Rotherbaum - Nah an Alster und City

Blick in die Bundesstraße in Hamburg-Rotherbaum.
Klaus Bodig

 

Ein Dorf mit einem Dorf mittendrin, und doch starten hier mehr Karrieren als anderswo.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,7
Einwohner: 16.456
Wohngebäude: 1195
Wohnungen: 9923
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 3376
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 6178
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Daten: Stand 2016)

 

Ein lauer Sommerabend: Stühle und Tische stehen auf dem breiten Bürgersteig, Italiener, Portugiesen, Thailänder, alle Restaurants am verkehrsberuhigten Grindelhof erweitern ihre Gasträume einfach nach draußen. Es duftet und riecht, es wird diskutiert und gestikuliert - eine Atmosphäre wie in südlichen Ländern erwärmt die gar nicht so kühlen Nordlichter. Hier schlägt das Herz des Stadtteils Rotherbaum. Es sind nicht die typischen Szenegänger, die sich hier wohlfühlen, es sind Studierende von der nahen Universität ebenso wie Singles, Paare, Familien mit Kindern. Eine lebendige Gemeinschaft mit fast dörflichem Charakter.

Das jüdische Leben ist zurückgekehrt

Die citynahe Lage ist das große Plus des Stadtteils, das hatten bereits im 18. Jahrhundert vor allem die wohlhabenden Bürger Hamburgs entdeckt. Schrittweise vollzog sich die Bebauung von Rotherbaum: Von der Wasserseite kommend bis zur Rothenbaumchaussee prägen heute überwiegend stattliche Stadtvillen das Straßenbild. Erst dann beginnt eine dichtere Bebauung mit mehrstöckigen Wohnhäusern und Ladengeschäften, zum Teil mit Innen- und Hinterhöfen. Hier, im Grindelviertel, findet man alles, was man so braucht zum täglichen Leben. Grindel kommt übrigens von Wald, und noch heute säumen viele Bäume selbst kleine Straßen.

Hier entstand auch ein lebendiges jüdisches Viertel, ein in den Boden eingelassener Grundriss erinnert an die größte Synagoge Norddeutschlands, die von 1906 bis 1938 auf dem damaligen Bornplatz (heute Joseph-Carlebach-Platz) stand. Vom Schicksal der einstigen Bewohner zeugen die im Bürgersteig eingelassenen Stolpersteine: Vernichtet, verschwunden, deportiert, vergast ist auf den Messingquadraten zu lesen. Mittlerweile hat sich zwischen Grindelhof und Rentzelstraße erneut aktives jüdisches Leben etabliert, in der Talmud-Tora-Schule werden wieder Mädchen und Jungen unterrichtet.

Dass der Gebäudekomplex rund um die Uhr von Polizeibeamten bewacht wird, macht allerdings deutlich, dass längst noch nicht alles normal ist. Normal hingegen ist es, dass im Supermarkt koschere Nahrungsmittel und Weine extra ausgeschildert sind, dass im Café Fankoni selbst beim Latte macchiato die religiösen Speisevorschriften eingehalten werden, es in den Kammerspielen das Restaurant Jerusalem gibt und im Café Leonar einen jüdischen Salon.

In den Köpfen vieler heißt das Grindelviertel allerdings Uni-Viertel, auch wenn sich die Hochschule auf fast 150 unterschiedliche Gebäude in der ganzen Stadt verteilt. Studierende bestimmen das Bild rund um den zentralen Campus mit dem unübersehbaren Phil(osophen)turm oder nahe dem klassizistischen Uni-Hauptgebäude samt großzügigen Flügelbauten an der Edmund-Siemers-Allee. Das Quartier lebt von der Mischung aus Uni und Wohnen.

Film-Künstler werden am liebsten im Abaton, Hamburgs erstem und bestem Programmkino, bewundert. Der Spielplan mit Schwerpunkt auf deutschen und europäischen Filmen (gern auch mit Untertiteln) zieht Cineasten an, die es zu schätzen wissen, dass kein Popcornduft die Sinne benebelt.

Shops und Galerien vom Feinsten

Theaterluft genießt man in den traditionsreichen Kammerspielen an der Hartungstraße, von Ida Ehre nach dem Zweiten Weltkrieg wieder zu neuer Bedeutung geführt und inzwischen als Privattheater erfolgreich mit Eigenproduktionen und Gastspielen. So vieles gehört zur kulturell-geistigen Vielfalt im Viertel: das Völkerkundemuseum an der Rothenbaumchaussee, die Sammlungen einiger Uni-Institute, die Jugendmusikschule, das Medienzentrum an der Hallerstraße, die Konsulate, die evangelische Kirchengemeinde von St. Johannis-Harvestehude.

Von hier sind es nur wenige Meter bis nach Pöseldorf, das entgegen der Meinung vieler Hamburger wie die Kirche nicht zum vornehmen Harvestehude, sondern zum quirligen Rotherbaum gehört. An der Milchstraße runter zur Außenalster bringen junge Kneipen und erfindungsreiche Restaurants, schicke Shops und exklusive Galerien in die schmale Gasse. Der ursprüngliche Charme des Viertels mit Kutscherhäuschen, Handwerksbetrieben und gepflasterten Innenhöfen konnte - trotz einiger Bausünden - bewahrt werden.

Pöseldorf zieht auch wieder Touristen an, die Rotherbaum ohnehin schätzen wegen der kurzen Wege an die Außenalster und in die City. Wie die ersten Hamburger, die sich hinter dem roten Schlagbaum niedergelassen hatten.


Rotherbaum historisch

Man kann sich den Ansturm auf die „Gegend vor dem Dammthor“ lebhaft vorstellen. Kaum war die Torsperre 1860 aufgehoben, strömten Tausende dorthin, um von den späteren Stadtteilen Rotherbaum und Harvestehude Besitz zu ergreifen. Viele der wohlhabenderen Stadtbewohner mussten allerdings gar nicht erst neu beginnen. Sie bezogen nun endgültig ihre Landhäuser oder ließen Gartenhäuschen zu festen Wohnsitzen umbauen.

Rotherbaum und das benachbarte Harvestehude waren schon immer beliebte Wohngegenden, und schon 1801 hatte Rotherbaum den Status einer Gartenvorstadt. Die Zerstörungen der Franzosenzeit währten nicht lange – schneller als in anderen Gegenden wurden die niedergebrannten Häuser neu errichtet.

Einer, der die Qualität der zugleich alster- und stadtnahen Gegend früh erkannt hatte, war der Schiffsmakler John Fontenay, der ab 1816 viel Land zwischen den (heutigen) Grenzen Badestraße, Mittelweg und Alster kaufte und an den heute noch die Straßen Fontenay und Fontenay-Allee erinnern. Bis 1865 war das Gebiet zwischen der Stadt und dem Fontenaybesitz parzelliert und von Straßen durchzogen. 1871 wurden Rotherbaum und Harvestehude Vororte.

Auch Mehrfamilienhäuser waren erlaubt

Ursprünglich sollten auch in Rotherbaum (so wie nebenan in Harvestehude) vor allem Einzelhäuser errichtet werden, aber unter dem starken Ansturm gestatteten die Behörden schließlich auch den Bau von hohen Mehrfamilienhäusern – vor allem im Umkreis der Grindelallee. Dort wurden im Laufe der Zeit auch kleine Gewerbehöfe und Terrassenhäuser errichtet, die zum Teil heute noch erhalten sind.

Schon um 1900, als andere Hamburger Gegenden noch viele Baulücken aufwiesen, galt Rotherbaum als vollständig bebaut. Neben Wohnhäusern gab es wegen der äußerst verkehrsgünstigen Lage auch früh öffentliche Einrichtungen wie zum Beispiel das 1912 eröffnete Museum für Völkerkunde. 1882 war die Kirche St. Johannis an der Heimhuder Straße geweiht worden, 1885 hatte das Wilhelm-Gymnasium seine Räume an der Moorweide bezogen – den heutigen Altbau der Staats- und Universitätsbibliothek.

Der Dammtor-Bahnhof war schon 1866 in Betrieb genommen worden. Das Bahnhofsgebäude war damals aber eher unscheinbar und fiel schließlich der Spitzhacke zum Opfer. 1903 wurde der neue Dammtor Bahnhof eingeweiht: der noch erhaltene, formschöne Jugendstil-Hallenbau, dem man gleich den Namen Kaiserbahnhof verpasste. 1894 wurde Rotherbaum Stadtteil.

Edmund Siemers als großzügiger Mäzen

Das Grindelviertel war bis zur Verfolgung und Vernichtung der Juden während der NS-Zeit Mittelpunkt des jüdischen Lebens in Hamburg. Am Bornplatz stand die 1938 zerstörte größte Synagoge der Stadt, und bis 1938 existierte am Grindelhof die Talmud-Tora Schule (von 1805), die erst 2002 neu belebt wurde. Im Haus des jüdischen Kulturbundes an der Hartungstraße (den heutigen Kammerspielen), im Logenhaus an der Moorweidenstraße und an der Moorweide mussten sich die zur Deportation gezwungenen Juden versammeln, um in die Vernichtungslager abtransportiert zu werden.

Im Mai 1911 übergab der Mäzen Edmund Siemers feierlich das von ihm gestiftete Gebäude für das Allgemeine Vorlesungswesen an den damaligen Bürgermeister Max Predöhl. Viele Jahre lang war es Sitz des Uni-Präsidiums. Der Erste Weltkrieg unterbrach die Bemühungen um die Errichtung einer Universität in der Hansestadt. Erst im Mai 1919 konnte sie schließlich eröffnet werden. Das Haus am Allende-Platz 1, das 1908 ursprünglich für ein Fuhrunternehmen errichtet wurde und seitdem den Spitznamen „Pferdestall“ trägt, war nach dem Hauptgebäude der zweite Bau, der von der Universität bezogen wurde.

Seit 1910 nutzte der HSV das Stadion an der Rothenbaumchaussee, 1937 wurden auf der Sportanlage zwei Tribünen errichtet, die es ermöglichten, einer bis dahin nicht erreichten Zahl von Zuschauern eine Überdachung zu bieten. 1997 wurde die Anlage abgerissen. Die international bekannten Tennismeisterschaften am Rothenbaum werden dagegen streng genommen in Harvestehude ausgetragen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018