Hammerbrook - Hamburgs "Klein Venedig"

Hammerbrook
HA

 

Ein bisschen Venedig, ein bisschen New York - und für Autofahrer ein Pflichtstopp.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,5
Einwohner: 4067
Wohngebäude: 77
Wohnungen: 1678
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 788
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Am 28. Juli 1943 war die Geschichte von Hammerbrook zu Ende. 787 britische Bomber legten den Stadtteil in der Nacht in Schutt und Asche, 11.981 Menschen kamen im Feuersturm ums Leben, fast alle Gebäude wurden zerstört, auch die St.-Annen-Kirche fiel den Angriffen zum Opfer. Ein Arbeiterstadtteil, in dem einmal 60.000 Hamburger lebten, war ausgelöscht.


In seinem neuen Leben ist Hammerbrook ein wirtschaftliches Kraftzentrum geworden, in dem mehr Menschen arbeiten als hier gemeldet sind. Banken, Versicherungen und Technikunternehmen werden hier geführt, aber auch Sportverbände und die Saubermänner von der Stadtreinigung. Nicht mal 2000 Einwohner haben hier eine Anschrift mit der Postleitzahl 20097 oder 20537. Dabei ist Hammerbrook am 1. März 2008 über Nacht um die Hälfte größer geworden, als der Stadtteil Klostertor verschwand. Hammerbrook erbte die Markthalle, den ADAC und den Großmarkt - das größte Gewusel der Stadt, bei dem jedes Jahr 1,5 Millionen Tonnen Obst und Gemüse umgeschlagen werden.


Heute dreht sich in Hammerbrook alles um den S-Bahnhof, der so heißt wie der Stadtteil. 1983 setzte das Gebäude mit der Silhouette eines fahrenden Zuges architektonische Maßstäbe, inzwischen ist es von mächtigen Bürohäusern eingekeilt. Die S-Bahn rumpelt hier auf fetten, grauen Betonsäulen vorbei, bevor sie morgens die Menschen ausspuckt, die sie abends wieder einsammelt. In Richtung Norden begrenzt die Fernbahntrasse das Gebiet, alle paar Minuten schleicht ein ICE vorbei, Richtung Hauptbahnhof.


Am Wasser und auf dem Wasser


Hammerbrook kann seine Vergangenheit als feuchte Marschniederung nicht verleugnen. Kanäle ziehen sich geradlinig an den Glas- und Betonklötzen vorbei, im Süden erinnert das Geschlängel der Bille an die nahe Elbe. Hammerbrook, ein Stadtteil der Brücken, hieß in Vorkriegszeiten "Klein Venedig". Laue Sommernächte unter den Kastanien lassen das Flair am Kanalufer trotz der hässlichen Betonwände erahnen. "An der Alster ist es heiß, was ein jeder Hammerbrooker Dietlein weiß", heißt es in einem Lied. Die Nordkanalstraße ist auch nur ein nach dem Krieg zugeschütteter Kanal.


Am besten erschließt sich das ursprüngliche Hammerbrook vom Wasser aus. Wer mit dem Boot Mittelkanal, Südkanal und das Hochwasserbassin entlanggleitet, entdeckt so manches Kleinod. Etwa die ehemalige Schokoladenfabrik an der Wendenstraße, die heute mit Wohnungen, Ateliers und einem Ponton zur besten Adresse geworden ist.


Die City Süd, so genannt 1995 als Gegenpol zur drögen City Nord, ist nahezu deckungsgleich mit Hammerbrook, franst aber im Norden nach St. Georg aus. Und dieses neue Leben wächst wie eine zarte Pflanze, die potente Unternehmen reichlich düngen. Montags und mittwochs trifft man sich auf dem Wochenmarkt auf dem Schwabenplatz am Sachsenfeld. Natürlich in Sichtweite der S-Bahn.


Streifzug durch Hamburgs Wirtschaftsgeschichte


Am Nordende des Heidenkampswegs stehen sich die Gegensätze von Alt und Neu gegenüber: Auf der linken Seite das Kontorhaus Leder-Schüler von 1927, eines der wenigen erhaltenen Baudenkmäler. Gegenüber der Berliner Bogen von der Jahrtausendwende, ein gläserner Fingerabdruck des Stararchitekten Hadi Teherani. Ein Spaziergang durch Hammerbrook ist auch ein Streifzug durch Hamburgs Wirtschaftsgeschichte.


Vier Räder sind es, die viele Hamburger zwangsläufig nach Hammerbrook bringen. Entweder füllen sie die Blechlawinen in den Durchgangsstraßen oder sie müssen beim Landesbetrieb Verkehr ihre Fahrzeuge zulassen oder Führerscheine ausstellen lassen. Erkennungsmerkmal bei der PS-Verwaltung an der Ecke Ausschläger Weg und Süderstraße: stundenlanges Warten mit Kennzeichen unter dem Arm.

 

Hammerbrook historisch

Der Name Hammerbrook wird in der Geschichte Hamburgs für immer ein Symbol für die verheerenden Luftangriffe des Zweiten Weltkriegs bleiben. Kein anderer Stadtteil wurde im Sommer 1943 derart schwer verwüstet. 12.000 Menschen starben – rund ein Viertel der zivilen Bombenopfer Hamburgs.


Es ist eine besonders bittere Ironie der Geschichte, dass im „roten“ Hammerbrook vor allem Sozialdemokraten und Kommunisten lebten – unter den Opfern also unzählige waren, die das NS-Regime ablehnten. Noch 1932 hatte die SPD vor Ort 34,3 Prozent der Stimmen errungen, die KPD 34 Prozent, und es hatte sogar Pläne des NS-Regimes gegeben, Hammerbrook rigoros zu „sanieren“.


Ursprünglich schloss der Name Hammerbrook die gesamte Marschniederung vom Hafen bis nach Horn ein. Der Brook bezeichnet ein niedrig gelegenes, feuchtes Bruchland, entsprechend heißt es in den Quellen mal der Hammer Brook und mal (den Stadtteil meinend) Hammerbrook. Die heutige Stadtteilgrenze stammt erst aus dem Jahr 1938 und umfasst den westlichen Teil des einstigen Brooks. Der östliche Teil („Osterbrook“) ging damals in Hamm-Süd auf. Das bedeutet: Alle Quellen, die zum Beispiel das Hammmerbrook der Wilhelminischen Ära erwähnen, bezeichnen ein größeres Gebiet als das heutige.


Massenquartier „Jammerbrook“


Hamburg hatte das umfangreiche Gelände in unmittelbarer Stadtnähe 1383 von den Holsteiner Grafen gekauft. Zur stärkeren Besiedelung des Hammer Brooks führten der Bau der Hamburg– Bergedorfer Eisenbahn (1842) und – ähnlich wie „nebenan“ in Hamm und Borgfelde – die Aufhebung der Torsperre. Hammerbrook war ab Mitte des 19. Jahrhunderts nach Plänen von William Lindley durch zahlreiche Kanäle und Schleusen trockengelegt worden. Straßen und Brücken wurden angelegt und das Gebiet zügig bebaut.


Zu den ohnehin schon zahlreichen Einwohnern kamen die vielen Hafenarbeiter, die nach dem Abbruch von Wandrahm und Kehrwieder Anfang der 1880er-Jahre ihre Wohnungen verloren und umgesiedelt werden mussten. Wer in Hammerbrook unterkam, hatte sogar noch Glück. Denn diejenigen, die ins ebenfalls stark expandierende südliche Barmbek zogen, mussten zum Hafen einen rund anderthalbstündigen Fußweg in Kauf nehmen. Hatten 1867 noch 10.000 Menschen auf dem gesamten Hammer Brook gelebt, waren es um 1910 bereits rund 60.000.


Als Folge dieses raschen Zuzugs wurde Hammerbrook viel stärker nachverdichtet als andere Hamburger Gegenden, und es gab viele Hinterhöfe, Wohnterrassen und jede Menge „Schlitzbauten“. Im übrigen Hamburg war oft auch von „Jammerbrook“ die Rede. In den Abhörprotokollen der „Politischen Polizei“, die in den Jahren 1892 bis 1914 erfasst wurden, taucht Hammerbrook immer wieder auf. Damals trafen sich sehr viele Arbeiter nach Schichtende in Kneipen, um mehr oder weniger politisch eingefärbte Gespräche zu führen. Die Staatsmacht lauschte unter anderem in der Kneipe von Gödecke, Hammerbrookstraße 57, oder bei Klembke, Banksstraße 57. Andere Treffs waren die Kneipen von Dämel, Banksstraße 111, oder von Dietz, Banksstraße 148.


Hammerbrooks Inferno


Die Tochter des letzten Pastors von Hammerbrook, Irmela Fliedner, schreibt in ihren vom Verein für Hamburgische Geschichte veröffentlichten Erinnerungen, dass es in Hammerbrook auf 40 Einwohner eine Kneipe gegeben haben soll, und dass Alkohol in vielen Familien vor Ort großes Leid verursacht habe. Andererseits beschreibt sie einen idyllischen Alltag, wie er sich in jedem anderen Stadtteil abgespielt haben könnte.


Über die Kriegszeit und die Phase der Verdunkelung schreibt Fliedner: „Die vielen Wasserstraßen und die durch Mondlicht erhellten Straßenzüge waren für die Bombenleger hilfreiche Markierungszeichen.“ Auch die 1901 eingeweihte St.-Annen-Kirche mit ihrem 70 Meter hohen Turm ging schließlich im Bombenhagel unter. Im Juli 1943 erlebten die Menschen in Hammerbrook ein fürchterliches Inferno, das viele nur überstanden, indem sie sich in einen der Kanäle retteten. Die Gegend war so stark zerstört, dass der Stadtteil zum Sperrgebiet erklärt werden musste und mit einer Mauer aus Trümmersteinen umschlossen wurde. Deichhafen, Kammerkanal, Bankskanal und die Hammerbrook- Schleuse wurden zugeschüttet. Nach dem Krieg beschloss man, Hammerbrook nicht mehr als Wohngebiet aufzubauen. Die Geschichte dieses Stadtteils – eine Tragödie.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018