Das sind Kostbarkeiten wie ihr Adventskalender, zwei mal drei Zentimeter klein und alle 24 Türchen lassen sich öffnen. Rias Ministübchen liegt ein paar Stufen hoch über dem Wellingsbüttler Weg, angekuschelt an die Alte Apotheke. Er ist nur mittwochs von 15 bis 18 Uhr geöffnet.

Mit Lebensmitteln versorgt man sich "im Dorf" am S-Bahnhof Wellingsbüttel. Dienstag- und Freitagvormittag ist Markt. Das war nicht immer so bequem. In den vergangenen vier Jahrzehnten waren Supermarkt und viele Läden verschwunden, alles schien wie aufgesogen vom AEZ (Alstertal-Einkaufszentrum) in Poppenbüttel. Dann kam 2007 das neue Zentrum mit Marktplatz und Ärztehaus samt Supermarkt. Seitdem ist wieder Leben im Dorf. Boutiquen und der Drogeriemarkt "Budni" kamen dazu. Selbst ein Schokoladen-Lädchen zog es von der Papenhuder Straße (Uhlenhorst) hierher.

Weniger Glück hatten Geschäftsleute, die nach dem Krieg an der Saseler Chaussee ihr Geschäft eröffneten. Mit dem vierspurigen Ausbau begann das große Sterben. Nur ein Delikatessladen und eine Schlachterei konnten sich an der Kreuzung zum Classenweg halten.

Die Steuerfreiheit ist leider passé

1651 erklärte die schwedische Königin Christina Wellingsbüttel zu einem souveränen Besitz, der keine Steuern mehr zu zahlen hatte. Die Familie von Kurtzrock, seit 1673 Grundbesitzer, festigte gern diesen Sonderstatus. Clemens August von Kurtzrock (1745-1822) widersetzte sich so hartnäckig der inzwischen dänischen Landesregierung, dass der dänische Kronprinz reagierte: Im Winter 1805/06 ließ er das Gut von einer Handvoll Soldaten besetzen. Die von Kurtzrocks mussten noch im selben Jahr an Dänemark verkaufen.

Die besondere Stellung seiner Bewohner ist geblieben. Nur gebildete und begüterte Familien konnten sich die großen Grundstücke leisten, als die Ländereien 1912 durch die Alsterthal-Terrain-Actien-Gesellschaft (ATAG) des Bürgerschaftsmitglieds und Grundstücksspekulanten Johann Vincent Wentzel aufgeteilt wurden. Der ländliche Charakter des Gebietes sollte erhalten werden, deshalb mussten viele Grundstücke mindestens 5000, später etwa 2000 Quadratmeter groß sein. Mit dem Verkaufserlös wurde damals die Bahnlinie nach Poppenbüttel finanziert. Einzel- und Doppelhäuser prägen den Stadtteil bis heute.

Ein ordentliches Stück Natur

Die Stadtplaner von 1912 wollten einen grünen Ort. Mächtige alte Buchen und Eichen säumen noch heute den Alsterlauf. Grünzonen und drei Waldgebiete sind erhalten. Das größte liegt an der Grenze zu Bramfeld. In den kalten Kriegswintern verheizt, nach dem Krieg sofort wieder aufgeforstet, ist es heute Gassiwald für Hundebesitzer.

Am Bahnhof Hoheneichen liegt der Dr.-Helmut-Thielicke-Park, in Gedenken an den Theologieprofessor. Auch Heinz Erhardt lebte mit seiner Familie in Wellingsbüttel. In "seinem" Park am Rabenhorst erfreuen den Besucher Weisheiten aus seiner Feder auf Schildern: "Man muss sich notfalls jemand mieten, hat man an Geist selbst nichts zu bieten." Oder: "Das Reh springt hoch, das Reh springt weit, warum auch nicht - es hat ja Zeit."

Der bekannteste Baum steht mitten auf der Kreuzung Wellingsbüttler Weg/Rolfinckstraße auf einer kleinen Verkehrsinsel: die Friedenseiche, gepflanzt 1871 nach dem Deutsch-Französischen Krieg. Dass die Eiche trotz des Asphaltkorsetts noch steht - fast ein Wunder. Das gleichnamige Ausflugslokal an der Kreuzung hat nicht so lange durchgehalten. Es schloss vor einigen Jahren, das Inventar wurde versteigert, das Haus abgerissen. Die Baulücke wurde mit einem Neubau geschlossen.

Magnet für Familien

Es besteht kein Zweifel, die älteren Jahrgänge sind in der Mehrzahl, und wer es sich leisten kann, genießt die letzten Jahre des Lebens gut umsorgt in einer der Seniorenresidenzen. Aber der Generationswechsel ist schon in vollem Gange. Junge Paare mit Kindern zieht es hierher, weil der Nachwuchs in den ruhigen Nebenstraßen gefahrlos aufwachsen kann. Ein staatlicher Kindergarten am Rabenhorst und mehrere private Träger kümmern sich um die jungen Neubürger. Ein Angebot weit über Hamburger Durchschnitt.

Die meisten Kinder von Wellingsbüttel starten ihre Schulkarriere in der Grundschule an der Straße Strenge. Danach geht es meist in die Gymnasien der Umgebung oder zur Irena-Sendler-Stadtteilschule an der Straße Am Pfeilshof.

Gesunder Bürgersinn

Kontakte fürs Leben werden früh geknüpft: mit der Mitgliedschaft im Sportverein. Es ist kein Zufall, dass zwei erfolgreiche Hockeyclubs ihr Domizil in Wellingsbüttel haben. Der Klipper THC am Eckerkamp 40 und der Club an der Alster, Am Pfeilshof 16. Zum Fußballkicken trifft man sich um die Ecke beim TSC Wellingsbüttel an der Waldingstraße 91. Der Verein hat auch eine große Sparte für den Breitensport.

Mit dem Torhaus in Wellingsbüttel verbindet man im Alstertal hochkarätige Konzerte, Lesungen, Ausstellungen und Theaterstücke. Nina Petri liest hier und sogar Herman van Veen kam auf ein Konzert vorbei. Gleichzeitig dient das Haus noch als Kulisse für Hochzeiten, ist von Mai bis September Außenstelle des Standesamts. Die Warteliste ist lang.

Ähnlich engagiert geht es im Torhaus auf dem linken Flügel zu. Im Alstertalmuseum sind bäuerliche Relikte aus den umliegenden Stadtteilen ausgestellt. Auch die Alsterschifffahrt und die Kleinbahn Rahlstedt-Wohldorf leben hier wieder auf.

Die Kirche von Wellingsbüttel liegt auf einem geschichtsträchtigen Hügel. 1937 hat man das wuchtige Bauwerk der Lutherkirche neben das bronzezeitliche Grab am Knasterberg gesetzt. Ihre Gemeindemitglieder haben sich mit ihrer Kirchenmusik einen Namen gemacht. In der Kirche steht eine Schuke-Orgel.

An der Saseler Chaussee liegt das Gemeindehaus der Christengemeinde Alstertal. Ihre Mitglieder geben zweimal die Woche an ihrem Gabentisch Lebensmittel an Bedürftige aus.

Einen guten Ruf genießt auch die Freiwillige Feuerwehr am Schulteßdamm. Die Feuerwehr pflegt eine schöne jährliche Tradition am 3. Oktober. In zwei Laternenumzügen marschieren Jung und Alt zur Friedrich-Kirsten-Straße. Die Stimmung ist festlich: Auf dem Wasser spiegeln sich die Laternen, die Wasserorgel rauscht zur Musik. Bei Würstchen, Bier und Brause genießt man gemeinsam das Abschlussfeuerwerk. Mehr Wohlfühlen geht nicht.

 

Wellingsbüttel historisch

Dass Wellingsbüttel mal ein ausgedehntes Gut war, kann man sich als Spaziergänger heute immer noch leicht vorstellen. Anders als in vielen anderen Hamburger Stadtteilen gelingt die Zeitreise – dank der Rettung architektonischer Zeitzeugen. Die markanten Sehenswürdigkeiten Wellingsbüttels, Herrenhaus und Torhaus, gehen auf die Adelsfamilie von Kurtzrock zurück. 1675 hatte Theobald von Kurtzrock das aus einem Gutshof und mehreren Bauernhöfen bestehende Wellingsbüttel für 7000 Reichstaler gekauft und ausgebaut.

Die Brauerei im Dorf

Kurtzrock gründete eine Brauerei im Dorf, seinen Hauptwohnsitz hatte er in Bremen. 1806 verkaufte die Familie die gesamte Anlage an die dänische Krone, 1867 wurde sie zur preußischen Landgemeinde. Nach dem Ende der Befreiungskriege war das Gut verschuldet und auf das kleine Dorf verarmt. Viele Bauern verkauften ihr Land an den Hamburger Kaufmann Hercules Roß, der die Gegend im Bereich Rabenhorst wiederaufforsten ließ.

Nach Roß’ Tod ersteigerte der Kaufmann Johann Christian Jauch das Gut und vergrößerte es weiter. 1818 hatte seine Gesamtfläche noch 110 Hektar betragen, im Jahr 1900 waren es 250 Hektar. Zur Mitte des 19. Jahrhunderts hatte das Gut 18 Einwohner, das Dorf 286. Eine Schule hatte Wellingsbüttel schon seit 1788.

1892 kam eine neue Dynamik nach Wellingsbüttel, nachdem Otto J. Hübbe, wiederum ein Hamburger Kaufmann, alles aufgekauft hatte. Als 1912 die Alsterthal-Terrain-AG (ATAG) gegründet wurde, die die bauliche Erschließung des Alstertals in Angriff nahm, beteiligte sich auch Hübbe. Motor der ATAG, die immerhin bis 1947 bestand, war der Hamburger Makler Johann Vincent Wentzel, der neben Hübbe unter anderem auch den Poppenbüttler Großgrundbesitzer Eduard Henneberg mit ins Boot holte. Dabei wurden die sogenannten ATAG-Klauseln abgefasst, die noch heute das Erscheinungsbild Wellingsbüttels prägen.

Im Kern besagten sie unter anderem: Die von der ATAG verkauften Grundstücke waren mindestens 1000 Quadratmeter groß, durften nicht geteilt und nur mit Einzelhäusern bebaut werden. Hübbe verkaufte große Teile des weitläufigen Guts, und erste Villen entstanden – zum Beispiel an der Wellingsbüttler Landstraße. 1914 waren in Wellingsbüttel die ersten zwölf Grundstücke verkauft.

Das Projekt kam richtig in Schwung, nachdem die Vorortbahn von Ohlsdorf nach Poppenbüttel verlängert worden war und das mittlerweile rund 800 Einwohner starke Wellingsbüttel gleich zwei Stationen erhalten hatte.

2,5 Millionen für die neue Bahnstrecke

Auch hier war Johann V. Wentzel die treibende Kraft gewesen. Von Anfang an hatte er seinen Mitstreitern klargemacht, wie wichtig der Bahnanschluss sein würde, und die dafür zuständige Alsterthalbahn AG war eine Tochtergesellschaft der ATAG. Ursprünglich sollte die Bahnstrecke schon früher fertig sein, aber der Erste Weltkrieg hatte den Abschluss der Arbeiten verzögert. Als 1918 endlich die ersten Züge rollten, waren rund 2,5 Millionen für die Strecke verbaut worden.

1937/38 wurde Wellingsbüttel im Zuge des Groß-Hamburg- Gesetzes Teil der Hansestadt, die Einwohnerzahl lag da schon bei 4000. Das 1750 erbaute Herrenhaus des Gutshofs war 1888 in den Besitz der Hamburger Bankierswitwe Behrens übergegangen und unter Federführung des Rathausarchitekten Martin Haller aufwendig umgestaltet worden, wobei es noch eine weitere Etage erhielt. Das Torhaus wurde wesentlich später mit tatkräftiger Hilfe von Bürgerverein (von 1921) und Alsterverein (von 1900) liebevoll restauriert. Witwe Behrens stiftete 1890 übrigens die erste Löschspritze für die neu gegründete freiwillige Feuerwehr.

Neben prächtigen Landsitzen und schönen Villen hatten sich auch immer mehr Geschäftsleute in Wellingsbüttel niedergelassen. Das Traditionsrestaurant Randel war schon 1840 als kleiner Ausschank eingerichtet worden, später avancierte es zu einem noblen Ausflugs- und Kaffeehaus mit angeschlossenem Hotelbetrieb. Nach dem Zweiten Weltkrieg musste Wellingsbüttel viele Flüchtlinge und ausgebombte Hamburger aufnehmen, wodurch die Zahl der Einwohner 1950 auf mehr als 10.400 anstieg. Heute ist Wellingsbüttel ein äußerst beliebter Wohnstadtteil, und die manchmal ziemlich rigorosen Investoren und Bauherren machen vor den ATAG-Klauseln schon lange nicht mehr halt.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 17.09.2018