Farmsen-Berne - Zwei Ortsteile, zwei Ansichten

Schloss Berne, Berner Allee 31a; wurde 1880 erbaut
Andreas Laible

 

Hier muss man, um am Strand zu liegen, nicht bis zur Ostsee fahren. Und im Winter sind Disco-Fans ganz heiß auf Eis.

 

Fläche in Quadratkilometer: 8,2
Einwohner: 34.634
Wohngebäude: 6417
Wohnungen: 16.702
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 444
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2701
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


Gert Markmann fällt auf, wenn er durch seinen Stadtteil läuft, und das liegt nicht nur an der blauen Uniform, die er trägt. Markmann ist einer, der sich einmischt, der alle grüßt und von vielen freundlich zurückgegrüßt wird. Und weil das in diesen Zeiten wahrlich nicht allen Polizisten so geht, muss es viel mit der Art zu tun haben, wie er seine Arbeit verrichtet. Seit neun Jahren ist Farmsen-Ost sein Revier, und wer wissen will, wie Farmsen-Berne tickt, der muss mit Gert Markmann, dem Stadtteilpolizisten, reden.

An jedem Arbeitstag dreht er zu Fuß seine Runden, mal zwei Stunden, mal acht. Egal ob es Feste gibt im Stadtteil oder feste Haue - Markmann ist dabei. Und wahrscheinlich macht ihm die Arbeit deshalb so viel Freude, weil ergenau so ist, wie sein Stadtteil wirkt - geradlinig, ehrlich, zupackend, nicht überkandidelt, aber immer auch ein wenig stolz auf das Geleistete. Markmann lebt vor den Toren Hamburgs, "sonst hätte ich ja nie meine Ruhe!", aber sein Herz hat er längst an sein Revier verloren: "Ich fühle mich hier absolut zu Hause", sagt er. Und dafür gibt es gute Gründe, denn "Farbe", wie Farmsen-Berne liebevoll genannt wird, hat viele Facetten eines lebenswerten Stadtteils.

Grünanlagen bieten Erholung

Grünanlagen wie der Berner Gutspark oder der Kupferteich bieten Erholung inmitten des urbanen Trubels. Die 1909 gegründete Gartenstadt Berne wirkt mit ihren gleichförmig angelegten Einzel- und Doppelhäuschen, die alle durch die mit Vogelschnitzereien verzierten Fensterläden charakterisiert sind, wie ein urgemütliches Feriendorf. Wenn die Sonne scheint, muss niemand an die Ostsee fahren, denn im Freibad, das 1926 in einer Tongrube der früheren Aktienziegelei am Neusurenland entstand, ist der Naturstrand inklusive. Hier wird im Sommer gemeinsam gegrillt und das Leben genossen.

Obwohl Farmsen und Berne seit 1961 offiziell zusammengehören, gibt es bis heute auf beiden Seiten Bewohner, die mit dem anderen Ortsteil nichts gemein haben wollen. Der Bürgerverein (BV) arbeitet deshalb dafür, dass sich das Zusammengehörigkeitsgefühl trotzdem ausprägt. Lange hieß die Zusammenkunft nur Bürgerverein Farmsen, zum 40. Jubiläum im Jahr 2002 wurde dann symbolisch der Zusatz Berne in den Vereinsnamen aufgenommen. Jedes Jahr verleiht der BV eine Farmsen-Medaille an bis zu drei Personen, die sich ehrenamtlich für den Stadtteil engagiert haben. Er organisiert Veranstaltungen und hilft dort, wo Not ist.

Vier große Sportvereine

Dennoch werden Unterschiede zwischen beiden Ortsteilen nicht wegdiskutiert. Während sich Berne dörflichen Charakter bewahrt hat, bietet Farmsen einen Mix aus gutbürgerlichen Wohnstraßen mit Einzelhausbebauung, sehenswerten Beamtenhäusern im Fachwerkstil gegenüber dem Pflegeheim an der August-Krogmann-Straße, erschwinglichen Wohnungen der Mietergenossenschaft Gartenstadt Farmsen und Bausünden wie der Weißenhof-Hochhaussiedlung. "Wir haben dadurch eine sehr gemischte Bevölkerungsstruktur - von seit vielen Generationen Ansässigen bis hin zu Familien, die in dritter Generation vom Arbeitsamt leben", sagt Gert Markmann.

Farmsen-Berne ist ein Stadtteil mit sehr ausgeprägtem sozialen Denken. Dass dem so ist, dafür sorgen nicht nur die vier großen Sportvereine Farmsener TV, SC Condor, TuS Berne und Post SV oder die vier Kirchengemeinden. Auch die Volkshochschule Hamburg (VHS), die ihr Zentrum Ost am Berner Heerweg unterhält, die benachbarte Bücherhalle und die 13 Schulen bieten an Kultur oder Literatur Interessierten viele Möglichkeiten.

Es gibt mehrere Chöre, die Laienspielgruppe "Die Egozentriker". Das Wandsbeker Symphonie-Orchester probt in den Räumen der VHS. Das Berufsförderungswerk an der August-Krogmann-Straße vermietet seine Räume für Veranstaltungen. Die seit 1992 denkmalgeschützte Karl-Schneider-Halle, benannt nach einem der wichtigsten Architekten der 1920er-Jahre, ist ein beliebter Treffpunkt für Feste.

Zwei Attraktionen, die den Stadtteil früher einzigartig machten, sind leider verloren gegangen. Auf der 24 Hektar großen Trabrennbahn wurde bis 1976 Pferdesport geboten, woran bis heute der Name eines U-Bahnhofs erinnert. Nach jahrelanger Brachlage wurden am heutigen Max-Herz-Ring zwischen 1995 und 1997 moderne Wohnanlagen gebaut. Die 1978 errichtete Eissporthalle ist bis heute Heimspielstätte des Eishockey-Clubs Hamburg Crocodiles. Zwischen Oktober und März findet dort jeden Sonnabend von 20 bis 22 Uhr die Eisdisco statt, die bis zu 700 Gäste anzieht.


Farmsen-Berne historisch

Wer heute in diesem Stadtteil wohnt oder ihn besucht, ahnt vermutlich gar nicht, dass Farmsen-Berne viel länger zu Hamburg gehört als seine Nachbarstadtteile. Schon 1589 hatte Hamburg sämtliche Hoheitsrechte an Farmsen erworben und es in die Landherrenschaft (den Verwaltungsbereich) Walddörfer eingegliedert. Vermutlich bereits im Jahr 1830 ordnete man das Gut Berne dem größeren Farmsen zu (endgültig geklärt ist das nicht), Farmsen kam jedenfalls 1874 zusammen mit Berne zur Landherrenschaft der Geestlande.

Seitdem bildeten beide eine Gemeinde, blieben aber getrennte Ortschaften. Viele Jahre lang waren Farmsen und Berne also einsame Hamburger Inseln in preußischem Gebiet, erst 1937/38 wurden ihre Nachbarn auch zu Stadtteilen.

Das Walddorf ohne Wald

Farmsen galt ursprünglich als Walddorf, war aber schon frühzeitig ziemlich abgeholzt – und das kam so: Um 1550 verwar der Gutsherr Heinrich von Huttelen mit dem Hamburger Rat (Senat) in heftigen Streit über die Besitzverhältnisse in Farmsen geraten. Um ihre Ansprüche deutlicher zu unterstreichen, ließ die Stadt die wertvollen Bäume massenhaft fällen und abtransportieren. Huttelen hielt gegen und versuchte, sich selbst so viel Holz wie möglich zu sichern. Zu allem Überfluss beteiligten sich auch noch die örtlichen Bauern an der Waldvernichtung – zu eigenen Zwecken, versteht sich. Farmsen, das Walddorf ohne Wald, war so möglicherweise langfristig um die Chance gebracht worden, sich als grünes Naherholungsgebiet wie das benachbarte Volksdorf zu empfehlen.

Berne hatte lange aus einem einzigen Gut bestanden, was sich auch an der Einwohnerzahl ablesen lässt. Für das Jahr 1856 waren in Farmsen 316 Menschen registriert, in Berne 28. Im Zusammenhang mit der verkehrstechnischen Erschließung taten sich Farmsen-Bernes Lokalgrößen schwer. Als in den 1860er-Jahren die Eisenbahn bahn Hamburg–Lübeck gebaut wurde, bestand auch für Farmsen die Möglichkeit, ans Netz angeschlossen zu werden. Doch die Gemeinde lehnte ab, aus Angst vor einer Zerschneidung der Felder und vor den Auswirkungen des Kohlenrauchs.

1903 wurde eine elektrische Bahn von Friedrichsberg nach Volksdorf über Farmsen-Berne geplant. Diesmal forderten die Farmsener zu viel Geld, woraufhin wieder eine Absage kam. Erst nach dem Bau der Walddörferbahn 1920 erhielten beide Orte ihre Bahnstationen. Einerseits blieb dem Ort tatsächlich die Zerschneidung erspart, andererseits behielten Farmsen und Berne noch über Jahre den Ruf, „weit draußen“ zu liegen.

Tod im Gutshaus

Farmsen-Berne kann sich rühmen, dass hier zwei Gutshäuser und zwei Gartenstädte stehen. Anders als die des Farmsener Anwesens, das aus dem 19. Jahrhundert stammt und jahrzehntelang die örtliche Ortsdienststelle beherbergte, ist die Geschichte des Berner Gutshauses gut dokumentiert. Das Gut wurde schon 1296 erstmals urkundlich erwähnt – als Berner Meyerhof. Das heutige Gutshaus stammt aus der Ära des Barons Charles von Schröder, der den Hof im späten 19. Jahrhundert zu einem Mustergut mit „Schloss“, Park und großem Viehbestand umgestalten ließ.

1919 erwarb es der Kaufmann Cornelius Heinrich De Boer, der weitere Umbauten vornehmen ließ und sich auf dem Dach des Gutshauses eine kleine Sternwarte einrichtete. In dem Buch „Berne damals“ wird eine furchtbare Tragödie beschrieben, die sich circa 1923 in dem Haus abspielte. Demnach starben die drei kleinen Söhne De Broers, das Hausmädchen und zwei weitere Kinder an einer Pilzvergiftung. Der verzweifelte Unternehmer soll sich danach nur noch selten dort aufgehalten haben. Mitte der 1920er-Jahre ging er Konkurs, das Gut wurde versteigert.

Die Berner Gartenstadt ist die ältere der beiden: Zwischen 1919 und 1929 wurde sie von der Wohngenossenschaft Gartenstadt erbaut. Die entschlossene Schaffung von bezahlbarem Wohnraum trug dazu bei, dass Farmsen-Berne 1939 schon mehr als 8000 Einwohner hatte – fast doppelt so viele wie zum Beispiel Tonndorf oder Wellingsbüttel. Die Anfang der 1950er- Jahre erbaute Gartenstadt Farmsen mit ihren mehr als 2500 Wohnungen knüpfte an diese Tradition an, allerdings wurde sie nicht in Eigeninitiative errichtet, sondern durch die Neue Heimat. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der Stadtteil zunächst nur den Namen Farmsen erhalten, aber die Bewohner von Berne widersetzten sich vehement und erfolgreich.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018