Rahlstedt - Stadtteil mit drei Gesichtern

Rahlstedt Center an der Schweriner Straße
Andreas Laible

 

Eine kleine Großstadt, die ihr Wachstum im unaufhörlichen Wandel sucht.

 

Fläche in Quadratkilometer: 26,6
Einwohner: 90.631
Wohngebäude: 15.225
Wohnungen: 43.853
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 418
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2670
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

"In der Nähe einer mitteldeutschen Stadt, mit der Bahn in zwanzig Minuten zu erreichen, lag das Villendorf." So sollte ein Roman beginnen, doch Detlev von Liliencron, aus dessen Feder die Zeilen flossen, kam nicht weit über diese ersten Worte des ersten Kapitels hinaus. Am 22. Juli 1909 starb der 65-jährig in Altrahlstedt. In jenem Villendorf, in das er acht Jahre zuvor gezogen war, in dem er sich wohl gefühlt und das er beim Schreiben seines letzten Romanbeginns vor Augen gehabt hatte.

Die Bahn aus der Hamburger Innenstadt ist heute fünf Minuten schneller als vor 103 Jahren. Wer, Liliencrons Worte im Sinn, aussteigt, muss sich dennoch wundern. Da ist kaum eine einzige Villa zu sehen. Und von einem Dorf kann nicht die Rede sein. Rahlstedt, mit 90.000 Einwohnern Hamburgs bevölkerungsreichster Stadtteil, hat beinahe Großstadtdimensionen angenommen. Dafür bietet der Ort heute auch viele Vorzüge einer größeren Stadt: mehr als ein Dutzend Schulen, darunter drei Gymnasien. Viele Kindertagesstätten. Und eine Geschäftswelt, deren Angebot weit über den täglichen Bedarf hinausgeht.

Wandel und Wachstum

Moderne Geschäftshäuser säumen die beiden Haupteinkaufsstraßen - die Rahlstedter Bahnhofstraße und die Schweriner Straße -, die eine L-förmige Fußgängerzone bilden. Mittendrin thronen die Rahlstedt Arcaden, eine überdachte Einkaufswelt auf zwei Ebenen. Wandel und Wachstum prägen Rahlstedt bis heute. Allerdings haben sie dem Stadtteil nie wieder so gut gestanden wie zu Detlev von Liliencrons Zeiten.

Damals entstand die Anlage des Ortskerns in seiner heutigen Form. Der Fabrikant Cord Eduard Heinrich Grube hatte sich Ende des 19. Jahrhunderts gemeinsam mit anderen Geschäftsleuten erfolgreich für den Bau eines Bahnhofs an der Strecke von Hamburg nach Lübeck eingesetzt. Das Zentrum verlagerte sich daraufhin weg von der Feldsteinkirche, die 1248 erstmals urkundlich erwähnt worden war, hin zu diesem neuen Bahnhof.

Mit den Zügen kamen die Tagesausflügler, mit dem Tourismus entstanden Lokale, Pensionen und Biergärten. Zeitgleich entdeckten wohlhabende Hamburger die Vorzüge des noch relativ günstigen Baulandes, sodass in den ersten Jahren des 20. Jahrhunderts riesige Neubaugebiete mit herrschaftlichen Häusern entstanden.

Jahrzehntelang bestimmten Villen auch das Bild des Ortskerns. Doch mit den Jahren begannen ihre Fassaden zu bröckeln. In den 70er-Jahren wurde der Verfall unübersehbar. Aus heutiger Sicht hätte der Bausubstanz vielleicht ein bisschen Pflege gutgetan. Aber die Rahlstedter hatten andere Pläne: das Einkaufszentrum. Im November 1983 wurde die neue, überdachte Shoppingwelt eingeweiht, die einen Hauch von großstädtischem Flair in den Vorort zu bringen verhieß. Und viele waren begeistert, obwohl - oder weil - dieser Bau ein ganzes Quartier von Grund auf verändert hatte. Der Abriss alter Häuser setze sich in den folgenden Jahren fort, die Liste ist lang.

Zuletzt fiel Anfang 2010 das traditionsreiche Hotel Hameister, Anfang 2012 schließlich das Bahnhofsgebäude. Rahlstedt schafft Platz für noch mehr moderne Geschäftshäuser.

Das älteste Gesicht Rahlstedts muss man suchen

Ein wenig abseits des Zentrums scheint dagegen die Zeit stillzustehen. In ganzen Vierteln stehen die prächtigen Villen aus der vorvergangenen Jahrhundertwende noch in einer Häufung, die für einen an sich eher unauffälligen Hamburger Stadtteil außergewöhnlich ist. Rahlstedts allerschönste Seite! Ein klassisches Pflaster für Wohlhabende ist der Stadtteil dennoch nicht.

Reich und weniger reich liegen ganz dicht beieinander. Wo ein Straßenzug mit Villen endet, ist das nächste Hochhausviertel nicht weit. Großlohe zum Beispiel. Die in den 60er-Jahren von staatlichen Wohnungsbauträgern am äußersten Stadtrand hochgezogene Siedlung hatte von Anbeginn mit ihrem Ruf als sozialer Brennpunkt zu kämpfen und trug maßgeblich zu einem eher schlechten Image Rahlstedts bei.

Inzwischen tut sich viel in diesem und in anderen Quartieren. Die Saga-GWG, der beinahe 2000 Wohnungen in Großlohe gehören, hat in den vergangenen Jahren mehr als 60 Millionen Euro investiert, um die Bausubstanz durchzusanieren. Mit Erfolg: Die Häuser sehen heute gepflegter und einladender aus als noch vor einigen Jahren.

Ein drittes Gesicht Rahlstedts, das älteste, muss man heute gezielt suchen. Aber hier und da zeigt es sich noch: Alte Bauernhöfe, letzte Zeugnisse einer jahrhundertelangen landwirtschaftlichen Tradition. Der Rahlstedter Dorfplatz, historisches Zentrum Neurahlstedts, ist nahezu unverändert erhalten. Ein Dorf inmitten von Wohngebieten.

550 Hektar großer Rückzugsort

Jahrzehntelang war das Militär allgegenwärtig in Rahlstedt, marschierten Kompanien von Soldaten durch die Straßen, lag in klaren Nächten das Dröhnen der Panzermotoren in der Luft. Die Zäsur kam 1993: Die Bundeswehr zog sich aus den beiden in den 30er-Jahren gebauten Kasernen zurück, die Blocks wurden mit wenigen Ausnahmen abgerissen. Auf dem Gelände der Boehn-Kaserne an der Timmendorfer Straße bewiesen Stadtplaner mit dem Neubaugebiet Rahlstedter Höhe, dass massiver Geschosswohnungsbau sehr ansprechend aussehen kann.

Auf dem Areal der Graf-Goltz-Kaserne an der Sieker Landstraße ist das Quartier Boltwiesen mit Mehrfamilien- und Reihenhäusern entstanden - Wohnraum, den insbesondere junge Familien zu schätzen wissen. Die alte Panzerstraße ist noch erhalten. Die Betonpiste führt heute durch ein Gewerbegebiet hindurch hinaus auf den früheren Truppenübungsplatz Höltigbaum.

Das rund 550 Hektar große Gelände, das zur Hälfte in Schleswig-Holstein liegt, ist ein Naturschutzgebiet geworden - und der Rückzugsort für Rahlstedter, die ins Grüne wollen. Spaziergänger wissen das Gelände ebenso zu schätzen wie Radfahrer und Inlineskater. Am Ende der Straße Eichberg ist das Haus der Wilden Weiden entstanden, ein Informationszentrum für den Höltigbaum.

Besucher können sich dort auch über die sogenannte halboffene Weidelandschaft informieren: Auf dem Höltigbaum weiden das ganze Jahr über Rinder und Heidschnucken, die dafür sorgen, dass die Landschaft nicht zuwuchert. Auch hier ist Rahlstedt immer noch ganz Dorf.


Rahlstedt historisch

Dass Rahlstedt einmal so riesig werden würde wie eine mittlere Kleinstadt heutiger Prägung, war um 1200 natürlich nicht zu ahnen. Damals wurde die Altrahlstedter Kirche errichtet – heute das mit Abstand älteste Bauwerk im Stadtteil. Schon im 13. Jahrhundert gab es gleich zwei Dörfer, sozusagen im Doppelpack: Sowohl Rahlstedt (1248) als auch Neurahlstedt (1288) wurden damals erwähnt. Aus Rahlstedt machte man schließlich zunächst Altrahlstedt.

Die Rahlstedter Heide muss eine unwirtliche Gegend gewesen sein – irgendwie gerade richtig als Kriegsschauplatz. Im Dreißigjährigen Krieg nahmen die Feldherren Tilly und Wallenstein im Dorf Quartier, und während der Franzosenzeit kam es zu heftigen Gefechten zwischen dänischen und russischen Truppen. Den Rahlstedtern wurde damals viel abverlangt. 1814 mussten sie rund um die Uhr russische Soldaten und ihre Pferde versorgen – ein Zustand, der fast das ganze Jahr über andauerte.

Von 1773 an gehörte Rahlstedt zu Dänemark, 1864 fiel es an Preußen. Beim Bahnhof erinnert übrigens ein Findling an den 1848er Aufstand der Schleswig- Holsteiner gegen die Dänen. 1865 eröffnet die Lübeck-Büchener Eisenbahn, drei Jahre später erhält Altrahlstedt eine kleine Haltestelle.

Rahlstedt wird Großgemeinde

Ein weiterer Schritt in Richtung neue Zeit ist die Eröffnung der Kaiserlichen Postagentur Altrahlstedt anno 1873. 1927 entstand das echte, einzige – und ganze Rahlstedt, als nämlich Altrahlstedt, Neurahlstedt und andere preußische Landgemeinden, darunter Oldenfelde und Meiendorf, zusammengeschlossen wurden. Die Großgemeinde hatte rund 10.000 Einwohner. Mit dem Groß-Hamburg-Gesetz erfolgte 1937/38 die Anbindung an die Hansestadt.

Als Glücksfall für Rahlstedt erwies sich die Errichtung einer richtigen Bahnstation im Jahr 1893. Zum einen bildete der Bahnhof ein sehr lebendiges Ortszentrum, zum anderen erlebte die gesamte Gegend einen enormen Aufschwung. Damals wurde Rahlstedt als Wohnort für Hamburger attraktiv, die von einem eleganten eigenen Haus träumten, sich aber keine Villa innerhalb der hamburgischen Stadtgrenze leisten konnten.

1892 hatte Julius Simmonds ein Herrenhaus für sein Gut Höltigbaum errichten lassen, außerdem ließ er rund um den im Bau befindlichen Bahnhof Straßen anlegen und teilweise bebauen. Es begann ein regelrechter Bauboom, und überall in Rahlstedt findet man noch heute schmucke Einzelhäuser und Villen aus dieser Zeit. Zahlreiche Straßen wurden ausgebaut, darunter Bahnhofstraße, Amtsstraße und Oldenfelder Straße, 1898 bekam Altrahlstedt ein eigenes Elektrizitätswerk und Straßenbeleuchtung.

Zur Jahrhundertwende hatte jede Dorfgemeinde im Amtsbezirk Altrahlstedt eine eigene Volksschule und von 1904 an kamen die „Altrahlstedter Neuesten Nachrichten“ heraus. 1905 wurde das Verwaltungsgebäude des Amtsbezirks fertiggestellt, das über Jahrzehnte Standesamt, Einwohnermeldeamt und Polizei unter seinem Dach beherbergte.

Abbruch bei Liliencron und Steinhagen

Seit 1901 lebte der Schriftsteller Detlev von Liliencron an der Altrahlstedter Bahnhofstraße. Liliencron, als Lyriker ein wichtiger Vertreter des deutschen Impressionismus, starb schon acht Jahre später, aber in Rahlstedt ist man so stolz auf den Dichter, als hätte er hier sein ganzes Leben zugebracht. Liliencrons Grab liegt hier, und es gibt natürlich – seit 1934 – ein Denkmal. Aber sein Wohnhaus war 1973 schnöde abgebrochen worden, das heutige Detlev-von-Liliencron-Haus wurde erst viel später gebaut.

Der Liliencronpark entstand in den Jahren 1932/33, nachdem die Gemeinde Rahlstedt den alten Mühlenteich gekauft hatte, der dann trockengelegt und aufgefüllt wurde. Genauso schnöde verfuhr man viel später mit dem Haus des etwas skurrilen Künstlers Heinrich Steinhagen (1880–1948). Steinhagen, einer der Mitbegründer der Hamburgischen Sezession, hatte in den 1920er-Jahren damit begonnen, in Rahlstedt selbst ein Haus aus Holz und Lehm zu bauen. Er stellte alles in Eigenarbeit her, die Kunst, so seine Idee, sollte das ganze Haus durchdringen. Anfang der 1960er-Jahre wurde das Gesamtkunstwerk sang- und klanglos abgebrochen, das Inventar zerstört.

1922 waren die Gemeinden Altrahlstedt, Neurahlstedt und Oldenfelde an das Bergedorfer Gaswerk angeschlossen worden, ein Jahr später wurde die Wilhelmstiftung errichtet – das heutige Kinderkrankenhaus Wilhelmstift. 1936 begann die Errichtung des Standortübungsplatzes Höltigbaum, kurz darauf folgte der Bau von Boehn- und Graf- Goltz-Kaserne. Im Zweiten Weltkrieg hatte Rahlstedt mehr Glück als andere Hamburger Ecken, „nur“ 32 Häuser wurden zerbombt. Doch vieles, was vom Krieg verschont geblieben war, ließ man später abreißen und die Grundstücke neu bebauen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018