Hamm - Liebe auf den zweiten Blick

Stadtteilrundgang durch Hamm
Michael Rauhe

 

Ballettschule, Fabrik der Künste, Bunkermuseum: Das Viertel bietet überraschend viel.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,9
Einwohner: 38.136
Wohngebäude: 2315
Wohnungen: 23.299
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 367
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2984
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

In Hamm verliebt man sich erst auf den zweiten Blick. Die Einfallstraßen, die den Stadtteil durchschneiden - Sievekingsallee, Eiffestraße und Hammer Landstraße - punkten weder durch architektonische Raffinesse noch besonderes Flair. Doch abseits dieser Verkehrsachsen findet man überraschend viel Liebenswürdiges. Rund um das kleine Elisabethgehölz etwa liegt ein idyllisches Wohngebiet mit rot geklinkerten Häuserblöcken und vielen Bäumen.

An der Sievekingsallee gibt's den von Kaufmann Jacques de Chapeaurouge angelegten Hammer Park, im Süden an der Bille einen spannenden Mix aus Wohnen und Gewerbe sowie im Norden viele kleine Geschäfte. Außerdem leben hier eine Menge netter, teils sehr engagierter Bewohner, die das kulturelle und gesellschaftliche Leben in Hamm nach vorn bringen.

Der Stadtteil hat eine wechselvolle Geschichte. Erst Wald- und Sumpflandschaft, dann Viehweide, wurde Hamm im 17. Jahrhundert Sommerresidenz für vermögende Kaufleute. Im Belagerungswinter 1813/1814 brannten die Franzosen große Teile nieder, um freies Schussfeld auf die anrückenden Russen zu haben. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wuchs Hamm dann zum bevölkerungsreichsten Stadtteil Hamburgs an. Vor dem Zweiten Weltkrieg lebten in Hamm mehr als 90.000 Menschen, nach der Operation Gomorrha waren es nur noch 7500. 96 Prozent der Gebäude waren zerstört.

Teilung in oben und unten

An das Bürgertum von einst erinnern nur noch ein paar Stadtvillen und Mehrfamilienhäuser aus der Gründerzeit oder der Fritz-Schumacher-Ära - und die Schulen. Sie wurden dank der Hausmeister gerettet, die die Brandbomben vom Dach warfen. Eines der Gebäude, die Schule an der Caspar-Voght-Straße, beherbergt heute die berühmte Ballettschule von John Neumeier. In den 1950er-Jahren waren es hauptsächlich die Baugenossenschaften, die Hamm wiederaufbauten - ihre typische Block- und Zeilenbebauung prägen den Stadtteil bis heute.

Hamm, bis Anfang 2011 in Nord, Mitte und Süd unterteilt, galt lange als benachteiligt. Besonders Hamm-Mitte und Hamm-Süd waren noch Mitte der 1990er-Jahre geprägt von Armut und Arbeitslosigkeit. Es war nicht nur die geografische Lage auf dem Geesthang, die Hamm-Nord den Namen "Oben-Hamm" einbrachte, während die beiden anderen Stadtteile als "Unten-Hamm" bezeichnet wurden. "Oben" lebten vor allem Lehrer, Angestellte und Unternehmer, "unten" überwiegend Arbeiter und diejenigen, die keine Arbeit hatten.

Ein bisschen so ist es immer noch. Bis heute spielt sich der größte Teil des öffentlichen Lebens im Norden Hamms ab. Hier haben sich unterschiedliche Geschäfte angesiedelt.

Schöner wohnen an der Bille

Während es im mittleren Hamm Discounter, Drogeriemärkte und Apotheken gibt, besitzt das Osterbrookviertel, im Süden an der Bille gelegen, eine schlechtere Infrastruktur. Nach dem Krieg wurde hier nur ein kleines Wohngebiet wiederaufgebaut. Südöstlich wird es vom Aschbergbad mit der 111 Meter langen Wasserrutsche, dem Tierheim an der Süderstraße und vielen Kleingärten begrenzt. Nach Westen hin liegen der Straßenstrich und das Gewerbegebiet rund um Borstelmannsweg und Wendenstraße, wo auch Tchibo Kaffee röstet.

Trotzdem wohnt es sich dort schön. Ende der 1990er-Jahre baute die Baugenossenschaft freier Gewerkschaftler am zuvor gewerblich genutzten Bille-Ufer mehrere Hundert Wohnungen. Mit dem "Elbschloss an der Bille" hat das Quartier seit 2009 ein Nachbarschaftszentrum mit Kindertagesstätte (eine von 17 im Stadtteil) und einem Programm für Kinder, Eltern und Senioren. Der neue Osterbrookplatz ergänzt das Angebot der Einrichtung: Bänke unter Bäumen zum Verweilen, außerdem genügend Platz, um Feste zu feiern.

Kultur und Bürgerengagement

Die Fabrik der Künste am Kreuzbrook Nr. 10, eine sanierte Lagerhalle, ist seit 2007 die kulturelle Anlaufstelle im südlichen Hamm. Im Norden wird Kultur schon länger großgeschrieben. An der Carl-Petersen-Straße sind seit 1982 der von einer Stadtteilinitiative gegründete Kulturladen beheimatet, ein umfangreiches Stadtteilarchiv und eine Kleinkunstbühne. Es werden unter anderem Kurse und Stadtteilrundgänge angeboten sowie Führungen in das Bunkermuseum am Wichernsweg 16. Die Bürgerinitiative "Hamm' Se Zivilcourage" organisiert seit dem Jahr 2000 Vorträge zu aktuellen Themen organisiert. 2011 schob sie mit anderen eine Bewegung an, die sich unter dem Motto "Hamm' wir alles" dafür einsetzt, den unterschätzten Stadtteil noch attraktiver zu machen.


Hamm historisch

Wieder so ein Stadtteil mit einer zentralen Lage, guten Verkehrsanbindungen und relativ viel Grün, der heute im Alltag der Stadt kaum noch vorzukommen scheint. Der Grund ist weithin sichtbar: Auch Hamm wurde im Krieg total zerstört – und zwar zu 96 Prozent. Die hastig hochgezogenen Rotklinkerhäuser, die sich hier Straßenzug für Straßenzug aneinanderreihen, konnten die Wohnungsnot nach dem Krieg lindern, aber der Stadtteil hat viel von seiner früheren Attraktivität verloren. Lange vorbei sind die Zeiten, in denen die bürgerlichen Kreise vom relativ eleganten, auf dem Geestrücken gelegenen „Oben Hamm“ auf das vor allem von Arbeitern bewohnte „Unten Hamm“ hinabsahen.

Landsitz wohlhabender Hamburger

Der weitläufige Hammer Park ist der Rest eines großen Waldgebiets, das sich einst bis in die Alsterniederung hinzog. Schon seit dem 16. Jahrhundert ließen Hamburger Bürger hier – weit vor den Toren der Stadt – ihre Landsitze errichten. Diese Tradition lebte Mitte des 19. Jahrhunderts wieder auf, unter anderem hatten die Familien Rücker, Lorenz Meyer und Abendroth hier Landsitze.

Das über Jahrzehnte von den Mercks bewohnte Landhaus Rücker wurde 1909 abgerissen, wobei das Hamburg Museum glücklicherweise große Teile der Raumausstattung, Fotografien und Zeichnungen für die Nachwelt sicherte. Manch kolossale Villa wie die des „Guano-Königs“ Heinrich von Ohlendorff stand noch bis 1943. Der Hammer Park befindet sich auf dem ehemaligen Gutsbesitz der wohlhabenden Familie Sieveking. Karl Sieveking hatte die riesige Anlage 1829 gekauft, die aus dem Hammer Hof hervorgegangen war und seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert an Landwirte verpachtet wurde. Sieveking führte alle Ländereien wieder zusammen und legte ein landwirtschaftliches Mustergut an.

Sein Patenonkel Caspar Voght experimentierte zur selben Zeit mit seiner „ornamented farm“ in OthmarschenFlottbek und Nienstedten. 1915 ging das Gelände in Staatsbesitz über, 1920 wurde es als Park der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die aufwändige Umgestaltung mit Sportplatz, Rosengarten, Kinderspielplatz und Laufbahn hatte rund eine Million Reichsmark gekostet. Beliebt waren die Sonntagskonzerte und „Kaffeestunden“ im ehemaligen Landhaus, das von Gästen aus ganz Hamburg besucht wurde.

„Unten Hamm“ wird trockengelegt

Weitere Daten aus der wechselvollen Geschichte dieses Stadtteils: Die Zerstörung 1943 war nicht die erste, der Hamm anheimfiel. Während der Franzosenzeit war das Dorf 1813/14 völlig „niedergelegt“ worden, um den französischen Besatzern ein freies Schussfeld zu ermöglichen, nur die Kirche von 1638 blieb stehen.

1871 wurde Hamm einer der 15 neuen Vororte, bereits 1894 Stadtteil von Hamburg. Die südliche Hälfte Hamms, die zum Teil das gern zitierte „Unten Hamm“ bildete, erstreckt sich auf ganzer Breite entlang der Bille und war über Jahrhunderte ständigen Überschwemmungen ausgesetzt. 1888 verlängerte man aufwändig das Kanalund Straßensystem, wodurch die Gegend weiter erschlossen wurde, aber stellenweise immer noch eine feuchte Senke blieb.

Abhilfe schufen auch hier wieder Privatleute – und zwar Grundeigentümer und Investoren. Genau wie bei der Trockenlegung der Uhlenhorst und der Erschließung des Alstertals wurde 1904 ein Konsortium gebildet, das die großflächige Aufschüttung von „Unten Hamm“ initiierte. Der Weg war nun frei für die zügige Bebauung mit Wohnhäusern, wobei hier hauptsächlich Arbeiterquartiere entstanden.

Viele Straßen wurden als Dämme angelegt, hinter denen die Baugrundstücke niedriger lagen. Vor allem in Hamms Norden standen wunderschöne Jugendstil- Mehrfamilienhäuser. Die Bausubstanz und die Konzeption der Straßenzüge waren hier besser als beispielsweise in Teilen von Eimsbüttel oder Ottensen – Stadtteile, die heute als „schick“ gelten.

Die verheerenden Bombenangriffe, vor allem im Sommer 1943, bereiteten dem ein Ende. Die Neugliederung Hamburgs durch das Bezirksverfassungsgesetz machte aus Hamm die drei Stadtteile Hamm-Mitte, Hamm-Nord und Hamm-Süd. Zum 1. Januar 2011 wurden sie wieder zu einem einzigen Stadtteil zusammengeführt.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018