Hoheluft-Ost - Manchmal verkannt, dabei richtig schön

Curschmannstraße
Klaus Bodig/HA

 

Hier gibt es alles - man muss es sich nur leisten können. Die Gegend zählt zu den begehrtesten und stadtbildlich attraktivsten der ganzen Stadt.

 

Fläche in Quadratkilometer: 1,3
Einwohner: 9584
Wohngebäude: 632
Wohnungen: 5998
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 2152
Ein- und Zweifamilienhäuser: 6066
Eigentumswohnungen: 5124
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Würde man eine Umfrage machen, welche Viertel den Hamburgern am geläufigsten sind, Hoheluft-Ost landete wohl eher auf den hinteren Plätzen. Dabei zählt die Gegend zwischen Hoheluftchaussee und Lehmweg, Ring 2 und Eppendorfer Baum zu den begehrtesten - und stadtbildlich attraktivsten - der ganzen Stadt.


Und doch geht Hoheluft-Ost, ebenso wie sein ähnlich kleiner Nachbar Hoheluft-West, im Bewusstsein der Bürger zwischen den großen Nachbarn Eimsbüttel und Eppendorf gern mal verloren. Letztere haben klingende Namen, stehen für eine bestimmte Stadtkultur (Eppendorf für gediegenes, Eimsbüttel für alternativ-gediegenes Stadtbürgerflair) und blicken auf eine lange Historie zurück. Hoheluft-Ost hingegen ist als eigenständiger Stadtteil gerade mal gut 50 Jahre alt. In weiten Teilen wähnt man sich "gefühlt in Eppendorf", dann wieder "gefühlt in Eimsbüttel".


Modernes in historischem Ambiente


Hoheluft-Ost ist insofern ein Nahtstellen-Viertel. Und hat bei näherem Hinsehen doch einige bemerkenswerte Eigenheiten zu bieten. Gleich zwei der markantesten Orte finden sich am Falkenried vis-à-vis. Auf dem Gelände am Straßenbahnring, dessen Anfang und Ende den Falkenried kreuzt, wurde über viele Jahrzehnte ein Großteil der Fahrzeuge des Hamburger Nahverkehrs gebaut und instand gehalten. Die Fahrzeugwerkstätten Falkenried GmbH (FFG) hatte hier ihren Sitz.


Von 1892 an wurden auf der zehn Hektar großen Anlage Pferdebahnwagen gewartet, 1894 entstand eine Straßenbahnfabrik, von 1968 an wurden hier U-Bahnen und Busse gebaut und repariert. 1999 wurde der Betrieb nach Hummelsbüttel verlegt. Vier Jahre später zogen die ersten Privatfirmen in das komplett neu gestaltete Areal.


Heute haben hier unter anderem RTL Nord, das Modeunternehmen Closed und der Küchentempel Cucinaria ihre Geschäftsräume, dazu Dutzende Agenturen, vor allem aus Werbung, Film und Neuen Medien. Das alte FFG-Gelände ist mit seinen Büros in historischem Ambiente ein Beispiel gelungener Modernisierung. Die Mieten sind hoch, vor allem in den schicken Loft-ähnlichen Privatwohnungen entlang des Falkenrieds. Ein beliebter Anlaufpunkt ist die Marsbar im ehemaligen Pförtnerhaus.


Wohnen mit WG-Charakter


Auf der anderen Straßenseite des Falkenrieds ist das Leben ein gänzlich anderes. Zwischen 1890 und 1902 entstand hier ein Wohnquartier für die FFG-Arbeiter, die Falkenried-Terrassen. Fünfeinhalb Innenhöfe ziehen sich von hier parallel hin bis zur Löwenstraße, zweigeschossige Häuserreihen mit kleinen Wohnungen und begrünten Gehwegen. Von den 30er-Jahren an verfielen die Terrassen, ehe sich in den 70ern eine Initiative zum Erhalt gründete, aus der 1991 eine Mietergenossenschaft hervorging. Bis 1999 wurden die Häuser wiederhergestellt, seither bilden sie eine Oase inmitten der betuchten Gegend - lebensweltlich wie sozial.


Die Genossenschaft achtet auf eine ausgewogene Sozialstruktur, die Mieten liegen deutlich unter dem Mietspiegelschnitt, ein Paragraf-5-Schein ist Voraussetzung für den Einzug in eine der 324 von der Genossenschaft vermieteten Wohnungen. Der Großteil ist klein, 28 bis 40 Quadratmeter, es gibt einige Familienwohnungen und "Projektwohnungen" für Sonder- und Härtefälle, die sonst auf dem Wohnungsmarkt ohne Chance wären. Ein Belegungsausschuss nimmt sich viel Zeit, geeignete Bewerber im Sinne der Genossenschafts-Satzung auszuwählen.


Die Höfe sind öffentlich begehbar, und doch kommt man sich vor wie in einer riesigen WG. Die Grünstreifen zwischen den Häusern sind mit Blumen, Sträuchern und Obstbäumen bepflanzt, Tische und Korbstühle stehen in der warmen Jahreszeit durchgehend draußen. Morgens, mittags und abends trifft sich aus der Nachbarschaft, wer gerade essen, trinken, klönen oder in der Sonne entspannen will. Neben dem ehemaligen Bunker, der eine Terrasse zur Löwenstraße hin begrenzt, gibt es einen Versammlungsraum für bis zu 80 Leute, in dem regelmäßig Kunst ausgestellt wird oder Kinofilme gezeigt werden.


Früher studentisch, heute solvent


Die benachbarten Lebenswelten haben mit den Falkenried-Terrassen wenig gemein. An den Freilufttischen im Loewen an der Ecke Löwenstraße und Eppendorfer Weg sonnt sich tagsüber bei Kaffee und Mittagstisch gut situiertes Akademiker-Publikum, wie auch in den zahlreichen Restaurants und Cafés entlang des Eppendorfer Wegs, der Gastro-Meile des Viertels.


Einige Straßen weiter nördlich, etwa der Abendrothsweg oder die kopfsteingepflasterte Husumer Straße, zählen mit ihren prächtigen Gründerzeithäusern zu den teuersten Hamburgs. Es gibt viele Familien hier, Kinderspielplätze und eine hohe Dichte an Range Rovern. Bis in die 80er-Jahre hinein war das Viertel eher studentisch geprägt, Klubs wie das Jazzlokal Onkel Pö waren über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Heute ist da, wo einst das Onkel Pö war, ein italienisches Restaurant. Viele der ehemaligen Pö-Besucher sind im Viertel geblieben, die Bevölkerungsstruktur ist heute deutlich älter und solventer.


Qual der Wahl


Zugleich hat sich Hoheluft-Ost, wie nur wenige andere Viertel in der Stadt, eine intakte und sehr vielfältige Boutiquen- und Kleinläden-Kultur erhalten. Entlang der Hegestraße, des Lehm- und des Eppendorfer Wegs finden sich Geschäfte für fast jeden Bedarf. Schmuck, Kindermode und Antiquitäten sind besonders verbreitet - vor allem mit Letzteren gibt es wieder einige neue Läden am Lehmweg. Das bekannte Hamburger Designerlabel FKK hat hier seinen Sitz. Und die Kunden kommen längst nicht nur aus dem Viertel. Wer in Boutiquen stöbern will, Besonderes sucht und nicht auf niedrige Preise achtet, kommt gern hierher.


Geschäfte mit Tradition


Dass die Ladenkultur hier vergleichsweise intakt ist, sieht man nicht zuletzt an den alteingesessenen Anbietern für den täglichen Bedarf. Die Fleischerei Harms ist die letzte ihrer Art im Umkreis, die Kaffeerösterei Burg bietet seit mehr als 80 Jahren selbst geröstete Sorten, und am Eppendorfer Weg haben sich zumindest ein Elektroladen erhalten. Wer will, muss eigentlich gar nicht weg aus Hoheluft-Ost. Es gibt ja alles. Man muss es sich nur leisten können.

 

Hoheluft-Ost historisch

Sie heißen Eppendorfer Weg und Stadtteilschule Eppendorf, befinden sich genau genommen aber eigentlich in Hoheluft. Am Lehmweg und dem Abendrothsweg bezeichnen sich die Anwohner ganz selbstverständlich als Eppendorfer, die Geschäftsinhaber werben unter diesem Stadtteilnamen, die Makler sowieso. Niemand würde sich als Hohelufter bezeichnen – schon gar nicht in Kombination mit dem Wort Ost. Das ist auch verständlich, denn bis 1939 gehörten Hoheluft-Ost und -West noch zu Eppendorf, erst danach wurden beide eigenständig. Auch sonst ist Hoheluft erstaunlich jung.


An der Bismarckstraße weideten Kühe


Die Gegend zwischen Schlump und dem alten Eppendorf war im ausgehenden 19. Jahrhundert noch kaum bebaut. Ortsbezeichnungen wie Lehmweg und „Beim breiten Felde“ (seit 1896: BreitenfelderStraße) deuten diese Einsamkeit noch an. Ein alter Heerweg führte von der Stadt in Richtung Lokstedt und Eppendorf – seit 1864 hieß er Hoheluftchaussee.


Östlich davon, im heutigen Zentrum von Hoheluft-Ost, lagen einsam die Landsitze der Bürgermeister Amandus Augustus Abendroth und Hermann Goßler, am östlichen Ende der Bismarckstraße weideten Kühe. Mit der Ruhe war es vorbei, als Hamburgs Bevölkerungszahl im Zuge von Reichsgründung und Industrialisierung stark anstieg.

Nach der Aufhebung der Torsperre hatte sich die Bevölkerung spätere Stadtteile wie Rotherbaum, Eimsbüttel und Hamm erobert, nun kam die Zeit für Hoheluft, und zwar im Eiltempo. Die Bebauung des Gebiets nordöstlich der Hoheluftchaussee mit Etagenhäusern, ungefähr zwischen Isebekkanal und der heutigen Breitenfelder Straße, wurde erst um 1885 in Angriff genommen und galt schon vor dem Ersten Weltkrieg als abgeschlossen.


1899 stellte die Zeitung „Hamburger Nachrichten“ fest: „Die Gegend um Hoheluft hat ihren Charakter gänzlich verändert.“ Hinzu kam, dass – ähnlich wie beispielsweise in Winterhude, Barmbek und Teilen von Uhlenhorst und Eppendorf – in einigen Ecken die Wohnbebauung mit Gewerbeansiedlung kombiniert wurde. Unter anderem entstanden eine Tabakfabrik an der Hoheluftchaussee, eine Brotfabrik am Isebekkanal und eine Keksfabrik am Mühlenteich. Hoheluft war damit von Anfang an uneinheitlich bebaut und weniger mondän als zum Beispiel die Gegend um den Klosterstern.


Monatsmiete: 18,50 Reichsmark


1889 hatte die Hamburgische Straßen-Eisenbahn-Actiengesellschaft (SEG) zwischen Lehmweg und Hoheluftchaussee ein großes Gelände gekauft und von 1891 an, dort ein Straßenbahndepot mitWagenbauanstalt und einer „Central-Reparaturwerkstatt“ errichten lassen. „Das sehr umfangreiche, ungewöhnlich billig erworbene Terrain gestattet es, alle Gebäude so zu legen, daß jeder Raum Licht und Luft in ausreichendstem Maasse erhielt“, heißt es in einem Aufsichtsratbericht von 1892. Da die SEG darauf angewiesen war, dass ihre Arbeiter quasi rund um die Uhr zur Verfügung standen, ließ sie einfache Wohnungen in der Nähe des Betriebs bauen.


In den 1890er-Jahren wurden zwischen Falkenried und Löwenstraße Terrassen und Passagen angelegt, bis schließlich das gesamte Gelände gegenüber des Straßenbahndepots mit insgesamt neun Häuserzeilen bebaut war. Die sehen bis heute so aus, wie im Baupolizei-Gesetz von 1882 gefordert: Sie haben inklusive Erdgeschoss nur drei Stockwerke und keinen Keller. 1902 zogen die ersten Bewohner ein. Wegen ihrer minimalen Miete gingen die Wohnungen schnell weg. Eine Akte nennt „18,50 Reichsmark pro Monat“ für Parterrewohnungen, Etagenwohnungen waren zwei Mark teurer. In den insgesamt 76 Häusern lebten zeitweise mehr als 1000 Menschen.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018