St. Pauli - Bunt, alternativ und quicklebendig

Davidwache
Christian Ohde

 

St. Pauli steht für viel mehr als nur für Rotlicht und Reeperbahn. Wer es auch mal schrill und alternativ mag, der ist hier genau richtig.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,2
Einwohner: 22.595
Wohngebäude: 1272
Wohnungen: 12.378
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1202
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 4657
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Dort, wo die Frauen wortlos im Vorbeigehen "dem Rolf" ihren Liebeslohn zustecken, stehen ein zerknautschtes Ledersofa, zwei Sessel und ein runder Tisch voller Zeitungen, Kaffeetassen und Aschenbecher. Eine dunkle verqualmte Kammer, nur ein paar Quadratmeter groß. "Der Rolf", so nennen den Bordellchef alle, muss wieder lachen. Jedes Mal, wenn ein neuer Freier erscheint, verzieht er sein Gesicht und freut sich. Denn Rolf hat falsch gelegen mit seiner Einschätzung. Noch vor Stunden hatte er behauptet, die Geschäfte gingen schlecht. Man könne zugucken, tagsüber sei tote Hose. Sich davon selbst einen Eindruck zu verschaffen, dazu hatte er eingeladen. Und dann das: zwölf Freier zur Mittagszeit.


Wer auf St. Pauli nach dem Gang von Geschäften fragt, kriegt eine Antwort, die genauso falsch ist wie die Behauptung, Hamburger gingen nie auf den Kiez: auf die Sex-Meile und die bekannteste Straße Deutschlands, die Reeperbahn, die doch zum Wir-Gefühl der Stadt gehört, auch wenn das zuweilen geleugnet wird. Etwa vom 2015 verstorbenen Helmut Schmidt, Altkanzler und Ehrenbürger Hamburgs, der anno 1986 in einem Fernsehfilm lapidar behauptete: "Und dann gibt es noch St. Pauli. Aber da gehen wir Hamburger nicht hin."


Leben und leben lassen


Dabei steht St. Pauli für viel mehr als Rotlicht. Die Landungsbrücken gehören dazu und der Hafen, das Karoviertel, der Park Planten un Blomen, das Heiligengeistfeld - und natürlich auch der St.-Pauli-Fischmarkt, obwohl der streng genommen auf Altonaer Gebiet liegt. Aber die Geografie allein reicht ohnehin nicht aus, um den Stadtteil zu umreißen. Denn das Besondere hier sind die Menschen.


Wer es auch mal schrill und alternativ mag und ansonsten das Motto der Menschen in diesem Teil Hamburgs - leben und leben lassen - beherzigt, der ist willkommen und schnell integriert. Herkunft und Hautfarbe sind egal. "Was mich immer an den Deutschen gestört hat, dieser Neid, diese Missgunst, Wutanfälle beim Verlieren und Respekt nur für die Sieger - das habe ich auf St. Pauli nie erlebt", sagt die Autorin Peggy Parnass.


St. Paulianer sind vielleicht nicht so hanseatisch wie andere, aber ein echter Hamburger riecht immer auch nach Hafen und nicht nur nach Alster. Der Schauspieler Manfred Steffen (1916-2009) hat es so erklärt: "Kumm mi nich an de Farv, sagt der Mann im Hafen - und meint genau das, was unter dem Hamburger Wappen steht: ,Libertatem quam peperere maiores digne studeat servare posteritas'" ("Die Freiheit, die die Väter erwarben, möge die Nachwelt würdig zu erhalten trachten"). Diese inneren Ansichten werden meist vergessen, wenn es um die "geile Meile" (Udo Lindenberg) geht.


Magnet für Kreative


Die Glitzerwelt aus Rotlicht, die Party- und Saufgelage à la Ballermann, die Musik-Clubs, die Theater und das Gruseln über Gewaltgeschichten, wie beispielsweise die vom "St.-Pauli-Killer" Werner Pinzner, der 1986 fünf Zuhälter, einen Staatsanwalt, seine Frau und sich selbst erschoss, locken an guten Tagen bis zu 100.000 Besucher an. Sie haben unter anderem die Auswahl zwischen mehr als zwölf geführten St.-Pauli-Touren - auch durch die Herbertstraße, eine Gasse voller Bordelle, zu der nur Männer Zutritt haben.


Einige Führungen gehen auch auf die Geschichte ein: zum Beispiel auf die Reepschläger (Seilmacher). Die kamen Mitte des 17. Jahrhunderts und gaben der Reeperbahn ihren Namen. Um die gleiche Zeit eröffneten dort die ersten Amüsierbetriebe. Von 1860 an entwickelte sich St. Pauli nach der Aufhebung der Torsperre nördlich der Reeperbahn zu einem dicht besiedelten Viertel. Als es 1894 zum Hamburger Stadtteil wurde, lebten dort 72.000 Menschen, meist in Kleinwohnungen. Das Geschäft mit dem Amüsement war um die Jahrhundertwende auch stark gewachsen. Die Buden wurden später (auch am Spielbudenplatz) durch feste Häuser für Theater, Zirkus, Trinkhallen und Vergnügen ersetzt.


Heute leben auf St. Pauli rund 22.000 Menschen. Und das sind zum größten Teil ganz normale Menschen, die absolut nichts mit Rotlicht zu tun haben. Es ist ein durch und durch lebendiger Stadtteil, der bei jungen Menschen besonders beliebt ist. Vor allem bei Künstlern, Freiberuflern und allen, die sich zu den Kreativen zählen, ist St. Pauli angesagt. Rasanter Anstieg der Mieten ist die Folge. Das Gespenst der Gentrifizierung geht hier schon länger um. Doch die Paulianer verteidigen ihr Quartier mit Inbrunst. Am heftigsten ging es in den 80er-Jahren am Hafen zu.


Die Hafenstraße bezeichnet den Ort des Kampfes um die vom Abriss bedrohten Saga-Häuser, die 1981 besetzt und 1988 der Genossenschaft "Alternativen am Elbufer" übergeben wurden - für den politischen Preis von 2,4 Millionen Mark. Das Karoviertel zwischen dem Heiligengeistfeld und dem Fernsehturm ist nach der Karolinenstraße von 1843 benannt und entwickelte sich zum beliebten und für viele auch noch alternativen Wohnviertel, mit den Szene-Läden der Marktstraße. Unter Fußballfans steht St. Pauli für den 1910 gegründeten etwas anderen Traditionsverein, der seine Heimspiele am Millerntor austrägt.


Beliebteste Attraktion Deutschlands


Für viele Besucher endet ein Kiez-Bummel am Sonntagmorgen traditionell auf dem Fischmarkt an der Großen Elbstraße (geöffnet: April-Oktober von 5-9.30 Uhr, November-März von 7-9.30 Uhr) oder an den Landungsbrücken. Acht Millionen Besucher jährlich machen die Landungsbrücken zur meistbesuchten Touristen-Attraktion in ganz Deutschland.


Hier ist das Tor zur Welt mit dem Blick auf die Werft Blohm + Voss und den Elbstrom, viele (historische) Schiffe sowie Kioske und Restaurants auf schwimmenden Pontons. Die Landungsbrücken entstanden an der Wende zum 20. Jahrhundert als Schiffslandestellen für die seegängigen Dampfschiffe sowie als An- und Ablegestelle für die im Hafen Beschäftigten. Auch heute noch gehören die Hadag-Schiffe, die im öffentlichen Nahverkehr fahren, zu den billigsten Möglichkeiten, den Hafen kennenzulernen.


In den 50er-Jahren wurden die Pontons als Betonkonstruktion mit dem Oberdeck neu gebaut. Das Oberdeck (die obere Plattform) ist der beliebteste Platz beim Hafengeburtstag - einem Volksfest, das seit 1977 Millionen von Besuchern anlockt. Genau wie der Dom auf dem Heiligengeistfeld, das größte Volksfest Norddeutschlands, ist der Hafengeburtstag in Hamburg eine Institution. Und ein riesiges Freizeitvergnügen, das auch die Möglichkeit bietet, Menschen kennenzulernen. Der Duft von Hafen, Freiheit und Abenteuer beschleunigt dies.

 

St. Pauli historisch

Über St. Paulis Ruf braucht man nicht viele Worte zu verlieren – kein Hamburger Stadtteil ist weltweit so berühmt-berüchtigt. Dass sich das einstige, weit vor der Stadt liegende Elendsquartier eines Tages zu einem Szenestadtteil entwickeln würde, konnte noch vor wenigen Jahren kaum jemand ahnen – und schon gar nicht im 17. Jahrhundert. Ursprünglich hieß das Gebiet des heutigen St. Pauli noch Hamburger Berg und lag vor dem Millerntor auf der Grenze zum dänischen Altona.


Um 1620 erklärte Hamburg die Gegend zur Vorstadt, die nicht bebaut werden sollte. Schon bald verlagerte man Gewerbebetriebe dorthin, die Schmutz, Gestank oder Lärm produzierten – oder auch alles zusammen. Dazu gehörten eine Trankocherei, ein Trockenhaus für geteerte Seile und kleinere Werften. Auch zahlreiche Reepschläger schufteten hier, die Taue für die Schifffahrt fertigten. Die Taue wurden auf langen, nebeneinander liegenden Bahnen gedreht (Reeperbahn) – ein Verfahren, das erst mit Einführung der Stahltrossen abgeschafft wurde.


Pesthaus und Obdachlosenquartiere


Immer mehr Arbeiter und Seeleute, aber auch aus der Stadt Vertriebene bauten sich Hüttchen und Buden auf dem Hamburger Berg. Zugleich errichtete die Stadt in der Gegend unter anderem ein Pesthaus und Obdachlosenquartiere. Es entstand die brodelnde Mischung, die über Jahrhunderte kennzeichnend für St. Pauli war: eine – nun auch offizielle – Vorstadt unter städtischer Verwaltung (seit 1833) und ein späterer Stadtteil (seit 1894), der auf die einen abstoßend und auf andere anziehend wirkte, der aber niemanden kaltließ.


Mit der Gewerbefreiheit siedelten sich von 1865 an immer mehr Handwerker und Gewerbebetriebe in der Gegend an, überall entstanden Arbeiterquartiere und andere Wohnmöglichkeiten für „kleine Leute“. Durch die zunehmende Schifffahrt hatte sich auch die Prostitution auf St. Pauli (so der offizielle Name seit 1833) ausgebreitet. 1841 registrierte die Polizei 151 Prostituierte in 20 Bordellen, die von 1876 an zunächst geschlossen wurden.


Bis zum Groß-Hamburg-Gesetz war St. Pauli geteilt: Der östliche Teil gehörte zu Hamburg, der westliche, einschließlich der Großen Freiheit, zu Altona. An den alten Namen St. Paulis, Hamburger Berg, erinnert heute noch eine Seitenstraße der Reeperbahn. Was viele nicht wissen: Sie hieß von 1865 bis 1938 Heinestraße und war nach dem Bankier Salomon Heine benannt. Heine hatte das am Ende dieser Straße gelegene Israelitische Krankenhaus als Stiftung errichten lassen, das ausdrücklich für Kranke aller Konfessionen gedacht war. Mit der Umbenennung sollte die Erinnerung an den jüdischen Wohltäter getilgt werden.


Die neuen „Mädchenwohnheime“


Im Laufe der Jahrzehnte war die Prostitution mal erlaubt, mal verboten, mal nur geduldet. 1964 wurde auf Senatsbeschluss Geld für zwei „Mädchenwohnheime“ zur Verfügung gestellt – sie hießen Eros-Center und Palais d’Amour. Auf St. Pauli gibt es aber auch seit Jahrhunderten ganz andere Möglichkeiten, sich zu amüsieren.


Ein frühes Zentrum der Unterhaltung hatte sich schon Mitte des 19. Jahrhunderts rund um den Spielbudenplatz vor dem Millerntor gebildet, auf dem die Häuschen standen, in und vor denen sich Künstler produzierten. Unter anderem gab es Seiltänzer, Kunstreiter und Puppenspieler. Die Zahl der hölzernen Buden hatte im Lauf der Zeit so stark zugenommen, dass man sie von 1875 an durch massivere Bauten ersetzte.


Die Gegend am Spielbudenplatz avancierte mit der Zeit zur Theatermeile. 1841 war das St.-Pauli-Theater zunächst als Urania Theater eröffnet worden. Nach mehreren Wechseln kam es 1884 in Besitz des Schauspielers Ernst Drucker, während dessen Ägide es sich zu einem Publikumsmagneten entwickelte. 1895 wurde es nach Drucker benannt, 1941 erhielt es seinen heutigen Namen. 1970 wurde es von der Familie Collien übernommen. Andere namhafte Häuser vor Ort waren das Knopf Theater lebender Photografie, Köllisch’s Universum oder das Operettentheater. Sie alle wurden im Krieg zerstört oder stark beschädigt und später abgerissen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018