Finkenwerder - Eine Insel mit zwei Welten

Hafenidylle auf Finkenwerder: Der frühere Kutterhafen ist heute Museumshafen.
Andreas Laible/ HA

 

Wo Airbus-Flugzeuge dröhnen, Hamburgs einziges Nonnenkloster heilsame Stille bietet und Schiffe Richtung Landungsbrücken abfahren.

 

Fläche in Quadratkilometer: 29,4 (alle Angaben Finkenwerder und Waltershof)
Einwohner: 11.729
Wohngebäude: 2298
Wohnungen: 5775
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 271
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Um die Position 53° 32' 0" Nord, 9° 52' 0" Ost zu erreichen, bieten sich drei Wege an: zu Wasser, zu Lande und aus der Luft. Mit der 62er-Fähre von St. Pauli, dem 150er-Bus von Altona und dem 380er-Airbus aus himmlischen Höhen. Mit diesem gigantischen Flugzeug allerdings nur zu Testzwecken. An der Elbe liegt, nur acht Meter über Normalnull, ein Dorf, in dem einer der weltgrößten Industriestandorte beheimatet ist. Zugleich ein Ort mit Folklore und absoluter Stille. Finkenwerder ist eine Insel mit zwei Welten.


Die Elbinsel ist eigentlich eine Halbinsel. Die Start- und Landebahn der Flugzeugwerft von Airbus verbindet Finkenwerder mit dem "Festland". In das Mühlenberger Loch hinein ragt das Gelände, auf dem mächtige Hallen stehen. Dort werden die Airbusse endmontiert. Hinter diesem Wort verbirgt sich Technologie vom Feinsten.

 

Als Luftfahrtstandort weltweit führend


Der Standort Hamburg ist an der Entwicklung und Konstruktion aller Flugzeuge der Airbus-Familie beteiligt. Rumpfteile für den A 320 werden zusammengefügt, die Jets A 318, A 319 und A 321 flugfertig gemacht, der A 380 - mit 555 Sitzen der Riese im Programm - erhält seine Inneneinrichtung und die Lackierung. Hamburg zählt neben Seattle in den USA, wo die Boeing-Maschinen entstehen, und dem Airbus-Werk in Toulouse zu den drei führenden Luftfahrtstandorten der Welt.


Finkenwerder geizte auch früher nicht mit Superlativen. Auf der Rüschhalbinsel stand die Deutsche Werft. Sie galt 1953 als größter Schiffbauer der Welt. Doch 1973 war Schluss. Die Werft wurde Opfer der Schiffbaukrise. Wo einst große Pötte vom Stapel liefen, steht heute ein Hotel, das Gäste des Technologieparks beherbergt. In diesem Park haben sich Zulieferbetriebe und Ingenieurbüros angesiedelt.


Hightech beherrscht den Stadtteil, der früher von einem anderen Wirtschaftszweig dominiert war: Fischfang. Die wachsende Stadt Hamburg, die etwas weiter stromaufwärts liegt, musste ihre Einwohner mit Lebensmitteln versorgen. 1446 verkündete der Hamburger Senat, dass er den nördlichen Teil von Finkenwerder von Graf Otto II. von Holstein und Schauenburg gekauft hat. Wegen der Fischerei.

 

Tor zum Alten Land


Der Landstrich war nicht nur durch Sturmfluten zwischen 1164 und 1236 räumlich von angrenzenden Gebieten getrennt worden, sondern durch Schlachten, Geschenke und Erbschaften auch politisch geteilt. Der Norden gehörte den Schauenburgern, später den Hamburgern, der Süden mal dem Erzbischof Gerhard von Bremen, mal den Herzögen von Braunschweig-Lüneburg, ab 1705 zu Hannover, das ihn 1866 an Preußen verlor.


Inzwischen ist der letzte Seefischer Finkenwerders von Bord gegangen. Moderne Technik, die aufkommende Motorschifffahrt, später Fangfabrikschiffe haben für den Wandel gesorgt. Geblieben ist das bedeutende Obstbaugebiet, das Tor zum Alten Land. Der "Finkenwerder Herbstprinz", ein wohlschmeckender Apfel, ist beste Werbung für den Stadtteil über Hamburgs Grenzen hinaus. Ältere Finkenwerder können sich sogar noch an einen Wein namens "Finkenwerder Schüttelfrost - Nordhang" eines gewissen Lord of Camster erinnern: eine amüsante Fußnote der Obstler-Geschichte.


Entspannen bei Karmeliterinnen


Auch die Zeit der 369 Jahre währenden Spaltung ist vorüber. Erst seit 1937 ist die Insel durch das Groß-Hamburg-Gesetz nicht mehr in die Hamburger und die sogenannte Lüneburger Seite geteilt. Die Bistumsgrenze der katholischen Kirche verlief allerdings noch bis 1993 quer durch Finkenwerder. Der Straßenname Landscheideweg erinnert an die Zeit der Spaltung.


An wohl kaum einem anderen Ort in der Hansestadt ist die Sangesfreude so groß wie auf Finkenwerder. Hier wirken fünf stimmgewaltige Vereine und Chöre. Die Finkwarder Speeldeel gibt den Ton an. In ihren farbenfrohen Trachten verkörpert sie eine Mischung aus Tradition und Moderne. Hoch- und plattdeutsche Evergreens sowie Shantys hat die Speeldeel, die vor gut 100 Jahren von den Heimatdichtern Hinrich Wriede und Gorch Fock gegründet wurde, in ihrem Repertoire.


Der 1976 gegründete Finkwarder Danzkring war mit einem ähnlichen Programm auch sehr erfolgreich. Die Liedertafel Harmonie Finkenwärder von 1865 ist einer der ältesten Männergesangsvereine Hamburgs, Germania Finkenwärder folgte 1884. Jüngeren Ursprungs sind der Kirchenchor und der Chor Shout for Joy der Gospelstation in der evangelischen Kirche St. Nikolai und der Frauenchor Frohsinn.


Auf die stattliche Zahl von 2300 Mitgliedern kommt der Turn- und Sportverein Finkenwerder, der 1893 gegründet wurde. Der Klub bietet alles, was das Herz des Sportlers braucht. Fußball und Handball, Judo und Schwimmen, Tanzen und Triathlon. Auf Finkenwerder, wo Gemeinschaftsgeist aufgrund der Insellage traditionell einen besonderen Stellenwert genießt, geht man zum TuS und nicht in ein Fitnessstudio. Außerdem bietet Finkenwerder Wassersportlern den größten Sportboothafen auf Hamburger Gebiet.


Der Rest ist Schweigen. Am Norderkirchenweg herrscht absolute Ruhe. In der Karmelzelle von der Menschwerdung, dem einzigen Nonnenkloster Hamburgs, kann man dem Dröhnen von Airbus ebenso wie dem Druck der Großstadt entfliehen. Gestresste Ärzte und Manager etwa finden hier Entspannung und zu sich selbst.

 

Finkenwerder historisch

Die Hamburger lieben Finkenwerder. Speeldeel, Kutterscholle, Herbstprinz und die Fahrt in Richtung Altes Land. Finkenwerder hat ein positives Image, dazu einen eingängigen, sympathischen Namen, den irgendwie jeder kennt und der sich möglicherweise von den unzähligen Finken ableitet, die hier einst zwitscherten. Vieles davon hat auch mit der langen Geschichte dieses Stadtteils zu tun.


Der Fischfang machte das Dorf wohlhabend


Bis 1937 bestand Finkenwerder aus zwei Hälften: Der Norden war schon seit 1445 hamburgisch und hatte seit 1919 den Status eines Vorortes, der südliche Teil gehörte 630 Jahre lang zu Braunschweig- Lüneburg und Hannover, seit 1866 dann zu Preußen.


Kein anderer heutiger Hamburger Stadtteil ist historisch betrachtet so eng mit dem Fischfang verbunden wie Finkenwerder. Seit Menschengedenken war von dort aus in der Elbe gefischt worden, vom frühen 19. Jahrhundert an auch gewerbsmäßig und in großem Stil. Der Fischfang machte Finkenwerder wohlhabend, und das einst beschauliche Bauerndorf wurde zu einem beliebten Wohnort.


1810 hatten noch 897 Menschen auf Finkenwerder gelebt, 70 Jahre später waren es bereits 2824. Wie stark der Bevölkerungsanstieg mit dem Fischfang zusammenhängt, lässt sich an den Berufen ablesen, die auf Finkenwerder ausgeübt wurden. Chronist Kurt Wagner nennt für 1860 unter anderem 58 Elbfischer, 55 Schiffszimmerleute, 43 Frachtschiffer und elf Fährschiffer. Die mit „HF“ gekennzeichneten Fischkutter waren ein vertrautes Bild in allen Nordseehäfen, doch schon seit dem späten 19. Jahrhundert musste die Fischerei per Segler erhebliche Rückschläge durch die aufkommenden Fischdampfer hinnehmen.


Die Finkenwerder waren gezwungen, immer waghalsigere Fahrten zu Fischfangplätzen zu unternehmen – weiter auf die See hinaus und zu allen Jahreszeiten. Ein gefährliches Unterfangen, und allein zwischen 1882 und 1905 ließen 260 Finkenwerder Seeleute ihr Leben. 1890 wurden in Finkenwerder insgesamt 175 Fischereifahrzeuge (so die offizielle Bezeichnung) gezählt.


Die sich ausdehnende Stadt forderte auch in Finkenwerder immer mehr Raum. Das Vorland vor den Deichen gegen Köhlfleet und Elbe wurde seit 1900 aufgeschüttet, um unter anderem Industrieanlagen und ein neues Wohnviertel zu entwickeln. Zuvor hatten hier die sogenannten Schallen gelegen – mit Prielen durchzogene Wattfelder, die auf alten Fotografien einen faszinierenden Eindruck vermitteln.


In den 1920er-Jahren wurde der Bebauungsplan für das Gebiet zwischen Deutscher Werft und Auensiedlung umgesetzt. Es entstand der Kern des heutigen Stadtteils, an dessen Gestaltung Hamburgs Oberbaudirektor Fritz Schumacher entscheidend mitwirkte. Die Fischerei ging im 20. Jahrhundert wegen der starken Konkurrenz durch Hochseefischerei und die zunehmende Verschmutzung zurück, aber die Finkenwerder ließen sich nicht unterkriegen. „Auf jeder Brücke eines Hamburger Fischdampfers war ein Kapitän oder Steuermann aus Finkenwerder anzutreffen“, heißt es in einer Chronik.


Seit dem späten 19. Jahrhundert war Finkenwerder als Ausflugsziel immer beliebter geworden. Schon 1885 gab es auf der Insel 26 Gasthäuser, und allein im Mai 1933 wurden 158.000 Besucher gezählt. 1900 hatte die HADAG die Linie nach Finkenwerder übernommen und mit den Raddampfern „Union“ und „Harmonie“ betrieben. Damals galt die Insel, auf der die Gäste oft mit Musik und Empfangskomitee begrüßt wurden, bei Ausfahrten als die Nummer eins der Städter.


Schon lange keine Insel mehr


Auch die Industrie hat in Finkenwerder eine lange Tradition. 1918 hatte die (1973 geschlossene) Deutsche Werft im aufgeschütteten Außendeichgebiet mit der Produktion begonnen, 1933 kam dann die Hamburger Flugzeug Bau GmbH hinzu. Daraus wurde 1969 die Firma Messerschmidt- Bölkow-Blohm (MBB), 1995 dann die Daimler-Benz Aerospace GmbH.


Die Sturmflut von 1962 hatte für Finkenwerder gravierende Folgen. Man errichtete eine Hochwasserschutzanlage mit einer Scheitelhöhe von 5,40 Metern über Normallnull. Im Westen und Osten wurden Landverbindungen geschaffen und die Süderelbe abgeriegelt, sodass der Stadtteil faktisch keine Insel mehr war. Finkenwerder hat heute nicht mehr viel von einem idyllischen Fischerdorf. Es ist inzwischen ein wichtiger Industriestandort geworden – aber einer mit faszinierender Geschichte und lebendiger Tradition.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018