St.Georg - Der fast perfekte Stadtteil

Lange Reihe auf Höhe Nr. 50
Klaus Bodig/HA

 

Wie eine Diva: mal liederlich, mal glamourös, dabei von den meisten heiß begehrt.

 

Fläche in Quadratkilometer: 1,8
Einwohner: 10.814
Wohngebäude: 535
Wohnungen: 6025
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1993
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 5041
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Gibt es den perfekten Stadtteil? Man wird ja wohl mal träumen dürfen. Ein bisschen liederlich müsste er sein, so wie die Schanze, hier und da veredelt mit einer Prise Harvestehude. Mitten in der Stadt sollte er liegen, mit seinen Kneipen und Restaurants Eppendorf ausstechen, Tante-Emma-Läden wie Ottensen besitzen und einen Fuß im Wasser haben wie Winterhude. Aber bloß nicht zu viel Idylle, wir sind ja Großstadt. Also bitte Toleranz für fremde Lebensart wie in Wilhelmsburg und ein wenig St.-Pauli-Rotlicht. Ach ja, eine schöne Aussicht wie auf der Uhlenhorst wird auch gern genommen.

Und jetzt Augen auf, genug geträumt. Willkommen in St. Georg! Mögen die Walddörfler nun die Augen auch schnell wieder zukneifen, es hilft nichts. An St. Georg führt kein Weg vorbei. Nicht nur, weil der Hauptbahnhof und die Straße An der Alster im Viertel liegen und jährlich Tausende Hamburger in der Asklepios-Klinik - hoffentlich nur kurz - zu Einheimischen werden.

St. Georg will alle verführen. Wie eine Diva räkelt sich der Stadtteil am Ufer der Alster und zeigt den Seglern sein Fotografiergesicht. Die Netzstrümpfe und die Löcher im Kleid sieht dagegen nur, wer sich der eitlen Schönen von der anderen Seite, aus der City, nähert.

Aber gemach, immer der Langen Reihe nach. Sie ist die Straße der Straßen im Quartier. Hier flaniert, feiert und flirtet St. Georg, Letzteres in stets wechselnden Konstellationen. Ob Mann-Frau, Frau-Frau oder - eine Spezialität von "St. Gayorg" - Mann-Mann interessiert allerdings kaum einen, eher schon die allabendliche Frage: Wo gehen wir hin? Im verwinkelten "Dorf" gibt es feine Restaurants und Bistros mit Hausmannskost wie die Kultkneipe Frau Möller.

Alles liegt nah beieinander

Und wenn der St. Georger mal nicht isst, trinkt und feiert? Dann stöbert er in den Buchhandlungen Thiede und Wohlers nach antiquarischen Schätzen oder schaut in der Koppel 66 vorbei, wo sich in einem verwunschenen Hinterhof ein Café und viele kleine Kunst- und Gewerbebetriebe unter einem Dach drängeln; anschließend sucht er sich eine Bank im Lohmühlenpark, wo nur noch die Bienen umherwuseln; bestaunt mal wieder die grün-weiß bemalten Minarette der Centrum-Moschee an der Böckmannstraße und lässt sich vielleicht nebenan beim altehrwürdigen Herrenausstatter Policke neu einkleiden, wo schon ganze Generationen von Hanseaten ihre Anzüge (10.000 sind ständig auf Lager) erstanden haben.

Und für die nächsten Tage nimmt er sich vor, endlich mal wieder die Jugendstilabteilung im Museum für Kunst und Gewerbe zu besuchen - und abends vielleicht das Schauspielhaus. Oder das Polittbüro. Oder (in der Saison) das Hansa-Theater. Alles liegt so nah im Stadtteil.

Und ja, auch die Probleme. Schon im Mittelalter war St. Georg das Schmuddelkind der feinen Stadt. Erst Asyl der Aussätzigen und Standort des Stadtgalgens, dann Zuflucht für alle, die in Hamburgs Mauern unerwünscht waren: Schweinehirten, Branntweinbrenner, Bettler. Erst 1868 wurde die Vorstadt eingegliedert. Und plötzlich blühte St. Georg auf. Prächtige Etagenhäuser entstanden, bis heute zu bewundern etwa am frisch restaurierten Hansaplatz.

Drogenszene hat sich weitgehend verabschiedet

Doch mit der Gründer- begann auch die Sünderzeit. Prostituierte entdeckten das verkehrsgünstige Viertel (jedes zweite Hamburger Hotelbett steht hier) für sich, bis in die 70er-Jahre warteten sie sogar an der Langen Reihe auf Freier. Auch der Hansaplatz machte Karriere - als bundesweit berüchtigter Treffpunkt der Fixer und Stricher.

Vorbei. Dank vielfältiger Hilfsangebote für Süchtige, etwa im Drob Inn, hat sich die Drogenszene aus dem Straßenbild weitgehend verabschiedet. Und auch um die Huren im Sperrbezirk wird es einsam. Wer sie anspricht, riskiert Geldstrafen bis zu 5000 Euro. Hinzu kommt der stetige Wandel des Stadtteils. Zwar halten Etablissements wie die World of Sex am Steindamm noch tapfer ihre Stellungen, aber man fragt sich, wie erregend die Geschäftsaussichten sein mögen, wenn den potenziellen Kunden vor der Tür zum Stichwort "Lust?" meist nur die Franzbrötchen in der benachbarten Bäckerei einfallen.

Gefahr Gentrifizierung

Für den St. Georger droht die Gefahr sowieso eher vom anderen Ufer. Misstrauisch blickt er beim sonntäglichen Alsterspaziergang hinüber Richtung Rotherbaum und sorgt sich, wann von dort der nächste Unternehmensberater oder Werber samt Ehefrau, Einzelkind und SUV ins hippe St. Georg übersiedelt und im Quartier weiter die Preise verdirbt.

Aber noch besteht Hoffnung, dass St. Georg nach der Verelendung auch die Veredelung überstehen wird. An warmen Sommerabenden, wenn die untergehende Sonne die Außenalster für einen magischen Moment in eine riesige Wanne flüssigen Goldes verwandelt, lässt sich auch der kritischste St. Georger von dem Schauspiel überwältigen. Dann schließt er auf seinem Lieblingsplatz, der Gurlitt-Insel, die Augen und träumt seinen ganz persönlichen Traum. Von einem - na ja - fast perfekten Stadtteil.


St. Georg historisch

St. Georg hat zwar eine lange Tradition, war aber bis ins 19. Jahrhundert hinein wie eine Art Müllkippe behandelt worden – Galgen, Pesthof, Lärm und Gestank inklusive. Seine Bewohner wollten sich schließlich nicht länger als Menschen zweiter Klasse behandeln lassen. Nachdem es im Sommer 1830 zu Ausschreitungen gegen die Obrigkeit gekommen war, erreichten St. Georg und St. Pauli als neu ernannte Vorstädte Statusverbesserungen: Unter anderem bekamen die Bewohner ein eingeschränktes Wahlrecht für die bürgerlichen Verwaltungsdeputationen.

Als Hamburg 1860 eine neue Verfassung bekam, wurde St. Georg (anders als das „unruhige“ St. Pauli) mit Hamburg vereinigt und 1868 formal Stadtteil. St. Georgs Ruf war zunächst mit dem St. Paulis zu vergleichen, entwickelte sich aber schließlich positiver. Dazu trug sicherlich auch die zentralere Lage bei. Im ausgehenden 19. Jahrhundert folgten eine verstärkte Bautätigkeit und ein kräftiger Anstieg der Einwohnerzahl. Während St. Pauli vor allem seinen Ruf als Amüsierviertel vertiefte, erhielt St. Georg um 1900 mit dem Hauptbahnhof, dem Hotel Atlantic, dem Reichshof und dem Schauspielhaus Gebäude, die das Image der Gegend aufpolierten.

Der Steindamm, einst die erste gepflasterte Straße, die außerhalb der Stadtmauern angelegt worden war, hatte sich um 1900 zu einer der wichtigsten Einkaufsstraßen der Gegend entwickelt. Er wurde damals schon von sieben Straßenbahnlinien durchfahren und bot zudem anspruchsvolles Amüsement wie das 1894 eröffnete Hansa-Theater. Auch rund um den Hansaplatz entstanden gutbürgerliche Wohnviertel und diverse Hotels und Pensionen für die am Bahnhof ankommenden Gäste. Allerdings trug die Bahnhofsnähe dazu bei, dass sich hier früh Prostitution ausbreitete, und St. Georg muss seit Jahrzehnten auch mit dem Image als Rotlichtviertel leben.

Hamburgs ältestes Krankenhaus

Das heutige Asklepios-Klinikum St. Georg gilt als ältestes Krankenhaus Hamburgs. Tatsächlich gab es schon Ende des 12. Jahrhunderts auf der östlichen Alsterseite ein Seeken-(Siechen-)Haus. Darunter darf man sich aber kein Krankenhaus im klassischen Sinne vorstellen, sondern eher eine Art Auffanglager, in dem die Kranken zwar Beistand bekamen, aber ansonsten bei minimaler medizinischer Versorgung vor sich hin vegetierten. Die Leprakranken mussten sich ihren Unterhalt selbst zusammenbetteln. In graue Kutten gekleidet zogen sie mit Schellen an den Händen um Gaben bittend durch die Gegend. Die Sammelbeutel waren an Stöcken befestigt, damit die mildtätigen Bürger keine Angst vor Ansteckung haben mussten. Die „Via Leprosorum“, die zum Seeken-Haus führte, ist heute noch als Rosenstraße erhalten.

Das heutige Krankenhaus wurde erst 1821 – 23 gebaut. Der 1890 – 1893 errichtete Neue Mariendom an der Danziger Straße war der erste katholische Kirchenneubau in Hamburg nach der Reformation. Während der Dom den Zweiten Weltkrieg weitgehend unbeschadet überstand, wurde die Dreieinigkeitskirche am 24. Juli 1943 vollständig zerstört.

Das Alsterzentrum wurde nicht realisiert

Viele glauben, St. Georg sei vom Zweiten Weltkrieg verschont geblieben, aber faktisch wurden viele Straßenzüge total zerbombt. Auch das Gemeindehaus und die benachbarte Stiftskirche mit Schwesternheim wurden – neben vielen anderen Gebäuden – ein Raub der Flammen. Die 1747 geweihte Dreieinigkeitskirche, für viele Norddeutschlands schönste Barockkirche, wurde zwischen 1959 und 61 wiederaufgebaut – doch nur der Turm erinnert an das frühere Gotteshaus.

St. Georg erlebte seit Kriegsende einen bis heute andauernden totalen Strukturwandel und stellenweisen Niedergang, was vor allem in Hauptbahnhofnähe unübersehbar ist. Nicht nur der Steindamm konnte an seine einstigen Glanzzeiten (noch) nicht wieder anknüpfen. Die Gegenden in Alsternähe und rund um die Lange Reihe sind dagegen schick und teuer geworden. Der 1966 vorgestellte Plan, den ganzen Stadtteil abzureißen und durch ein gigantisches Alsterzentrum zu ersetzen, wurde glücklicherweise nicht realisiert. In St. Georg geht es immer noch auf und ab – wie schon seit mehr als 150 Jahren.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018