Eilbek - Mittendrin und trotzdem kaum bekannt

Wandsbeker Chaussee
Klaus Bodig


Bezirksamtsleiter von Wandsbek ist davon überzeugt, dass der Stadtteil vor einem Boom steht. Zahlen des Wachstums sind beeindruckend.


Fläche in Quadratkilometer: 1,8
Einwohner: 21.505
Wohngebäude: 1542
Wohnungen: 13.059
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 926
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3884
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)


Vielleicht sollten sie es machen wie die Tonndorfer. Jahrzehntelang hatte die Bahnstation der R 10 an der Strecke Hamburg-Lübeck Wandsbek-Ost geheißen, seit ein paar Jahren trägt sie den Namen des Stadtteils. Und deswegen ist der Bekanntheitsgrad Tonndorfs kräftig gestiegen. Der erste Halt der R 10 nach dem Hauptbahnhof hat noch immer seinen traditionellen Namen: Hasselbrook. Und eben nicht Eilbek. Genauso wenig wie die anderen sechs U- und S-Bahn-Stationen des Stadtteils - Eilbek steht nirgends drauf.

Umgekehrt verhält es sich mit dem Krankenhaus, den Schön-Kliniken Eilbek, und dem Eilbekkanal. Da steht's zwar drauf, ist aber irgendwie falsch: Beides liegt in Barmbek-Süd. Und deswegen gehört die spannende Geschichte der 1864 fertiggestellten "Irrenanstalt Friedrichsberg", der modernsten und fortschrittlichsten ihrer Zeit, streng genommen gar nicht hierher. Nehmen wir's locker. Erwähnt sei deshalb, dass man dort auf Zwangsjacken und Fenstergitter verzichtete (was als geradezu revolutionär, wenn nicht verrückt galt) und so illustre Patientinnen wie die Zitronenjette hatte. Und dass jeder, der irgendwo in Hamburg eine dumme Antwort gab, als "Friedrichsberger" verspottet wurde. Da hat Eilbek bei der Namensgebung der Anstalt also noch mal Glück gehabt.

Wenn also nicht für Irre, wofür steht Eilbek dann eigentlich? Für einen Szenestadtteil mit vielen Studenten und Kreativen. Okay, noch nicht. Aber spätestens 2030. Davon ist zumindest Thomas Ritzenhoff überzeugt, der Leiter des Bezirksamts Wandsbek. "Viele werden merken, dass es von der Ritterstraße nicht weiter in die Innenstadt ist als vom Schulterblatt oder von der Osterstraße", argumentiert er. Und weil dort die Mieten immer weiter stiegen, kämen viele junge Leute dann eben nach Eilbek.

Eilbek könnte vor einem Boom stehen

Behält er recht, dann steht der 1,8 Quadratkilometer große Stadtteil mit seinen gut 20.000 Einwohnern vor einem Boom. Und das wäre nicht der erste. Vor 150 Jahren begann Eilbek nämlich in einem Tempo zu wachsen, das wirklich als atemberaubend zu bezeichnen ist. Aus einem kleinen Dorf mit ein paar Hundert Einwohnern und reichlich Acker- und Grünfläche wurde binnen weniger Jahrzehnte der dicht besiedelte Teil einer Großstadt. Ursachen waren die Industrialisierung und der Große Brand in Hamburg 1842. Die Stadt brauchte dringend Flächen zur Bebauung, weil die engen und übervölkerten Gassen - der Grund für die rasche Ausbreitung des Feuers - der Vergangenheit angehören sollten.

Die Zahlen des Wachstums in Eilbek sind beeindruckend. 1856 lebten hier rund 500 Menschen, 18 Jahre später schon zehnmal so viele. Bis 1900 war die Einwohnerzahl schon auf 30.000 gewachsen, und bis 1920 sollte sie sich noch einmal verdoppeln. "Wachsende Stadt" war damals kein politischer Slogan, sondern Realität.

Hatte Eilbek die Folgen des Großen Brands noch mittelbar zu spüren bekommen, traf der Feuersturm der Bombennächte im Juli 1943 die Menschen grausam direkt. Der Stadtteil wurde zu mehr als 90 Prozent zerstört. Das ist bis heute sichtbar, denn bei der Bebauung überwiegt der schlichte Stil der Nachkriegszeit, als es darum ging, möglichst schnell möglichst viele Wohnungen zu bauen.

Vielleicht liegt es daran, dass viele Hamburger mit Eilbek nicht so recht etwas verbinden können. Zumal die meisten nur durchfahren, was an der Lage mitten auf der Verkehrsachse Hamburg-Lübeck liegt. Die Bahnlinie ist zugleich die südliche Grenze, die sechsspurige Wandsbeker Chaussee zerschneidet den Stadtteil in der Mitte. Und da Eilbek im Osten und Westen quasi nahtlos in Wandsbek beziehungsweise Hohenfelde übergeht, fehlt das Spezielle, mit dem man den Stadtteil charakterisieren könnte.

Historischer Rundgang

Gibt es also so etwas wie eine Eilbeker Identität gar nicht? "Wir versuchen, so etwas zu schaffen", sagt Michael Pommerening. Der Rechtsanwalt ist das, was man einen engagierten Bürger nennt. Er hat diverse Bücher über die Stadtteile Wandsbek und Eilbek geschrieben, engagiert sich im Eilbeker Gesprächskreis und war einer der Väter der "Tafelrunde". Gemeinsam mit dem Eilbeker Original Karl-Heinz Meier hat er dafür gesorgt, dass 44 Tafeln im Stadtteil aufgestellt wurden, die einen historischen Rundgang ergeben.

Eilbek ist mit den gut 20.000 Einwohnern schon der am dichtesten besiedelte Stadtteil im Bezirk Wandsbek, Brachflächen gibt es nicht. Und da niemand den Jacobipark bebauen will, bleibt nur die Nachverdichtung, der enge Grenzen gesetzt sind. Und da ist noch das Problem mit dem Wohnungsbestand, der größtenteils aus der Nachkriegszeit stammt. Entsprechend sind die meisten Wohnungen nicht besonders groß. "Das macht es für Familien mit Kindern schwer, nach Eilbek zu ziehen", sagt Pommerening.

Dabei ist es für sie eigentlich ein ideales Quartier. Denn die soziale und kulturelle Infrastruktur ist richtig gut. Es gibt vier Schulen, diverse Kitas und mehrere Jugendtreffs. In der Kinder- und Jugendarbeit sind vor allem die beiden evangelischen Gemeinden - die Friedenskirche-Osterkirche und die Versöhnungskirche - engagiert. Und natürlich die Sportvereine: der Sport-Club Eilbek (SCE), der 2013 sein 100-jähriges Bestehen feierte, und der schon 138 Jahre alte Turnerbund Hamburg-Eilbeck, der aus Tradition noch das "ck" im Ortsnamen trägt.

Theater für Kinder

Mit dem Fundus-Theater für Kinder hat Eilbek auch eine Bühne. Zusammen mit dem Opernloft, das allerdings 2010 von der Eilbeker Conventstraße an die Fuhlentwiete in die Innenstadt zog, knüpft sie an die Tradition des Theaters 53 an, das bis zu seiner Schließung 1965 manchen als das fortschrittlichste in Hamburg galt. Dort begannen Uwe Friedrichsen, Hans Scheibner und Claus Peymann ihre Karrieren. Da es nur 132 Plätze gab, war das Theater ein Minusgeschäft und endete in der Pleite.

Das ist in den vergangenen Jahren auch einigen Ladeninhabern passiert. Die Kaufleute leiden unter der Konkurrenz am Wandsbeker Markt und an der Mundsburg. "Wir haben leider viel Leerstand", sagt Uwe Becker von der Interessengemeinschaft der Kaufleute, die für den Standort wirbt.

Aber vielleicht behält Bezirksamtsleiter Ritzenhoff ja recht, und Studenten und junge Kreative entdecken Eilbek. Dann wird sich das mit dem Leerstand von ganz allein erledigen.


Eilbek historisch

Wer sich an einem Sommerabend an die Straße Eilbektal stellt und in Richtung Eilbekkanal blickt, kann ermessen, wie schön die Lage dieses Stadtteils ist. Fast wird die Zeit wieder lebendig, als hier schmucke Jugendstilhäuser standen, und man kann sich sogar ein bisschen vorstellen, dass hier einst ein Bach ungezähmt durch eine sonnige Au floss, in dem es vor Blutegeln nur so wimmelte. Irgendwann wurde er dann nur noch nach diesen Egeln benannt und zum (plattdeutschen) Ylenbeke – später zum Eilbek.

Helmut Schmidt und die Richardstraße

Eilbek hatte alles, was eine gute Adresse in Hamburg brauchte: schöne Häuser, Grünzonen wie den Jacobipark und die Gegend am Kanal, gutbürgerliche Bewohner und eine sehr gute Anbindung an die Alster und die Innenstadt. Eigentlich müsste es heute einen Status wie Eppendorf oder Winterhude haben. Doch der Zweite Weltkrieg hat das alles zunichte gemacht. Mehr als 95 Prozent der Bebauung wurden zerstört, nur einzelne Häuser blieben erhalten.

An der Richardstraße hatte das traditionsreiche Hospital zum Heiligen Geist seit 1883 seine Heimat, das in der Geschichte Hamburgs eine überaus bedeutende Rolle spielt. Zeitzeugen erinnern sich noch gut an das 80 Meter breite Portal mit Wasserfall und Goldfischteich und den weitläufigen Park. Es ging im Bombenhagel 1943 genauso unter wie das benachbarte Maria-Magdalenen-Kloster, das hier seit 1901 stand.

An der Richardstraße hatte auch Altbundeskanzler Helmut Schmidt seine Jugend verbracht. In seinen Lebenserinnerungen und in Interviews beschrieb er eindrucksvoll, wie er nach den schweren Luftangriffen versuchte, sein Elternhaus wiederzufinden, aber in der verödeten Gegend bei stundenlangen Fußmärschen nur auf Ruinen stieß. Gräber, die den Krieg überstanden haben, kann man heute noch im Jacobipark finden. Hier hatte sich bis 1954 offiziell der Jakobifriedhof befunden, den man einst „weit vor die Tore der Stadt“ gelegt hatte. Heute liegt er direkt neben der Wandsbeker Chaussee.

Die „Primus“-Katastrophe

Eine Tragödie, die landesweite Schlagzeilen machte, ist mit dem Namen „Primus“ verbunden. Auf dem gleichnamigen Raddampfer unternahmen im Juli 1902 genau 206 Mitglieder und Freunde der sozialdemokratisch organisierten Eilbeker „Liedertafel Treue von 1887“ einen Ausflug auf der Elbe, als das Schiff in der Nacht zum 21. Juli vor Nienstedten mit dem Hochseeschlepper „Hansa“ kollidierte. Zuvor hatte der Kapitän die „Primus“ ins strömungsärmere Fahrwasser des Gegenkurses gesteuert, um eine höhere Geschwindigkeit zu erzielen. 101 Menschen fanden in der Elbe den Tod, 78 von ihnen wurden in einem Gemeinschaftsgrab auf dem Ohlsdorfer Friedhof beigesetzt.

Der Trauergottesdienst wurde in der Eilbeker Friedenskirche gehalten, die Trauerrede hielt der beliebte Pastor Nicolai von Ruckteschell. Der Eilbeker Kellner Emil Eberhardt hatte zunächst fünf Frauen aus den Fluten gerettet, bevor er bei einem sechsten Rettungsversuch selbst ertrank. Eberhardt wird auf einer Gedenktafel am Elbewanderweg auf Höhe der Unglücksstelle explizit erwähnt.

Zur Unterstützung der betroffenen Familien gründeten Mitglieder der Friedenskirche und der örtlichen Sozialdemokraten ein Hilfskomitee. Die „Primus“-Katastrophe ist das schwerste Schiffsunglück auf Hamburgs Gewässern. Und auch das ist Teil der Geschichte Eilbeks: Im August 1866 zuckelte die Pferdebahn vom Rathaus zum Wandsbeker Zoll quer durch Eilbek. 1875 wurde sie wieder abgeschafft und durch dampfbetriebene Bahnen ersetzt, bevor 1897 dann die erste „Elektrische“ auf der Strecke fuhr.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018