Lemsahl-Mellingstedt - Ein stilles Doppeldorf mit viel Historie

Kuhredder
HA

 

Die Lemsahler Landstraße teilt Lemsahl in ein altes und ein neues Dorf. Lemsahl gilt als einer der demografisch jüngsten Stadtteile Hamburgs.

 

Fläche in Quadratkilometer: 8,0
Einwohner: 6917
Wohngebäude: 2341
Wohnungen: 2750
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 447
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 3270
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Das Herz von Lemsahl-Mellingstedt schlägt in einem rustikalen Rotklinkerhaus an der Lemsahler Dorfstraße 39, wo Karl-Heinz "Kalle" Pieper Gerüchten zufolge die besten Bratkartoffeln Hamburgs serviert. Sein Gasthaus Offen ist kein ordinäres Restaurant, es ist eine Institution. "Hier spielt das Leben", sagt der ehemalige Postbote, der das weit mehr als ein Jahrhundert alte Offen 1967 zusammen mit Ehefrau Asta übernommen hat. Seitdem ist die Wirtschaft im alten Dorfkern eine Mischung aus Stadtteilzentrum, Spielhölle für Skat-Anhänger und dörfliche Gourmetküche. Neben Kasselerkarbonaden und Sauerfleisch gibt es beispielsweise auch Kinderfasching und Versammlungen des Heimatbundes.

"Bei uns trifft sich das alte mit dem neuen Lemsahl", sagt Pieper, der sich selbst an mehr als 300 Abenden im Jahr um das Wohl seiner Gäste kümmert. In seinen Pausen geht der Wirt, der als gebürtiger Ohlstedter in Lemsahl längst nicht mehr als Zugezogener gilt, von Tisch zu Tisch, fragt, ob alles recht ist, und klönt über neue Entwicklungen im Dorf. "Die Verstädterung macht auch vor Lemsahl nicht halt", sagt Pieper, der jedes "st" hamburgisch ausspricht. Er redet darüber, wie die Lemsahler Landstraße das Dorf in ein altes und ein neues Lemsahl teilt.

 Das alte Lemsahl, das ist der Dorfkern rund um das Gasthaus Offen, wo im Frühling das traditionelle Osterfeuer gefeiert und im Winter von der freiwilligen Feuerwehr der Weihnachtsbaum aufgestellt wird. Unter einer Eiche erinnert ein Gedenkstein mit dem eingravierten Datum "24.3.1848" an die Schlacht bei Itzstedt, wo die Dänen entscheidend besiegt wurden.

Wie in einer TV-Serie

Das neue Lemsahl, das sind die Neubausiedlungen zwischen Fiersbarg und Tannenhof, wo bevorzugt Familien mit kleinen Kindern hinziehen. Vorgarten grenzt an Vorgarten, auf der Straße parkt der Familien-Van. In manchen Straßen sieht es fast so aus wie in der TV-Serie bei den "Desperate Housewives". Hier wird deutlich, dass Lemsahl als einer der demografisch jüngsten Stadtteile Hamburgs gilt, dessen Grundschule Lemsahl-Mellingstedt eine der größten der Stadt ist. Die jungen Leute interessierten sich zwar nur am Rande für die jahrhundertealte Geschichte des Dorfes, aber Hunger, so Pieper, hätten sie auch.

Wirklich laut geht es auf keiner der beiden Seiten der Landstraße zu. Eigentlich war Lemsahl-Mellingstedt schon immer ein eher stilles Doppeldorf am nördlichsten Rande des Geschehens von Hamburg - und wirklich beklagt hat sich darüber auch noch niemand. Nie hat sich hier ein Adliger niedergelassen, nie hat es hier einen echten Markt gegeben, und nie hat eine Fünf-Sterne-Sehenswürdigkeit die Großstädter in Scharen angelockt.

In Lemsahl hat man sich mit der Außenseiterrolle stets gut arrangieren können. "Wir haben doch alles, was wir brauchen", sagt Pieper, der damit weniger das eher übersichtliche "kommerzielle Zentrum" rund um den Tannenhof meint als viel mehr die konkurrenzlos schöne Natur gleich vor der Haustür.

Die knapp 7000 Lemsahler müssen sich vor ihrem Sonntagsspaziergang entscheiden, ob sie entlang des Alsterwanderweges laufen wollen, um den Kupferteich herum oder durch das Wittmoor, das letzte Hochmoor im Norden Hamburgs an der Grenze zu Schleswig-Holstein. Das Wittmoor wurde längst zum Naturschutzgebiet erklärt. Dort erinnert auch ein Gedenkstein an die Opfer des Konzentrationslagers Wittmoors, des ersten Hamburger Konzentrationslagers. Besonders Schulklassen und interessierte Sonntagsausflügler besuchen die Stätte regelmäßig.

Wo Robbie Williams abstieg

Wer dann doch mal ausbrechen will aus dem dörflichen Lemsahl, kann im Golf Club Treudelberg samt Hotel einen Hauch der Großstadt spüren. Wo früher der HSV regelmäßig zu Gast war und auch Robbie Williams und die Red Hot Chili Peppers schon abstiegen, ist das Tor zur Welt plötzlich nicht mehr so weit weg. Auf der Hotel-Homepage im Internet wird natürlich nicht mit Bratkartoffeln oder Kinderfasching geworben, sondern mit "Day-Spa" und der Nähe zum Flughafen Fuhlsbüttel.

Zwischen Hotel und Alsterlauf wird schnell klar, dass auch in Lemsahl, dessen Urkarte auf das Jahr 1869 datiert ist, die Zeit nicht stehen geblieben ist. Vor den Einfamilienhäusern und Villen stehen Geländewagen, SUVs und andere Gefährte. Wer Geld hat, zeigt es nicht ungern. Auch Lemsahls bekanntester Maler Arthur Illies, der Caspar David Friedrich des Alstertals, hat sich an der Wende zum 20. Jahrhundert hier in der feinen Huuskoppel sehr wohlgefühlt. Neid kommt bei den Nachbarn am Kuhredder, am Ödenweg und am Treudelberg, die laut Statistik überwiegend deutsch, gut verdienend und im Gegensatz zu Lemsahl am Tannenhof jenseits der 65 sind, aber nicht auf.

Dem Wirt reichen zehn Urlaubstage

Pieper lernte auch diese Seite Lemsahls kennen, lange bevor es die ersten Pläne für das Golfhotel oder die neue Wohnsiedlung zwischen Ödenweg und Pfefferkrug gab. Zwischen 1957 und Anfang der 90er-Jahre zog er quer durch den Stadtteil den Paketwagen, ehe er ab mittags im Gasthaus Offen Bier ausschenkte und Bratkartoffeln in der Pfanne auf einem Spiritusbrenner servierte.

Es ist wenig überraschend, dass Pieper in keinem der 104 Hamburger Stadtteile lieber wohnen würde als in seinem Lemsahl-Mellingstedt. Dass Stadtteilschreiber Hannes Flesner 1980 ausgerechnet den gebürtigen Ohlstedter auf den Titel seines Lemsahl-Buches "Schenk ein, Karl-Heinz, mach Striche" hievte, tat sein Übriges.

Nun aber genug geredet, "schließlich muss einer hier ja auch noch arbeiten". Pieper steht auf, schnappt sich ein Tablett und geht zurück in die Gaststube, in der an diesem Tag 60 Gäste einen 75. Geburtstag feiern. Dass Pieper und seine Frau eigentlich gerade Urlaub haben - zehn Urlaubstage im Jahr wollen sich die beiden Workaholics, die dieses Wort vermutlich nie benutzen würden, dann doch gönnen -, ist nebensächlich. Wenn Arbeit anliegt, das war schon immer so, "dann mok wi dat".


Lemsahl-Mellingstedt historisch

Wissen Sie, was die Mundsburger Brücke mit Lemsahl zu tun hat? Sie wurde aus Trilluper Klinker erbaut – und Trillup ist ein Ortsteil vom Lemsahl. Die entsprechende Ziegelei, zu der zeitweilig auch eine Töpferei gehörte, bestand nicht lange. Das Alstertal- Lexikon datiert ihre Anfänge auf 1854 – und ihr schnelles Ende auf 1888.

Aus den gelben Ziegeln mit dem markanten „Trillup“-Stempel wurde auch das Koopmann-Mausoleum im Wohldorfer Wald errichtet, nach dessen Abbruch 1943 Reichsstatthalter Karl Kaufmann einen Teil der Ziegel zur Befestigung eines Weges auf seinem Anwesen im Duvenstedter Brook verwenden ließ. Die Ziegel wurden an einer kleinen Brücke bei Trillup auf die Alster verladen und dann mit Kähnen nach Hamburg gebracht – eine mühsame Arbeit.

Ein „weitgehend unbekannter Ort“

Es ist schon richtig, dass nach dem Großen Brand von 1842 etliche Hamburger Häuser aus Trilluper Ziegeln gebaut wurden und Lemsahl-Mellingstedt damit eine gewisse Bedeutung für die Stadt hatte. Richtig ist aber auch, was Chronist Alf Schreyer im Zusammenhang mit Lemsahl-Mellingstedts Angliederung 1937/38 an Hamburg schrieb: „Für die alten Hamburger war damals das Dorf ein weitgehend unbekannter Ort, der mit seinen 750 Einwohnern noch einen durchaus ländlichen Eindruck machte.“

In einer Topografie aus der Mitte des 19. Jahrhunderts wird Lemsahl als „in höchst malerischer Gegend an der Alster bei Rodenbek gelegen“ beschrieben. Auch Mellingstedt und „Treidelberg“ – das heutige Treudelberg – werden erwähnt. „Südlich davon liegt am Bache Mellingbek, dem Ausfluss des Poppenbütteler Kupferteichs ein Wirthshaus mit Hökerei und eine Landstelle mit einem ehemaligen Zollhaus (…) in sehr freundlicher Lage“.

50 Jahre später schrieb Ludwig Frahm im „Führer durch die Alstergegend“ über die beiden „etwas zerstreut liegenden Orte“ und erwähnte 351 Einwohner. Seit dem 17. Jahrhundert hatten die Bewohner beider Dörfer für das Gut Tangstedt Dienste geleistet, verwaltungsmäßig blieb Tangstedt bis zum Groß-Hamburg- Gesetz für Lemsahl-Mellingstedt zuständig. Wann die beiden erstmals als Doppelname erwähnt wurden, ist unbekannt.

Speisen und Getränke in vorzüglicher Qualität

Drei ehemalige Höfe sind seit Jahrhunderten mit Lemsahl-Mellingstedt verbunden: „Landhaus Offen“, „Hotel Treudelberg“ und die „Ole Luus“. Einige Daten aus ihrer wechselvollen Geschichte in Stichworten: Der Treudelberger Hof wurde um 1780 errichtet. 1877 erwarb ihn Bruno Henneberg aus Poppenbüttel, dessen Sohn Eduard ihn 1909 an Joachim Hinrich Dreckmann verkaufte.

Während der Ära Dreckmann – verteilt über mehrere Generationen – erlebte Treudelberg die totale Umgestaltung – zu Reitstall, Golfplatz und Hotel (1992). Die „Ole Luus“ war schon um 1770 vorhanden und zunächst offenbar ein Wirtshaus, das um 1900 den Schankbetrieb einstellte. 1898 war das Gebäude um eine komplette Hausecke verkürzt worden – schon damals übrigens, um die Straße verbreitern zu können. 1984 sollte das vom Abbruch bedrohte Haus renoviert werden, als es plötzlich abbrannte.

Zum Glück gelang der originalgetreue Wiederaufbau. 1888/89 ließ Johann Hinrich Offen sein Gasthaus errichten. Angepriesen wurden „Speisen und Getränke in vorzüglicher Qualität bei mäßigen Preisen“. Ältere Einwohner erinnern sich noch, dass zum Hof auch eine große Durchfahrtsscheune gehörte, die wegen Baufälligkeit um 1969 abgerissen wurde.

Bis in die 1980er-Jahre hinein stieg die Einwohnerzahl in Lemsahl-Mellingstedt nur sehr langsam, was wohl auch mit dem Fehlen eines S-Bahn-Anschlusses zusammenhängt. In den 1990er-Jahren wurden viele Wohnungen und Einfamilienhäuser neu gebaut, und zwischen 1983 und 2001 verdoppelte sich die Einwohnerzahl. Ein deutliches Bekenntnis zu diesem Teil der Walddörfer.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018