Volksdorf - Ruhiger Stadtteil mit vielen Familien

Die Ohlendorff´sche Villa in Volksdorf
Klaus Bodig

 

Und immer steht man fast im Wald - in diesem "Kurort", dessen Wohlstand auf Vogelkot gegründet wurde

 

Fläche in Quadratkilometer: 11,6
Einwohner: 20.625
Wohngebäude: 5496
Wohnungen: 9009
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 609
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3673
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Dichtes Gehölz neben der Straße, scharfe S-Kurven, ein Schild warnt vor Wildwechsel: Wer sich Volksdorf mit dem Auto von Sasel aus nähert, könnte sich in den Harz versetzt fühlen, wäre da nicht die HVV-Bushaltestelle hinter der nächsten Biegung.

Im Bezirk Wandsbek gehört Volksdorf zu den "jüngeren", wachsenden Stadtteilen und zu denen mit den höchsten Durchschnittseinkommen. Die Fußgängerzone Weiße Rose, benannt nach der Widerstandsgruppe aus der Zeit des Nationalsozialismus, vermittelt einen Eindruck davon: Auffallend viele Mütter mit Kinderwagen oder Buggys sind auf dem Platz in der Ortsmitte unterwegs.

Natürlich gibt es die allgegenwärtigen Edeka-, Thalia- und Fielmann-Filialen; aber das Angebot geht über das Übliche deutlich hinaus. Es umfasst zum Beispiel mehrere Modeboutiquen und ein Fachgeschäft mit hochwertiger Unterhaltungselektronik. Auch der Lebensmitteleinkauf macht selbst anspruchsvollen Kunden Spaß. Sie finden einen Biomarkt und auf einer Distanz von kaum 200 Metern nicht weniger als vier Bäckereien, zwei davon mit Ökoware.

Die Hamburger Buddenbrooks

Architektonisch ist die Weiße Rose allerdings keine Perle. Triste Zweckbauten aus den 1970er-Jahren prägen das Bild. Aus dem Rahmen fällt die Postfiliale - eine Backsteinvilla im Landhausstil, über deren Eingang tatsächlich noch das Wort "Postamt" in metallenen Lettern prangt.

Nur ein paar Schritte weiter, direkt an der stark befahrenen Eulenkrugstraße, auf der der Verkehr nach Ahrensburg und zur Autobahn 1 rollt, haben Investoren im Jahr 2004 ein modernes vierstöckiges Einkaufszentrum errichtet, das den Geschäftsleuten eine Standortalternative zum Ortskern bieten sollte. Doch das Projekt stand unter keinem guten Stern. Es kam zu erheblichen Bauverzögerungen; dann fand man nur schleppend Mieter. Das besserte sich erst 2009.

Auch die Eulenkrug-Passage ändert nichts daran, dass Volksdorf auf Besucher wie ein Kurort wirkt. Der Landschaftsgarten hinter der Ohlendorff'schen Villa unweit des Einkaufszentrums verstärkt diesen Eindruck noch, denn er sieht aus wie ein Kurpark im Kleinformat. Die Ohlendorffs, einst die reichste Familie der Hansestadt und so etwas wie die Hamburger Buddenbrooks, legten den Grundstein für die heutige Bedeutung Volksdorfs.

Neues aus Fachwerk und Reet

Durch den Import von Guano-Dünger wohlhabend geworden, sicherte sich Heinrich von Ohlendorff um 1870 dort zunächst umfangreiche Jagdreviere und mehrere Bauernhöfe. Später bot er Baugrundstücke aus seinem Besitz an, die durch die Anbindung Volksdorfs an die Kleinbahnlinie von Alt-Rahlstedt nach Wohldorf - für die Ohlendorff sich starkgemacht hatte - erheblich im Wert gestiegen waren. Doch noch immer prägen Wälder und Wiesen das Bild Volksdorfs: im Norden der Staatsforst entlang der Grenze zu Schleswig-Holstein, im Westen das Naturschutzgebiet Teichwiesen, im Süden der Volksdorfer Wald.

Nirgends hat man es weit bis in die Natur. So genügen von der geschäftigen Weißen Rose aus drei bis vier Gehminuten, bis den Fußgänger unter den mächtigen Buchen des Volksdorfer Walds ein vielstimmiger Vogelchor empfängt.

Auf üppiges Grün muss man aber auch in den Wohngebieten nicht verzichten. Typisch sind Straßen, in denen eine Baumreihe die Grundstücke mit den Einfamilienhäusern verbirgt - wie etwa am Huusbarg. Allerdings gibt es auch Areale mit geschlossenerer Bebauung. So etwa die Siedlung aus schwarz-weißen Flachdachhäusern im Bungalowstil der 1950er-Jahre nahe Buckhorn.

Von 1990 an entstand ein größerer Komplex von Sozialwohnungen in Backsteinbauweise am Buchenkamp. Weitere zehn Jahre später errichtete man am südöstlichen Ortsrand kantige, hoch aufragende Reihenhauszeilen, bei denen man erst gar nicht versuchte, sie schonend in das Umfeld zu integrieren - was bei manchem Anwohner verständlichen Unmut auslöste.

Üppige Ausstattung mit Schulen

Dass es auch anders geht, beweisen die ebenfalls neueren Häuser mit Fachwerk und Reetdach, umgeben von Kopfsteinpflaster, die am Lerchenberg stehen. Eine derartige Bauweise hat natürlich ihren Preis, aber Volksdorf gehört ohnehin nicht zu den günstigen Stadtteilen, wenn es ums Wohnen geht.

Dem hohen Familienanteil an der Bevölkerung entspricht das Angebot an Schulen: In Volksdorf gibt es vier Grundschulen, eine Stadtteilschule und zwei Gymnasien. Die traditionsreichste dieser Bildungsstätten ist das 1930 gegründete Walddörfer-Gymnasium. Unter den prominenten Absolventen der in imposanten Rotklinkerbauten des Hamburger Stadtbaumeisters Fritz Schumacher untergebrachten Schule sind neben Politikern wie dem früheren Ersten Bürgermeister Ole von Beust und dem ehemaligen Wirtschaftssenator Gunnar Uldall auffallend viele Künstler: der Schauspieler und Regisseur Boy Gobert, der Pianist und Präsident der Johannes-Brahms-Gesellschaft Detlef Kraus, der Schriftsteller und Übersetzer Harry Rowohlt sowie der Jazz-Bassist Philipp Steen.

Selbst wenn die Natur das Ortsbild bestimmt, müssen die Volksdorfer nicht auf eine eigene Kulturszene verzichten, und sie haben sogar selber einmal dafür gekämpft: Als Ende 1999 das Programmkino Koralle geschlossen wurde, dokumentierten in einer Unterschriftenaktion mehr als 11.000 Bürger der Walddörfer, dass sie diese Institution erhalten wollten. Innerhalb eines Jahres kamen genügend Spenden zusammen, um ein modernes Bürgerhaus mit Bühne und Bistro direkt am Gelände des Volksdorfer Wochenmarkts errichten zu können.

Dieser Markt, mit rund 100 Ständen einer der größten Hamburgs, ist so etwas wie das Herz des Stadtteils. Auswärtigen Besuchern bietet er an jedem Mittwoch- und Sonnabendvormittag die beste Möglichkeit, einen Eindruck vom Volksdorfer Leben zu bekommen. Und bis zum nächsten Wald ist es auch von hier aus nicht weit.

 

Volksdorf historisch

Solche Zeitreisen haben nur ganz wenige Stadtteile zu bieten: Beim Rundgang durch das Museumsdorf wird Volksdorfs Geschichte wieder lebendig – jedenfalls große Teile davon. Hier sieht man, dass Bauern und Handwerker in der Gegend einst das Sagen hatten – lange bevor die Städter die schöne Gegend für sich entdeckten.

Vom Jagdrevier zur Villenkolonie

Zusammen mit anderen Dörfern, darunter Wohldorf, wurde Volksdorf 1497 (nach anderen Quellen 1437) „an die ehrsamen Bürgermeister und Ratsherren der Stadt Hamburg“ verpfändet. Da das Pfand nie eingelöst wurde, blieb das Dörfchen hamburgischer Grundbesitz. 1855 hatte Volksdorf 395 Einwohner, es gab unter anderem einen Schmied, einen Bäcker und einen Schlachter. 90 Kinder besuchten die Schule – alles ganz friedlich-ländlich.

Viele Volksdorfer werden gar nicht mitbekommen haben, dass der Hamburger Unternehmer Heinrich Ohlendorff schon 1867 damit begonnen hatte, in Volksdorf ein großes Jagdrevier zusammenzupachten. Ohlendorff, der sein Vermögen mit der Umwandlung von Vogelmist zu Dünger gemacht hatte und entsprechend als „Guano-König“ bezeichnet wurde, war zunächst nicht gerade der Star in Hamburgs feiner Gesellschaft. Als er 1873 von Kaiser Wilhelm I. geadelt wurde und den Titel – ganz unhanseatisch – dankend annahm, schüttelte man einmal mehr den Kopf über diesen Mann.

Doch Ohlendorff, einer der ersten (und lange Zeit der einzige) unter Hamburgs Kaufleuten, die sich massiv für den Zollanschluss einsetzten, war bei aller Kauzigkeit ein kühler Rechner mit einem scharfen Verstand. Binnen kurzer Zeit hatte er in Volksdorf und Umgebung mehr als 2,7 Quadratkilometer Land zusammengekauft, und bald beteiligte er sich an einem schwunghaften Grundstückshandel. Acht Gesellschaften boten von 1913 an „Terrainspekulanten, Baugesellschaften oder Bauunternehmern“ günstiges Land für eine „vornehme Bebauung“ an. 1908 hatte Volksdorf 684 Einwohner.

Der Siedlungsbau kommt, die Bauernhäuser dürfen bleiben

Genau wie die Investoren in Wellingsbüttel oder Othmarschen setzte auch Ohlendorff früh auf die verkehrstechnische Erschließung Volksdorfs. Den Bau der Kleinbahn von Alt-Rahlstedt nach Volksdorf (1904 eröffnet) und Wohldorf-Ohlstedt (ab 1907) sowie später der Walddörferbahn (ab 1925) unterstützte er energisch. Volksdorf wurde „in“.

Zu denjenigen, die sich in der Gegend einkauften, gehörten Baron Albert von Westenholz und Kaufmann Heinrich Adolph Klöpper. Damals wurden vor Ort auffallend schöne Villen erbaut, von denen einige, zum Beispiel das Landhaus Klöpper, noch erhalten sind. Ohlendorff selbst ließ sich von Martin Haller ein großes Jagdhaus an der heutigen Straße Im Alten Dorfe errichten.

Doch in Volksdorf wurde natürlich nicht nur groß und teuer gebaut. Schon 1921 hatte Fritz Höger an der Straße Op de Elg Siedlungshäuser mit schönen Gärten errichtet. 1935 entstand die Kapitänssiedlung am Herkenkrug, und 1937 kam die Arbeitersiedlung an der Rittmeisterkoppel hinzu. Im Jahr 1939 war die Zahl der Einwohner auf 6569 geklettert.

Ohlendorffs Sohn Hans verkaufte nach dem Tod des Vaters (1928) viel Land an die Stadt und ließ das Jagdhaus abreißen. Nach dem Zweiten Weltkrieg veränderte sich Volksdorf stark. Die Zahl der Einwohner verdoppelte sich gegenüber der Vorkriegszeit auf 13.551 (im Jahr 1951), viele neue Häuser und der zunehmende Autoverkehr rückten dem alten Ortskern zu Leibe. Zum Glück wurden Anfang der 1960er-Jahre die Pläne für das Museumsdorf realisiert – Volksdorfs ländliche Vergangenheit durfte weiterleben.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018