Francop - Hier wird gepflegt, was Bestand haben soll

Francop
HA

 

Der Deich, das Obst, die Gemeinschaft: Der Stadtteil gehört zu dem größten zusammenhängenden Ostanbaugebiet Mitteleuropas.

 

Fläche in Quadratkilometer: 9,2
Einwohner: 672
Wohngebäude: 196
Wohnungen: 329
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 209
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: keine Daten
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016/2017)

 

Jeder ist mal dran in Francop. Gleiche Pflicht und gleiches Recht für alle, das gilt auch beim großen Erntefest, das alle zwei Jahre im November ausgerichtet wird. Die Kaffeetafel, zu der die Francoper schon mal 70 selbst gebackene Kuchen beisteuern, wird jedes Mal auf einem anderen Hof aufgebaut. Und die bunt geschmückten Erntewagen starten stets von einem anderen Punkt im Ort zum großen Umzug. Das allerdings ist gar nicht so einfach. Denn in Francop gibt es nur eine Straße.


Sie zieht sich einmal entlang des gut 600-Einwohner-Stadtteils und wechselt auf drei Abschnitten den Namen: Vierzigstücken, Hohenwischer Straße, Hinterdeich. Auf einer Seite reihen sich Hofanlagen mit alten Backsteinhäusern und rot geklinkerte Neubauten aneinander. Auf der anderen Seite erhebt sich der Deich vor den dahinter liegenden Obstanlagen.


Äpfel, so weit das Auge reicht


Francop lebt vom Obst. Der Stadtteil, der im 13. Jahrhundert als Altländer Dorf entstand, gehört zur sogenannten Dritten Meile des Alten Landes, dem größten zusammenhängenden Obstanbaugebiet Mitteleuropas. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wachsen hier die Obstbäume in Reih und Glied, anfangs wurden noch zum großen Teil Pflaumen geerntet. Heute sind es überwiegend Äpfel, dazwischen einige Kirschen und Beeren.


Als der Deich an der Straße noch ein richtiger Schutzdeich war und die Wiesen dahinter Überflutungsgebiet, wurden die Bäume auf natürliche Weise gewässert. Ende der 1970er-Jahre entwickelten die Altländer dann ein ausgeklügeltes Beregnungssystem, um die kostbaren Obstblüten vor Frost zu schützen.


Heute gibt es hier noch etwa zwei Dutzend Obstanbaubetriebe, einige Höfe wurden in den vergangenen Jahren aufgegeben, weil sich kein Nachfolger fand. Doch in vielen Familien übernimmt noch immer ein Sohn den Hof, der nicht mehr landwirtschaftlicher Bauernhof, sondern spezialisierter Obstbaubetrieb ist.


Radeln auf dem Alten Elbdeich


Der alte Deich hat längst keine Funktion mehr. Er ist heute so etwas wie ein lang gezogenes Naherholungsgebiet, grün bewachsen und mit einzelnen Bäumen bepflanzt. Während unten auf der Straße der Verkehr vorbeirauscht, gehört der Alte Elbdeich -- seit 1977 Kulturdenkmal -- den Spaziergängern und vor allem den Fahrradfahrern.


Im Frühling und im Sommer, wenn die Obstbäume in voller Blüte stehen, radeln zahlreiche Besucher, viele auf den roten Leih-Stadträdern, hintereinander den schmalen Weg entlang und staunen über das rosa-weiße Blütenmeer, das sich unter ihnen ausbreitet. Wer einen Blick zur anderen Seite riskiert, entdeckt irgendwann einen kleinen Teich mit einer Art Landzunge: Das Gutsbrack ist ein bei Deichbrüchen in den vergangenen Jahrhunderten entstandenes Gewässer.


Und im Ortsteil Hohenwisch steht ein kunstvoll verziertes Fachwerkhaus, das einzige seiner Art, das hier noch komplett erhalten ist. Besucher sehen vor allem die schöne Seite des dörflichen Stadtteils, die Bewohner aber kennen auch andere Seiten.


Furcht um den dörflichen Charakter


Tief getroffen hat den Stadtteil die verheerende Sturmflut von 1962, die mehrere Todesopfer forderte und zahlreiche Familien um ihr Zuhause brachte. Am Gutsbrack erinnert ein Flutdenkmal an die Opfer von damals. Unvergessen ist vielen Francopern auch ein Einsatz der Feuerwehr am 24. November 1973. An diesem Tag setzten die Männer planmäßig ein strohgedecktes Fachwerkhaus in Brand -- es musste einem Spülfeld für Elbsedimente weichen. So endete die 123-jährige Geschichte der Domäne Blumensand. Der Hof gehörte einst zum Gut Francop II, dem bedeutendsten der ursprünglich vier Francoper Adelsgüter, und war bekannt für seine Pferdezucht.


An dieser Stelle entstand Anfang der 90er-Jahre eine Deponie für belasteten Schlick aus der Elbe, der zuvor in einer Anlage namens Metha aufwendig von Sand getrennt wird. Heute erhebt sich an dieser Stelle ein Hügel. Die Deponie soll, wenn der Betrieb in ein paar Jahren ausläuft, vollständig zum grünen Park werden.


Doch noch ist der Hügel einigen Menschen ein Dorn im Auge. Früher konnten sie über Weiden zur Süderelbe und bei gutem Wetter bis nach Finkenwerder sehen. Heute drehen sich hier Windräder und der Hügel erinnert stets an die nahe gelegene Hafenindustrie.


Der Verlust von Blumensand hat sich tief ins Gedächtnis eingeprägt und ist noch immer präsent, wenn es heute um den Autobahnbau und vor allem die jahrzehntealten Pläne für eine Hafenerweiterung geht. Für den Bau einer Umgehungsstraße für Finkenwerder haben die Obstbauern bereits einen Teil ihrer Flächen -- gegen Entschädigung -- abgegeben.


Ein Völkchen für sich


Den Francopern ist ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu eigen, nicht zu verwechseln mit Harmoniesucht, die ist weniger ausgeprägt. Hier geht es geradeheraus zu. Für Befindlichkeiten ist keine Zeit, wenn die Ernte eingebracht werden muss. Doch einige Termine lässt hier niemand so einfach ausfallen. So treffen sich die Männer der Liedertafel Frohsinn von 1877 jeden Donnerstagabend zur Probe im einzigen Gasthaus am Ort, dem Deutschen Haus. Und in fast jedem Haus wohnt ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Francop, die zweimal im Monat in ihrem Gemeinschaftshaus am Deich zusammenkommt.


Feste feiern


Alle zwei Jahre, wenn die Ernte geschafft und die Kühlräume gefüllt sind, kommen die Bewohner, ehemaligen Francoper und Besucher aus Moorburg und Neuenfelde am ersten Wochenende im November zum großen Erntefest zusammen. Entlang der Straße werden die Häuser geschmückt, und dann ziehen die Menschen mit geschmückten Treckern und Bollerwagen von einer Seite zur anderen. Nach dem Umzug wird gefeiert, immer auf einem anderen Hof, um keinen Hofbesitzer über die Maßen zu belasten. Auch bei der Organisation wechselt sich die Feuerwehr mit Heimatverein, Reitverein und Gesangverein ab.


Francop historisch

Ein wehmütiger Ton durchzieht die Aufzeichnungen des 1912 geborenen Francoper Heimatforschers Wilhelm Mohr. „Nachweisbar 750 Jahre haben unsere Vorfahren hier hinter demDeich das Land beackert, einen heroischen Kampf gegen die Sturmfluten geführt, und dabei schwere Opfer an Menschen, Vieh und Land gebracht“,schrieb Mohr. „Und dieser Kampf mitden Naturgewalten hat den Charakter der Menschen hier geprägt. Voll Achtung, Ehrfurcht und Freude erinnern sich daher die Francoper ihrer Vorfahren.“


Zugleich mahnte Mohr in seinem Gedicht „As freuher is’t nich mihr“:„(...) hier fehlt manch Plant un Tier,/noch leevt’s in mien Erinnerung,/doch du findt’s se nich mihr./Du fangst keen Fisch in’n Groben mihr,/as ik dat freuher doon,/verdreckt is’t Woter, doot Getier,/kannst nich mihr boden gohn.“


Hafenerweiterung und Spülflächen


Nicht nur Francoper wissen, was Mohr hier anspricht: Nachdem das Hafenerweiterungsgesetz1961 in Kraft getreten war, hatte sich für Francop (seit 1938 Teil Hamburgs) vieles verändert. Schon nach der Sturmflut 1962 legte man Deiche mit neuem Verlauf an, sodass die alte Deichlinie funktionslos wurde. Noch einschneidender: Das Mündungsgebiet der Süderelbe wurde abgedämmt, und zwischen dem Francoper Außendeichgebiet und dem verbliebenen Flusslauf (der Alten Süderelbe) entstanden riesige Spülflächen, die man nach und nach begrünte.


Die Menschen hier sahen und sehen die weitere Entwicklung seitdem mit großer Sorge. Zwar wurde ein Teil Francops wieder aus dem Hafenerweiterungsgebiet herausgenommen, der Ostteil mit Hohenwisch ist aber immer noch für den Ausbau eingeplant.


Rund 100 Jahre zuvor, 1853, war die Gemeinde Francop gebildet worden, nachdem das Gebiet lange im Besitz der Bremer Erzbischöfe gewesen war. Für 1818 sind in den Unterlagen „92 Feuerstellen und 500 Seelen“ vermerkt. Um 1900 hatte Francop 115 Häuser mit 677 Einwohnern. Es gab damals eine Schule, zwei „Posthülfsstellen“ und ein Telefon. Für 1911 sind sieben Gast- und Schankwirtschaften vermerkt. Ein Barbier namens Johannes Meyer fungierte zugleich als Zahnarzt, zwei Schlachtereien, ein Uhrmachermeister und zwei Bäckereien warben um Kunden.


1926 wohnten in Francop 760 Menschen in 138 Häusern, und manche Geschäfte hatten bereits aufgegeben, zum Beispiel der Schuhmacher und die Stellmacherei. 1966 hatte Francop 701 Einwohner in 143 Häusern und nur noch drei Gaststätten. Bis 1984 ging die Einwohnerzahl auf 695 zurück, die in 155 Häusern lebten.


Obstanbau lässt sich in Francop schon im 17. Jahrhundert nachweisen, und die Francoper erwiesen sich dabei als besonders findig. 1941 wurde auf dem ehemaligen Hof Wells ein Versuchsguteingerichtet, das allerdings 1946 aus Kostengründen aufgegeben wurde. Ende der 1950er-Jahre hatte Francop schon mehr als 30 Kühllager, und von 1979 an wurde die erste Frostschutzberegnungauf den Weg gebracht. Übrigens gab es noch bis in die 50er-Jahre hinein hochstämmige Obstbäume, unter denen das Vieh weidete. Dann erst folgte die Umstellung auf sogenannte Niederstammanlagen.


Die Zerstörung von Blumensand


Im Zuge der Aufspülung kam 1973 auch das Ende für die traditionsreiche Staatsdomäne Blumensand zwischen der Alten Süderelbe und dem Francoper Deich. Das große strohgedeckte Fachwerkhaus und die Nebengebäude wurden „heiß abgebrochen“ – also unter Aufsicht zahlreicherfreiwilliger Feuerwehren kontrolliert niedergebrannt. „Heute sind die weiten Flächen mit giftigem Elbsand und -schlick 13 Meter hoch bedeckt und warten auf die Ansiedelung von Industrie“, so Wilhelm Mohr voller Verbitterung in einem Francop-Buch.


Die Bauern beklagen, dass die Aufspülung negative Folgen für den Obstanbau hatte. Zum einen mussten die Obstbauflächen in das unfruchtbarere Innendeichgebiet verlegt werden, zum anderen führte das immer höher werdende Spülfeld zu einer Veränderung des Kleinklimas. Wilhelm Mohr beschrieb die Sorgen der Obstbauern so: „Schall utverköfft warrn de Natur, weil Industrie will leben? Schall denn nu ünnergohn de Buer, den’t hier toerst het geben?“

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018