Steilshoop - Besser als sein Ruf

Bildungszentrum Steilshoop
Volker Sarbach

 

Schlechtes Image und viele Vorurteile - dabei bietet der Stadtteil im Bezirk Wandsbek niedrige Mieten, hohe Sicherheit und viel Grün.

 

Fläche in Quadratkilometer: 2,5
Einwohner: 19.390
Wohngebäude: 956
Wohnungen: 8766
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 412
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2459
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Keine Frage, Steilshoop hat ein Problem: ein Imageproblem. Wer Steilshoop sagt, meint eigentlich die Großwohnsiedlung Neu-Steilshoop. Und da liegen zwischen Außensicht und Innenwahrnehmung Welten. Für die einen, die den Stadtteil mit seinem Beton-Lindwurm (14 Geschosse!) lediglich vom oberflächlichen Blick aus dem Autofenster oder aus den Medien kennen, regieren dort vor allem Chaos und Kriminalität. Doch wer selbst in Steilshoop wohnt, hat meist eine andere Einschätzung vom Leben hier.

So besagt die offizielle Kriminalitätsstatistik, dass man von den Fallzahlen her für Straftaten im Allgemeinen und Diebstahlsdelikte im Besonderen je 1000 Einwohner im Quartier zwischen Steilshooper Allee und Borchertring sicherer als etwa im noblen Stadtteil Rotherbaum wohnt.

Das war einmal anders. Anfang der 90er-Jahre rotteten sich Jugendbanden zusammen, es flogen sogar selbst gebastelte Sprengsätze vor der Schule in die Luft. Von Langeweile geplagte Jugendliche sollen sich als Bombenbauer versucht und das Ganze minutiös gefilmt haben. Medien sprachen gar vom "Kinderkrieg in Steilshoop". Der Verdacht, dass TV-Sender die jungen Täter mit einem Taschengeld zu der Tat und entsprechenden Interviews anstifteten, wurde nie wirklich ausgeräumt.

Großsiedlung feiert 50. Geburtstag

Ohne fremdes Zutun brachte es Thessa in die Schlagzeilen: Sie lud im Juni 2011 ungewollt öffentlich über Facebook zu ihrem 16. Geburtstag ein. Mehr als 1500 Mitglieder der Netzgemeinde - die wenigsten aus dem Quartier selbst - kamen in den Otto-Burrmeister-Ring. Dem "Blankenese von Steilshoop", wie die im Grünen liegende Eigenheimsiedlung am Bramfelder See genannt wird, bescherte sie ein nie da gewesenes Polizei- und Medienaufgebot.

Steilshoop ist ein junger Stadtteil. Die Großsiedlung selbst feiert 2019 erst 50. Geburtstag. Der Anteil von Kindern und Jugendlichen liegt mit fast 20 Prozent über dem Durchschnitt der Stadt. Etwa zwei Drittel von ihnen haben einen Migrationshintergrund.

Die Arbeitsgemeinschaft Deutsch-Ausländische Zusammenarbeit (AGDAZ), die ihre Begegnungsstätte am Bildungszentrum an der Fehlinghöhe hat, bringt Migranten aus mehr als 50 Nationen zusammen. So bunt gemischt die Herkunft in den Wohnblocks auch ist: Der Wohlstand ist links und rechts der sogenannten Mittelachse nicht zu Hause. Fast jeder vierte erwachsene Steilshooper empfängt Hartz IV.

Spaziergang am Bramfelder See

Dabei war es von Oberbaudirektor Werner Hebebrand anders gedacht, als er 1960 seinen Aufbauplan für die Hansestadt der Bürgerschaft vorstellte, dessen Bestandteil die "Satellitenstadt Neu-Steilshoop" war. Einige Kilometer entfernt von der Bürostadt City Nord sollte Wohnraum für das noch immer vom Krieg geschundene Hamburg entstehen. Bauherren, Architekten, Sozialraumplaner und Behörden haben sich viele Gedanken gemacht, wie man hier ein intaktes Gemeinwesen schaffen könne.

Noch im selben Jahr wurde ein internationaler Architektenwettbewerb ausgeschrieben, dessen Ergebnisse in den Bebauungsentwurf von 1965 einflossen. Es sollte trotzdem noch vier Jahre dauern, bis der Grundstein am 14. Juli 1969 gelegt werden konnte. Zwar wurde nicht auf der grünen Wiese, aber auf dem Gelände ehemaliger Schrebergärten gebaut.

"Urbanität durch Dichte" war der Leitsatz der Stadtplaner in den 70er-Jahren, mit dem sie auch in Steilshoop zur Tat schritten: Die Häuserblocks bilden 22 Ringe mit grünen Innenhöfen. Jeder von ihnen ist größer als der Rathausmarkt. Mit den Spielplätzen in den Innenhöfen und den verkehrsberuhigten Straßenringen (alle nach bildenden Künstlern benannt) wurden damals städtebauliche Maßstäbe gesetzt.

Noch heute hat man dort den Eindruck, in einem Dorf zu wohnen. Ruhe und Erholung lassen sich rundherum leicht finden. Etwa beim Spaziergang am idyllischen Bramfelder See, durch die Schrebergärten entlang des Grenzbachs Seebek, auf dem nahen Ohlsdorfer Friedhof mit seinen Parkanlagen sowie am Grootmoorteich und Appelhoffweiher.

Mieten sind günstig

In einem Punkt war Steilshoop schon einmal der Zeit voraus: In Block VI am Gropiusring wurde über zehn Jahre das Wohnmodell Steilshoop gelebt. Es wollte erstmalig im geförderten Wohnungsbau der traditionellen Form des Zusammenlebens in der Familie ein gemeinschaftsorientiertes Wohnen entgegensetzen. Die Idee des Architekten war, die WG-Bewohner schon an der Planung zu beteiligen.

Das Resultat: Gemeinschaftsräume, Küchen für mehrere, eine Dachterrasse für alle, ein Kindergarten im Keller. 210 Menschen aus unterschiedlichen Schichten lebten von August 1973 an unter dem vom sozialen Wohnungsbau finanzierten und deshalb relativ preiswerten Dach. 1984 scheiterte das Projekt unter anderem wegen immenser Mietschulden.

Günstige Immobilienpreise und eine gewisse "Volksnähe" waren Anfang der 1990er-Jahre der Grund, dass das polnische Generalkonsulat sich in der Gründgensstraße 20 einmietete, als es in der Residenz in der Maria-Louisen-Straße in Winterhude zu eng wurde. Die Mieten sind in Alt- wie Neu-Steilshoop für heutige Verhältnisse günstig, nicht zuletzt wegen der dezentralen Lage. Denn die Verkehrsanbindung lässt zu wünschen übrig. Es gibt weder einen S- noch einen U-Bahn-Anschluss. Nur Busse fahren die angrenzenden Stadtteile an.

Und um in die Innenstadt zu kommen, muss man umsteigen, man ist dann fast eine Dreiviertelstunde unterwegs. Am Eichenlohweg kann man seinen Einkauf erledigen, wenn auch in weniger Geschäften als früher. Der Steilshooper kauft im City-Center Steilshoop, zumindest solange noch Geschäfte drin sind, denn die Hälfte des Centers steht leer. Viele fahren auch mit dem Auto ins Quarree nach Wandsbek oder zur nahen Hamburger Straße. Steilshoop ist kein großer Wirtschaftsstandort. Hier gibt es nur einige mittelständische Betriebe.

Größter Arbeitgeber ist im benachbarten Bramfeld Otto mit einigen Tausend Beschäftigten. Ausgehfreudige werden nicht so recht zufriedengestellt. Es gibt zwar einige Restaurants wie den Italiener oder Griechen um die Ecke, aber das ist es dann schon. Auch kulturell gibt es wenig Auswahl. Immerhin: Der Bramfelder Kulturladen Brakula bietet Theater, Konzerte und Kabarett.


Steilshoop historisch

Im einst kleinsten Dorf des Bezirks Wandsbek steht heute die größte Siedlung weit und breit. Wie würde sie den „Stelshopern“ von einst wohl gefallen? Die Geschichte Steilshoops ist eng verzahnt mit der ihres Nachbarstadtteils Bramfeld. Verwaltungsmäßig gehörten beide Dörfer schon lange zusammen, allerdings hatte Steilshoop seinen eigenen Bauernvogt (den späteren Gemeindevorsteher) und einen Dorfkrug.

Die ersten Hofbesitzer vor Ort hießen Penningk, Mertens (beziehungswiese Martens) und Dreckmann, später kamen unter anderem die Familien Hinsch, Soltau und Ellerbrock hinzu. Laut Chronist Georg Wilhelm Röpke lagen zunächst alle Bauernhöfe auf derselben Seite der Dorfstraße, sodass es im Volksmund scherzhaft hieß: „De Stelshoper backt de Pannkoken all up een Siet.“

Seit 1914 besuchten Bramfelder und Steilshooper zusammen die neue Bramfelder Osterkirche – eine eigene Kirchengemeinde zwierhielt Steilshoop erst viel später, nämlich 1967. Die Martin-Luther-King-Kirche wurde 1974 erbaut. Zurück in die alte Zeit. Die örtlichen Bauern hatten den Großen Bramfelder See seit ewigen Zeiten gemeinsam als Viehtränke genutzt und das Weiderecht geteilt. Jahrzehntelang gehörte das jährliche Abfischen des Sees zu einem festen Ritual, und die fangfrischen Karpfen wurden im Anschluss vor Ort sofort verkauft.

Viele Gärtnereien – kurz hinter Hamburgs Grenze

1778 war die Steilshooper Feldmark vermessen, in Koppeln aufgegliedert und neu verteilt worden. Die Auflösung der bäuerlichen Strukturen begann im ausgehenden 19. Jahrhundert, als sich, genau wie in Bramfeld, in der Gegend viele Gärtnereien ansiedelten. Die ersten Gärtnereibetreiber, die den Bauern Land abkauften, waren Kramp (1875) und Cornehl (1884). Manche dieser Betriebe existierten noch bis in die frühen 1970er-Jahre – unter anderem lagen sie an der Richeystraße, Steilshooper Straßeund beim heutigen Georg-Raloff- Ring.

Die Straßenbahn, die durch die schier endlosen Gemüsefelder ratterte, wurde von Einwohnern und Besuchern – halb spöttisch, halb liebevoll – „Rhabarberexpress“ genannt. 1937/38 kam Steilshoop im Zuge des Groß-Hamburg- Gesetzes zur Hansestadt – genau 590 Jahre nach seiner ersten urkundlichen Erwähnung. Die Grenze zwischen Hamburg und Schleswig-Holstein verlief am südlichen Ende Steilshoops.

Die in die Jahre gekommene Gaststätte Altes Grenzhaus steht noch heute wie anno dazumal an der Ecke Richeystraße. Gegenüber an der Schmachthäger Straßeendete auch die Bebauung des alten Hamburgs. Auf der südlichen Seite stehen die letzten Vorkriegsbauten auf hamburgischem Gebiet – dann war Schluss mit der Stadt. Über Jahrzehnte waren Schrebergärten für Steilshoops Erscheinungsbild prägend gewesen. Viele stammten noch aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg und waren im Laufe der Jahre zu mehr oder weniger festen Wohnsitzen geworden.

Nach den Verheerungen des Zweiten Weltkriegs lebten hier unzählige „ausgebombte“ Hamburger in Behelfsheimen, sodass Steilshoop aus der Luft wie ein undurchdringliches Labyrinth aus Lauben und Gängen wirkte. Im Jahr 1956 waren in Steilshoop vierzehn Kleingartenvereine registriert. Der älteste hieß „Unter uns“ und wurde später in „Steilshooper Höh“ umbenannt.

Aus Schrebergärten wurden Hochhäuser

Viele Hamburger erinnern sich noch daran, wie für den Bau der Großsiedlung Neu-Steilshoop Ende der 1960er- Jahre fast alle Schrebergärten zwischen Bramfelder See und Steilshooper Straßeabgerissen wurden. 175 Hektar waren damals für neue Bebauung ausgewiesen, rund 2500 Häuschen mussten weichen. Im Juli 1969 wurde der Grundstein gelegt, zwei Jahre später das Richtfest für den ersten Bauabschnitt gefeiert. Für kurze Zeit hatte man einen eindrucksvollen Blick über eine riesige, völlig unbebaute Fläche, die dann aber schon bald mit Hochhäusern bestückt war.

Damals wurde die Steilshooper Allee über die Einmündung Steilshooper Straße hinaus bis zur Fuhlsbüttler Straße verlängert, wodurch die ursprüngliche Hauptachse des Stadtteils, die Steilshooper Straße, an Bedeutung verlor. An ihrem nördlichen Ende hatte sich einst der Kern des Dorfes Steilshoop befunden, und sie war über Jahrzehnte wie eine typische Dorf-Hauptstraße von Bauernhöfen und Gewerbebetrieben flankiert.

Bekannte Höfe gehörten den Familien Ellerbrock und Beisser. Fleischgroßhändler Beisser ließ sich um 1900 eine große, für die Gegend sehr ungewöhnliche Villa vorn an der Steilshooper Straße bauen, die heute noch erhalten ist. Der Hof dahinter lag auf der Fläche des heutigen Georg-Raloff-Rings.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 18.09.2018