Bergstedt - Hier ist das Leben noch gemütlich

Bergstedter Chaussee
Klaus Bodig/HA

 

Viele Grundstücke in Bergstedt grenzen an Weiden. Es gibt Restaurants, Schulen und einen Jugendtreff.

 

Fläche in Quadratkilometer: 7,0
Einwohner: 10.687
Wohngebäude: 2829
Wohnungen: 4557
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 442
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2597
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

So ganz genau lässt es sich nicht mehr sagen, wann der Misthaufen von Bauer Griem an der Bundesstraße 434 verschwand. Fest steht jedoch: Lange Zeit war er fast so etwas wie der Leuchtturm im Stadtteil. "Wer ihn passierte, wusste, er ist im Zentrum Bergstedts angekommen", sagt Susanne Wischhöfer. Sie ist gebürtige Bergstedterin und leitet in dritter Generation das Kaufhaus Hillmer, das einst 1929 von ihrer Großmutter Anna Hillmer gegründet worden war.
Wer keine Lust hat auf lästige Parkplatzsuche und quirliges Treiben im nahe gelegenen Alstertal-Einkaufszentrum, der macht hier seine Erledigungen.

Zwar gibt es den Misthaufen von Bauer Griem nicht mehr, dafür sieht man aber auf der Höhe der Kreuzung, von der man Richtung Westen in den Ortskern gelangt, links und rechts noch schöne alte reetgedeckte Häuser. Und der Bereich rund um den Bergstedter Markt ist immer noch ganz so gestaltet, wie es sich für ein Rundlingsdorf gehört. Hier reihen sich die Höfe und Häuser rund um den Dorf- bzw. Feuerlöschteich. Hier steht auch das alte Spritzenhaus, in dessen Turm früher die Hanfschläuche zum Trocknen ausgehängt wurden.

Hip-Hop tanzen auf dem Bauernhof

Auch der denkmalgeschützte Ortskern mit seiner teilweise kopfsteingepflasterten Straße macht zunächst den Eindruck, als wäre die Zeit in Bergstedt ein klein wenig stehen geblieben. Doch der Eindruck täuscht: Hinter den alten, liebevoll sanierten Fassaden herrscht zum Teil reges Treiben. Da gibt es den Siemers'schen Hof, der - 1878 von Caspar Friedrich Siemers erbaut - 2006 zu einer Art Gewerbehof umgestaltet wurde.

Hier haben sich unter anderem Betriebe und Praxen angesiedelt. Zudem gibt es das Galerie-Café mit der geschützten Holzterrasse mit Ausblick auf den Garten. Den Namen Galerie führt das Café nicht grundlos: Mitunter wird es von Künstlern genutzt, um sich einer breiteren Öffentlichkeit vorzustellen.

Für regelmäßigen Zustrom von außerhalb sorgt die schöne alte Backsteinkirche aus dem 13. Jahrhundert mit ihrer gut erhaltenen Holzbalkendecke von 1685. Jährlich finden hier bis zu 100 Hochzeiten statt. Und wer sich an diesem Ort taufen lässt, dem kommt ein Engel geflogen: Aus Platzgründen wurde das Taufbecken in Gestalt eines himmlischen Wesens aus dem Jahr 1766 an die Decke verlegt und kann nach Bedarf heruntergelassen werden.

Kanus liegen bereit

Wer anschließend feiern gehen will, findet sich fast immer in Wassernähe wieder. Denn sowohl das Gasthaus Quellenhof als auch das Restaurant Alte Mühle liegen an Seen und Teichen. Mit ihren Biergärten sind sie im Frühjahr und Sommer beliebte Treffpunkte für Erholungssuchende, die mit dem Fahrrad oder zu Fuß die angrenzenden Naturschutzgebiete Hainesch/Iland und das Rodenbeker Quellental erkunden.

Letzteres lädt nicht nur zu idyllischen Spaziergängen oder Radtouren auf dem Alsterwanderweg ein, sondern auch zu Paddeltouren mit dem Kanu auf der Alster. Die sieht man daher auf vielen Grundstücken griffbereit liegen. Ohnehin ist der Stadtteil von Wasser geprägt, denn auch die Rodenbek, Bredenbek und Saselbek (Bek ist die norddt. Bezeichnung für kleiner Bach) prägen den Stadtteil.

Bezahlbares Wohnen für Familien

Zwar heißt es, das Leben sei kein Ponyhof: In Bergstedt scheint es aber so. Denn viele Grundstücke grenzen an Weiden, auf denen Ponys friedlich grasen. In ihrer Nähe finden sich Reiterhöfe, die auch von Pferdeliebhabern aus den umliegenden Nachbarstadtteilen Lemsahl-Mellingstedt und Volksdorf aufgesucht werden.

Angesichts dieser Idylle verwundert es nicht, dass immer mehr Familien nach Bergstedt ziehen. Zum Leidwesen einiger alteingesessener Bewohner, die um den dörflichen Charakter des Stadtteils fürchten. Doch Bauland ist hier noch relativ günstig zu haben. Und so sind viele neue Quartiere entstanden - oft von Baugenossenschaften, immer öfter aber auch von Baufirmen, die preiswerte Doppelhaushälften und Reihenhäuser anbieten.

Solche Projekte finden in der Regel schnell Abnehmer, weil Familien sämtliche Schul- und Betreuungsformen für ihre Kinder vor Ort haben. Sogar eine Waldorfschule - in zudem außergewöhnlicher Architektur - gibt es. Direkt daneben befindet sich die Begegnungsstätte Bergstedt mit einem Stadtteilkulturzentrum und einem Jugendtreff.

Bunte Meile rund um die Kirche

Natürlich kommt der Sport in einem so dörflich geprägten Stadtteil nicht zu kurz: der SV Bergstedt von 1948 bietet von Badminton über Tennis bis hin zum Fußball, Handball und Hockey eigentlich alle beliebten Sparten.

Zwei Veranstaltungen führen darüber hinaus die Bergstedter einmal im Jahr zusammen: der Weihnachtsmarkt, der alljährlich zum 3. Advent im Siemers'schen Hof stattfindet. Und die Bunte Meile, die jeweils am ersten Sonntag im Mai rund um die Kirche veranstaltet wird. Es ist so etwas wie ein Volksfest mit großem Flohmarkt, um den herum sich die Bergstedter Initiativen, Vereine und Einrichtungen gern vorstellen.

Veranstalter ist unter anderem die Interessengemeinschaft (IG) Bergstedt, die mit Dutzenden Firmen und Handwerksbetrieben eine beachtliche Branchenvielfalt darstellt. "Selbst mir war das nicht klar, als wir uns im November 2005 das erste Mal zusammensetzten", sagt Susanne Wischhöfer, Vorsitzende der IG. Eingebettet in viele Grünflächen sei die Geschäftswelt von Bergstedt nicht auf einen Kern beschränkt, sondern erstrecke sich über das gesamte Dorf und ermögliche so ein ruhiges Einkaufen und Arbeiten.

Die Ökologie kommt dabei nicht zu kurz: Auf dem Gärtnerhof am Stüffel, der sich selbst gern als "grüne Insel in der Großstadt" bezeichnet, werden Gemüse und Kräuter nach biologisch-dynamischen Grundsätzen angebaut und über einen Hofladen direkt vor Ort verkauft. Zudem dient der Betrieb als Ausbildungs- und Arbeitsplatz für junge Menschen mit Förderbedarf. Denn auch dies ist eine Facette des Stadtteils: Der 1988 gegründete gemeinnützige Trägerverein ZusammenLeben, inzwischen zur GmbH umgewandelt, ist in Bergstedt mit vier Standorten bzw. Wohngruppen für Menschen mit Betreuungsbedarf vertreten.

 

Bergstedt historisch

Wenn das mal kein Zeichen ist: Zweimal war Bergstedt zuvor schon in hamburgischem Besitz gewesen, als es 1937 in die Stadt eingemeindet wurde 1345 war das kleine Dorf (mit acht Höfen) von seinen damaligen Besitzern, den Rittern von Wedel, an das Hamburger Domkapitel verpfändet worden. 1576 musste es an den Herzog Adolf von Holstein-Gottorf abgegeben werden, bevor es dann von 1750 bis 1773 noch einmal Pfandbesitz der Hansestadt wurde.

Für das Mittelalter ist in Bergstedt eine Schmiede nachweisbar, eine erste vollständige, aussagestärkere Auflistung stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert. Bergstedt hatte damals 342 Einwohner, von denen 25 Handwerker waren. Ein Verzeichnis von 1840 nennt unter anderem zwei Gastwirte und die Müller der Rodenbeker Mühle und der Alten Mühle. Ihre Geschichte verdient einen genaueren Blick.

Von den zwei Mühlen blieb eine erhalten

Die Alte Mühle wurde 1636 erstmals erwähnt, ist aber vermutlich noch älter als die 1453 erstmals erwähnte Rodenbeker Mühle. In der Alten Mühle ließen die Dörfer Bramfeld, Steilshoop, Oldenfelde und Meiendorf mahlen, während in der Rodenbeker Mühle neben Bergstedt selbst auch Sasel und Nahe mahlpflichtig waren. Die Alte Mühle wurde im Jahr 1735 bei einem Hochwasser total zerstört. Die im selben Jahr neu errichtete Mühle brannte später ab und wurde 1882 aus den gelben Trilluper Ziegeln wiederaufgebaut. So steht sie heute noch da.

Die Rodenbeker Mühle hatte weniger Glück. Als der Mahlzwang aufgehoben wurde, verpachtete sie ihr Besitzer an den Feilenhauer J. H. Wecker, der später die Anlage aufkaufte. 1885, die Mühle war inzwischen stillgelegt, erhielt Wecker eine Konzession als Schankwirt. Er nutzte das kleine Mühlenhaus weiterhin als Feilenhauerei und ließ genau daneben das pompöse Gasthaus Rodenbeker Quellental errichten.

Auf einem Werbezettel aus der Kaiserzeit wird die Anreise reichlich euphemistisch so beschrieben: „Fußgänger gelangen von der Endstation der Straßenbahn in Ohlsdorf über Klein Borstel, Wellingsbüttel, Poppenbüttel, Mellingstedt im Tal der Alster auf romantischen Fusswegen bequem in zwei Stunden nach Rodenbek.“ Seit 1925 war das alte Mühlrad verschwunden, und nach dem Tode des Wecker-Sohnes Gideon ging es mit dem Anwesen bergab. Davon findet sich heute keine Spur mehr, am Mühlenteich gibt es mittlerweile nur noch den Gasthof Quellenhof.

Verschwunden ist auch Bergstedts altes Schulhaus. Von 1857 an hatte die mit Stroh gedeckte Schule neben der Kirche gestanden. Nachdem das Haus abgebrannt war, errichtete man von 1905 bis 1906 ein großes, dreistöckiges Schulhaus mit Pfannendach, das wiederum 1977 abgerissen wurde.

Eine Birke wuchs aus dem Sockel der Kirche

Über Bergstedts schöne Pfarrkirche gibt es – zum Glück – vor Ort viele Informationen. Wenig bekannt ist ein Kuriosum am Rande. Schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts war eine Birke aus dem Sockel der Nordwand des Gotteshauses gewachsen – später von dicken Efeusträngen überwuchert. 1961 wurde dieses Biotop entfernt. Eine interessante Geschichte hat auch das heute noch erhaltene Haus an der Bergstedter Chaussee 203. Es war einst das Armenhaus, initiiert von den Dörfern Bergstedt, Sasel, Steilshoop und Bramfeld. Errichtet wurde es 1881/82, Unternehmer wie Heinrich von Ohlendorff und Bruno Henneberg halfen großzügig bei der Finanzierung und der Ausgestaltung.

Laut Chronistin Karin von Behr lebten 25 Männer, Frauen und verwaiste Kinder in dem „Armenhof“, an dem sich später auch noch weitere Gemeinden beteiligten. Nach der Eingemeindung nach Hamburg übernahm die städtische Sozialbehörde das Haus. Von 1867 an war Bergstedt für 70 Jahre Teil des preußischen Kreises Stormarn, bevor es 1937 (mit 1300 Einwohnern) Hamburger Stadtteil wurde.

Ursprünglich hatte man für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem starken Anstieg der Bevölkerungszahlen gerechnet, der aber nicht in der erwarteten Form eintrat. 1950 lebten 4053 Menschen in Bergstedt, im nicht so weit entfernten Volksdorf waren es fast dreimal so viele. Am Volksdorfer Damm entstand dann von 1966 an eine große Siedlung, zu der unter anderem 152 Einfamilien-Reihenhäuser gehören.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018