Wohnen auf dem Kiez: Das Paloma-Viertel

Modell des Paloma-Viertels
PlanBude

 

Wo einst die Esso-Häuser standen, wird jetzt bis 2020 ein Quartier mit 200 Wohnungen gebaut.

 

Mitten auf dem Hamburger Kiez gibt es eine Großbaustelle, die über Deutschlands Grenzen hinaus bekannt ist. Zwischen Spielbudenplatz, Taubenstraße und Kastanienallee entsteht das „Paloma-Viertel“, das als eine Art gesellschaftlicher Großversuch gilt. Denn das neue Viertel wird dort gebaut, wo einst die berühmten "Esso-Häuser" aus den 1960er-Jahren standen, die 2014 abgerissen wurden. Mit dem Abriss fiel auch die legendäre Esso-Tankstelle weg, die als Treffpunkt auf dem Kiez für alle Arten von Nachtschwärmern galt. Der bundesweit bekannt gewordene Abriss sorgte damals für Proteste, Gegner sorgten sich um die Identität und auch den sozialen Zusammenhalt des Stadtteils St. Pauli. Das Unternehmen Bayerische Hausbau, das das Areal 2009 gekauft hatte, ließ sich daraufhin – auch auf Druck der Politik – auf ein ungewöhnliches Verfahren ein, bei dem Anwohner in besonderer Weise bei der Planung des Neubaus eingebunden wurden.

Die PlanBude, ein neu gegründetes Büro aus Architekten, Planern und Künstlern sowie einer Sozialarbeiterin, sammelte sechs Monate lang Vorschläge der Anwohner und Interessierten. In dem Verfahren ging es immer wieder um den „St.-Pauli-Code“, eine spezielle Mischung im Stadtteil aus Wohnen, Kleingewerbe, Unterhaltung und öffentlichen Bereichen – diese Mischung sollte auch nach Abriss und Neubau wieder entstehen können. Eine Forderung der Politik war zudem, dass der Investor 50 Prozent Sozialwohnungen auf dem Areal baut. Zudem sollten die Mieter der abgerissenen Esso-Häuser zu gleichen oder besseren Konditionen in die neuen Wohnungen einziehen können. Die Gebäude aus den 1960er-Jahren hatten 110 Wohnungen beherbergt.

60 Prozent der Wohnungen sind öffentlich gefördert

Das Resulat des „Plan-Bude-Prozesses“, der deutschland- und europaweit Beachtung fand, ist nun das Paloma-Viertel. Ein entsprechender städtebaulicher Vertrag wurde im Oktober 2018 unterzeichnet. 200 Wohnungen sollen entstehen, davon 60 Prozent öffentlich gefördert. 20 Prozent dieser Wohnungen soll wiederum eine förderfähige Baugenossenschaft realisieren. 40 Prozent werden frei finanzierte Mietwohnungen sein. Zudem sind Flächen für Gastronomie und Clubs, Einzelhandel und einen Supermarkt sowie eine Drogeriekette vorgesehen. Auch ein Hotel mit rund 150 Zimmern und einem zum Kiez passenden Konzept ist geplant. Der Musikclub Molotow, einst ansässig in den Esso-Häusern, soll ins Paloma-Quartier einziehen. Auch das Rock n‘ Roll-Hotel Kogge soll Platz finden. Zudem sollen mehrere einzigartige Projekte im Viertel eine Heimstatt finden, wie etwa eine Stadtteilkantine oder eine offene Werkstatt für Hightech-Geräten, die etwa Schüler nutzen können. Eine Übersicht über die kleinteilige Mischung gibt es hier. 

Nach dem aktuellen Stand der Planungen könnte noch in diesem Sommer der Bauantrag gestellt werden. Der Bebauungsplan lag bis Anfang April aus, jetzt werden die eingegangenen Änderungen bearbeitet. Geplant ist dann, sofern alle Bürgeranträge bearbeitet sind, die „Vorwegnehmungsreife“ feststellen zu lassen. Das war ursprünglich für Juni geplant. Laut Bernhard Taubenberger, Sprecher des Unternehmens Bayerische Hausbau, werde sich das jetzt noch „um wenige Wochen“ verzögern, aber man sei „weitgehend im Plan“. Der Baustart ist für 2020 geplant, die Fertigstellung für Ende 2022.

Vor allem kleine Wohnungen sollen entstehen

Für Verzögerungen hatte gesorgt, dass keine Baugemeinschaft für einen Teil des Grundstücks gefunden wurde. Die Stadt Hamburg prüft nun selbst, dieses Gelände zu kaufen, damit die Quote von 60 Prozent gefördertem Wohnraum gehalten werden kann. Über die Beschaffenheit der neuen Wohnungen sagt Bernhard Taubenberger: „Im öffentlich geförderten Wohnteil wird ein bunter Wohnungsmix von ein bis vier Zimmern nach den Vorgaben des sozialen Wohnungsbaus entstehen. Auch im frei finanzierten Teil wird es einen vergleichbaren Mix geben, wobei wir hier dem in der Bürgerbeteiligung vielfach artikulierten Wunsch des Stadtteils folgen, überproportional viele kleinere Wohnungen auszubilden.“ Über die Höhe der Mieten könne derzeit noch nichts gesagt werden.

Von den Mietern der einstigen Esso-Häuser wird nur ein Teil auch ins Paloma-Viertel ziehen. Von ihrem Rückkehrrecht, so Taubenberger, hätten 46 der 86 Mietparteien Gebrauch gemacht. Der restliche Teil der öffentlich geförderten und frei finanzierten Wohnungen stehe nun anderen Interessenten offen. Jeder könne sich bewerben – die Details zum Bewerbungsprozess will die Bayerische Hausbau rechtzeitig veröffentlichen, allerdings nach Angaben des Sprechers „nicht vor 2021“.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 21.06.2019