Tonndorf - Klein Kalifornien in Hamburg

Strandbad Ostende, Tonndorfer Strand 37
Andreas Laible

 

Filmstudios, Pferderanch, Strand und Palmen und die sonnigsten Straßennamen der Stadt. Sogar das Klima ist in Tonndorf milder als drumherum.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,9
Einwohner: 14.762
Wohngebäude: 2307
Wohnungen: 7412
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 413
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2752
(Quelle: Statistisches Amt für hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Kalifornien in Hamburg? Ja, gibt's denn das? Und ob! Hollywood, Beverly Hills und Venice Beach liegen an Berner Au, Wandse und Rahlau. Eingebettet in die sonnigsten Straßennamen der Stadt. Und nur Insidern als Nabel der Film- und Fernsehwelt, Promi-Viertel, Wassersport-Mekka und Strandparadies ein Begriff. Willkommen in Tonndorf.

Gemessen am UV-Licht strahlt der Stadtteil nur im Sommer mit dem US-Sonnenscheinstaat um die Wette, aber das wiegen Namen wie Sonnenweg, Sonnenwegbrücke, Sonnenredder oder Tonndorfer Strand locker auf. Und machen Lust auf Meer: Auch nach Westerland, Sylt, Hörnum, Fehmarn und Usedom sind Straßen benannt. Sogar das Klima ist prima. Es sei im Sonnenschein-Stadtteil ganzjährig milder als drumherum, sagen Meteorologen.

18.000 Quadratmeter große Liegewiese

75 Tonnen feiner weißer Sand sind 2012 am Tonndorfer Strand angekommen. Das Freibad entstand 1927, als die alte Tongrube einer Ziegelei volllief und im damaligen Wandsbeker Flurplan den Namen Großer Sonnensee erhielt. Seit 1986, als Bäderland es schon schließen wollte, wird das Bad privat finanziert. Die Liegewiese ist 18.000 Quadratmeter groß, geschwommen werden kann auf 45 mal 107 Metern.

Und wer genug geplanscht hat, tobt sich beim Beachvolleyball aus, entspannt auf der Terrasse und beobachtet den Trubel. Abends trainieren hier Kanupoloteams; Viktoria Rau, Tochter der Betreiber, holte WM-Silber und war zweimal Junioren-Europameisterin.

Mit etwas Glück lassen sich am Strand Stars aus dem Stadtteil beobachten. Wem Promisgucken zu langweilig ist, der findet am Sonnenweg eine der schönsten und größten Pferdewiesen der Stadt. Ideal auch für kleine Cowboys und Indianer, die auf Tinas Ranch reiten lernen wollen.

Studio Hamburg ist größter Arbeitgeber

Die Traumfabrik liegt an der Tonndorfer Hauptstraße, Ecke Jenfelder Allee. Eine Adresse für ganz großes Kino: "Des Teufels General" (1954) und "Die Zürcher Verlobung" (1957) beispielsweise. "Der Hauptmann von Köpenick" mit Heinz Rühmann war 1957 für den Oscar nominiert. Aus der Real Film GmbH, die Gyula Trebitsch 1948 hier angesiedelt hatte, wurde das Studio Hamburg mit einem Dutzend Film- und Fernsehateliers von 80 bis 1500 Quadratmetern. Im Atelier 3 erfand Michael Schanze ("1, 2 oder 3") Ende 1977 seinen Plopp ("Plopp, das heißt Stopp!"), dort entstanden Innenaufnahmen für "Schwarzwaldklinik" "Diese Drombuschs" und "Traumschiff".

Heute ist Studio Hamburg Tonndorfs größter Arbeitgeber und eine Stadt für sich mit Tischlerei, Schlosserei, Näherei, Malsaal sowie Hunderten festen Mitarbeitern und einem Jahresumsatz im dresitelligen Millionenbereich. Für den Eurovision Song Contest in Baku wurden Bühne und Green Room gefertigt und in 25 Containern nach Aserbaidschan geliefert. "Made in Tonndorf" sind Tische und Technik auch bei "Tagesschau", "heute" und dem Sender N24.

Kulissen baut Studio Hamburg für mehrere Stage-Musicals. Dazu kommen Kino- und Werbefilme sowie TV-Serien, wie der Grimmepreis-gekrönte "Tatortreiniger", die NDR-"Tatorte", "Notruf Hafenkante" und "Der Dicke". Im Angebot sind Produktion, Synchronstudios, Sendetechnik - und "Sprungbretter" für große Karrieren: Florian Gallenberger ("John Rabe") gewann 1999 erst den Studio-Hamburg-Nachwuchspreis an der Wandse und 2001 - ebenfalls für "Quiero ser" - den Oscar in Los Angeles.

"Auffallen um jeden Preis"

Die Filmkantine gilt nicht als Oscar-verdächtig - der Treffpunkt für Genießer liegt um die Ecke: bei Fisch Eichrodt, wo schon Inge Meysel, Horst Frank und Stars aus dem "Großstadtrevier" gebratene Filets, Räucherfisch und hausgemachte Salate genossen. Die Autogrammwand neben der Theke steht für ein halbes Jahrhundert Film- und TV-Geschichte.

Wem der Weg ins berühmte Monterey Bay Aquarium am Pazifik zu weit ist, der findet im Aquarium Tonndorf seit 1971 ein zoologisches Einkaufsparadies - vom Lebendfutter bis zur Aquarienanlage sowie 360 Süßwasserfischarten und auch etliche Meerwasserfische.

Je südlicher, desto mexikanischer - das gilt nicht nur für Kalifornien. An der Grenze zu Jenfeld steht das Café del Sol, ein Kolonialhaus mit Veranda, Latin Music und Deckenventilatoren. Serviert werden Carmel Beach Salad, California Chicken und Cashew-Sauerrahmeis auf Erdbeerpüree mit Minze. Das beste Eis gibt's im Eiscafé Röhling: seit Generationen ein In-Treff mit immer neuen Sorten wie Chili-Schoko, Mascarpone-Feige und Ricotta-Orange.

Kaliforniens Motto "Auffallen um jeden Preis" gilt auch für Tonndorf. Die Vorliebe für originelle Namen ist groß - egal ob Schlemmerfee (Catering), Um Haaresbreite (Friseur), Schwarzmarkt (Reitsport) oder Tarantino (Osteria).


Tonndorf historisch

Tonndorfs Geschichte ist durch zwei Faktoren geprägt: die Lage an der einstigen Lübschen Landstraße zwischen Hamburg und Lübeck und die unmittelbare Nachbarschaft zur Stadt Wandsbek. Die Alte Dorfstraße, die heutige B 75, und die Fernbahn zerteilen Tonndorf seit Jahrzehnten.

Schon 1856 hatten die Gleise der neu erbauten Lübeck- Büchener Eisenbahn das kleine Dorf in zwei Hälften geschnitten. Es gab fünf Bahnübergänge, und die Bewohner mussten oft lange Wartezeiten in Kauf nehmen, wenn sie beispielsweise von ihren Höfen zu den Feldern und wieder zurück fahren wollten. Aufgrund der frühen Zweiteilung konnte sich in Tonndorf nie ein echtes Ortszentrum entwickeln, zugleich war dem Dorf ein Schicksal als Durchgangsstation vorbestimmt.

Kaum zu glauben: Schon 1913 sollte ein Bahnhof gebaut werden, um das Verkehrsknäuel zu entwirren. Bahnsteig und Gleise sollten hochgelegt werden, die Chaussee (die spätere Tonndorfer Hauptstraße) und den Sonnenweg wollte man darunter hindurchführen.

Das lange Warten auf Bahnhof und Unterführung

Die Pläne wurden wegen des Ersten Weltkriegs zu den Akten gelegt, wo sie Jahrzehntelang schlummerten. Einen Bahnhof (Wandsbek Ost) erhielt Tonndorf erst 1935, vor allem, um einen besseren Anschluss für die Estorff- und die Lettow-Vorbeck-Kaserne in Jenfeld zu schaffen. Die Untertunnelung der Straßen erfolgte erst 2006 beziehungsweise 2007.

Tonndorf kam im Laufe der Jahrhunderte gleich zweimal zu Wandsbek. 1646 hatte es der Wandsbeker Gutsherr Albert Behrens zusammen mit Hinschenfelde gekauft, um vor Ort die vier von der Wandse angetriebenen Mühlen nutzen zu können. Nachdem Schleswig- Holstein preußisch geworden war, wurde Tonndorf 1867 zunächst als Tonndorf-Lohe selbstständige Gemeinde, bevor es von 1927 an wiederum einen Teil Wandsbeks bildete.

In der Gegend zwischen Sonnenweg und Ostende hatte die Wandsbeker Garnison jahrelang ihren Exerzierplatz und einen Schießstand, zeitweise wurde das Gelände auch als Pferderennbahn genutzt. Die Tiere stellte man im nahe gelegenen Schinkenkrug unter. Seit dem späten 19. Jahrhundert war Tonndorfs Einwohnerzahl immer weiter gestiegen. 1870 hatte sie 220 betragen, 1880 genau 475, und 1890 lebten hier schon 570 Menschen. 1910 war die Zahl bereits auf 1500 angewachsen.

Weitere Schritte, die die Entwicklung zum Stadtteil vorwegnahmen: 1896 erhielt Tonndorf-Lohe eine eigene Schule, 1900 nahm ein Pferdeomnibus die Fahrt nach Wandsbek auf. 1909 wurden Straßennamen und Hausnummern eingeführt, 1912 brachten Gasleitungen Licht in die Häuser. Als Tonndorf 1927 (wieder) Teil Wandsbeks wurde, fiel Lohe an Rahlstedt. Mit der Eingemeindung kam in Tonndorf eine sechsklassige Schule zum Wandsbeker Schulsystem hinzu. Jenfeld steuerte eine zweiklassige Schule bei. 1937/38 folgte die Eingemeindung nach Hamburg.

Die Bauern verkauften – Studio Hamburg entstand

1947/48 gründeten Walter Koppel und Gyula Trebitsch im Stadtteil die Real Film, aus der das Studio Hamburg hervorging. Noch bis in die 1950er-Jahre hatte sich Tonndorf an vielen Stellen ein ländliches Erscheinungsbild bewahrt. Die alte Dorfschmiede stand nach dem Krieg noch, und viele Felder wurden als Schrebergartenanlagen genutzt. Hier lebten vor allem ausgebombte Hamburger oder Heimatvertriebene. Doch von den Tonndorfer Bauernhöfen ist nichts übrig geblieben.

Großbauer Heinrich Krochmann verkaufte Anfang der 1950er-Jahre gleich 30 Hektar seiner Ländereien als Bauland, eine alte Scheune des Hofes wurde zum Kino umgestaltet. Auch das Gelände der Hohenhorster Großsiedlung war ursprünglich Bauernland, das in den 1950er-Jahren verkauft wurde. Villa und Hof der Familie Hinsch gingen im Studio Hamburg auf. Die ehemalige Hofstelle der Familie Niemeier ist heute ebenfalls Studiogelände.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018