Barmbek-Süd - Ein Szeneviertel ohne Szene

Uferstraße Eilbekkanal Hausboote
Klaus Bodig/HA

Zwischen den Türmen der Mundsburg-Drillinge und "AlsterCity"-Büros drängt alles in die neue Zeit. Es ist aber „kein Viertel für Angeber”.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,1
Einwohner: 34.792
Wohngebäude: 2098
Wohnungen: 21.958
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 808
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 4094
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

"Wann wir schreiten Seit an Seit und die alten Lieder singen", tönt es aus der Eckkneipe, "Fühlen wir, es muss gelingen: Mit uns zieht die neue Zeit!" So muss es gewesen sein, damals in den 20er-Jahren, als sich Sozialdemokraten und Kommunisten an der Humboldtstraße oder am "Roten Platz" zwischen Vogelweide und Wohldorfer Straße trafen, um zu diskutieren und dabei das eine oder andere Bier zu trinken.

Vor allem der südliche Teil Barmbeks war proletarisch geprägt, ein Arbeiterviertel, das 1923 sogar den "Hamburger Aufstand" wagte. Angetrieben von KPD und Internationale, Wirtschaftskrise und Inflation wurden Polizeiwachen gestürmt und Barrikaden errichtet. Dass die anderen Genossen in Deutschland kurz vor dem Losschlagen kalte Füße bekamen, ging an Barmbek vorbei. Der Aufstand brach schnell zusammen, aber die Barmbeker hatten mal wieder ihren Trotz gezeigt.

Ein Lord mit Robin-Hood-Legende

Seit das ehemalige Dörfchen durch die Industrialisierung und den Bau der Speicherstadt im 19. Jahrhundert immer dichter besiedelt wurde, war das südliche Barmbek den übrigen Hamburgern nicht geheuer: "Basch" nannten sie den Menschenschlag, der sich auf engsten Räumen und mit harter Maloche, Gaunerschläue, brisanten politischen Ideen und locker sitzender Faust gegen die Unbill der neuen Zeit stemmte. "Basch" meinte unfein, grob, vorlaut. Gemein und gefährlich.

Zumindest behaupteten das die Villenbewohner in anderen, feineren Gegenden. Denn für die Barmbeker war "basch" alles, was kess war, lässig, nicht spießig. Wie der "Lord von Barmbeck" alias Adolf Petersen, vor dem zwischen 1900 und 1921 kein Geldschrank sicher war. Die Mitarbeiter des "Petersen-Konzerns" traten stets gepflegt auf, erledigten die Drecksarbeit im Dunklen und schufen sich eine falsche, aber beliebte Robin-Hood-Legende.

Im Oktober 1920 setzte man für Petersens Ergreifung eine Belohnung von 10.000 Mark aus, die auch zu seiner Verhaftung führte. 1932 wegen guter Führung entlassen, wurde der stets elegant auftretende Gewohnheitskriminelle kurz darauf erneut verhaftet. Petersen erhängte sich 1933 in seiner Zelle.

Die Bombenangriffe 1943 haben weite Teile des Quartiers förmlich ausradiert. Die Mitglieder der Geschichtswerkstatt in Barmbek(-Nord) bewahren und pflegen ungezählte Relikte, Geschichten, Anekdoten und Dokumente. Überall im Viertel stehen an besonderen Orten Informationstafeln, die alte und neue Zeit Seit an Seit verknüpfen.

Der zweitlängste Konsum-Kilometer

Sein altes Gesicht mag Barmbek-Süd durch den Wiederaufbau, die Auflockerung, Begrünung und die typischen, hastig hochgezogenen Zeilenbauten der 50er-Jahre verloren haben. Aber manches Merkmal der Moderne hat überraschende Wurzeln. Die Hamburger Straße etwa, die seit mehr als 40 Jahren vom heute "Hamburger Meile" genannten Einkaufszentrum und den drei markanten "Mundsburg-Türmen" dominiert wird, war bereits vor dem Krieg der längste Konsum-Kilometer nach der Mönckebergstraße.

Fast 300 Ladengeschäfte und Gaststätten reihten sich hier 1938 entlang. Den Beach-Club Sky & Sand, der im Mai 2012 auf dem Parkdeck der Meile eröffnete, gab es im Prinzip schon in den 30er-Jahren als Biergarten auf dem ebenfalls zerbombten Karstadt-Gebäude. Und das UCI-Kino Mundsburg ist verbliebener Erbe von Dutzenden Lichtspielhäusern, die zwischen 1910 und 1943 für Unterhaltung sorgten.

Wer heute hohe Kultur in Barmbek-Süd erleben will, muss kleine Sprünge über die Grenze wagen. Nach Winterhude auf Kampnagel, ins Ernst-Deutsch-Theater auf der Uhlenhorst. Denn im Viertel selber geht es bescheidener zu. Das kleine Theater in der Marschnerstraße, das Gemeindezentrum "Barmbek°Basch" an der Kreuzkirche, die Burg am Biedermannplatz, das Jugendzentrum Trockendock und das Puppentheater im Haus Flachsland sichern die Grundversorgung.

Die Burg, bis 2012 noch Kulturbühne Bugenhagen genannt, markiert auch ein anderes Zeichen der Zeit: Sie steht in der trutzigen, 2004 entwidmeten Bugenhagenkirche. Auch die Heiligengeistkirche am alten Dorfplatz ist verschwunden, nur der Ostflügel ragt noch wie ein Baumpilz aus einem modernen Hochhaus, dem "Barmbeker Turmhaus". Der Glaube verliert nach und nach an Bedeutung, aber in der katholischen St.-Sophien-Kirche und in der evangelischen Kreuzkirche wird Gott noch gedient.

Lebensqualität hat ihren Preis

Im ältesten Haus des Quartiers, ein Gebäude an der Ecke Bartholomäusstraße/Beim Alten Schützenhof, Baujahr 1867, betrieb der "Lord von Barmbeck" einst eine Kneipe. Inzwischen wurde das Haus saniert und Wohnraum geschaffen. Galt Barmbek-Süd noch vor zehn Jahren als biederes Wohngebiet ohne besonderen Reiz, so haben sich zentrale Lage, Einkaufsmöglichkeiten, kleine grüne Lungen wie Schleidenpark und Eilbektal und topsanierte Altbauten im Komponistenviertel rund um Beethoven- und Weidestraße längst herumgesprochen. "Barmbek-Süd, das ist das Blankenese von Barmbek", sagte Sänger Stefan Gwildis 2005. Damals war es noch ein Scherz.

Nichts für Aufschneider

Die Jahre, in denen Barmbek-Süd nur Zwischenstation für Studenten und Kreative war, die in Altona keine überteuerte Bruchbude abbekommen haben, sind vorbei. Niemand sagt mehr verschämt Barmbek-Uhlenhorst, wenn nach dem Wohnort gefragt wird, sondern ganz selbstverständlich Barmbek-Süd. Zwischen den Türmen der Mundsburg-Drillinge und der "AlsterCity"-Büros (Geheimtipp für Tiefgaragensucher) drängt alles in die neue Zeit, wenn man nicht gerade in der urigen 50er-Jahre-Kneipe Capri-Stube in der Von-Essen-Straße sitzt oder die Glocken der St.-Sophien-Kirche hört. Barmbek-Süd ist sozusagen ein Trendviertel ohne Trendsetter, ein Szeneviertel ohne Szene. Wenn das nicht lässig ist, was dann? Na, ganz einfach: "basch".

 

Barmbek-Süd historisch

Barmbek ist schon lange ein offizieller Teil unserer Stadt: Bereits 1871 war es Vorort geworden, 1894 Stadtteil – übrigens Hamburgs bevölkerungsreichster. Zur damaligen Zeit gab es nur ein Barmbek, aus dem dann wesentlich später die heutigen Stadtteile Barmbek-Nord, Barmbek-Süd und Dulsberg hervorgingen.

Wer in der Kaiserzeit von Barmbek sprach (das damals auch oft Barmbeck geschrieben wurde), meinte im Grunde das heutige Barmbek-Süd. Denn in Richtung Norden war der Vorort immer dünner besiedelt, und ungefähr ab dort, wo heute die U-Bahn-Station Habichtstraße liegt, folgten fast nur noch weitläufige Felder, die von den Barmbeker und Steilshooper Bauern bestellt wurden. Auch im Kern des alten Barmbek war es bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts noch sehr ländlich zugegangen. In dem Dorf lebten damals 1800 Menschen, an der Hamburger Straße stand sogar eine Windmühle. Immerhin: 1841 fuhr schon die Pferdeomnibuslinie von der Dehnhaide zum Schweinemarkt.

Mit dem Werk- und Armenhaus an der Oberaltenallee und der „Separat-Irren- Anstalt Friedrichsberg“ hatte man sozialem Einrichtungen 1853 und 1864 aus der Stadt nach Barmbek verlegt. Im Zuge dieser Projekte wurden auch Wasserleitungen und die Kanalisation „mitgeliefert“, was zur Erschließung der noch etwas verschlafenen Gegend erheblich beitrug. Nach der Aufhebung der Torsperre verschwanden in Barmbek immer mehr Bauernhöfe und ländliche Flecken in großem Tempo. 1910 lebten dort schon mehr als 93.000 Menschen.


Die Hamburger Straße entwickelte sich früh zu einer sehr beliebten Einkaufsstraße und zum eigentlichen Zentrum Barmbeks. Während sich östlich davon, bis nach Eilbek reichend, gutbürgerliche Wohnstraßen herausbildeten, sah es in anderen Teilen Barmbeks bald ganz anders aus. Westlich der Hamburger Straße waren die Straßen sehr eng bebaut, die Häuser weit weniger elegant. Hier lebten viele Arbeiter, zum Beispiel diejenigen, die beim Abriss der Gängeviertel ihre Wohnung verloren hatten. Obwohl der Nachbarstadtteil Uhlenhorst damals noch bis zur Bachstraße reichte, schienen zwischen beiden Gegenden Welten zu liegen.

Helmut Schmidts Großeltern

1874 war der Osterbekkanal ausgebaut worden – er führte von der Alster bis zum 1873 fertiggestellten Gaswerk an der Flotowstraße. 1901/02 wurde er bis zur Bramfelder Straße verlängert, später führte man ihn bis nach Dulsberg weiter. Nachdem sich rund um den Kanal jede Menge Industrie angesiedelt hatte, wurde Barmbek zu einem Stadtteil, über den viele vornehme Hamburger damals die Nase rümpften. Den Barmbekern selbst machte das nichts aus, sie demonstrierten proletarisches Selbstbewusstsein und gerierten sich „basch“, was so viel wie keck, dreist und verwegen bedeutet.

Sport und Gemeinwesen schrieb man groß in Barmbek. 1923 wurde der Sportverein Barmbek-Uhlenhorst gegründet, und es gab zahlreiche gemeinnützige Wohnungsbauprojekte, zum Beispiel die der PRO und der Schiffszimmerer-Genossenschaft. In der Gegend um die Hufnerstraße hatten sich noch lange Katen und Höfe aus Barmbeks alter Zeit erhalten.

Hier lebten auch die Großeltern von Altbundeskanzler Helmut Schmidt, der die Besuche in der einfachen Gegend später beschrieben hat. Der Lembecksche Hof an der Hufnerstraße, das letzte Stormarner Bauernhaus, das den Bauboom der Gegend überstanden hatte, brannte im Bombenhagel 1943 nieder – so wie fast alles in Barmbek.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018