Eimsbüttel - Dorf in der Stadt

ActiveCity, neue Bewegungsinsel in Eimsbüttel
Marcelo Hernandez

 

Beliebt, aber nicht überlaufen: ein bunter Mix aus Wohn- und Geschäftsviertel.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,2
Einwohner: 57.055
Wohngebäude: 3253
Wohnungen: 34.127
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 1451
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 4396
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)


Es gibt zwei Wendepunkte in der Geschichte von Eimsbüttel: die Zeit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, in der innerhalb weniger Jahre die Einwohnerzahl von wenigen Hundert auf mehr als 50.000 stieg, und die Nacht vom 24. auf den 25. Juli 1943, in der alliierte Bomber fast jedes zweite Wohnhaus zerstörten.


Heute fällt es schwer, Eimsbüttel einen passenden Stempel aufzudrücken. Der Stadtteil gilt weder als ein Ausgehviertel noch als grüne Lunge. Manchmal ist Eimsbüttel mondän, manchmal ist es gesellig. Aber niemals ist es protzig. "Eimsbuscher" - so heißen hier die Brötchen beim Bäcker - ist auf dem Teppich geblieben. Bei Menschen würde man "gut erzogen" und "aufgeschlossen" sagen.


Beliebte Stadtoasen


Dabei war Eimsbüttel über viele Jahrhunderte ein verschlafenes, aus wenigen Höfen bestehendes Dorf. Eine erste Schule wurde 1693 gegründet, die erste Kirche - die Christuskirche - am 21. Januar 1886 geweiht. Seiner lieblichen Landschaft wegen war Eimsbüttel aber ein beliebtes Ausflugsziel. Christina Becker beschreibt in ihrem Stadtteillexikon das Fleckchen als "Ziel mondäner Landpartien" und "Lustdorf". Sicher ist, dass der 1784 eröffnete Heußhof, der dem heutigen Heußweg seinen Namen gegeben hat, wegen seiner Küche über Eimsbüttel hinaus geschätzt wurde.


Möglicherweise zeigt sich ein wenig von diesem Erbe heute, wenn Besucher aus anderen Stadtteilen vor allem deshalb hierherkommen, um Freunde wiederzusehen: zum Nachmittagskaffee oder zum gemeinsamen Kochen am Abend. Dann nimmt man zumeist das Rad, die Bahn oder den Bus. Parkplätze gibt es in Eimsbüttel ohnehin zu wenig. Wenn der Eimsbütteler sich austoben will, macht er das im nahen Schanzenviertel oder auf dem Kiez. Zum gemütlichen Plausch geht es in eine der vielen kleinen Kneipen um die Ecke.


In der Tiefe ihres Gemüts sind die Eimsbütteler wohl froh, dass ihre kleinen Stadtoasen nie so überlaufen sind. Der Park Am Weiher ist ein Beispiel. Den kleinen Teich umsäumen Wiesen und knorrige Bäume. Die Plätze vor dem Café, einst ein Klohäuschen, sind begehrt. Nirgendwo, so heißt es, scheine die Sonne abends länger als dort.


Der Weiher erinnert an jene Zeit, in der wohlhabende Hamburger die Eimsbütteler Gegend als Refugium nutzten, Sommerhäuser errichteten und weitläufige Parks anlegen ließen. Das trifft auch auf den Park Am Weiher zu.


Eng verbunden mit Beiersdorf


Die Idylle endet abrupt. Mit der Industrialisierung nach den 1850er-Jahren wird Wohnraum in Hamburg knapp. Spekulanten kaufen in Eimsbüttel ein Grundstück nach dem anderen und lassen Arbeiterwohnungen errichten. Mit dem Bau der Speicherstadt und dem einhergehenden Verlust von Wohnraum in der Altstadt siedeln viele nach Eimsbüttel um.


In diesen Jahrzehnten entfaltet der Stadtteil seine volle Blüte. Das Quartier wird an Hamburgs Wasserversorgung angeschlossen, die Straßen erhalten Namen; Schulen, Krankenhäuser und Kirchen werden errichtet. 1913 wird der U-Bahnhof Schlump in Betrieb genommen. Die rasche Entwicklung zeigt Wirkung. 1925 leben in Eimsbüttel rund 125.000 Menschen. Derzeit sind es etwas mehr als 57.000 Einwohner.


Mit der regen Bautätigkeit geht die wirtschaftliche Entwicklung Eimsbüttels einher. Von unschätzbarer Bedeutung ist das Unternehmen Beiersdorf, das noch heute als weltweit agierende Aktiengesellschaft seinen Stammsitz an der Grenze zum Stadtteil hat. Der Apotheker Oscar Troplowitz hatte 1890 das Laboratorium von Paul C. Beiersdorf gekauft und ein Markenartikel-Unternehmen daraus entwickelt. 1892 wählte Troplowitz Eimsbüttel als Standort für seine neue Fabrik aus.


Eine Straße, die nie schläft


Dieser Mix aus Wohn- und Geschäftsviertel mag ein Grund dafür sein, warum Eimsbüttel heute zu den angesagten Stadtteilen gehört. Hinzu kommt, dass in Teilen des Quartiers prächtige Altbauten die Zeitläufte überstanden haben. Noch heute kann man die mit Medaillons und Skulpturen versehenen Fassaden bewundern.


Dass Eimsbüttel heute weniger als halb so viele Einwohner zählt als vor gut 100 Jahren, hat vor allem mit der Schreckensnacht im Juli 1943 zu tun. Ganze Straßenzüge wurden beim Angriff der Alliierten auf Wohngebiete schwer in Mitleidenschaft gezogen. Fast 40 Prozent aller Gebäude waren betroffen.


Als die Stadt wieder aufgebaut wurde, erfuhr der Stadtteil gravierende Änderungen. Die Eimsbütteler Chaussee verlor ihren Status als beliebteste Einkaufsstraße mit Tanzrestaurants und Theatern. Das ist heute die Osterstraße, die durch inhabergeführte Geschäfte, gut sortierte Supermärkte, Eisdielen und Cafés zur Flaniermeile wurde. Im Sommer wird sie für eine Nacht zur längsten Tafel der Stadt.


Beim Weißen Dinner bringen Tausende Menschen Essen, Getränke und Mobiliar mit, um unter freiem Himmel gemeinsam zu speisen. Ruhig wird es an der Osterstraße so gut wie nie. An Sonntagen, wenn die Schlange vor der Kleinen Konditorei bis weit auf die Straße reicht, geht es allerdings gelassener zu. Warten in der Schlange wird hier zum Kult: Man schwatzt und genießt den ersten Kaffee.


Riesiges Interesse an Breitensport


Den Wiederaufbau nach dem Krieg nutzten die Stadtplaner für modernen Wohnungsbau. Zwischen Häusern wurde viel Platz für Grünanlagen gelassen. Die einst privaten Gärten sind heute öffentliche Grünanlagen: der Unnapark und der Wehbers Park. Platz ist auch für Sportanlagen. Das parkähnlich gestaltete Kaifu-Bad lockt Fitnessbegeisterte genauso an wie die Kaifu-Lodge oder das MeridianSpa an der Quickbornstraße. Der Eimsbütteler Turnverband ist dank seiner 14.300 Mitglieder einer der größten deutschen Breitensportvereine.


Am Abend verschiebt sich das Ausgehen im Stadtteil oft in Richtung der Bellealliancestraße. Den klangvollen Namen bekam die Straße von dem einstigen Gasthaus Belle Alliance. So richtig voll wird es aber nie. Vielleicht, weil Kneipen wie das Gloria zwischen Wohnhäusern versteckt sind.


Ebenso versteckt ist ein Privatkeller, der 1985 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: Das Birdland gilt als die Nummer eins der Hamburger Modern-Jazz-Lokale. Nichts für Laufkundschaft, eher für jene, die suchen. Die Betreiber sprechen von einer guten Adresse für Freunde von Swing, Mainstream, Bebop, Latin und Modern. Besucher sind mit Komplimenten großzügiger: "Super Atmosphäre, echter Jazzclub."


Und so schließt sich der Kreis: Eimsbüttel, das Dorf in der Stadt. Der Stadtteil, der nie trutschig daherkommt, sondern immer urban, ohne das angestrengt in Szene zu setzen.

 

Eimsbüttel historisch

An Eimsbüttel lässt sich das Auf und Ab eines Quartiers gut ablesen. Vom unscheinbaren Dorf entwickelte es sich in raschem Tempo zunächst zum begehrten Vorort mit großen Gärten und prachtvollen Landhäusern. Im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung mischten sich in die prächtige Bebauung um 1900 dann auch zunehmend Mietskasernen, örtlich entstanden auch Arbeiterquartiere.


Nachdem Zweiten Weltkrieg war von Eimsbüttels gutbürgerlicher Prägung zunächst nicht mehr viel übrig, es galt als typischer Studentenstadtteil linksalternativer Prägung. Inzwischen wurde Eimsbüttel als beliebte Wohngegend wiederentdeckt, und die Immobilienpreise zogen kräftig an.


Per Pferdeomnibus zum Jungfernstieg


1830 hatte das Kloster St. Johannis Eimsbüttel an die Stadt Hamburg abgetreten. Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts war die Gegend ziemlich „in“, und reiche Hamburger verlegten ihre Landsitze in das stadtnahe und doch noch ländliche Dorf.


Ein Pferdeomnibus verband Eimsbüttel bereits von 1840 an zweimal täglich mit dem Jungfernstieg. Er fuhr ungefähr dort los, wo sich heute Heußweg und Osterstraße kreuzen. Auch immer mehr Ausflügler fanden sich „draußen“ in Eimsbüttel ein, und da durften natürlich auch die Gasthäuser nicht fehlen. 1784 eröffnete Peter Rudolph Christian Heuß den Heußhof, der an der Ecke Heußweg/Eichenstraße lag und sich sehr großer Beliebtheit erfreute.


Das Mariannenruh war nicht nur wegen seiner Küche berühmt, sondern auch wegen der „Schönen Marianne“. Die Tochter der Wirtsleute Ruaux betörte alle männlichen Gäste, ihr Gasthaus lag westlich des Eimsbüttler Marktplatzes – genau genommen schon in Langenfelde. Mit Aufhebung der Torsperre avancierte Eimsbüttel im Nu zu einer sehr beliebten Wohngegend, und von den 1870er-Jahren an wurden hier fast nur noch Mehrfamilienhäuser gebaut.


Wer nordwestlich der Alster ungestörte Wanderwege suchte, musste jetzt nach Niendorf oder Schnelsen weiterreisen. Seit 1868 kam die Pferdeeisenbahn zum Einsatz, die bereits im 30-Minuten-Takt von der Innenstadt nach Eimsbüttel zuckelte, und 1860 war Eimsbüttel an die Wasserversorgung angeschlossen worden. Die Einwohnerzahl kletterte bis 1866 auf 3082 Menschen, 1873 waren es schon mehr als doppelt so viele.


1874 hatte Eimsbüttel 9000 Einwohner und erhielt Vorortstatus. 1894 wurde es Hamburger Stadtteil – der zweitgrößte nach Barmbek. Im selben Jahr erhielt Eimsbüttel seine zweite Kirche: Nach der 1886 geweihten Christuskirche wurde nun die Apostelkirche geweiht. Diese Kirche, die im Zweiten Weltkrieg vielen Menschen als Schutzraum diente, fiel 1977 einem Feuer zum Opfer. Der Turmhelm wurde dabei völlig zerstört und beim Wiederaufbau weggelassen. Irgendwie kompakter sieht die Kirche an der Lappenbergsallee dadurch heute aus – der Gesamteindruck: Ansichtssache.


Bauer Schacht und die Kühe


Der Bauboom um 1900 machte auch vor den wenigen noch verbliebenen Eimsbüttler Bauernhöfen nicht halt. Als Letzter weigerte sich der verwitwete Bauer August Schacht, sein Land zu verkaufen – obwohl ihm Unsummen geboten wurden. Er wollte auf seinen Wiesen statt neuer Häuser lieber Kühe sehen. Schachts knappe Begründung, nachzulesen in einer Eimsbüttel-Chronik: „Doar hebb ick min Spooß an.“ Schachts Bauernhof, der nach einem Blitzschlag 1895 zerstört wurde, lag an der Fruchtallee auf Höhe der heutigen Hausnummern 120 – 134. 1931 wurde auf den ehemaligen Schachtschen Wiesen der Reinmüller-Sportplatz angelegt – ein Glück für Eimsbüttel, dass der alte Schacht das Land so lange freihalten konnte.


1890 hatte der Pharmazeut Oscar Troplowitz für seine Firma Beiersdorf ein Grundstück an der heutigen Unnastraße (damals: Lokstedter Weg) gekauft und daraus ein weltumspannendes Unternehmen gemacht. Eimsbüttel war nun nicht mehr bloße Wohngegend, sondern auch Industriestandort.


Im Zweiten Weltkrieg wurde die Hälfte der Eimsbüttler Häuser zerstört. Besonders schwer erwischte es das Zentrum des Stadtteils: Rund um den Eimsbüttler Marktplatz und die Fruchtallee blieb nur eine Trümmerwüste. Diese Gegend ist heute durch Verkehrsachsen zerschnitten, und die „Punkthausbebauung“ der Nachkriegszeit sorgt dafür, dass der Autolärm auch noch in den letzten Winkel dringen kann. Im Zuge von Straßenverbreiterungen fielen etliche Häuser der Spitzhacke zum Opfer, die das Kriegsinferno überstanden hatten. Unverständlich, warum man nie versucht hat, Straßenzüge wie den Doormannsweg und die Kreuzung Eimsbüttler Marktplatz/ Kieler Straße mithilfe unterirdischer Straßenführung zu entschärfen. Schade um Eimsbüttels altes Zentrum.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018