Alsterdorf - Bücher im Vogelhaus, Bistro im Toilettenhaus

Altes Krematorium in der Alsterdorfer Str. 523
Klaus Bodig/HA

 

Klingt zumindest skurril: Chic essen gehen die Alsterdorfer in einem Toilettenhäuschen und um Öffnungszeiten scheren sich Wissbegierige dort nicht.

 


Fläche in Quadratkilometer: 3,1
Einwohner: 14.428
Wohngebäude: 1977
Wohnungen: 7610
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 821
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 4261
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Alsterdorfer waschen gern schmutzige Wäsche. Mit der Hansestadt haben sie Ärger, weil sie ihr das Wasser abgraben. Sie treten ihren Stadtteil mit Füßen. Chic essen gehen sie in einem Toilettenhäuschen. Um Öffnungszeiten scheren sich Wissbegierige nicht. Und die Polizei hat in diesem Stadtteil entgegen der landläufigen Meinung kein Heimspiel.

Klingt nach rebellischen Käuzen. Passt überhaupt nicht zu den Vorstellungen, die viele von dem ruhigen Wohnquartier am dem Fluss haben, der zusammen mit der Elbe die Metropole prägt. Gehört aber doch ins Drehbuch über dieses Viertel -- schließlich haben Bewegtbilder hier Tradition. Aber alles hat ja seine Zeit.

Hamburgs erstes Filmstudio

Die Alster ist heute Paradies für Jogger, Revier für Gassigeher und Raum für Ruderer -- früher war sie ein Zankapfel. Im 18. Jahrhundert stand Alsterdorf noch unter dänischer Herrschaft. Die Bewohner bewirtschafteten Äcker und bauten Dämme, störten damit den Flusslauf und verärgerten die Hamburger, denen alle Rechte an der Alster gehörten. Also verboten sie ihnen das Wasserabgraben. Die Landwirtschaft blieb dennoch die wichtigste Erwerbsquelle. Der Hinschenhof steht noch heute für das bäuerliche Alsterdorf.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts spielte Wasser wieder eine wichtige Rolle. Vor allem an der Alsterdorfer Straße siedelte sich eine Reihe von Bleichereien und Wäschereien an; sie wurden neben der Landwirtschaft zum wichtigsten Wirtschaftszweig. Das Adressbuch von 1912 wies 26 Firmen aus.

Später versprühten die Vera-Filmwerke einen Hauch von Hollywood. Vor der Stummfilmkamera agierte UFA-Legende Emil Jannings in Hamburgs erstem Filmstudio, in dem von 1919 bis 1930 insgesamt 152 Spiel-, Kultur- und Zeichentrickfilme hergestellt wurden. Die Alsterkrugchaussee diente beispielsweise als Drehort für Autorennen, Szenen mit Fell- und Federvieh wurden in Hagenbecks Tierpark aufgenommen. Als die Filme das Sprechen lernten, kam das Aus für die Firma. Sie scheiterte beim Übergang zur Tontechnik und ging in den 1930er-Jahren in Konkurs.

Eine Stiftung als größter Arbeitgeber

Auf Wachstumskurs war hingegen die Evangelische Stiftung Alsterdorf (ESA). 1863 startete Pastor Heinrich M. Sengelmann im Alten Brauhof die Arbeit mit vier geistig behinderten Kindern. Es war die Keimzelle für eine der größten Behinderteneinrichtungen in Deutschland. Bei Sengelmanns Tod 1899 lebten bereits 600 Hilfebedürftige auf dem Gelände.

Heute ist die ESA mit Abstand größter im Stadtteil beheimateter Arbeitgeber. Knapp 6400 Beschäftigte stehen bei ihr in Lohn und Brot und bieten Dienstleistungen rund um die Themenfelder Medizin, Pflege und Arbeit an. Mehr als 240 Millionen Euro Umsatz macht das diakonische Unternehmen, das der Volksmund gern noch als Alsterdorfer Anstalten bezeichnet, obwohl es seit 1988 unter dem neuen Namen firmiert.

Aus dem einst abgeschotteten Gelände ist heute ein offener Treffpunkt geworden. Jeden Freitag bauen Händler auf dem Alsterdorfer Markt ihre Stände auf und verkaufen Fleisch, Fisch, Obst und Gemüse. Im Frühjahr gibt es Osterfeuer, im Sommer Open-Air-Kino. Dabei trampeln die Alsterdorfer auch gern auf ihrem Stadtteil herum.

Die Gullydeckel zeigen zwei Figuren, die sich an der Hand halten, darunter steht der Schriftzug Alsterdorf. Rund um den Platz locken Supermarkt, Discounter, Drogerie und Blumenladen zum Einkaufen, Eiscafé und Restaurant zum kulinarischen Genuss, und ein Reisebüro lässt Urlaubsträume wahr werden. Der Platz ist zum neuen Geschäftszentrum geworden und ergänzt das alte, das an der Alsterdorfer Straße zwischen Carl-Cohn-Straße und Heubergredder seinen Schwerpunkt hat. Und in dem viele Alteingesessene den Verlust von inhabergeführten Läden beklagen.

Schöner Wohnen am Wasser

Zwischen den beiden Einkaufsarealen erstreckt sich die Gartenstadt, in der es nicht nur nach Blumen riecht, sondern die Straßen mit Tulpenstieg und Frühlingsgarten auch wohlklingende Namen haben. Mitte der 1930er-Jahre bauten hier Selbstständige, Angestellte und Beamte insgesamt 304 Einzelhäuser aus rotem Backstein. Die Gebäude durften nicht mehr als zwei Geschosse haben, Fabriken waren verboten, alte Bäume mussten erhalten bleiben. Die Grundstücke sollten mit maximal 500 Quadratmetern bewusst klein gehalten werden, um möglichst vielen Interessenten den Traum vom Eigenheim zu erfüllen.

Über städtisch verordnete größere Gärten konnten sich jene Hausbesitzer freuen, die direkt an der Alster wohnten. Bis ins 20. Jahrhundert hinein schlängelte sich der Fluss in zahlreichen Windungen vorbei an tief hängenden Weiden und knorrigen Eichen durch eine Wiesenlandschaft, die durch Schneeschmelze und bei starken Regenfällen regelmäßig überflutet wurde. Um die Wasserstraße als Frachtweg zu nutzen, beschloss der Senat, sie in geordnete Bahnen zu lenken.

Die Kosten für die Kanalisierung wollte die Finanzdeputation über den Verkauf von Villengrundstücken wieder hereinholen. Deshalb wurden neue Wassergrundstücke geschaffen, "da dieselben in den wohlhabenden Kreisen der Bevölkerung besonders beliebt" wären. An dieser Feststellung von 1908 hat sich nichts geändert. Durch den Bau von Seitenkanälen entstanden drei Inseln, ihre Grundstücke an der Insel-, Rathenau- und Brabandstraße zählen noch heute zu den gefragten Adressen -- und die Villen zu den schönsten im Stadtgebiet.

Zwei Irrtümer halten sich hartnäckig

Zwischen Alsterdorfer Damm und Brabandstraße entstand 1919 das Trafohäuschen. Zum einen sollte in ihm Strom auf eine niedrigere Spannung umgewandelt werden, den Haushaltskunden nutzen konnten. Zum anderen wurde der Bau gebraucht, um eine öffentliche Toilette zu beherbergen. In der jüngeren Zeit stand das Gebäude allerdings viele Jahre leer, ehe 2010 ein Bistro mit Weinbar dort eröffnete. Carpaccio, Garnelenpfanne und hausgemachter Schokokuchen sind einige der Leckerbissen, die die Gäste im Sommer auch auf der Terrasse genießen können.

Wer anschließend noch Lust auf Bildung hat, muss nur einmal die Straßenseite wechseln. Auf der Brücke steht in einer Art Vogelhäuschen eine kostenlose Bibliothek, deren Tür sich rund um die Uhr öffnen lässt. Das Prinzip beruht auf dem Tauschhandel: Stelle ein Buch hinein und nimm ein anderes heraus. Vertrauen ist bekanntlich gut -- und Kontrolle in diesem Fall auch nur schwer möglich.

Zwei Irrtümer seien übrigens noch aufgeklärt: Alsterdorf ist weder der Stadtteil der Gesetzeshüter, noch ist dort die Bühne für Stars und Sternchen aus Sport und Showbusiness. Das Polizeipräsidium wird zwar ebenso wie die Sporthalle mit dem Stadtteil häufig in einem Atemzug genannt -- beide gehören aber zu Winterhude.

 

Alsterdorf historisch

Stellen Sie sich einen Spaziergang durch den heutigen Stadtteil Alsterdorf im Jahr 1895 vor. Wie sieht es dort aus? Winterhude ist bereits Stadtteil, Alsterdorf und Ohlsdorf sind aber noch Dörfer. Die bemerkenswertesten Einrichtungen im Umkreis sind die Rennbahn in Groß Borstel, die Alsterdorfer Anstalten (heute Evangelische Stiftung Alsterdorf), das Gefängnis „Santa Fu“ und der Ohlsdorfer Friedhof. Alles noch ziemlich neu – und umgeben von weiten Feld- und Wiesenflächen.

„Von Südwesten zieht die alte Heerstraße, die heutige Alsterkrugchaussee, nach Norden in Richtung Kiel. Nur vereinzelt stehen Häuser an der wenig befahrenen Chaussee. Überall wogen Kornfelder im leichten Sommerwind (...) jenseits der lang gestreckten Alsterdorfer Straße, weiten sich die Alsterdorfer Felder bis an die Winterhuder und Steilshooper Grenzen. Hier führt der uralte Borgweg, die alte Heerstraße, durch die Alsterdorfer Feldmark auf das Sierichsche Gehölz, die Keimzelle des Stadtparks zu. An seinem Rande liegt einsam das Pulvermagazin der hamburgischen Garnison, das dem Ausbau des Stadtparks weichen muss.“ So steht es in einer vom örtlichen Bürgerverein herausgegebenen Chronik – schön beschrieben und gut nachvollziehbar.

Plätterinnen, Bleichknechte und untergepflügter Hausmüll

Alsterdorf hatte zunächst unter dänischer Herrschaft gestanden (als Teil des Amtes Trittau). 1803 gab das Damenstift St. Johannis das bei Quickborn liegende Dorf Bilsen ab und erhielt im Tausch das damals noch ziemlich unwirtliche, wenn auch schön gelegene Dorf am Alsterlauf. Ein entscheidender Schritt in Richtung Hamburg war vollzogen.

Um 1850 zählte Alsterdorf 148 Einwohner, die meisten lebten von der Landwirtschaft. 1860 hatte der engagierte Pastor Heinrich Matthias Sengelmann in Alsterdorf einen alten Bauernhof als Sitz für das Nikolas Stift (siehe Moorfleet) gekauft. 1863 zogen die ersten behinderten Kinder hier ein – Keimzelle der weit über Hamburgs Grenzen hinaus bekannten sozialen Einrichtung.

Die Alster mäanderte unweit davon in vielen Windungen durch eine einsame, waldreiche Gegend. Dort, wo heute die Sengelmannstraße verläuft, war eigentlich Schluss. Auf die gegenüberliegende Seite gelangte man über eine einfache Holzbrücke, die so hoch war, dass die damals dort fahrenden
Schiffchen und Boote ungehindert passieren konnten. Die Einzigen, die sich in Scharen in Alsterdorf einfanden, waren – ähnlich wie nebenan in Winterhude – die Bleicher.

Schöne Geschichten werden immer gern über diesen Beruf erzählt, und mancher hat sicher das Bild von rotwangigen Mädchen vor Augen, die auf Alsterdorfs frischen Wiesen große Wäschestücke in die Sonne legen. Dass die Wahrheit weniger romantisch war, verdeutlicht der ehemalige Bremer Bürgermeister Wilhelm Kaisen (1887 – 1979) in seinen Erinnerungen „Meine Arbeit, mein Leben“. Die Plätterinnen und Bleicherknechte in den um 1900 fast 30 einfachen Wäschereien schufteten unter oft primitivsten Arbeitsbedingungen für einen Lohn von zwei bis drei Mark – pro Tag, versteht sich.

Und auch das ist zum Glück Vergangenheit: Laut Heimatforscher Armin Clasen hatten die Hamburger jahrzehntelang die Angewohnheit gepflegt, ihren Hausmüll auf Alsterdorfs Feldern umpflügen zu lassen. Doch die Zeiten änderten sich schnell, und es wurde immer städtischer in Alsterdorf.

Die Alster wird zum Kanal, die Gegend zur „Adresse“

Mit der „Bezirksverfügung der Kaiserl. Oberpostdirection in Hamburg“ erhielt Alsterdorf im Mai 1894 eine „Postagentur“, die sich etwas später an der Alsterdorfer Straße (damals noch Ohlsdorfer Straße) nachweisen lässt. An derselben Straße hatte auch der „Polizeiofficiant“ seit 1893 sein Büro. Um 1900 entscheiden die Stadtväter, die Alster nördlich der Hudtwalckerbrücke zu kanalisieren.

Ursprünglich sollten vor allem die Transportwege vereinfacht werden, aber schließlich rückten Parzellierung und Verkauf der angrenzenden Grundstücke stärker ins Blickfeld. Es ging nun ganz klar darum, möglichst viele am Wasser liegende Grundstücke zu verkaufen. Unter Federführung von Oberbaudirektor Fritz Schumacher wurde die Alster in den Jahren 1914 bis 1928 neu eingefasst. Nachdem der Fluss in das neue Kanalbett gezwungen war, entwickelten sich Teile von Alsterdorf schnell zu einer „Adresse“, und beispielsweise an der Braband- und der Inselstraße entstanden schicke Villenviertel.

Prägender für das Erscheinungsbild Alsterdorfs sind die mehr als 300 roten Klinkerbauten der Gartenstadt, die in den 1920er- und 30er-Jahren errichtet wurden. Anders als bei anderen Gartenstädten erfolgten Erschließung und Bebauung aber nicht genossenschaftlich, sondern die Grundstücke gehörten von Anfang an privaten Eignern.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018