Billstedt - Besser als die Klischees

Eingang Einkaufszentrum
Axel Heimken

 

Drei Dörfer und eine Hasensiedlung: Hier ist vieles anders als man denkt.

 

Fläche in Quadratkilometer: 16,9
Einwohner: 70.234
Wohngebäude: 7940
Wohnungen: 31.588
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 319
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 2399
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 

Es gibt viele, die platzen gleich damit raus, wo sie wohnen: Von Ottensen schwärmen sie dann oder von Eppendorf. Ganz anders Billstedter. Die weichen aus. Oder differenzieren und sprechen lieber von Schiffbek, Öjendorf, Kirchsteinbek oder auch Mümmelmannsberg. Geht es aber doch um Billstedt, sagen sie zu Anfang immer dasselbe: "Hier gibt es auch viele schöne Ecken." Was stimmt. Tatsächlich schätzten wohlhabende Hamburger den Stadtteil mit seinen herrschaftlichen Häusern früher als Blankenese des Ostens. Was sich heute noch mit Sicherheit sagen lässt: Billstedt ist besser als sein Ruf!


Der ist nachhaltig geprägt durch Klischees vom sozialen Brennpunkt, hohen Ausländeranteil, von hoher Arbeitslosigkeit, hoher Kriminalität und hohen Häusern. Dabei gibt es vieles, was diesen Stadtteil im Osten Hamburgs auszeichnet, nicht nur reichlich Grün und vier Gewässer. Auch die Tatsache, dass rund 50 Prozent der Wohngebäude Einzelhäuser sind, in etwa so viele wie in Blankenese.


Die Anbindung an die Innenstadt durch den ÖPNV ist hervorragend, und zur A 1 oder A 24 sind es nur ein paar Autominuten. Es gibt Villen mit Türmchen und einen Rest alter Dorfstruktur in Kirchsteinbek oder auch Bauernhöfe und ein Reetdachhaus in Öjendorf. Es gibt viele engagierte Menschen, die sich nicht abfinden mit Vorurteilen und schlechtem Image.


Und es gibt ein reges Vereinsleben, etwa den SC Vorwärts-Wacker 04, dessen Fußballer es bis in die Oberliga Nord schafften oder die SpVgg Billstedt-Horn, für die Ex-Nationalspieler Piotr Trochowski als Knirps kickte, sowie den TV Gut Heil. Für den ging einst Hamburgs früherer Schwimmstar Sandra Völker ins Wasser.
Zwiti: Aus drei mach eins


Bevor es Billstedt gab, waren da nur die drei selbstständigen, zum Kreis Stormarn gehörenden preußischen Dörfer Kirchsteinbek, Öjendorf und Schiffbek. Sie wurden 1928 zu Billstedt zusammengeschlossen, das seit 1937/38 zur Hansestadt gehört.


Kirchsteinbek war Mittelpunkt eines großen Kirchspiels. Am Steinbeker Berg und am Markt bei der Kirche ist der Kern des Dorfes milieugeschützt.
Auch in Öjendorf, dem kleinsten der drei Dörfer, gibt es noch Spuren des alten Ortsbildes, etwa am Reinskamp, am Mattkamp oder an der Merkenstraße. Nach dem Zweiten Weltkrieg entstand am Schleemer Bach der Hauptfriedhof Öjendorf, der zweitgrößte Hamburgs.


In Schiffbek änderte sich mit einsetzender Industrialisierung alles. Die Jutespinnerei, gegründet 1881, lockte katholische Arbeiter aus Polen und Böhmen an. Die katholische Gemeinde St. Paulus samt Schule und Kita gehört heute zu den größten der Stadt. Während des Aufstands der Kommunistischen Partei am 23. Oktober 1923 entwickelte sich das ehemalige Dorf zu dessen Zentrum.


Heute bildet Schiffbek den Kern Billstedts mit Bezirkskundenzentrum, Fußgängerzone und dem Einkaufszentrum Billstedt, das an U-Bahn und Busbahnhof angeschlossen ist und Magnetwirkung über die Stadtteilgrenze hinaus hat. Ganz in der Nähe, an der Billstedter Hauptstraße, gibt es seit Ende 2011 das Sozialkaufhaus, in dem der Umsonstladen Kostnix, einer der ersten Hamburgs, eine Kleiderkammer und das Kinder-Secondhand-Geschäft Kuschel untergebracht sind.


Es geht auch anders


Die Zahl der Bedürftigen und Arbeitslosen ist groß in Billstedt. Aber auch die Zahl der Menschen, die sich engagieren und helfen. So haben beispielsweise die Gemeinde der evangelischen Jubilate-Kirche und die Freiwilligenbörse Hamburg das Job-Café im Mehrgenerationenhaus an der Merkenstraße gegründet, unterstützt auch von der örtlichen Wirtschaft.


Klotzen statt kleckern


Wenn es darum geht, sich zu engagieren, lassen sich viele in Billstedt nicht lange bitten. Da geht es dann nicht um ein Klein-Klein, sondern bevorzugt um den großen Wurf. Beste Beispiele sind die jährlichen Kunst- und Kulturtage in Mümmelmannsberg oder der Kulturpalast, seit 1993 im alten Wasserwerk am Öjendorfer Weg. Es gibt die Hip-Hop Academy, die nicht nur bei Angela Merkel, sondern auch international Beachtung gefunden hat, und die Klangstrolche, die inzwischen an Dutzenden Standorten in der ganzen Stadt Kinder für Musik begeistern.


Die Großsiedlung Mümmelmannsberg entstand zwischen 1970 und 1979 an der Grenze zu Havighorst gleich neben der B 5. Vorher hatten sich da allenfalls Fuchs und Hase Gute Nacht gesagt. Da lag es nahe, sich zwecks Namensgebung bei Hermann Löns (1866-1914) zu bedienen. Aus seiner Feder stammt eine Erzählung mit dem Titel Mümmelmann. Im Slang der knapp 18.500 Bewohner ist daraus schnell "M-Town", "Mümmel" oder "Bunny Hill" geworden.


Aushängeschild Öjendorfer Park


Unübersehbar ist das Bildungszentrum, unter andere Sitz der großen Ganztagsstadtteilschule an der Straße Mümmelmannsberg. Schulklassen aus ganz Hamburg kommen hierher, denn das Zentrum beherbergt neben dem Lehrerprüfungsamt auch das Naturwissenschaftliche Zentrum des Instituts für Lehrerfortbildung: Netzwerk des Wissens, das die gesamte Stadt umspannt.


Ein anderes Aushängeschild Billstedts ist der 140 Hektar große Öjendorfer Park. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die riesige Grube, die hier früher war, teilweise mit Schutt und Trümmern aus den zerstörten Stadtteilen Hamm und Horn aufgefüllt. Der riesige See in der Mitte ist etwa zweimal so groß wie die Binnenalster und hat zwei Badestellen sowie im nördlichen Gebiet eine bewaldete Insel samt Vogelschutzzone.


Hier, in diesem weitläufigen grünen Paradies, zeigt sich Billstedt von seiner besten Seite. An schönen Tagen geht es hier schon mal zu wie auf einem Fest der Kulturen: mit Köstlichkeiten aus aller Herren Länder, Musik und jeder Menge Spaß. Ganz ohne Eventmanager, einfach so. Notwendig ist allenfalls ein bisschen Sonne. Den Rest besorgen die Billstedter ganz allein.

 

Billstedt historisch

Kennen Sie Steinfurth? Oder Asbrook? Nein? Können Sie auch gar nicht. Denn diese Namen waren ursprünglich mal in der Diskussion, wurden dann aber wieder verworfen. Man taufte das Kind schließlich Billstedt. Das war in den Jahren 1927 /28, als die preußischen Gemeinden Kirchsteinbek, Schiffbek und Öjendorf zusammengeschlossen wurden.


Ein Hamburger Stadtteil war der neue Ort damals aber noch nicht – das dauerte bis 1937, als Billstedt im Zuge des Groß-Hamburg-Gesetzes zur Hansestadt kam. Die Strukturen der drei einstigen Stormaner Dörfer sind im Stadtteilbild heute immer noch lebendig, und ältere Billstedter bezeichnen sich gern mal augenzwinkernd als Öjendorfer oder Schiffbeker. Sehen wir uns die Geschichte der drei Zwangsverheirateten einmal an.


Hamburgs erstes Blatt von Weltrang


Das einstige Dorf ist Geburtsplatz einer wichtigen Zeitung: Es war jahrelang (1712 – 714 und 1721 – 1730) Erscheinungsort des „Hollsteinischen unpartheyischen Correspondenten“, der im Dezember 1712 von Hermann Heinrich Holle aus der Taufe gehoben wurde. 1730 übergab Holle die Geschäfte an seinen Schwiegersohn, der in der Stadt fortan die „Staats und Gelehrte Zeitung des Hamburgischen unpartheyischen Correspondenten“ herausgab, deren Name – das erstaunt kaum – auf „Hamburgischer Correspondent“ verkürzt wurde.


Die Zeitung, die ein weltweit operierendes Netz aus Korrespondenten nutzte und viermal pro Woche erschien, war außerordentlich beliebt und über viele Jahrzehnte entsprechend erfolgreich. Anfang des 19. Jahrhunderts hatte sie eine Auflage von rund 30.000 Exemplaren und war damit Hamburgs erstes Blatt von Weltrang. Bis 1934 gab es den „Correspondenten“ – länger als jede andere Hamburger Zeitung.


Schiffbek spielt bei der Industrialisierung Hamburgs eine enorm wichtige Rolle. Schon 1868 hatte es hier eine „Fabrik“ gegeben, in der „Krogmanns Zigarren“ hergestellt wurden. Es folgten unter anderem die Norddeutsche Jute-Spinn- und Weberei (genannt Jute) und die Schiffbeker Farbholzmühle. Die Jute blieb über Jahrzehnte wichtigster Arbeitgeber am Ort, schon 1890 hatte sie eine Belegschaft von 1150 Menschen.


Schiffbek war das Wohnquartier der Arbeiterschaft, die im benachbarten Billbrook malochte. 1903 vermerkte der Lokalanzeiger: „In diesem Sommer ist die Bautätigkeit in unserem Orte eine so rege gewesen, dass an Wohnungen (…) kein Mangel war“, und 1908 schrieb ein Topograf: „Gestalt und Aussehen des Ortes haben sich gewaltig geändert, Schiffbek ist eng gebaut.“


Ungebremste Proletarisierung


Die Unternehmen fanden hier ideale Bedingungen für die Ansiedelung – die Nähe zu Hafen und Bille, aber auch die große Entfernung zu den feinen Stadtteilen machten hier eine schier ungebremste Proletarisierung möglich. Hatte das Dörfchen 1864 noch 597 Einwohner, lebten in der Arbeiterhochburg 1905 schon 8187 Menschen. Kirchsteinbek wurde ebenfalls 1212 erstmals erwähnt (als Stenbeke). Dieser Name soll auf die vielen Steine in der Glinder Au zurückgehen, aber wer weiß das schon so genau.


Amtlich wurde dieser Name übrigens erst 1867. Rund um die Kirchsteinbeker Kirche sind die Reste der alten Dorfstruktur noch zu erkennen. An Mühlenteich und Mühle wirkt die Gegend ebenfalls noch ländlich, zugleich ist dieses Ensemble auch eine Reminiszenz an die ganz alte Arbeitswelt in der Nachbarschaft.


Ein anderer Name – und wieder eine völlig andere Erklärung für seine Herkunft. Öjendorf, 1224 erstmals erwähnt, geht auf Familie Odingethorpe zurück. Auch hier sind noch einzelne Häuschen aus der „guten alten Zeit“ zu finden. Noch relativ jung ist der Öjendorfer Friedhof – Hamburgs zweitgrößte Begräbnisanlage wurde 1966 eingeweiht. Zuvor hatte man eine Sandgrube am Schleemer Bach mit Trümmerschutt aus dem kriegszerstörten Hamburg aufgefüllt. Die Planungen für den Friedhof gehen bis in die 1930er-Jahre zurück, aber das Projekt wurde immer wieder verschoben, weil unklar war, ob eine neue große Begräbnisstätte überhaupt ausgenutzt werden würde.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 20.09.2018