Harvestehude - Mondän an der Außenalster

Gebäude des Verlages Hoffmann und Campe am Harvestehuder Weg , im hinteren Teil befindet sich der Verlag , die alte Villa ist Sitz der Holding
Michael Rauhe

 

Vornehm, vielschichtig und vielfach gefragt: das Leben westlich der Außenalster.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,1
Einwohner: 17.822
Wohngebäude: 1346
Wohnungen: 10.031
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 3771
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 8101
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Sich in Hamburg, wenn möglich, einem Stadtteil vom Wasser aus zu nähern, liegt auf der Hand, besser gesagt auf dem Weg. Die Pfade parallel zum Harvestehuder Weg an der Außenalster sind beliebt und belebt, manchmal auch ausgetreten. Von der Krugkoppelbrücke bis in die City sind es nur 3,6 Kilometer. Die prachtvollen Villen leuchten am Straßenrand fast so schön wie das blaue Wasser. Während Hamburger dafür oft kaum einen Blick übrighaben, genießen ihn Touristen aus den roten und gelben Doppeldeckerbussen. Sehen und gesehen werden gehört in Harvestehude halt dazu.

Hier zeigt sie sich tatsächlich, die klischeebehaftete blonde Hanseatin zwischen 30 und 50, stets exklusiv gestylt. Gern morgens und nachmittags, wenn sie die Kinder im großen Geländewagen, einem SUV, zur Kita oder Schule fährt und dort wieder abholt.

Doch das ist nur eine Facette Harvestehudes. Der mondäne Stadtteil westlich der Außenalster übt eine große Anziehungskraft aus - auf Mensch und Tier. Zu beobachten auf der Hundewiese am Fährdamm. Dort tummeln sich auch Herrchen und Frauchen aus anderen Stadtteilen mit "Leila" oder "Checko". Und manchmal erstreckt sich der Auslauf bis ins Alster-Cliff, in dem sich auch Zweibeiner bei hausgemachten Blechkuchen zum Fressen gern haben. Das Alstervorland ist für alle da.

Erst für die Internationale Gartenbauausstellung (IGA) 1953 erwarb Hamburg die zuvor bis an die Außenalster reichenden Privatgrundstücke. Zwischen Harvestehuder Weg und Sophienterrasse, unterhalb des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes, entsteht jetzt ein neues Stadtquartier in Parklage. Die wachsende Stadt - beim Projekt "Wohnen an der Außenalster" prosperiert sie auf einem extrem hohen Niveau: 200 neue Wohnungen und Häuser für 340 Millionen Euro.

Biegt man vom Harvestehuder Weg in die Alsterchaussee, finden sich noch alte Villen. Eine der markantesten ist die klassizistische mit Hausnummer 30. Das in den 1830er-Jahren erbaute Haus, seit 1947 unter Denkmalschutz, war von 1952 bis 1999 Sitz des Theaters im Zimmer. Seit 2009 wird die Villa wieder bespielt - von der benachbarten, zum Stadtteil Rotherbaum gehörenden Hochschule für Musik und Theater.

Das Zentrum St. Nikolai

Doch auch in Harvestehude wird Musik großgeschrieben. Mit dafür verantwortlich zeichnet das Wilhelm-Gymnasium. Die humanistische altsprachliche Schule am Klosterstieg ist außer für ihr Rudertraining bekannt für ihren Musikzweig der Klassen 5 bis 10.

Die St.-Nikolai-Kirche hat bereits seit 2003 ein neues Gemeindehaus. In der Hauptkirche am Klosterstern, an Hamburgs wohl schönstem Kreisel, sind Klassik und Kirchenmusik Trumpf. Nicht nur der Hamburger Knabenchor St. Nikolai übt und konzertiert hier. Das Kammerorchester Hamburger Camerata probt und spielt ebenfalls regelmäßig in St. Nikolai.

Nicht nur der kleine Bolivarpark gleich gegenüber der Kirche, auch der drei Hektar große Innocentiapark jenseits der Rothenbaumchaussee bietet Grün für Groß und Klein. In einem Kessel lockt er mit einer großen Wiese, drum herum mit zahlreichen Bänken, einem Spielplatz und dem "Klassenzimmer im Grünen": So heißt ein mehr als 100 Jahre altes Toilettenhäuschen, das zum Spielraum umgestaltet wurde. Auch wenn sie dort keinen Zutritt haben, gibt es Leute aus der Kreativwirtschaft, die fast jede Mittagspause im "Innopark" verbringen, um aufzutanken. Das frische Essen bekommen sie zweimal pro Woche auf dem nahen Isemarkt unter dem Hochbahn-Viadukt.

Angela Merkels Wiege

Von oben können die Fahrgäste der U 3 den Anwohnern der Isestraße fast auf den Tisch gucken, besonders für Touristen ist die Fahrt eine Attraktion. Im Haus Isestraße 95 verbrachte eine gewisse Angela Kasner im Sommer 1954 die ersten sechs Wochen ihres Lebens, ehe die Familie in die DDR übersiedelte. Fünf Jahrzehnte später wurde Angela Merkel Bundeskanzlerin und eine der mächtigsten Frauen der Welt.

Die Bewohner der Grindelhochhäuser sind nicht ganz so prominent, zählen jedoch ebenfalls zu Harvestehude. Gut 3000 Menschen leben in den von 1950 bis 1956 erbauten "gelben Riesen". Die zwölf Hochhäuser, bis auf eines alle im Besitz der städtischen Wohngesellschaft Saga GWG, wurden einst für britische Besatzungsoffíziere konzipiert, waren dann aber die ersten Wohnhochhäuser für Bundesbürger.

Eines der denkmalgeschützten Grindelhochhäuser (Grindelberg 66) ist zugleich Sitz des Bezirksamtes Eimsbüttel. Ein Geheimtipp ist die Kantine im zwölften Stock.

Für so manche (Medien-)Menschen ist Harvestehude nur Arbeitsplatz: An der Rothenbaumchaussee sitzen NDR-Hörfunk und -Intendanz. Und an der Hallerstraße hat nicht allein Der Club an der Alster, sondern seit 1989 auch der Deutsche Tennis Bund sein Zuhause. Aus dem Tennisstadion Rothenbaum ragt das schließbare Dach des Centre-Courts wie eine Spindel hervor.

Über permanenten Zuspruch freut sich Holger Steinert. Seit 1985 leitet er das Holi-Kino. Das Gebäude ist Teil der Mitte der 1920-Jahre errichteten roten Backsteinbauten an der Schlankreye, die einen weiteren Kontrast zu den Jugendstil- und Gründerzeitvillen im nobleren Teil bilden. Umso exquisiter ist die Film-Auswahl des Holi, das als eines der ersten Hamburger Kinos die französische Komödie "Ziemlich beste Freunde" zeigte. Steinert weiß um den Charme seines Hauses mit Springbrunnen im Foyer und kleiner Bar vor den beiden Kinosälen: "Das Publikum kommt aus den umliegenden Stadtteilen, aber auch aus Altona und von noch weiter her." Für Bolschoi-Übertragungen seien Besucher sogar mal per Bus aus Kiel angereist. Was zeigt, dass Harvestehude nicht nur in Alsternähe Kultur und großes Kino bietet.

 

Harvestehude historisch

Harvestehude ist so etwas wie das Glückskind unter Hamburgs Stadtteilen. Im Zweiten Weltkrieg nur relativ wenig zerstört, können sich Spaziergänger hier heute noch ohne Mühe in die Zeit versetzen, als die Dienstmädchen für die „Herrschaften“ zum Einkaufen eilten oder Kinderfräulein Hamburgs wohlbehüteten Oberschicht-Nachwuchs an der Alster entlangschoben.

Während die Stadtväter manche anderen Ecken Hamburgs entweder ignorierten oder mit Wohnhöfen und Gewerbebetrieben zubauen ließen, wurde Harvestehude geradezu verwöhnt. Das war schon so, als 1866 ein Klosterlandkonsortium das ehemalige Gelände vom Kloster St. Johannis kaufte. Die „Klosterlandbedingungen“, die nach der Übergabe an die Stadt (1882) in Kraft traten, sorgten dafür, dass in Harvestehude keine Kleinwohnungen und keine Gewerbebetriebe entstanden.

Die Nonnen brachten den Namen mit

1871 wurde Harvestehude zusammen mit Rotherbaum Vorort, 1894 machte man beide zu Stadtteilen. Ein rasanter Aufstieg. Denn das kleine „Herwardeshuthe“ war ursprünglich ein elbnahes Dorf gewesen, das seinen Namen sozusagen mitbrachte, als die Nonnen eines 1245 gegründeten Zisterzienserklosters im Jahr 1295 von dort an die Alster zogen. Hamburg wurde lutherisch, und die Nonnen weigerten sich strikt, den neuen Glauben anzunehmen. Ihr Pech. Das Kloster wurde abgebrochen. Das Klosterland verkam zur (schönen) Wildnis, aus der allerdings einige viel besuchte Gasthöfe herausguckten, die dafür sorgten, dass die Gegend bekannt und beliebt wurde.

Der landschaftliche Reiz mit der Nähe zu Stadt und Alster war wohlhabenden Hamburgern übrigens schon im ausgehenden 18. Jahrhundert aufgefallen, und bereits zu dieser Zeit hatte es hier vereinzelt schmucke Landhäuser in Alsternähe gegeben. Im Zuge der Franzosenzeit war alles zerstört worden, aber der Wiederaufbau ließ nicht lange auf sich warten.

Die Straßen in Harvestehude wurden schließlich schachbrettartig angelegt und zum überwiegenden Teil mit Villen und feudalen Stadthäusern bebaut. Nur an der Isestraße und in einigen Bereichen von Eppendorfer Baum und Hochallee war auf ehemaligem Klosterlandgebiet der Geschosswohnungsbau erlaubt – im großen Stil, versteht sich. Der Oberingenieur der Baudeputation, Franz Andreas Meyer, der selbst an der Alten Rabenstraße wohnte, hatte unter anderem den Innocentiapark und die Moorweide als Grünflächen gesichert.

Seit 1835 pendelte im Sommer ein Pferdeomnibus zwischen Eppendorf und der Stadt. Von 1840 an gab es regelmäßige Linienbetriebe vom Jungfernstieg nach Pöseldorf, zwei Jahre später fuhr der Omnibus zweimal täglich – einmal über Rotherbaum, einmal über den Mittelweg.

Die imposantesten Häuser standen am Harvestehuder Weg, wo auch die reichsten Hamburger wohnten. Die Adressbücher von damals lesen sich wie ein Who’s who – Laeisz, Sloman, Predöhl, um nur einige zu nennen. Die Hälfte der Hamburger Millionäre lebte um 1912 in Harvestehude. Dass die Stadt im Jahr 1906 die Straße Alsterufer bis zum Harvestehuder Weg durchbrechen ließ, sorgte bei den Anwohnern für erhebliche Verstimmung. Ihre Gärten hatten hier einst bis zum Wasser gereicht, nun durfte „man“ dort vorbeifahren.

Noch lange keine Promenieranlage

Die Pläne aber, das Alstervorland zur öffentlichen Promenieranlage zu machen, die es damals schon gab, begrub man für lange Zeit sang- und klanglos. Erst 1953 wurde das Vorland im Rahmen der Internationalen Gartenbauausstellung (IGA) zum Park für alle. Westlich davon, im heutigen Stadtteil Rotherbaum, lagen zwischen Alsterchaussee, Mittelweg, Böhmersweg und Milchstraße Remisen und Gärtnereien unterschiedlicher Größe, die mit der Zeit zu einem Konglomerat aus Kleinstbetrieben wurden.

Die Pächter und Besitzer reparierten die Kutschen der hohen Herrschaften, verkauften Pflanzen oder „pöselten“ (pusselten) vor sich hin – ein Pöseldorf eben. Die Einwohnerzahl der gesamten ehemaligen „Gegend vor dem Dammtor“ stieg innerhalb von 60 Jahren geradezu gigantisch: Zwischen der Aufhebung der Torsperre (1860/61) und 1920 von 8000 auf 59.000 Menschen. Seit 1900 hatten die Straßenbahnen, die über Mittelweg und Rothenbaumchaussee fuhren, Nummern: 18 und 19. Die 1912 in Betrieb genommene Ringstrecke der Hochbahn hält nach wie vor am Eppendorfer Baum, seit 1934 verbindet eine andere U-Bahn-Linie den Klosterstern unterirdisch mit der Innenstadt.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018