Cranz - Kleines Deichreich umflossen von Este und Elbe

Este Cranz
Klaus Bodig/HA

 

Hamburgs Außenposten am südwestlichen Stadtrand punktet mit familiärem Flair.

 

Fläche in Quadratkilometer: 1,3
Einwohner: 826
Wohngebäude: 166
Wohnungen: 397
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 212
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Am Cabo de São Vicente verkaufen sie die letzte Bratwurst vor Amerika. Eine ähnliche Idee wäre in Cranz nicht abwegig. Der letzte Hamburger Apfel vor Neuwerk etwa oder der letzte Stadt-Stint vor Stade. Der kleine Stadtteil ist jedenfalls für Hamburg, was das portugiesische Cabo de São Vicente für Festland-Europa ist: die abgelegene südwestliche Spitze. Dahinter beginnt Niedersachsen.


Im Winter, wenn die Tagestouristen noch fern sind, werden Fremde in Cranz erkannt. Quirlig geht anders. Hip auch. Vier Straßen reichen für alle 826 Einwohner. Ein dörflicher Charakter prägt das Örtchen, das sich bei genauer Betrachtung dreigeteilt zeigt: Da ist die Weite am Deich, die Enge im historischen Ortskern und die schmucklose 70er-Jahre-Arbeitersiedlung am Estebogen. Angestellte der nahen Pellas-Sietas-Werft in Neuenfelde wohnten und wohnen hier. Zumeist türkischstämmige Nachbarn, die akzeptiert sind, den "alten" Cranzern aber fremd blieben. Trotz freundlicher Grüße ist der Estebogen eine eigene Welt.


Cranz selbst geht es innerhalb Hamburgs nicht anders. Seine Lage, von Este und Elbe umflossen, macht den Stadtteil zu einer Scholle. Nur die Fußgängerbrücke am Alten Este-Sperrwerk und das 1968 eröffnete neue Sperrwerk verbinden Cranz mit der Stadt.


Tor zum Alten Land


Wer über das mächtige, weithin sichtbare Este-Sperrwerk fährt, vergewissert sich jedenfalls zwangsläufig, ob er noch in Hamburg ist. Die Mündung der Este bildet seit Jahrhunderten eine natürliche Grenze zwischen der zweiten und dritten Meile des Alten Landes. Geografisch könnte Cranz leicht als Teil Niedersachsens gesehen werden. Optisch ohnehin, wenn im Frühjahr die Blütenpracht der Obstbäume für Entzücken sorgt.


Schwedisch, dänisch und preußisch war der Ort schon, bevor er 1937 Hamburg zugeschlagen wurde. Wo jahrhundertelang die wichtige Fährverbindung nach Blankenese den Status einer frühen Elbbrücke genoss, öffnet sich seitdem Hamburgs Tor zum Alten Land. Die Flächen am südlichen Elbufer werden seit 1135 für den Obstanbau kultiviert. Im Hinterland der Cranzer Deichhäuser stehen etliche Apfelbäume.


Hier sendet Delta Papa Null 7


Gegenüber dem Polizeiposten am Estedeich 95 erhebt sich das höchste Gebäude, die alte, leer stehende Schule. Zum Bedauern vieler Einwohner gibt es kein Nutzungskonzept für den historischen Backsteinbau. Dafür reihen sich entlang des engen, kurvenreichen Estedeichs, der Keimzelle des Dorfes, fast durchgängig bewohnte Fachwerkhäuser an Gründerzeitfassaden. Die teils üppig verzierten Gebäude zeugen vom ehemaligen Wohlstand ihrer Besitzer.


Neben dem Obstanbau blickt der Ort vor allem auf Ziegelproduktion, Schweinemast, Fischfang und Schiffbau zurück. Kein klassisches altländer Dorf also. Der Ort richte sich ebenso stark am Wasser aus. Aus Cranz sendet etwa der Seefunkdienst "Delta Papa Null 7" (DP07) als Nachfolger des Norddeich Radios für den Yachtsport auf Nord- und Ostsee. Er versorgt Segler mit Wetterberichten und funkärztlicher Beratung.


Das Wasser von Elbe und Este verhalf Cranz aber nicht nur zu einer herausgehobenen Stellung als Fährort --  im Mittelalter wurden hier Ochsen von Nord nach Süd gebracht. Das Wasser barg auch Tücken. Urenfleth, die Vorgängersiedlung von Cranz, wurde von einer Sturmflut dahingerafft. Und auch Cranz traf es bei der verheerenden Flut im Jahr 1962 hart, wie ein Relief am Cranzer Hauptdeich zeigt. Seitdem schützen das riesige Este-Sperrwerk und ein neuer Elbdeich den Stadtteil nicht nur besser vor Wassermassen, sie verschafften dem sonst eher flachen Gebäude-Ensemble auch zwei prägnante Landmarken.


Zum Einkaufen müssen die Cranzer fahren


Überhaupt: die Deiche. Cranz ist ein kleines Deichreich. Die Flüsse bestimmen Straßenverlauf und Lage der Häuser. In wilden Schwüngen schlängeln sich Este und die enge Hauptstraße durch den Stadtteil, vorbei an den beliebten Ausflugslokalen Zur Post und Altes Fährhaus. Laut Handelskammer ist das Gasthaus Zur Post die älteste in Familienbesitz gebliebene Gaststätte Hamburgs. Die Tradition reicht bis ins Jahr 1724 zurück. In den Restaurant-Gärten kann man prima Kuchen oder Fisch essen und dabei aufs Wasser blicken. Gleich nebenan legt die Fähre nach Blankenese ab.

Grundstücke mit einem eigenen Bootsanleger sind hier eher Regel als Ausnahme, selbst wenn die einst ansässige Cranzer Dampfschifffahrtsgesellschaft oder die ortseigene Hamburg-Blankenese-Este-Linie Geschichte sind. Zum Einkaufen fahren Cranzer nach Finkenwerder, Buxtehude oder auch nach Jork.


In einer so überschaubaren Umgebung kennen sich fast alle. Häuser werden vererbt, Neubürger, einmal integriert, als Impulsgeber verstanden. Und wenn die einzigartige Dorfstraße nicht zu einer gesichtslosen Durchgangsstraße oder das Alte Este-Sperrwerk barrierefrei umgebaut werden soll, rücken die Cranzer zusammen, um sich für ihren Stadtteil einzusetzen: alle für einen. Das abgelegene Cranz hat nicht nur eine Grundschule, einen Sportplatz und eine Theatergruppe namens Stippvisite. Ein Dorf weiter gen Süden liegt auch der royalste Nachbar Hamburgs: Cranz ist der letzte Stadtteil vor der Ortschaft Königreich.


Cranz historisch

Am 23. Mai 1896 brannten eine Mühle und zwei Wohnhäuser am Estedeich 20 und 22 im Handumdrehen nieder. Das Unglück hatte auch sein Gutes. Denn von diesem Tag an war klar, dass Cranz eine eigene Feuerspritze brauchte – die einzige Spritze im benachbarten Estebrügge reichte nicht mehr aus. Nach kurzen Verhandlungen im örtlichen „Sprützenverband“ wurde beschlossen,eine Dampfspritze anzuschaffen und in Estebrügge zu stationieren – die Estebrügger Spritze sollte nach Cranz geschafft werden. Im April 1897 wurde eine Bedienungsmannschaft mit zwei „Rohrleitern“ gewählt.


Aus dem Grüppchen bildete sich knapp fünf Jahre später die Freiwillige Feuerwehr Cranz-Leeswig, deren Gründung im Gasthaus von Hermann Köster in Cranz am 24. Februar 1902 beschlossen wurde. „Die Freiwillige Feuerwehr ist (ein) Verein gesunder und kräftiger Männer, welche die Ehrenpflicht übernommen haben, sich durch regelmäßige Übungen bei militärischer Disziplin die Gewandtheit, den Mut und die Ruhe anzueignen, die nötig sind, um bei Feuersgefahr möglichst rasch und in zweckmäßiger Weise Hülfe leisten zu können.“ So steht es in der Chronik der Freiwilligen Feuerwehr von Cranz.


Der wichtigste Hafen des Alten Landes


Sehenswerte Häuser hatte es in dem schönen Dorf an der Estemündung, das früh zum beliebten Ausflugsziel avanciert war, schon immer gegeben. Bereits seit dem 13. Jahrhundert gab es eine ständige Fährverbindung mit dem gegenüberliegenden Blankenese. Dabei soll es häufig Streitereien zwischen den Schiffern beider Dörfer gegeben haben. Der Grund: Jedes hatte seinen eigenen Linienverkehr und durfte sich nicht in die Befugnisse des jeweils anderen einmischen.


Cranz galt jahrhundertelang als der wichtigste Hafen des Alten Landes, und noch um 1890 gab es dort 60 Schiffskapitäne. Im Laufe der Zeit verlor der Ort als Industriestandort an Gewicht, gleichzeitig wuchs seine Bedeutung als Tourismusziel. Vor Ort lockten schon früh Gasthaus Hinze und August Sietas Gasthof Zur alten Linde („Telephon Nr. 4, Amt Neuenfelde“). 1914 entstand die Cranz-Blankenese-Este-Linie. Bis 1963 legten die Dampfer – Erkennungszeichen: gekreuzte Schlüssel im blauen Ring – in Cranz an, dann übernahm die HADAG das Kommando.


Die enge Verbindung mit dem benachbarten Estebrügge, wo sich die Cranzer schon vor ewigen Zeiten zum Lotteriespiel eingefunden hatten, war über Jahrhunderte gewachsen. In Estebrüggeging es gemütlich zu: Um 1700 soll es dort laut einer Chronik neun Bierbrauer gegeben haben, außerdem zehn Männer, „die sich aufs Brennen von Branntwein verstanden“. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren für Estebrügge zwölf Gasthäuser gemeldet.


Auf Stelzen zur Kirche


Bevor das Este-Sperrwerk gebaut wurde, drang das Wasser bei Sturmflut bis weit in die Este hinein und überschwemmte für Tage, oft Wochen die ganze Gegend. In alten Chroniken ist häufig von dem fast ständig vorhandenen Matsch in Cranz die Rede. Gelegentlich musste man auf Stelzen zu denNachbarn oder zur Kirche gehen, und Pferden wurden zeitweise kleine Bretter unter die Hufe geschraubt, damit sie auf dem weichen Boden leichter Tritt fassen konnten.


Eine Frau galt als gute Partie, wenn sie ein Pferd mit in die Ehe einbrachte, ansonsten ritt ein Ehepaar gemeinsam auf einem Tier aus. Wenig komfortabel ging es um 1850 auch in der Cranzer Dorfschule zu. Auf der Homepage des Heimatvereins von de Est e. V. ist nachzulesen, dass damalszeitweise 120 Kinder in nur einem einzigen Raum unterrichtet werden mussten. „Dicht neben und hinter der Schulstube war die Schiffswerft von Sietas, die den Unterricht sehr störte“, zitiert Heimatforscher Jürgen Hoffmann einen Zeitzeugen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018