Bramfeld - Einst verkehrte dort der Rhabarberexpress

Bramfelder Chaussee 265
Klaus Bodig

 

Hier stand einst die Wiege der Heimwerkerkultur, hier geht selbst ohne Bahn noch die Post ab. Und auch Versandriese Otto findet's gut.

 

Fläche in Quadratkilometer: 10,1
Einwohner: 51.858
Wohngebäude: 9013
Wohnungen: 27.747
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 444
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2818
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Sanft wiegen sich die gelben Ginsterblüten im Wind, auf dem Land zwischen den Bauernhöfen wächst der Kohl, und weil auch sonst viel Obst und Gemüse angebaut wird, heißt die Straßenbahn, die die Felder quert, Rhabarberexpress. So war es noch vor wenigen Jahrzehnten in Bramfeld.


Bram ist das alte Wort für Ginster, und wer sich heute mit dem Stadtteil zwischen City und Alstertal etwas näher befasst, ist überrascht, wie viel von Bramfelds ländlichem Ursprung noch immer zu spüren ist. Die meisten Hamburger nehmen Bramfeld buchstäblich nur im Vorbeifahren wahr: Seit zwischen 1957 und den 1970er-Jahren die Achsen des Öden - die Bramfelder Chaussee und die Steilshooper Allee - angelegt wurden, ist Bramfeld in vier Teile zerschnitten und die Lärmbelastung groß. Wer sich abseits des Durchgangsverkehrs bewegt, entdeckt ein liebenswertes Quartier mit engagierten Menschen, viel Tradition und Natur, aber auch Arbeitgeber, die über Hamburg hinaus bekannt sind.


Konzernzentrale für 50.000 Mitarbeiter


Augenfälligstes Beispiel ist der Otto-Konzern, der seit 1949 seine Zentrale im Süden Bramfelds hat. Rund 50.000 Mitarbeiter weltweit werden von dort aus gelenkt. Die Erfolgsgeschichte der Familie Otto begann bereits nach dem Krieg, und viele Familienväter und Teilzeitmütter, die im Nordosten Hamburgs wohnen, arbeiten bei dem Versandhandel.


Auf eine noch längere Tradition gründet sich eine andere Marke, die Männerherzen höher schlagen lässt: Max Bahr. Der Name geht auf den Sohn des Stellmachers Heinrich Bahr zurück. Während der Vater ab 1879 auf einem Gelände südlich des Dorfplatzes ein Gewerbe für Fahrgestelle und Geräte pflegte, machte Sohn Max erst einen erfolgreichen Holzhandel und dann die bekannte Baumarkt- und Heimwerkerkette daraus. Das Gründungsgrundstück der Bahrs wurde 2009 verkauft, um Platz für die Bramfelder Marktgalerie zu machen, das lang ersehnte Shoppingcenter. Der Baumarkt zog auf ein Areal weiter südlich.


Große Firmen, aber auch (noch) viele kleine Läden - der Mix macht den Reiz von Bramfeld aus. Dass der Stadtteil eine eigene Post hat, wäre früher keine Silbe wert gewesen. Die große Filiale gegenüber der Friedenseiche ist ein Indiz dafür, dass dieser Ecke Hamburgs auch in Zukunft Potenzial mit regem Betrieb zugebilligt wird.


Ein Verein mit 4000 Mitgliedern


Es gibt Stadtteile mit einem "guten" Ruf und solche mit einem "schlechten". Bramfeld hatte lange gar keinen. Doch die Zeit arbeitet für das unterschätzte Quartier. Gepflegte Mehrfamilienhäuser Richtung Innenstadt, Einfamilienhäuser mit viel Grün zu oft noch erschwinglichen Preisen - Wohnungsgesellschaften und Makler weisen immer öfter auf Bramfelds Vorzüge hin.


Schon nach dem Krieg wurde Bramfeld als Ort geschätzt, an dem Wohnqualität und guter Preis in Einklang gebracht werden können. Wer sich für Hamburger Architektur und Stadtentwicklung interessiert, kennt die Hohnerkampsiedlung: Die Reihenhäuser mit ihren pastellfarbenen Fassaden, angeordnet wie Legosteine aus der Spielzeugkiste, gelten als Musterprojekt der 50er-Jahre.


Heute wohnen hier beispielsweise am Lüdmoor junge Familien und Senioren Tür an Tür. Mit seinen rund 50.000 Einwohnern – etwa jeder vierte mit Migrationshintergrund - ist Bramfeld quasi eine Kleinstadt in der Stadt. Der Bramfelder SV ist mit mehr als 4000 Mitgliedern größer als der VfB Lübeck. Die Trampolinturner und die Basketballer messen sich regelmäßig unter ihresgleichen in der Bundesliga.


Graureiherkolonie am See


Sport, eine große Auswahl von Schulen und Ärzten, das Stadtteilkulturzentrum Brakula (Bramfelder Kulturladen), das seit 1982 in einem historischen Bauernhaus Impulse setzt: Die Infrastruktur des Stadtteils bietet das Vollsortiment - wäre da nur nicht das Problem mit der fehlenden Verkehrsanbindung in die Innenstadt. Die Front eines alten U-Bahn-Waggons vor dem Brakula, die immer wieder liebevoll lackiert wird, zeugt vom jahrzehntelangen vergeblichen Kampf für eine Nahverkehrs-Nabelschnur in die City.


Die neueste Hamburger U-Bahn-Linie 5 soll in der Zukunft Touristen und Zweitwohnungsbesitzer in den Vorzeigestadtteil an der Elbe schaufeln. Doch wer weiß schon, dass die U-5-Trasse in nördlicher Richtung längst geplant war und am Fahrenkrön in Bramfeld geendet hätte?
In Bramfeld finden sich vor allem viel Ruhe und Gelassenheit. Im Westen lockt, schon großteils auf Steilshooper Gebiet, der Bramfelder See mit seiner Graureiherkolonie, und der Zugang Seehof führt in die Welt des Ohlsdorfer Friedhofs. An der östlichen Grenze zu Farmsen-Berne liegt ein Erdbeerfeld, das im Frühsommer Anziehungspunkt für Besucher aller Altersklassen ist. Und manchen Bramfelder erinnert die Ernte der süßen Früchte an die Zeit, als ihr Stadtteil noch ein richtiges Dorf war, mit Ginster, Rhabarber und Bauernhöfen.


Bramfeld historisch

Komischer Zufall: 1271 wurde Bramfeld erstmals urkundlich erwähnt, und Hamburg 71 war über Jahrzehnte – vor Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen – die Anschrift für diesen Stadtteil. Noch ein paar Daten fürs Archiv: Der örtliche Dorfkrug tauchte schon 1307 erstmals in den Akten auf, als Bramfeld noch dem Kloster Harvestehude gehörte. 1472 war es Pfandbesitz Hamburger Kaufleute, 1537 dem Kloster St. Johannis abgabepflichtig.


Mit der Besiedelung Bramfelds in unserer Zeit hat ein anderer Hamburger Stadtteil zu tun, und zwar Hammerbrook. Als nämlich in den späten 1880er-Jahren immer mehr Quartiere für Wohnbebauung aufbereitet wurden, mussten auch etliche Gärtnereibetreiber in Hammerbrook ihren Standort aufgeben und eine neue Bleibe suchen. Viele entschieden sich damals für Bramfeld, das nicht allzu weit von Hamburg entfernt lag, aber noch genug An- und Ausbauflächen bot.


Innerhalb weniger Jahre wurde Bramfeld zum zweitgrößten Gemüseanbaugebiet des Großraums Hamburg – gleich nach den Vier- und Marschlanden. Manche Namen sind heute noch ein Begriff, darunter die Gemüse-Gärtnereien Christoff, Fröhlich und Witt.


Rhabarberexpresss und Bramfelder See


Viele Hamburger erinnern sich noch an die Straßenbahnlinie 9, die unter anderem durch die Fabriciusstraße zuckelte und im Volksmund Rhabarberexpress genannt wurde. Bramfeld war lange zu Bergstedt eingepfarrt, bevor es erst 1914 mit dem Bau der Osterkirche selbstständige Kirchengemeinde wurde. In alten Quellen wird augenzwinkernd davon berichtet, dass viele Bramfelder ihre Bibeln und Gesangsbücher bei Bergstedter Bekannten deponierten, um sich den weiten Weg zur Kirche wenigstens etwas zu erleichtern.


1913 erwarb die Stadt Hamburg mehr als 150 Hektar Bramfelder Ländereien für die Erweiterung des Ohlsdorfer Friedhofs. Auf alten Fotos ist deutlich zu erkennen, wie sich das frisch angelegte Friedhofsgelände mit seinen kleinen Bäumchen und den geharkten Wegen fast bis an den Bramfelder See erstreckt. Heute ist hier eine grüne Wildnis. Das eingenommene Geld investierten die Bramfelder übrigens in ein eigenes Sielnetz.
Am westlichen Seeufer hatte 1897 das Ausflugslokal Seehof eröffnet, das später pleiteging, abgerissen wurde und nur Namen und Standort mit dem heutigen Restaurant gemeinsam hat. Die Steilshooper Allee, deren östlicher Teil in Bramfeld liegt, endete bis zum Bau der Siedlung Neu-Steilshoop (ab 1971) bei der Steilshooper Straße, kurz hinter der Stadteilgrenze.


Obwohl Hamburgs Einfluss auf Bramfeld seit dem späten 19. Jahrhundert ständig wuchs, blieb das Dorf im Grunde ein Spielball zwischen der Hansestadt und dem ebenfalls immer dichter an Bramfeld heranwachsenden Wandsbek. Als Folge des Kompetenzwirrwarrs musste Bramfeld vieles im Alleingang durchziehen, andere Entscheidungen wurden immer wieder auf die lange Bank geschoben. So war der Straßenbahnanschluss schon 1914 weitgehend vorbereitet, die Verbindung wurde aber erst 1948 (als Linie 9) eingerichtet und 1965 wieder eingestellt. Auch Pläne für eine U-Bahn-Anbindung für Bramfeld wurden bereits 1919 geprüft und dann wieder verworfen. Die Bramfelder warten noch heute darauf.


Der Standort bringt Glück: Max Bahr und Werner Otto


Schon im ausgehenden 19. Jahrhundert hatten sich in Bramfeld Gewerbe- und sogar Industriebetriebe angesiedelt, und immer mehr Angestellte und Arbeiter waren in die Gegend gezogen. Johann Jacob Heinrich Bahr gründete 1879 eine Stellmacherei für die Produktion von Wagenrädern und Wagengestellen. Alte Aufnahmen aus dieser Zeit sind auf der Homepage des Unternehmens zu sehen. Sein Sohn Max Bahr (1884–1956) übernahm 1906 den elterlichen Betrieb und wagte 1927 den Schritt, in den erfolgversprechenden Holz-Einzelhandel einzusteigen.


1959 verlegte auch Versandhändler Werner Otto (1909–2011), der seine Hamburger Geschäftsaktivitäten nach dem Zweiten Weltkrieg in Schnelsen begonnen hatte, seinen Firmensitz nach einem Intermezzo in Hamm an die Wandsbeker Straße beziehungsweise die Bramfelder Chaussee. Heute agiert die Otto Group von dort aus in der ganzen Welt. Bramfeld, von Stadtplanern in seinem Wert oft unterschätzt, scheint Unternehmern Glück zu bringen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018