Neugraben-Fischbek - Liebe auf den zweiten Blick

Neugraben - Kirche Süderelbe
Roland Magunia

 

Hier schlagen zwei Herzen, schmettern seltene Vögel und baggern Frauen um die Wette. Auch Hamburgs höchste Erhebung findet sich hier.

 

Fläche in Quadratkilometer: 22,5
Einwohner: 28.991
Wohngebäude: 5585
Wohnungen: 12.467
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 226
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 1993
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Mit dem ersten Eindruck ist das so eine Sache. Bei der Partnerwahl. Im Berufsleben. Auf Entdeckungsreise. Wenige Sekunden entscheiden darüber, ob uns etwas gefällt oder nicht, jemand als sympathisch oder unsympathisch empfunden wird. Wahrgenommen und zack -- ab damit in eine Schublade. Für Hamburgs südwestlichsten Stadtteil bedeutet dieser Effekt keine gute Ausgangsposition. Denn wer als Ortsfremder über die B 73 in den Stadtteil rauscht und kurz darauf das Zentrum von Neugraben erreicht, fällt in der Regel ein negatives Urteil.

Schön ist die Szenerie wirklich nicht, die sich da bietet rund um den S-Bahnhof, das marode Süderelbe-Einkaufszentrum (SEZ) und die vor sich hin darbende Fußgängerzone mit ihren Ein-Euro-Shops und Billig-Bäckern. Seit Jahren versuchen Kommunalpolitiker wie ansässige Geschäftsleute, der Gegend neues Leben einzuhauchen, doch gebracht hat dieses Engagement wenig. Flair kommt nur an den Markttagen Dienstag, Donnerstag und Sonnabend (von 7 bis 13 Uhr) auf. Die Stände vor der Polizeiwache bieten nicht nur Abwechslung zum Discounter-Einerlei, sie sind auch sozialer Treffpunkt. Hier sieht man sich, hier tauscht man sich aus. Zum Beispiel über nördlich der Elbe wohnende Hamburger, die häufig keine Vorstellung von der Lebenswirklichkeit hier im Süden haben.

Nach wenigen Metern eine andere Welt

Womit wir wieder beim Schubladendenken und dem ersten Eindruck wären, der so schnell nicht zu korrigieren ist. Ein Dilemma, denn nur wenige Meter nördlich oder südlich der lauten B 73 sieht die Welt an vielen Stellen ganz anders aus als rund um das Nahversorgungszentrum mit seinem bröckelnden 70er-Jahre-Charme. Ruhige Wohnstraßen prägen dort das Geschehen. Wer sich vom ersten Eindruck nicht hat abschrecken lassen, kann sogar den dörflichen Charakter früherer Zeiten entdecken, als die Bundesstraße ein Sandweg war und Provinzial-Chaussee hieß.

Weil Neugraben und Fischbek damals eigenständige Gemeinden waren, existieren zwei historische Ortskerne mit einigen denkmalgeschützten Häusern aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert. Rund um die Francoper Straße und im Neugrabener Dorf ergibt sich durch Kopfsteinpflaster, uralte Bäume und reetgedeckte Katen ein überaus angenehmer Kontrast zu den Bausünden an anderen Stellen des Stadtteils. Aus dem Jahr 1776 stammt beispielsweise das liebevoll restaurierte Gasthaus Zur Börse. Auch in Fischbeks Zentrum sind zwischen Posteck und Fischbeker Weg noch urige Bauernhäuser erhalten.

Großstadttypisch endet jene Postkartenidylle dort, wo viele Menschen auf engem Raum leben. Zum Beispiel in der Sandbek-Siedlung am S-Bahnhof Fischbek, die in der Vergangenheit durch Gewalt und Verbrechen als sozialer Brennpunkt in Verruf geriet. Mittlerweile, sagen Ur-Neugrabener, gehe es dort merklich ruhiger zu.

Auf ihre eigene Art idyllisch kommt heutzutage die Falkenberg-Siedlung mit ihren unter Milieuschutz stehenden Flachbauten daher, wenngleich ihre Entstehungsgeschichte alles andere als beschaulich und friedvoll ist. 1944 mussten im KZ Neuengamme inhaftierte tschechoslowakische Jüdinnen beim Bau der Behelfswohnheime mitarbeiten, aus denen die Siedlung ursprünglich bestand. Während dieses dunkle Kapitel der Stadtteilgeschichte historisch verbrieft ist, wird bei anderen Überlieferungen rund um den Namen gebenden Falkenberg die Wahrheit wohl nicht mehr ans Licht kommen.

Es sei denn, es findet noch jemand den Schatz, den der Freibeuter Klaus Störtebeker angeblich am Falkenberg vergraben haben soll. Der Sandhügel, für Hamburger Verhältnisse stattliche 64,8 Meter hoch, befindet sich übrigens in einer wunderschönen Landschaft, die nicht nur Neugrabener anzieht -- in der Fischbeker Heide.

Hamburgs höchste Erhebung

Nur wenige Hundert Meter Luftlinie von der B 73 entfernt erstreckt sich das 773 Hektar große Naturschutzgebiet, das wie die Lüneburger Heide ein Werk des Menschen ist. Heutzutage dient das Areal vor allem der Naherholung. Für Wanderer, Jogger und Radfahrer gibt es interessante, teilweise durchaus anspruchsvolle Strecken. Im hügeligen Gelände gilt es nämlich nicht nur den Falkenberg zu erklimmen. Der Hasselbrack ist mit 116 Metern so etwas wie der Montblanc Hamburgs, die höchste Erhebung der Hansestadt. Die größten Heideflächen befinden sich in einem Bereich, in dem auch bodenständige Menschen abheben können. Neugraben-Fischbek verfügt über einen eigenen Segelflugplatz.

Deutlich kleinere Flugobjekte sorgten im zweiten zum Stadtteil zählenden Naturschutzgebiet für Rabatz. Ob der gefährdete Wachtelkönig tatsächlich sein charakteristisches "rerrp-rerrp" im Moorgürtel erklingen lässt, ist allerdings umstritten. Gesehen hat den Vogel nämlich noch niemand. Die Mutmaßung, dass er sich in Neugraben-Fischbek aufhalte, reichte jedoch für lebhafte Diskussionen über Bauvorhaben. Und für die Verewigung im Adressenverzeichnis.

Zum Wachtelkönig heißt eine der neu angelegten Straßen im Baugebiet Elbmosaik, in dem sich auch das Bildungs- und Gemeindezentrum (BGZ) samt Großsporthalle befindet. Bis zu 2500 Zuschauer können dort verfolgen, wie sich die Volleyballerinnen des VT Aurubis durch die Zweite Bundesliga schmettern. Mit dem Kulturhaus im BGZ wurde auch das örtliche Angebot in den Bereichen bildende Kunst, Musik, Theater, Bewegung, Literatur und Sprache erweitert.

Finanzkräftige Zuzügler erwünscht

Im Zuge der Internationalen Bauausstellung Hamburg (2007 bis 2013) wurden mit Vogelkamp Neugraben (1500 Wohneinheiten), Fischbeker Reethen (1200) und Fischbeker Heidbrook (2000) drei Neubaugebiete in dem Stadtteil entwickelt, in denen naturverbundenes Wohnen im Vordergrund steht. Langfristig soll dadurch die Einwohnerzahl des Stadtteils um 15.000 Menschen wachsen. Damit verbunden sind der notwendige Ausbau medizinischer Versorgung mit Fachärzten, sowie Kindergärten und Schulen. Eine bestehende Buslinie wird in die Neubaugebiete Heidbrook und später in die Reethen verlängert und bindet sie am Ohrnsweg an die S-Bahn an. Von den Zuzüglern erhofft man sich die nötige Finanzkraft, um die Attraktivität für Geschäftsleute zu steigern. Neugraben-Fischbek soll schließlich künftig auch schon mit dem ersten Eindruck punkten können. Bis dahin bleibt der Stadtteil Kandidat für eine Liebe auf den zweiten Blick.

 

Neugraben-Fischbek historisch

Sowohl Neugraben als auch Fischbek haben eine lange Geschichte als benachbarte Dörfer – jedes für sich, ganz eigenständig. Anders als zum Beispiel bei Farmsen-Berne oder Lemsahl-Mellingstedt, die schon sehr lange Tandems bilden, kam ihre Zusammenführung viel später. Die Eingemeindung nach Preußen (1867) und nach „Groß-Hamburg“ (1937/38) haben sie noch getrennt erlebt. Erst im Zuge einer Verwaltungsreform wurden sie 1951 vereint.

Die Schönheit der hügeligen Landschaft und insbesondere der Fischbeker Heide hatte früh viele Besucher aus Harburg und Hamburg in die Gegend gelockt. 1907 schrieb Theodor Benecke in seinem Führer durch Harburg und Umgebung: „Ein Besteigen des Falkenbergs ist dringend zu empfehlen; denn man hat von hier aus einen wundervollen Blick auf die Neugrabener und Fischbeker Heide. Berg und Tal wechseln in derart lieblicher Anmut miteinander ab, dass man sich unwillkürlich in eine Gebirgslandschaft hineinversetzt glaubt.“

Rodelbahn und erste Flugversuche

Viele kuriose Anekdoten aus der Geschichte der beiden Dörfer sind in dem Buch „Neugrabener Geschichten“ von Hans F. Cords zusammengetragen. Ein paar Beispiele: Das Hotel zum Opferberg war in der Kaiserzeit ein beliebter Treffpunkt der Ausflügler. Wirt Matthias Pieper hatte selbst eine „Kraftkegelbahn“ konstruiert, bei der die hölzernen Kugeln gen Himmel geschleudert werden mussten. Eine besondere Attraktion war die Sommerrodelbahn, die 1914 endlich auch mal im Winter genutzt werden sollte. Tausende hielten sich bereit, aber es schneite nicht. Wirt Pieper bewahrte einen kühlen Kopf, ließ zwei Eisenbahnwaggons Schnee aus dem Harz bringen und auf der Rodelbahn verteilen.

Ein anderes beliebtes Ausflugslokal war die Burg Störtebeker auf dem Falkenberg mit ihrem hölzernen Aussichtsturm. Fischbek rühmt sich, die Wiege des Hamburger Flugsports zu sein. In der Tat: Schon 1911 unternahmen die Brüder Gottlieb und Gustav Rost auf dem Scheinberg und den Kuppen der Fischbeker Heide erfolgreiche Flugversuche. Gottlieb Rost stürzte 1912 in Fuhlsbüttel tödlich ab – der Rostweg erinnert an die beiden.

Die Zeiten änderten sich langsam, nachdem Ende der 1870er-Jahre in der Gegend die Gleise für die Bahnverbindung zwischen Harburg und Cuxhaven verlegt worden waren. Da die Arbeiten unter der Regie der Unterelbischen Eisenbahngesellschaft standen, hieß das Projekt Unterelbische Eisenbahn oder auch Niederelbebahn. Der Bahnanschluss trug entscheidend dazu bei, dass Neugraben und Fischbek im Laufe der Zeit auch für Pendler attraktiv wurden, die in den Harburger Fabriken arbeiteten und hierher zogen. Auch in der Gegend selbst siedelten sich nun Industriebetriebe an. Der Dorfcharakter von einst ging zunehmend verloren.

Der alte Bahnhof verschwand, Helmut Schmidt kehrte zurück

Manche architektonische Zeitzeugen blieben im Laufe der Jahre auf der Strecke. Die 1868 erbaute Neugrabener Windmühle musste schon 1919 abgebrochen werden, nachdem sie 1917 bei einem Sturm stark beschädigt worden war. Fittschens Mühle, ein Großbetrieb an der Cuxhavener Straße, verschwand 1964, als man die Straße ausbaute. Und der alte Neugrabener Backstein-Bahnhof wurde im Mai 1982, knapp 100 Jahre nach seiner Fertigstellung, abgebrochen.

Von 1944 bis 1945 befand sich in Neugraben ein Barackenaußenlager des Konzentrationslagers Neuengamme. Die 500 Frauen, die dort untergebracht waren, mussten für einheimische Bauunternehmen schuften oder bei Aufräumarbeiten nach Bombenangriffen lebensgefährliche Zwangsarbeit ableisten. Die Überlebenden wurden noch im Frühjahr 1945 nach Bergen-Belsen deportiert. Viele ausgebombte Hamburger fanden in örtlichen Behelfsheimsiedlungen wie der
Falkenberg-Siedlung eine neue Heimat. Was viele vermutlich nicht wussten: Diese Siedlungen waren zum Teil ebenfalls von den Zwangsarbeiterinnen mit erbaut worden. Zu denjenigen, die sich in Neugraben nach dem Krieg wiederfanden, gehörten auch der spätere Altbundeskanzler Helmut Schmidt und seine Loki.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018