Ohlsdorf - Ein schöner Ort, nicht nur für die letzte Ruhe

U - und S- Bahnhof Ohlsdorf
Andreas Laible/ HA

 

Ohlsdorf wird vom städtischen Hauptfriedhof geprägt, der mit seiner parkartigen Anlage eine Oase inmitten der Großstadt darstellt.

 

Fläche in Quadratkilometer: 7,2
Einwohner: 15.097
Wohngebäude: 2374
Wohnungen: 8202
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 617
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3554
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 


Bei Vertretern einer bestimmten Berufsgruppe löst der Name Ohlsdorf regelmäßig Enttäuschung aus: den Taxifahrern am Flughafen. Denn wegen der Nähe des Stadtteils zum Hamburger Airport bringt die kurze Fahrt nach langer Wartezeit nur wenig in die Kasse. Der Ohlsdorfer hingegen freut sich, nach anstrengendem Flug schnell und günstig wieder zu Hause zu sein. Alternativ nach nur einer S-Bahn-Station.


Doch die erste Assoziation mit dem Stadtteil im Norden Hamburgs hat nichts mit dem Fliegen zu tun, sondern ist fest mit der Erde verbunden: Denn Ohlsdorf wird vom städtischen Hauptfriedhof geprägt, der mit seiner parkartigen Anlage eine Oase inmitten der Großstadt darstellt. Er ist mit seinen knapp 400 Hektar nicht nur der größte Parkfriedhof der Welt, sondern zugleich Hamburgs größte Grünanlage, die zwei Drittel des Stadtteils einnimmt. Wer alle Straßen abläuft, kommt dabei fast auf Halbmarathon-Distanz – 17 Kilometer führen die asphaltierten Wege durch den Friedhof.Wer es gemütlicher mag, steigt an einer der 22 (!) Bushaltestellen zu.


Dank seiner historischen Grabstätten, der 800 Skulpturen und der eindrucksvollen Gartenarchitektur gilt er als Gesamtkunstwerk von internationalem Rang. Auf dem Ohlsdorfer Friedhof kann sich jeder beisetzen lassen, unabhängig von Wohnort und Konfession. Fast 5000 Menschen im Jahr werden hier zu Grabe getragen. Darunter bedeutende Persönlichkeiten: Ob Hans Albers, Heinz Erhardt oder Tierparkgründer Carl Hagenbeck – bei einem Spaziergang lassen sich Dutzende Prominentengräber entdecken.


Schwere Jungs und heiße Ware


Doch nicht alle Einwohner Ohlsdorfs haben die Möglichkeit, im Park die Seele baumeln zu lassen: Die Insassen der Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel, die nach Grenzverschiebungen heute zu Ohlsdorf gehört, müssen sich auf ihren Hofgang beschränken. Fast 800 Gefangene gab es in „Santa Fu“ früher, heute sind es nur noch rund 260 – die meisten von ihnen ganz harte Kaliber. Die reine Männeranstalt ist zuständig für den geschlossenen Strafvollzug und die Sicherungsverwahrung. Der Begriff „Santa Fu“ stammt von der alten Bezeichnung „Strafanstalt Fuhlsbüttel“, die im Verwaltungsdeutsch „St. Fu“ abgekürzt wurde.


1879 wurde das neue „Centralgefängnis“, das heutige Haus I, fertiggestellt und zwischen 1901 und 1906 schließlich für knapp drei Millionen Reichsmark jenes Gebäude errichtet, das zum Inbegriff des Hamburger Strafvollzugs wurde. Manche Vorschrift hat sich seitdem geändert. 1906 galt noch: „Jeder Gefangene erhält für den Gebrauch innerhalb 24 Stunden drei Blatt Klosettpapier.“ Und wer in Fuhlsbüttel eintraf, hatte sich dem „Willkomm“ zu unterziehen. Er wurde auf eine Pritsche geschnallt und ausgepeitscht. Heute ist die JVA vorbildlich in Sachen moderner Vollzug und verkauft unter der Marke Santa Fu sogar „heiße Ware“ – besondere Produkte, die von den Häftlingen in der Haftanstalt hergestellt werden, wie Kleidung, Memory-Spiele oder sogar ein Kochbuch.


Im krassen Gegensatz dazu beginnt nördlich der Gefängnismauern Klein Borstel – seit 1938 kein eigenständiger Stadtteil mehr, sondern ein Teil von Ohlsdorf. Hier ist die Welt noch in Ordnung. Der hier ansässige Heimatverein, der – bezogen auf die Einwohnerzahl – weist die höchste Mitgliederdichte aller Bürgervereine in Deutschland auf. Jeder fünfte Klein Borsteler engagiert sich dort. In diesem Quartier wird das Dorf in der Stadt gelebt, mit Hofladen, regelmäßigem Dorffest und einer niederdeutschen Theaterbühne, der Speeldeel.


Die kleinen Rotklinkerhäuser der Frankschen Siedlung, erbaut zwischen 1935 und 1939, stehen seit 2011 unter Denkmalschutz. Immer mehr Familien finden dort ihr neues Zuhause. Und die Häuser an der Wellingsbütteler Landstraße erinnern in ihrer Herrschaftlichkeit an die ganz feinen Hamburger Viertel. Doch die Borsteler können auch aufmucken: Im Jahr 1993 erlangte das Quartier bundesweite Berühmtheit, als die Einwohner für den Erhalt des Postamts kämpften, dieses kurzfristig besetzten und eine Bürgerpost in einem Zelt einrichteten. Immerhin gelang es dadurch, 1994 die erste städtische Postagentur zu erhalten. Zwar klein, aber borstelig.


Standort moderner Medizintechnik und grüne Oase


Ein berühmter Friedhof, ein berühmter Knast und ein zumindest temporär berühmtes Quartier – Ohlsdorf ist offenbar kein gewöhnlicher Stadtteil. Und dieser Eindruck verstärkt sich noch: Denn ein herkömmliches Zentrum gibt es nicht. Keinen Dorfplatz, keinen Mittelpunkt mit einer Ballung von Geschäften, an dem das Leben zusammenfließt. Zwei große Arbeitgeber sind erwähnenswert: zum einen ein Ableger des Philips-Konzerns, Philips Medizin Systeme. An der Röntgenstraße entstehen – wie passend – Röntgengeräte und Computertomografen. Und zum anderen das Ausbesserungswerk für S- Bahnen südlich des Bahnhofs.


Ohlsdorfs große Stärke sind die vielen Möglichkeiten zur Erholung. Es ist grün, wohin man auch blickt. Wem der Charme des Friedhofs zu morbide ist, kann sich auch am Oberlauf der Alster entspannen und die zahlreichen Gänsefamilien füttern, die hier leben. Oder er kann das Areal der ehemaligen Schleuse Am Hasenberge bestaunen. Es markiert den Übergang vom unbefestigten Oberlauf der Alster zum kanalisierten Unterlauf. Hier stand die letzte Schleuse, die noch mit der Hand bedient werden musste.


Doch trotz des Höhenunterschieds von vier Metern wurde sie nicht mehr gebraucht – für größere Wasserfahrzeuge, wie zum Beispiel Ausflugsdampfer, ist der Oberlauf der Alster ohnehin zu flach. So kam es zu dem Abriss des 100 Jahre alten Bauwerks, dessen Standsicherheit nicht mehr gewährleistet werden konnte, und einer Modernisierung des Wehrs. Fische können über einen extra vorgesehenen Mäander-Fischpass passieren. Kanuten, Paddler und Ruderer überwinden den Höhenunterschied über eine Slipanlage zu Fuß. Ein Wasserkraftwerk versorgt etwa 100 Haushalte mit Strom.


Wasserfreunde haben nebenan im neuen Hallen- und Freibad alle Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Und auch Kleingartenanhänger kommen in Ohlsdorf voll auf ihre Kosten: Der Gartenbauverein Alsterkanal feierte im Jahr 2018 sein 82-jähriges Bestehen. Beim  Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“ erhielt die Anlage vor einigen Jahren die Silbermedaille. Besonderheit: die „Obstbaumallee“, in der 84 Obstbäume mit den zugehörigen Informationsschildern zu finden sind. Ohlsdorf ist also ein durchaus reizvoller Stadtteil – für fast alle Berufsgruppen.


Ohlsdorf historisch

Die Grenzen zwischen den heutigen Stadtteilen AlsterdorfFuhlsbüttel und Ohlsdorf sahen um 1900 noch völlig anders aus – nicht nur weil die Gegend weit weniger bebaut war als heute. Die Alster hatte sich seit Jahrhunderten in unzähligen Schleifen durch ihr Bett gewunden und war erst auf Höhe Winterhude einigermaßen in Form gekommen. Die Wiesen im Bereich der Dörfer Fuhlsbüttel und Ohlsdorf waren feucht, vielfach auch moorig, und eine Bebauung schien in weiter Ferne zu liegen. In Ohlsdorf, das (genau wie Alsterdorf ) zeitweise im Besitz des Klosters St. Johannisgewesen war, lassen sich für 1848 nur drei größere Bauernhöfe und ein Dutzend Kleinbauern nachweisen.


Alles änderte sich, nachdem 1879 die Fuhlsbüttler „Correctionsanstalt“, das spätere Gefängnis „Santa Fu“, fertiggestellt worden war. Hinzu kam eine weitere große Anlage: der Ohlsdorfer Friedhof, eröffnet im Juli 1877. Beide Einrichtungen trugen erheblich dazu bei, Ohlsdorf viel engeran die Stadt zu binden. Schon 1880 wurden Pferdebus und danach die Pferdebahn nach Ohlsdorf in Betrieb genommen, um Friedhofsbesuchern die Anreise zu erleichtern.


Hamburgs Soldaten: Mit der Bahn zum Wachdienst


Ein heute reichlich skurril wirkendes Ritual spielte sich wöchentlich in der Gegend ab. Für die Bewachung der äußeren Anlage des neuen Gefängnisses war das Hamburger Infanterie-Regiment Nr. 76 mit Sitz an der Bundesstraße zuständig. Der Job dürfte nicht übermäßig anstrengend gewesen sein, zumal das Gefängnis intern ja bereits auch hoch gesichert war. Einmal pro Woche fuhr die ablösende Truppe den weiten Weg von der Kaserne hinaus in Richtung Gefängnis – und zwar mit einem Sonderwagen der neuen Straßenbahn, die von 1895 an elektrifiziert war.


Nachdem die wackeren Soldaten beim Gasthaus Zum Alstertal ausgestiegen waren, um in Richtung Suhrenkamp zu marschieren, wendete die Bahn in Ohlsdorf und nahm die abgelöste Abteilung für die Rückfahrt wieder auf. Kaum zu glauben, was dazu noch in einer alten Chronik steht: „Es hieß, eine alte Frau hätte aus Mitleid eine Geldsumme gestiftet und damit die Sonderfahrten nach Ohlsdorf bezahlt, um den Soldaten den Fußmarsch zu ersparen.“


Friedhof, Familienbad und viele neue Häuser


Der neue Friedhof mit seinen sehenswerten Anlagen entwickelte sich bald zu einem wichtigen Anziehungspunkt Ohlsdorfs. 1794 hatte der Rat (Senat) beschlossen, die städtischen Begräbnisplätze vor das Dammtor zu verlegen, weil die Friedhöfe der fünf städtischen Hauptkirchen völlig überfüllt waren. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war dann klar, dass auch die Dammtor-Gräber nicht mehr lange ausreichen würden, und die Stadt bemühte sich, eine große Fläche weiter auswärts zu finden.


Von 1874 an ließ sie Land in Ohlsdorf aufkaufen und die Anlegung des Friedhof vorbereiten. Zwei Jahre nach der Eröffnung wurde Wilhelm Cordes 1879 dort neuer Verwaltungsleiter, auf den die Ausgestaltung der Begräbnisstätte zum weltberühmten Parkfriedhof zurückgeht. 1906 fuhr erstmals die Vorortbahn nach Ohlsdorf, von 1914 an auch die U-Bahn. Im Zuge der verkehrstechnischenErschließung setzte bald rege Bebauung ein – auch im unmittelbaren Umfeld des Parkfriedhofs und am Alsterlauf.


1926/27 öffnete das Familienbad – als erste Badeanstalt Hamburgs, die keine Geschlechtertrennung mehr vornahm. In seinem Buch „Die Alster“ schrieb Wilhelm Melhop prophetisch: „Die sich nunmehr beiderseits der kanalisierten Alster bis Ohlsdorf hinauf erstreckenden abwechslungsreichen Grünanlagen werden im Zusammenhang mit den dort emporwachsenden Wohnvierteln (…) ebenso reizvolle Landschaftsbilder hervorrufen, wie die Ufer der Außenalster sie seit Jahren Einheimischen und Fremden zu jeder Jahreszeit bieten.“ 1938 wurde der Stadtteil Klein Borstel mit Ohlsdorf vereinigt.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018