Wandsbek - Wo das Gedächtnis Hamburgs zu Hause ist

Das Staatsarchiv an der Kattunbleiche
Klaus Bodig

 

Der Stadtteil beheimatet einen Botanischen Garten, das Staatsarchiv Hamburgs – und lebt im stetigen Wandel.

 

Fläche in Quadratkilometer: 5,9
Einwohner: 34.469
Wohngebäude: 3906
Wohnungen: 19.894
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 452
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3413
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Am Wandsbeker Marktplatz zeigt der Stadtteil sein ganzes Temperament. Hier pulsiert das Leben. Das Einkaufszentrum Quarree liegt gegenüber, an der Wandsbeker Marktstraße reihen sich die Geschäfte aneinander. Das Bezirksamt Wandsbek residiert an der Schlossstraße mit Blick auf den Marktplatz.

Auf dem 2005 neu eröffneten Platz laden Sitzbänke zum Verweilen ein, viel Grün lenkt vom Straßenlärm ab. An den großen Dichter Matthias Claudius (1740-1815), der 1771 hierher gezogen war, erinnert bis heute eine Bronzeskulptur. Die Idylle wird allerdings ein wenig durch den angrenzenden Busbahnhof gestört. Tatsächlich ist es einer der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte und zudem die größte Busumsteigeanlage Hamburgs. Mehr als 50.000 Fahrgäste nutzen die insgesamt 15 Buslinien, die hier haltmachen. In Spitzenzeiten fahren ihn 110 Busse pro Stunde an. Unterirdisch fährt zudem die Linie U 1: in 14 Minuten von Wandsbek Markt in die Innenstadt.

"Boulevard Wandsbek"

Dass die Wandsbeker Marktstraße und die Nobelmeile Neuer Wall etwas gemeinsam haben, erschließt sich vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber beide Straßen sind ein Business Improvement District, besser als BID bekannt. Das Konzept kommt aus Kanada, die Grundeigentümer übernehmen die Kosten für die Umgestaltung des Straßenraums. So wurden, initiiert durch die City-Gemeinschaft Wandsbek, rund vier Millionen Euro investiert.

Im Juni 2010 war es nach zehnmonatiger Bauzeit soweit. Etwa 14.000 Quadratmeter neu gestaltete Gehwege, fast 76.000 Gehwegplatten und 61 neue Leuchten waren das Ergebnis. Wandsbek hat jetzt das BID mit dem drittgrößten Investitionsvolumen (Platz 1: Neuer Wall, Platz 2: Passagenviertel) der Hansestadt. Und die Wandsbeker sind stolz darauf. Sie sprechen jetzt gerne vom "Boulevard Wandsbek".

Alteingesessene Geschäfte im Familienbesitz haben auch im Herzen von Wandsbek inzwischen Seltenheitswert. Aber ein paar gibt es noch. Die Adler-Apotheke an der Wandsbeker Marktstraße gehört dazu. Im Juli 1773 wurde das Privileg erteilt, "einen Handel mit Gewürz- und Apothekerwaren" zu betreiben. In der Nachbarschaft sind zwei weitere Traditionsgeschäfte beheimatet: Betten Schwen wurde bereits 1872 als Kaufhaus Heinrich Schwen gegründet, und Optiker Kelb existiert immerhin auch schon mehr als 70 Jahre in Wandsbek.

Backsteinbau mit großer Geschichte

Die Treue hält dem Stadtteil auch ein bekanntes Kaufhaus: 1892 wurde die Firma Ernst Karstadt im königlichen Amtsgericht Wandsbek in das Firmenregister eingetragen.

Die wechselvolle Geschichte Wandsbeks wird im Heimatmuseum an der Böhmestraße 20 lebendig gehalten. Der Bürgerverein Wandsbek von 1848 und der Heimatring Wandsbek sind Träger dieser Institution im Stadtteil. Auch das Gebäude hat Geschichte. Der schlichte Backsteinbau, inzwischen weiß angestrichen, wurde um 1870 von den unverheirateten Töchtern des 1784 aus England zugewanderten Hamburger Kaufmanns Joseph Morewood (1757-1841) aus dessen Nachlass errichtet. Unter dem Namen Morewoodstift diente es als Zuhause für bedürftige ältere Menschen.

Seit 1979 ist hier das schon 1929 gegründete Heimatmuseum untergebracht. Die Gäste werden durch das liebevoll eingerichtete Claudius-Zimmer und die Husaren-Stube geführt. Viele historische Bilder und Fotografien lassen die Vergangenheit aufleben. Auch ein Modell des schimmelmannschen Schlosses ist hier ausgestellt.

Ein Kaufmann und ein Dichter sind berühmteste Wandsbeker

Der Kaufmann Schimmelmann und der Dichter Claudius sind wohl die beiden berühmtesten Wandsbeker Persönlichkeiten. Nur einen Steinwurf vom Marktplatz entfernt, gleich hinter der Christuskirche, steht das Schimmelmann-Mausoleum - es gilt als das bedeutendste klassizistische Bauwerk in Nordeuropa. Hier liegt Heinrich Carl Graf von Schimmelmann. Er hatte 1762 das Gut Wandsbek erworben und nicht weit von seiner heutigen Ruhestätte ein Schloss errichtet. Doch das wurde 1861 abgerissen.

Das Staatsarchiv der Freien und Hansestadt Hamburg hat seit 1998 seine Heimat an der Kattunbleiche. Hier werden die wertvollsten Unterlagen von amtlichen Stellen, aber auch von Kirchen, Vereinen und Privatpersonen aufbewahrt. Der Gebäudekomplex, entworfen von den Hamburger Architekten Jan Störmer, ist ein Hingucker: Es besteht aus einem fensterlosen Magazin mit eisblauer Glasfassade sowie einem Verwaltungstrakt.

Eichtalpark ist grüne Lunge

Wer Sport in der Gemeinschaft betreiben möchte, der ist in Wandsbek richtig. Einer der ältesten Sportvereine der Hansestadt ist im Stadtteil beheimatet. Bereits 1861 wurde der Wandsbeker Turnerbund (WTB) gegründet. Heute hat der Verein an der Kneesestraße rund 1300 Mitglieder und bietet 20 unterschiedliche Sportarten an. Darunter Volleyball, Karate, Tischtennis und Eltern-Kind-Turnen. Auch der TSV Wandsetal an der Stephanstraße hat ein breites Angebot, das von Fußball über Handball und Turnen bis hin zu Ringen und Tennis reicht. Aber auch Gesundheitssport und Tanzen stehen in dem 1890 gegründeten Verein mit rund 2000 Mitgliedern auf dem Programm. Ein besonderes Jubiläum feiert 2012 die Wandsbeker Schützengilde: den 375. Geburtstag.

Die grüne Lunge des Stadtteils ist der Eichtalpark, der durch Wandsbek und den angrenzenden Ortsteil Hinschenfelde verläuft. Die imposanten Eichen und Ahornbäume flankieren die Wege und Wiesen. Die Wandse schlängelt sich durch den Park. Im Sommer laden die Grünflächen zum Sonnenbaden ein, und der See in der Mitte ist Heimat für viele Tierarten. Der Eichtalpark existiert bereits seit dem 18. Jahrhundert.

Damals pflanzte der Wandsbeker Lederfabrikant Lucas Luetkens Eichenbäume auf seinem Anwesen an. Ein Extrakt aus deren Rinde wurde zum Gerben des Leders benutzt. Im Jahre 1870 wandelte sein Enkel Caspar Oscar Luetkens die Plantage in einen Park um.

Ein Juwel ist der Botanische Sondergarten, der sich direkt an den Park anschließt. Die liebevoll angelegte zwei Hektar große Parkanlage ist eine Oase der Ruhe und Entspannung und zu jeder Jahreszeit einen Besuch wert.

 

Wandsbek historisch

Es ist fast unmöglich, die Geschichte dieses Stadtteils in Kurzform zu erzählen. Denn der heutige Kern des Bezirks Wandsbek bildete lange das Zentrum einer ganzen Stadt – mit allen Aspekten, die dazugehören. Während heutige Hamburger Szenestadtteile vor 150 Jahren noch im Dornröschenschlaf dösten, war Wandsbek schon fortschrittlich, wohlhabend, stolz – und in manchem sogar eine Konkurrenz für das benachbarte Hamburg. Wandsbek hatte eine gute Infrastruktur, modern denkende Politiker und engagierte Honoratioren.

Schon seit dem 16. Jahrhundert schien es dort immer nur aufwärts zu gehen. 1564 hatte der Hamburger Senatssyndicus Adam Tratziger das Gut Wandsbek an den steinreichen Heinrich Rantzau verkauft, den Statthalter des dänischen Königs. Unter Rantzau erlebte Wandsbek den ersten kräftigen Schub, schon damals wurde die Wandse gestaut, um ihre Wasserkraft zu nutzen. Seinen Namen erhielt der Fluss übrigens von der Ortschaft – nicht umgekehrt.

Das Gutshaus ließ Rantzau 1564 abreißen und ein von Wassergräben umgebenes Schloss errichten – die Wandesburg. 1645 erwarb der in Kopenhagen geborene Hamburger Bürger Albert Balthasar Behrens das Gut für 39.000 Mark und ein Fass Rheinwein und erweiterte es von 1646 an großflächig durch den Kauf der Dörfer Hinschenfelde und Tonndorf.

Graf Schimmelmann baut ein „Schloss“

Besonders bedeutsam für Wandsbeks Entwicklung war dann die Ära Schimmelmann. Der Hamburger Kaufmann Heinrich Carl von Schimmelmann kaufte das Gut 1762 und gestaltete es binnen kurzer Zeit vom Bauerndorf zum Fabrikort um. Mühlen, Brauereien, Handwerks- und Gewerbebetriebe entstanden, überall wurde gebaut und gearbeitet. „Unter der Regie des erfolgreichen Handelsherrn (…) wurde Wandsbek mit Schimmelmanns Geld und seiner unternehmerischen Initiative zu einer kleinen Industriestadt, in der gut 1500 Menschen in Lohn und Brot gebracht waren“, schreiben die Wandsbek- Chronisten Michael Pommerening und Joachim Frank.

Viele Arbeiter waren in den Kattunbleichen beschäftigt, deren Ansiedelung in Wandsbek Schimmelmann kräftig unterstützte. Denn die bedruckten Baumwollstoffe waren begehrte Ware und wichtiges Handelsgut. Der rührige Unternehmer, der zur Mehrung seines Reichtums in Übersee auch Sklaven einsetzte, begann 1762, an der heutigen Schloßstraße ein repräsentatives, dreiflügeliges Herrenhaus errichten zu lassen – das sogenannte Wandsbeker Schloss.

Nach Schimmelmanns Tod verkauften seine Nachfahren den nördlichen Teil 1807 an den dänischen König und behielten den südlichen Teil in ihrem privaten Besitz. 1856 hatte Wandsbek bereits mehr als 5000 Einwohner.

Der Grundstücksspekulant Johann Anton Wilhelm Carstenn und der Kaufmann Johann Koopmann erwarben 1857 den südlichen Teil Wandsbeks für 230.000 Taler von Schimmelmanns Nachfahren. Kurze Zeit später veräußerte Koopmann seinen Anteil an Carstenn, der damit alleiniger Besitzer war. Carstenn, Typ unsensibler Pfeffersack, ließ 1861 das intakte Schloss abreißen und parzellierte das gesamte Gelände, um die Grundstücke gewinnbringend zu verkaufen.

Wandsbek wird zur kreisfreien Stadt

Mit dem Ende des deutsch-dänischen Krieges 1864 ging Wandsbek an Preußen. Ein Jahr später wurde die Eisenbahnlinie Hamburg – Lübeck gebaut, die unmittelbar an Wandsbek vorbeiführte. Es entstand Wandsbeks erster Bahnhof, mit dem sich die Verkehrsinfrastruktur wesentlich verbesserte. 1870 hatte Wandsbek bereits mehr als 10.000 Einwohner. Durch Eingemeindungen, unter anderem von Hinschenfelde, stieg die Einwohnerzahl stark an, und Wandsbek wurde zur kreisfreien Stadt erklärt.

1908 lebten hier bereits 33 706 Menschen. Im selben Jahr warb der Verein „Zur Förderung des Zuzuges“ unter dem Titel „Unser Wandsbek“ um Neu-Einwohner. Unter anderem hieß es dort: „Die dicken Hamburger Nebel dringen nicht bis Wandsbek vor. Wegen dieser Eigenschaften wird es vielfach von Ärzten als Luftkurort empfohlen.“

1916 forderten der Wandsbeker Oberbürgermeister Erich Wasa Rodig und der Altonaer Oberbürgermeister Bernhard Schnackenburg die Eingemeindung der beiden Städte in die große Nachbarstadt Hamburg, seinerzeit noch vergebens. 1938 kam Wandsbek zu Hamburg – Schluss mit der Selbstständigkeit.

Das Ende des alten Wandsbeks kam mit der großflächigen Zerstörung im Juli 1943. Im Bombenhagel ging auch die Luetkens-Villa im Eichtalpark unter, in der sich das Heimatmuseum mit seinen unersetzlichen Exponaten befand. Durch das Bezirksverwaltungsgesetz von 1949 wurde Wandsbek 1951 Hamburger Stadtteil. Hinschenfelde wurde zwischen Wandsbek und Tonndorf aufgeteilt. Die Spuren von einst sind heute nur noch schwer zu finden – Heimatmuseum, Bürgerverein und ein paar engagierte Autoren mühen sich unverdrossen, die Erinnerungen zu bewahren.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 11.09.2018