Wilstorf - Hier kann man die "Alster des Südens" entdecken

Blick auf den Außenmühlenteich
Klaus Bodig

 

Die Zeiten für Nachtschwärmer sind hier vorbei. Aber der Außenmühlenteich hat bei Sonnenuntergängen seinen ganz besonderen Charme.

 

Fläche in Quadratkilometer: 3,5
Einwohner: 17.104
Wohngebäude: 2036
Wohnungen: 8491
Immobilienpreise Grundstücke in Euro/Quadratmeter: 283
Immobilienpreise Eigentumswohnungen in Euro/Quadratmeter: 1768
(Quelle: Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein, Stand 2016)

 


"Du kommst aus Wilstorf? Wo liegt das noch gleich?" Mit diesem Spruch muss sich fast jeder Wilstorfer regelmäßig auseinandersetzen, zumindest wenn er die Elbe gen Norden überquert. Für viele Hamburger gibt es eben nur den Bezirk Harburg -- und der kleine beschauliche Stadtteil mit seiner langen Geschichte, der großen Architekturvielfalt und der "Alster des Südens" ist nicht sonderlich bekannt. Ein Grund dafür könnte sein, dass der Stadtteil erst mit dem Groß-Hamburg-Gesetz 1937/38 zu einem Teil der Hansestadt wurde. Und dass der Lokalpatriotismus besonders unter den alteingesessenen Bewohnern nicht zu unterschätzen ist. Was soll man schon in Hamburg? -- fragt sich zumindest der Ur-Wilstorfer.

Die Grenzen des Stadtteils zu ziehen ist selbst für Ortskundige gar nicht mal so einfach. Gern streitet man sich mit den Marmstorfern über den großen Stadtpark, der faktisch auf Wilstorfer Seite liegt. Diese "natürliche" Grenze wird von den Nachbarn oft nur mit einem Grummeln akzeptiert. Im Norden trennt die Stadtautobahn mit ihrer großen, während des Baus höchst umstrittenen Hochbrücke der A 253 den Stadtteil von Harburg ab.

Eine mindestens genauso harte Grenze ziehen die Bahngleise im Nordosten zu Gut Moor und Rönneburg. Davon, dass Wilstorf im 17. Jahrhundert ein Bauerndorf war, ist heute nur noch wenig zu erkennen. Mit dem Aufstauen des "Engelbachs" im 16. Jahrhundert wurde es von Harburgs zweitem Herzog, Otto II., geprägt. Die Butenmühle, die auf dem Gebiet des heutigen Langenbek liegt, sollte mit dem Gewässer betrieben werden. Das Resultat der Bauarbeiten: der Außenmühlenteich, der gern als "Alster des Südens" bezeichnet wird.

Spielen, joggen, Tretboot fahren

Der Teich liegt in dem 90 Hektar großen Harburger Stadtpark, der insgesamt 16 Kilometer an Wegen zum Joggen, Spazierengehen und Fahrradfahren bietet. Auf den ersten Blick scheint alles etwas verwuchert und verwunschen. Bei Sonnenuntergängen hat der See jedoch seinen ganz besonderen Charme mit seinen blühenden Seerosen und den wilden Schwänen. Angelegt wurde der Park im Jahr 1913 unter der Leitung des Architekten Georg Hölscher. Aufgrund von Kriegsschäden wurde er jedoch erst im Jahr 1926 fertiggestellt.

Die bereits bestehende Badeanstalt wurde in den Park mit einbezogen, und auch der Schulgarten gehört nach dem Zukauf von weiterem Terrain seit 1931 zum Park. Für Hölscher war damit "eine volkserzieherische Aufgabe zu erfüllen. Und schließlich -- im Gesamten gesehen -- sollte es eine beliebte und gern besuchte Erholungsstätte für die Bevölkerung werden, die auch sozialen Forderungen gerecht wird."

Heute ziehen jedoch weniger die Gärten als vielmehr die Spielplätze und der Tretbootverleih die Sonntagsspaziergänger und Familien in den Park. Für Jogger ist es an einem sonnigen Nachmittag nahezu unmöglich, ohne Slalomlauf den etwa drei Kilometer langen Rundweg um den Teich zu bewältigen.

Geheimtipp für Fisch-Gourmets

Einmal im Jahr findet das Außenmühlenfest statt. Und wenn's so richtig eisig ist, dann ist sogar das Schlittschuhlaufen auf dem Teich erlaubt - mit Budenzauber und heißem Glühwein, wie es sich auf einer zugefrorenen "Alster" gehört. Aus gastronomischer Sicht gab es lange Zeit nur das kleine, am nordöstlichen Ufer gelegene Bootshaus -- für die Tüte Pommes oder das Eis zwischendurch. Seit 2010 lockt jedoch eine gastronomische Perle, das Fischrestaurant Leuchtturm, Gourmets aus allen Ecken Hamburgs in den Süden der Stadt.

Hausdächer in Wellenform

Anders als viele Stadtteile bietet Wilstorf eine große architektonische Vielfalt. Nördlich, in direkter Nachbarschaft zur heutigen Phoenix AG, erinnern nur noch die ziegelroten Werksgebäude an der Nöldekestraße an die alte Jute-Spinnerei von 1883. Für deren Arbeitskräfte wurden, wie auch für die Mitarbeiter der Gummifabrik Phoenix, mehrgeschossige Arbeiterwohnungen gebaut, die zum Beispiel an der Winsener Straße und der Anzengruberstraße das Stadtbild prägen.

Gleich nebenan steht die neobarocke St.-Franz-Joseph-Kirche katholischer Konfession, die 1913 für die neu hinzugezogenen Arbeiter der Harburger Industrie gebaut wurde. Viele von ihnen stammten aus dem Rheinland, aus Polen und aus Österreich-Ungarn. Somit erinnert auch das Aussehen der gelben Kirche an der Winsener Straße an Gotteshäuser in Böhmen und Österreich.

Noch heute lebt ein Großteil der Wilstorfer in mehrgeschossigen Mietshäusern. Die ersten dieser Art wurden Ende des 19. Jahrhunderts gebaut, weil es wegen der Ansiedlung von Industriebetrieben südlich der Elbe an Wohnungen mangelte. Arbeiter und Angestellte schlossen sich zu Genossenschaften zusammen. Der 1921 gegründete Eisenbahnbauverein vergibt noch immer die meisten Wohnungen im Stadtteil.

Die letzte große Siedlung auf Wilstorfer Stadtgebiet wurde zwischen 1960 und 1965 Hanhoopsfeld gebaut. Im Kontrast dazu stehen die Einfamilienhäuser auf der anderen Seite der Winsener Straße, die den Stadtteil einmal durchschneidet. An der Jägerstraße präsentiert sich eine weitere architektonische Besonderheit: Die Häuser haben wellenförmige Dächer – vor dem Bau der Elbphilharmonie einzigartig in Hamburg.

Eine Kirche im alten Bauernhaus

Geprägt ist der Stadtteil durch seine vielen Sportvereine, Kirchengemeinden, Schulen und Kindertagesstätten, die ihn eigentlich zu einem perfekten Wohnort für Familien machen. Diese zieht es jedoch mittlerweile eher in die Neubaugebiete nach Langenbek. Wilstorfer Kinder besuchen die Schule Hanhoopsfeld, das Alexander-von-Humboldt-Gymnasium oder die Schule Kapellenweg. Mit ihrer über 360 Jahre langen Geschichte hat sie maßgeblich zur Prägung des Stadtteils beigetragen und ist auch optisch eine Besonderheit: Im Vergleich zu anderen Hamburger Schulgebäuden wirkt das Hauptgebäude mit seinem Turm, an dem eine goldene Uhr prangt, recht pompös.

An den Schulhof grenzt die Kirche der Paul-Gerhardt-Gemeinde, die aus rotem Backstein errichtet und 1938 geweiht wurde. Die zweite evangelische Gemeinde in Wilstorf -- die Bugenhagen-Gemeinde -- wird, ähnlich wie der Stadtpark, oft einem falschen Stadtteil zugeordnet ist. Sie liegt lediglich an der Grenze zu Rönneburg. Der architektonische Kontrast zur Paul-Gerhardt-Kirche ist gewaltig: Die Bugenhagen-Gemeinde ist in einem alten Bauernhaus untergebracht. Ein Relikt aus jener Zeit, in der Wilstorf noch dörflich geprägt war. Lang, lang ist's her -- doch es gibt sie, die Überbleibsel aus dieser Zeit. Man muss nur genau hinsehen.

 

Wilstorf historisch

Das muss ja ein Auftritt gewesen sein: Gastwirt August Blankenburg begrüßte seine Gäste gelegentlich in einer Ritterrüstung zu Pferde, um ihnen den Besuch in seiner Burg, dem ehemaligen Haus Wilstorfer Park schmackhaft zu machen. Die Blankenburg am Engelbach (Engelbeek) war damals, anno 1900, ein beliebtes Lokal in Wilstorf. Allein zwölf „normale“ Gaststätten gab es im Ort schon – sieben davon an der Winsener Straße.

Mit Ledereimern und Haken gegen Feuer

Prägend für den Ort war und ist der Außenmühlenteich, dessen Grundzüge auf Herzog Otto II. zurückgehen, der 1565 Mühle und Teich anlegen ließ. Der Engelbach plätscherte offen durch die Wilstorfer Wiesen in den Seevekanal und bildete eine natürliche Grenze zwischen der Stadt Harburg und dem Dorf Wilstorf. Die Höfe an der Rönneburger Straße wurden ursprünglich nur „die Holzhäuser“ genannt, weil die Gegend so waldreich war, und an der Höpenstraße lag ein Teich, den die Bauern als Viehtränke nutzten.

Schon um 1667 war Wilstorf ein ausgedehntes, wohlhabendes Dorf mit zwölf größeren Bauernhöfen und etlichen kleineren. Für 1879 sind bereits 1795 Einwohner und 129 Hofstellen vermerkt – als viele Dörfer nordwestlich und -östlich von Hamburg noch im Tiefschlaf dösten.
Trotzdem hatte sich Wilstorf auch viele ländliche Züge bewahrt. Wie Chronistin Irene Schmidt schreibt, stand noch um 1900 an der Ecke Höpenstraße/Osterstraße ein Gemeinschaftsbackofen, und abends begannen die Nachtwächter ihre Runden.

Zum Löschen gab es einen Gemeindefeuerteich und sieben Privatteiche, jeder Hausbesitzer verwahrte einen ledernen Eimer und einen Feuerhaken. Die Eimer konnten bei einem Brand schnell weitergereicht werden, und mit den Haken wurde – wenn noch möglich – brennendes Stroh von den Dächern gerissen. 1888 erfolgte die Eingemeindung nach Harburg. Im Zuge der Industrialisierung stieg die Zahl der Einwohner stark an, allein zwischen 1871 und 1885 von 467 auf 2379. Die Straßen mussten ausgebaut werden, weil der Verkehr aus Celle und Lüneburg in Richtung Harburg enorm zunahm.

1883 eröffnete mit der Jute-Spinnerei und Weberei Hamburg- Harburg AG ein großer Industriebetrieb in Wilstorf. Außerdem gab es dort unter anderem die Leder-Lackierfabrik Sternheim und die Maschinen- und Dampfkesselfabrik Christiansen & Meyer, die 1900 aus der bereits seit 1880 bestehenden Kesselschmiede erwuchs – sehr zum Verdruss der Nachbarn am Außenmühlenteich.

Badende Mannspersonen beunruhigten die Mägde

Früher hatten die Menschen im Engelbach und im Seevekanal gebadet, was für eine Menge Ärger sorgte. Laut Chronistin Schmidt beschwerten sich die Bauern, dass die zum Melken ausgeschickten Mägde „auf dem Seevedeich durch umherlaufende Mannspersonen auf das Unanständigste beunruhigt würden“, viele kehrten auch unverrichteter Dinge gleich wieder um. Schließlich wurde das Baden im Kanal weiterhin erlaubt, allerdings durften die Badenden den Deich nicht mehr betreten. Außerdem erhielt ein Bauer aus der Gemeindekasse extra etwas Geld, damit Badegäste seine Wiese zum Aus- und Anziehen nutzen konnten.

Schon 1890 pachtete die Stadt dann ein Grundstück am Außenmühlenteich, um dort eine richtige Badeanstalt anlegen zu lassen. Die wurde nach einem Beschluss von 1929 abgebrochen und erneuert, heute liegt hier das Midsommerland. Am Teich entstand von 1907 an auch der Stadtpark, ein Projekt, an dem bis in die 1930er-Jahre weitergearbeitet wurde.

Geradezu vorbildlich waren viele der Wilstorfer Wohnungsbauprojekte der 1920er- und 30er-Jahre. Früh hatten sich Arbeiter und Angestellte für das genossenschaftliche Bauen zusammengeschlossen, und einige der von den Firmen gebauten Arbeiterwohnungen waren für damalige Verhältnisse auch nicht schlecht. Wilstorf wurde zum bevölkerungsreichsten Vorort Harburgs, und den Traum vom Häuschen im Grünen machte man, mit etwas Glück, in einem der vielen Kleingärten wahr.

1937/38 kam Wilstorf als Teil Harburg-Wilhelmsburgs zu Hamburg. Im März 1902 wurde laut einer Chronik die Straßenbahnlinie Wilstorfer Straße/Mühlenstraße in Betrieb genommen, in den 1930er-Jahren dann bis zur Rönneburger Grenze verlängert.

von Redaktion hamburgerimmobilien.de am 19.09.2018