Marienthal - In Wandsbek eine andere Welt

Marienthal, Schöne Villa Nöpps, Ecke Ernst-Albers-Straße
Piel

 

Die Perle des Ostens: Wer hier lebt, ist stolz, dass manches anders ist als im Rest der Stadt.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,2
Einwohner: 13.417
Wohngebäude: 2139
Wohnungen: 6565
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 613
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3453
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Nein, mit dem großen Nachbarn wollen sie sich weder identifizieren noch vergleichen. Zwar gehören die Marienthaler gezwungenermaßen zum Bezirk dazu, "aber Wandsbek ist etwas ganz anderes", bestätigt Susanne Lauven, "Wandsbek ist Quarree". So eine mehrgeschossige Einkaufspassage gibt es hier nicht, nicht einmal einen Supermarkt. Lauven steht im Kiosk von Anke und Wolfgang Hoffmann, und die anderen Kunden unterstreichen ihren Satz mit Nicken.

Stolz und Lokalpatriotismus, der historisch begründet scheint. Immer wieder wehrten sich die Marienthaler in den vergangenen Jahrhunderten erfolgreich gegen die Einverleibung und kämpften für politische Eigenständigkeit. Anders als beispielsweise das benachbarte Hinschenfelde bewahrte sich Marienthal nach dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937/38 und folgenden Gebietsreformen den Status als Stadtteil.

Laden ist das gefühlte Zentrum

Hoffmanns kleiner Laden an der Kielmannseggstraße ist das gefühlte Zentrum: Hier trifft man sich, diskutiert, tauscht sich aus. Besser als Hoffmann weiß keiner, was im Stadtteil los ist. "Na ja, ich bin schon ein wenig der Ansprechpartner hier", sagt er zurückhaltend. Neben dem Klönschnack schätzt die Stammkundschaft auch das für einen Kiosk umfangreiche Sortiment, zu dem auch ein Fax- und Kopierservice, Geschenkideen und täglich frische Brötchen gehören. Zudem beinhaltet der Kiosk, den Ehefrau Anke seit einiger Zeit federführend betreibt, eine Lotto-Annahmestelle und einen Paket-Shop. Die Hoffmanns decken den Grundbedarf. Wer mehr benötigt, muss über die Grenze.

Im Norden Wandsbek, im Osten Jenfeld, im Süden Horn, im Westen Hamm-Nord und Eilbek - Marienthal ist umgeben von Stadtteilen mit besseren Einkaufsmöglichkeiten. Aber auch mit größeren Problemen. Wer in dieses gerade mal 3,2 Quadratkilometer große Gebiet zwischen Hammer Straße und Holstenhofweg eintaucht, betritt eine andere Welt. Jugendstilvillen und prachtvolle Einfamilienhäuser prägen hier das meist kopfsteingepflasterte Straßenbild.

Vor den Anwesen parken teure Autos, die Alarmanlagen an den Häuserwänden sorgen für einen Rotlichtbezirk der anderen Art. Mit seinen vier zusammenhängenden Gehölzen gilt der Stadtteil zudem als grüne Oase. Marienthal, die Perle des Ostens. "Wir sind ein spezielles Völkchen, und irgendwie lebt es sich hier tatsächlich wie in einem Tal", sagt Wolfgang Hoffmann.

Marienthal lockt neue Generationen

Lange Zeit hatte Marienthal mit dem Image eines überalterten und spießbürgerlichen Stadtteils zu kämpfen. Unvergessen die Klage von Anwohnern der Straße Nöpps gegen den Kindergarten Marienkäfer, der nach achtjährigem Rechtsstreit im Jahr 2005 tatsächlich seinen Standort aufgeben musste. Doch Marienthal wandelt sich, die Zahl der Kinder nimmt zu. Es ist die Sehnsucht nach Ruhe und Idylle, die neue Generationen anlockt.

"In letzter Zeit sind viele junge Familien hergezogen", hat auch Ruth Martens bemerkt. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Claus sitzt die Seniorin im ersten Stock ihres Wohnhauses an der Kielmannseggstraße und genießt den Blick ins Wandsbeker Gehölz. Vögel zwitschern vielstimmig durch die offene Balkontür, ein Specht hämmert sein Stakkato in die Laubbäume des Parks.

"Früher", sagt Claus Martens, steht auf und weist in Richtung eines Kinderspielplatzes, "früher gab es hier das Groß Jüthorn und nicht weit entfernt, dort, wo Bovestraße und Jüthornstraße sich teilen, das Klein Jüthorn." Zwei sogenannte Gartenwirtschaften, Lokale mit Außengastronomie und einigen Attraktionen im Programm: "Hier war immer was los."

Früher. Das heißt in diesem Fall an der Schwelle zum 20. Jahrhundert, als es hier auch noch eine große Schokoladenfabrik gab. Martens kennt die alten Geschichten von seinem Großvater, der 1902 nach Marienthal kam und zehn Jahre später den "Milchausschank Claus Martens" eröffnete. In zweiter Generation wurde das Sortiment erweitert, ehe Claus Martens junior den Betrieb gemeinsam mit seiner Ehefrau zu einem kleinen Supermarkt ausbaute.

Mutter Martha half noch im Alter von 88 Jahren im Familienbetrieb mit. 100 Quadratmeter Ladenfläche waren es am Ende. Und das kam im Jahr 2002, als das Ehepaar die Schließung vor allem aus Altersgründen beschloss. An ihrem Entschluss konnten auch spontane Protestkundgebungen der Stadtteilbewohner nichts mehr ändern. Auch wenn ihnen die besondere Bedeutung ihres Geschäfts bewusst war. "Unser Laden war für viele Menschen der Mittelpunkt in Marienthal, aber der Entschluss war richtig", sagt Martens und blickt hinaus ins Gehölz, wo gerade eine große Gruppe junger Männer und Frauen vorbeijoggt.

Concordia war lange dritte Fußballkraft

Sie tragen verschiedenfarbige Pullover mit aufgedruckten Zahlenkombinationen und Wappen unterschiedlicher Art - die Bundeswehroffiziere des direkt hinter der Stadtteilgrenze an der Stoltenbrücke gelegenen Wohnbereichs der Helmut-Schmidt-Universität nutzen den Park regelmäßig und gern zum Sport. Sie sind hier ebenso Dauergäste wie die Patienten der Asklepios-Klinik Wandsbek und jene Läufer mit dem schwarzen C inmitten eines roten Kreises auf der Kleidung. C wie Concordia.

Der SC Concordia von 1907 ist der traditionsreiche Marienthaler Sportverein. Viele Jahrzehnte waren die Concorden die dritte Kraft im Hamburger Fußball. In den Nachkriegsjahren spielten die Rot-Schwarzen immerhin 15 Saisons erstklassig. Zu der Ligapartie gegen den Hamburger SV strömten im Jahr 1952 mehr als 14.000 Zuschauer in das Stadion Marienthal.

Und sogar in den 90ern kämpften die Fußballer noch in der drittklassigen Regionalliga. Heute spielt die Mannschaft unter dem Namen Wandsbeker TSV Concordia in der Oberliga, vier Spielklassen von der Bundesliga entfernt - und im 1924 erbauten Stadion an der Oktaviostraße niemand mehr. Die Betriebskosten konnten nicht mehr annähernd gedeckt werden.

Martens hat die traurige Geschichte aus nächster Nähe miterlebt, schon als kleiner Junge kickte er in Concordias F-Jugend. Bis zu den Super-Senioren blieb er seinem Klub als Spieler treu. Sein Herz hängt bis heute an diesem Verein. Bei Kioskbesitzer Hoffmann, der den Klub nach wie vor als Sponsor unterstützt, ist es nicht anders.

Die verschiedenen Mannschaft des Clubs tragen ihre Heimspiele mittlerweile oft jenseits der Stadtteilgrenze aus, am Bekkamp in Jenfeld oder drüben im Sportpark Hinschenfelde in Wandsbek. Und Wandsbek ist nun mal für die Marienthaler etwas ganz anderes. Wandsbek ist für sie Quarree.


Marienthal historisch

Die Geschichte Marienthals ist mit einem groß angelegten Abrissprojekt verbunden, das man heute vermutlich skandalös fände. 1857 hatte der Spekulant Johann Anton Wilhelm Carstenn den südlichen Teil Wandsbeks mit dem gleichnamigen Gut gekauft. Dessen Mittelpunkt bildete das ab 1762 unter Heinrich Graf von Schimmelmann errichtete Schloss samt Park, das zuletzt Gaststätte war. Carstenn ließ das Schloss 1861 abbrechen, um die Gegend zu parzellieren und die einzelnen Grundstücke gewinnbringend weiterzuverkaufen. Nur der 64 Meter breite Marstall blieb zunächst erhalten, Reste davon waren noch in den 1970er-Jahren zu finden.

Wie Marienthal seinen Namen wirklich bekam

Im selben Jahr beantragte Carstenn beim dänischen König Friedrich VII. in dessen Eigenschaft als Herzog von Holstein, den Namen des Gutes „Wandsbeck Privater Antheil“ in Marienthal umzubenennen. Er erhielt die Genehmigung und der Ort den neuen Namen. Dieser geht angeblich auf die Freifrau Maria von Kielmannsegg zurück, deren Ehemann Friedrich Christian am Wandsbeker Mühlenteich einen Witwensitz für seine Ehefrau hatte errichten lassen. Diese Erklärung wird seit Jahrzehnten immer wieder kolportiert, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit stimmt sie gar nicht.

In seinem Wandsbek-Buch zitiert Autor Michael Pommerening aus einer erst vor wenigen Jahren im Landesarchiv Schleswig-Holstein entdeckten Urkunde, in der Carstenn die Umbenennung in Marienthal beim König „unterthänigst“ vorschlägt, ausgewählt „nach dem Namen meines ältesten Kindes“. Diese Tochter aus Carstenns erster Ehe, Marie, war 1854 geboren worden. Der Spekulant selbst, der 1873 als „von Carstenn- Lichterfelde“ geadelt wurde, starb 1896 in Berlin, wo er auch seine letzte Ruhe fand.

Carstenns rigoroses Vorgehen sorgte im Raum Wandsbek für viel Verdruss, man fürchtete die völlige Zersiedelung der Gegend. Immerhin gelang es der Stadtregierung, das Wandsbeker Gehölz wieder zurückzukaufen und so vor der drohenden Abholzung zu retten.

„Die alte Pracht ist freilich dahin“

Einen zusätzlichen Schub erhielt die Gegend, nachdem der Streckenverlauf der Eisenbahn Hamburg – Lübeck über Marienthal 1865 realisiert worden war. Marienthal war nun leicht zu erreichen, zugleich hatte es sich aber seinen „grünen“ Charakter bewahrt – ideale Voraussetzung für die Entwicklung zum Villenviertel. Binnen weniger Jahre wurde es zum Anziehungspunkt vermögender, Ruhe suchender Hamburger und Wandsbeker.

Der Hamburger Archivar Otto Beneke unternahm im Mai 1870 einen Spaziergang in die neu gestaltete Gegend und schrieb seine Eindrücke ins Tagebuch. In einem von den Hamburgischen Geschichts- und Heimatblättern abgedruckten Auszug steht: „Jetzt ist der Feldrand mit weißen städtischen Häusern bebaut. Weiter durch vormalige Parkteile, zu Straßen umgewandelt, aber nicht ohne Geschick. Ich pilgerte da umher und fand diese Ansiedlungen hübscher als die in Hamburgs Umgebung, die alle zu krass spekulantenmäßig sind und freche Gewinnsucht zur Schau tragen. Die alte Pracht des Wandsbeker Gehölzes mit seinem Schloss ist freilich dahin.“

An Marienthals beziehungsweise Wandsbeks militärische Vergangenheit erinnert das „Husarendenkmal“ südlich der Kreuzung Jüthornstraße/Schloßgarten. Das 1866 in Düsseldorf gegründete Königlich Preußische Husarenregiment Nr. 15 war 1871 nach Wandsbek verlegt und 1898 zusätzlich nach Königin Wilhelmina der Niederlande benannt worden. Die schmucke Uniform der sogenannten Wandsbeker Husaren, vor allem die dunkelblaue Jacke mit den weißen Schnüren, war in Marienthal ein prägendes Bild. 1919 wurde das Regiment nach 53 Jahren aufgelöst.

Seit 1877 bildete Marienthal einen Teil Wandsbeks, durfte sich aber Bezirk Marienthal nennen und wurde entsprechend im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes Teil der Hansestadt.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018